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Adoleszenz und jugendliches Sehen in der bildenden Kunst vom Naturalismus bis Jugendstil

Michael F. Zimmermann

Das halbe Jahrhundert vor der Entstehung des "Jugendstils" erfährt auch in der bildenden Kunst die eigentliche Entdeckung der Jugend. Vom Naturalismus bis zum Symbolismus wurden Jugendliche am Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter vermehrt zum Thema von Malerei und Skulptur, Illustration und Plakat. Eine visuelle Poetologie der Adoeleszenz während dieser Zeit soll in den Kontexten 1. der medizinischen und psychologischen Forschung, 2. der literarischen Entwicklung und schließlich 3. der sozial- und diskursgeschichtlichen Verhältnisse rekonstruiert werden. Vor dem Hintergrund der physiologischen Psychologie und der medizinischen Anthropologie wird ihre seelische Konstitution sichtbar gemacht. Fragil gewordene Jugendliche, oft mit überlängten Körpern und unsicheren Identitäten, machen die Adoleszenz als Übergangsphase erlebbar, die immer mehr als riskante Identitätskrise gewertet wird. Die institutionelle Freisetzung der Jugend vom produktiven Leben durch Ausbildungsinstitute, die steigende Alphabetisierung und die Entstehung von Medien für die neue Zielgruppe sind der Hintergrund für die vermehrten Darstellungen der Adoleszenz. Zugleich wird die Kunst - wie die symbolistische Literatur - selbst jugendlich: in Produktion und Rezeption treten Evokationen und aufkeimende Bedeutung an die Stelle des Erfassens ausgereifter Gestalten; Selbstfindung vollzieht sich auch im Sehen als Prozess.


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