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Vladimir Kantor, Willkür oder Freiheit? Beiträge zur russischen Geschichtsphilosophie, Stuttgart 2006

Besprochen von Nikolaus Lobkowicz

"Vladimir Kantor, Willkür oder Freiheit? Beiträge zur russischen Geschichtsphilosophie, hrsg. v. Dagmar Herrmann, ibidem-Verlag, Stuttgart 2006, 334 S. (Soviet and Post-Soviet Politics and Society, hrsg. v. A. Umland, Nr. 31), € 29,90.

Vladimir Kantor, Professor für Philosophie an der Moskauer Hochschule für Ökonomie und Mitherausgeber der Zeitschrift Voprosy filosofii sowie einer anspruchsvollen Moskauer Buchreihe, gehört heute zu den im Westen bekanntesten russischen Philosophen. Er verdankt dies u.a. seiner Vertrautheit mit dem Denken des Westens; nicht zufällig hat er des öfteren vielbeachtete Vorträge in Deutschland, aber ebenso in den Vereinigten Staaten gehalten. Auch im Zentralinstitut für Mittel- und Osteuropastudien (ZIMOS) ist er oft ein gerne gesehener Gast. Der tiefere Grund seiner Bekanntheit dürfte freilich sein zugleich verständnisvoller und schonungsloser Blick auf russische Traditionen sein. Kaum ein anderer russischer Autor der Gegenwart spricht so deutlich Wahrheiten aus, die für den russischen Leser nicht selten schmerzlich sind, zugleich aber, weil sie so offen ausgesprochen werden, auch befreiend wirken dürften.

Der zu besprechende Band enthält elf verschieden lange Aufsätze, die ursprünglich alle in russischen und westlichen Zeitschriften erschienen; leider hat es der Verlag unterlassen, die Quellen anzugeben und dadurch dem Leser zu ermöglichen, die zeitliche Reihenfolge zu erkennen. Ob man im Westen alle Aufsätze bzw. die in ihnen untersuchten Gegenstände als im engeren Sinne "geschichtsphilosophisch" bezeichnen würde, mag dahingestellt bleiben. Einige befassen sich mit Schriftstellern (Kantor hat ursprünglich an der Moskauer Staatlichen Universität Literatur und Linguistik studiert), etwa Tolstoj, dem der Verfasser eine verheerende Wirkung auf die russische Denkkultur bescheinigt, oder Turgenev, dem ersten russischen Schriftsteller, der in ganz Europa als bedeutend wahrgenommen wurde; andere erörtern Themen, die man geneigt wäre, als soziologisch zu bezeichnen, auch wenn unübersehbar ist, das sie aus der Feder eines philosophischen Zeitkritikers stammen, etwa eine nachdenklich-kritische Analyse der Geschichte der russisch-orthodoxen Kirche, die Kantor am Ende davor warnt, auch heute noch zu übersehen, daß die Masse ihrer Gläubigen vornehmlich aufgrund nationalistischer Motive Christen sind und deshalb eines Tages wieder einer   Ideo­­logie zum Opfer fallen könnten. ("Eine Stammesreligion ist gut während der Landesverteidigung, aber machtlos in der Situation einer inneren Krise oder beim Aufbau des Staates. Sie kann allzu leicht in das Abergläubische abgleiten. Auf die Herausforderung der Globalisierung hat die russische orthodoxe Kirche keine Antwort", S. 123).

Was Kantor besonders am Herzen liegt, wird am deutlichsten im ersten und im letzten Beitrag. Unter dem Titel "Der nationale Mythos der Unbegreifbarkeit" analysiert der Verfasser die unter Russen weitverbreitete Vorstellung, Rußland folge einer schicksalhaften Bestimmung, die keiner rationalen Analyse, wie sie für das westliche Denken charakteristisch ist, zugänglich sei. Diesem "Pathos des Nichtverstehens" oder eigentlich "Nichtverstanden-werden-Könnens" hält Kantor entgegen, es sei an der Zeit, "das Begreifen Rußlands mit dem Verstand zur nationalen Tugend zu erklären" (20), nur so könne man vermeiden, das in Rußland die "chthonischen Götter" nochmals triumphieren. Im letzten Kapitel, das mit "Der russische Europäer als Aufgabe Rußlands" überschrieben ist, wird deutlich, daß Kantor unter "rationaler Analyse" nicht einfach das versteht, was man im Westen "Rationalismus" nennt. Nicht zufällig bescheinigt er dem lateinischen Christentum, eine seiner wichtigsten historischen Rollen sei eine "Überwindung der nationalistischen Abschottung" der jeweiligen Kultur gewesen, die es prägte. Für die Christen habe es weder Hellenen noch Judäer gegeben, alle waren Menschen. Diese Vorstellung, so Kantor, habe sich in Rußland nie wirklich durchgesetzt. Für die russischen Westler war Westeuropa ein Ideal, dem sie blind folgten, ohne auf die Probleme zu achten, mit denen die lateinische Welt im Verlauf ihrer Geschichte ringen mußte. Für die Slawophilen war dieselbe Welt nichts als eine Gefährdung der russischen Eigenheiten. Beide übersahen, daß ebenso Rußland wie Europa Schwächen hatten und deshalb mit Aufgaben ringen mußten, die es zu lösen galt. "Praktisch alle Richtungen (von den linken Radikalen bis zu dem Radikalismus vom Schlag eines Nikolaj Danilevskij und Konstantin Leon?ev) lehnten Europa ab, da es von Rußland unweigerlich einmal übertroffen werden würde" (323f.). Diesen beiden Richtungen stellt der Verfasser die Haltung der leider viel zu seltenen "russischen Europäer" gegenüber, Denkern, denen es um "die Verteidigung europäisch-christlicher Grundwerte in jedem beliebigen Land" ging. Sie betrachteten ebenso Rußland wie auch den Westen kritisch, weil nämlich beide Teile Europas seien und deshalb beide, Rußland wie Europa, das Recht hätten, ihre Verbesserung zu wünschen. "Es ist eine interne Selbstkritik der europäischen Kultur, die dazu beiträgt, daß man in der ganzen europäischen Welt normal existieren kann. Dann wird sich auch der Wunsch eines russischen Dichters erfüllen, der davon träumte, in Europa zu leben, ohne aus Rußland auszureisen" (333). Wie Kantor an einer anderen Stelle betont, ist die Erfüllung dieses Traumes keineswegs nur eine Utopie: der grausame Terror Stalins habe bewirkt, daß heute die russische Gesellschaft die sich anbahnende Verwestlichung nach und nach akzeptiert. "Parallel dazu setzt sich der Wandel der russischen Mentalität fort, die nach der kolossalen Kräfteanspannung von 1917 bis 1956 nach Rechtsnormen strebt. Natürlich ist dies ein langwieriger historischer Prozeß: Wir sind bei seinem Anfang zugegen" (315).

Die Aufsätze wurden unter der Leitung der langjährigen Mitarbeiterin von Lev Kopelev, Dagmar Herrman, kompetent und flüssig übersetzt. Es wäre hilfreich gewesen, einen Personenindex hinzufügen. Leonid Luks hat den Aufsätzen ein Vorwort vorangestellt, in dem er u.a. darauf hinweist, der Zusammenbruch des Kommunismus stelle für Kantor eine einzigartige Chance Rußlands dar, "an die in der sowjetischen Zeit verdrängten Traditionen des russischen Europäertums wiederanzuknüpfen" (9).