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06.08.18

Hitzewelle in Deutschland:
Ursachen und Folgen

Seit Ende Juli hatte die Sonne Deutschland fest im Griff. Wie kam es zu dieser Hitzewelle? Und müssen wir uns auf solche extremen Sommer auch in den kommenden Jahren vorbereiten? Wir haben mit Klima-Expertin Prof. Dr. Susanne Jochner-Oette, Inhaberin der Professur für Physische Geographie / Landschaftsökologie und nachhaltige Ökosystementwicklung an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, gesprochen.


Die Sonne brennt in diesen Tagen – und das nicht nur an den Kunststofflinsen bei der Zentralbibliothek in Eichstätt.

Die Sonne brennt in diesen Tagen – und das nicht nur an den Kunststofflinsen bei der Zentralbibliothek am Eichstätter Campus. (Foto: upd/Klenk)

Temperaturen deutlich über 30 Grad, kaum Regen – und zwar über Wochen hinweg. Was ist das Besondere an der Wetterlage in diesem Jahr? Wie kommt es zu der Hitzewelle?

Bereits seit April dominieren über Europa sogenannte Blockinglagen, welche die Westwindströmung ablenken. In Deutschland machte sich überwiegend Hochdruck breit, welcher durch Tiefdruckgebiete über dem Atlantik und Osteuropa eingekesselt und daher beständig blieb. Je nach Lage der Druckgebiete und Strömungssituation gelangte in den vergangenen Wochen warme und trocken-kontinentale Luft aus Osten oder feucht-heiße subtropische Luft zu uns nach Deutschland.

Wie ist dieser Sommer im Vergleich zu sehen?

Die Monate Juni und Juli waren deutlich zu warm: An der KU-Wetterstation registrierten wir im Juni eine Durchschnittstemperatur von 19,04 °C und eine Niederschlagssumme von 115,7 mm. Vergleicht man diese Werte mit der Klimareferenzperiode (1961-1990) der nahegelegenen Station des Deutschen Wetterdiensts (DWD) in Landershofen, ergibt sich eine positive Temperaturabweichung von 3,3 °C, jedoch eine um 18,7 mm höhere Regenmenge. Deutschlandweit war der Juli laut DWD der viertwärmste seit Beginn der Messungen im Jahr 1881. Im Zeitraum April bis Juli 2018 wurde eine um 3,6 °C höhere Mitteltemperatur gegenüber der Referenzperiode 1961-1990 festgestellt, was die bisher höchste Anomalie für diesen Zeitraum in Deutschland darstellt.

In Eichstätt betrug die Durchschnittstemperatur im Juli 20,97 °C; das sind 3,57 °C mehr als im Referenzzeitraum in Landershofen. Der Niederschlag war mit 82,2 mm nur um 4,4 mm höher als im Durchschnitt – fast die Hälfte davon fiel jedoch während eines einzigen Gewitterereignisses am 6. Juli. Beachtlich ist heuer auch die Zahl der Sommertage (max. Temperatur ≥ 25 °C) und heißen Tage (max. Temperatur ≥ 30 °C). Im Juni und Juli registrierten wir in der Summe 47 Sommertage und 19 heiße Tage. Das Thermometer unserer Wetterstation kletterte am 31. Juli auf den bisherigen Höchstwert von 37,84 °C. Die Jahreshöchsttemperatur von 2017, gemessen am 1. August 2017, betrug dagegen „nur“ 36,69 °C. Außerdem war die Nacht von 1. auf 2. August die erste Tropennacht des Jahres. Das heißt, die Temperatur fiel nicht unter 20 °C. Der Tiefstwert wurde mit 20,73 °C gemessen. Zum Vergleich: Letztes Jahr wurde keine einzige Tropennacht in Eichstätt verzeichnet.

Ist das, was wir diesen Sommer erleben, der Klimawandel? Und ist der extreme Hochsommer damit auch in Deutschland künftig Standard?

Einzelne Wetterereignisse lassen sich in der Regel nicht direkt dem Klimawandel zuordnen. Jedoch kann man bestimmen, wie der menschliche Einfluss die Wahrscheinlichkeit verändert hat, dass ein sehr heißer Sommer eintritt. Eine aktuelle Untersuchung zeigt: Der Klimawandel hat die Hitzewelle der vergangenen Wochen fünfmal wahrscheinlicher gemacht. Auch ältere Studien aus dem Jahr 2004 zeigten bereits, dass jeder zweite Sommer gegen Ende dieses Jahrhunderts genauso warm und trocken bzw. noch wärmer und trockener sein könnte als der Rekordsommer 2003.

Welche Konsequenzen hat diese Entwicklung für die Landwirtschaft?

Die Ernten von Weizen, Roggen und Gerste fallen bei Trockenheit und Hitze weniger ertragreich aus. Wärmeliebende Arten wie Mais, Sonnenblumen oder Sojabohnen werden in der Landwirtschaft künftig häufiger vertreten sein. Während der Landwirt schnell mit dem Anbau von geeigneteren Sorten auf den Klimawandel reagieren kann, muss der Forstwirt vorausschauender pflanzen und heute schon Bäume wählen, die auch Ende des 21. Jahrhunderts in einem wärmeren Klima gut gedeihen. Aufgrund ihrer Wärme- und Trockenresistenz galt die Gemeine Esche vormals als vielversprechende Baumart für den Waldumbau. Durch das Eschentriebsterben ist die Esche jedoch akut in ihrer Existenz gefährdet. Im Rahmen von aktuellen Forschungsprojekten wollen wir daher Fragen zur Generhaltung dieser wertvollen Baumart und zur Förderung von natürlichen Resistenzbildungen durch forstliche Maßnahmen klären.

Weitere Schwerpunkte Ihrer Forschung sind die Phänologie, also die Beobachtung der Pflanzentwicklung, und der Pollenflug. Inwiefern hängen diese Arbeiten mit dem Thema Klimawandel zusammen?

Die Phänologie gilt als ausgezeichneter Bioindikator für den Klimawandel, da sich Veränderungen der Temperatur stark in der Vegetationsentwicklung bemerkbar machen. Neben einem deutlich früheren Start der Vegetationsperiode im Frühjahr zeigen unsere phänologischen Untersuchungen, dass die Fruchtreife des schwarzen Holunders, die eigentlich den Beginn des Frühherbstes symbolisiert, im Eichstätter Kapuzinergarten fast erreicht ist. Die Blattverfärbung und der Blattfall, die aufgrund der Trockenheit schon partiell eingesetzt haben, werden zudem zu einem früheren Ende der Vegetationsperiode führen.

Der Hitzesommer 2018 wird wohl auch den Pollenflug beeinflussen. Das Jahr 2003 hat z.B. gezeigt, dass eine ausgeprägte Trockenheit zu einer geringeren Belastung durch Gräserpollen führen kann. Wie sich der Sommer 2018 auf den Pollengehalt der Eichstätter Luft auswirkt, werden wir demnächst, nach Abschluss der Pollensaison und der mikroskopischen Pollenbestimmung, sehen.