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Zum "geopolitischen" Programm Aleksandr Dugins und der Zeitschrift ?lementy - eine manichäische Versuchung?

Leonid Luks

* Gehört Rußland zu Europa? Diese Frage wird von der heutigen Moskauer Führung immer wieder, vor allem aber seit den apokalyptischen Terroranschlägen in New York und Washington, eindeutig bejaht: "Die europäischen Werte werden langsam fester Bestandteil der russischen Lebensart", erklärte Ende September 2001 der russische Präsident, Vladimir Putin, während seines Deutschlandbesuchs.[1] In seiner Bereitschaft, die USA im Kampfe gegen den Terrorismus konkret zu unterstützen, sei Putin wesentlich weiter als viele NATO-Mitglieder gegangen, schrieb zwei Wochen nach der Zerstörung des World Trade Centers das einflußreiche russische Blatt Nezavisimaja Gazeta. Putin sei hier lediglich von den Briten, den engsten Verbündeten Washingtons, übertroffen worden.[2]

Der ehemalige Außenminister der Russischen Föderation Andrej Kozyrev plädierte zur gleichen Zeit für eine Erneuerung der westlich-russischen Allianz aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Angesichts der tödlichen Bedrohung, die nun vom internationalen Terrorismus ausgehe, sei eine derartige Konsolidierung der Kräfte unbedingt notwendig. Der Gegensatz zwischen Ost und West sei im Vergleich zu dieser Gefahr eher zweitrangig.[3]

Ganz anders reagiert auf die Zäsur vom 11. September die sog. "national-patriotische" Opposition, die das regierende Establishment sowohl von links als auch von rechts attackiert. Der in diesem Lager verbreitete hysterische Antiamerikanismus wurde durch die Tragödie in New York und in Washington keineswegs eingedämmt. Im Gegenteil. Die Angriffe auf den "Sieger des Kalten Krieges" nahmen nun einen noch gehässigeren Charakter an. Früher war es lediglich die ohnmächtige Wut, die die radikale Kritik an der einzig noch verbliebenen Weltmacht inspirierte. Nun kam die Schadenfreude hinzu. Für einen der Vordenker des "nationalpatriotischen Lagers", den Chefredakteur der Zeitschrift Zavtra, Aleksandr Prochanov, haben die Passagierflugzeuge, die die beiden Türme des WTC zerstörten, das durch die "amerikanische Sünde" erschütterte globale Gleichgewicht wiederhergestellt: "Das †šReich des Bösen' [das sind für Prochanov die USA - L.L.] ist durch die Hand Gottes durchbohrt worden. Symbole der sichtbaren Größe sind zusammengestürzt. [...] Amerika hat der Welt ungeheueres Leid zugefügt, [...] es ist sich aber keiner Schuld bewußt."

Deshalb rät Prochanov den Amerikanern Buße zu tun und danach von der geschichtlichen Bühne abzutreten. Erst dann werde die Welt wieder zu einem Paradies: "Dann werden [...] die edlen Komantschen und Irokesen erneut die Weiten von Ohio durchqueren."[4]

            Diesen Haßtiraden schließt sich auch der Vorsitzende der Russischen KP, Gennadij Zjuganov, an. In einem von der Zeitschrift Zavtra Ende September abgedruckten Interview sagt er:

 

"Seit Jahrzehnten bekämpfen die Amerikaner die gesamte übrige Welt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion verwandelte sich dieser Krieg in einen amerikanischen Triumphzug. Der Sieg der Amerikaner über die gesamte Menschheit schien nun unabwendbar. [...] Die schrecklichen Detonationen [von New York und Washington] sind eine einzigartige Antwort der gedemütigten und geschundenen Menschheit [auf das Vorgehen der USA]. Denn alle anderen rationalen und legitimen Mittel im Dialog mit Amerika sind bereits ausprobiert worden. Ohne Erfolg."

 

Danach widerspricht aber der KP-Chef sich selbst und schildert plötzlich die beiden Terrorakte als eine gigantische Intrige der sog. "Weltregierung" (d.h. der USA und ihrer Komplizen). Ihr "teuflischer" Plan einer totalen Unterwerfung der Welt solle durch diese Ereignisse eine zusätzliche Legitimierung erhalten.[5]

Das paranoide Denken, das sich in dieser Argumentation widerspiegelt, beschränkt sich allerdings nicht nur auf den linken bzw. rechten Rand des politischen Spektrums des Landes. Verschwörungstheorien werden sogar in solchen renommierten Presseorganen wie Nezavisimaja Gazeta lanciert.  Am 10. Oktober 2001 wurde in der Zeitung ein Artikel des Vize-Präsi­denten der Akademie für geopolitische Fragen, Leonid IvaÅ¡ov, veröffentlicht, in dem der Autor die rhetorische Frage stellt, ob die Ereignisse vom 11. September nicht eine beispiellose Provokation gewisser globalistischer Kreise darstellten, die das "terroristische Potential für ihre weitreichenden Ziele ausnutzen wollten".

Die Frage wird vom Autor nach einigen gespielten Zweifeln letztendlich bejaht. Viele Indizien sprächen dafür, so der Autor, daß hinter der Aktion, die zur Zerstörung des World Trade Centers geführt hätte, Washington und die mit ihm verbündeten "globalistischen" Kreise steckten. Die Ereignisse vom 11. September nutzten nämlich nur den Amerikanern. Ihr Streben nach der Weltherrschaft solle dadurch eine zusätzliche Rechtfertigung erhalten, denn jetzt könnten die USA unter der Maske einer provozierten und beleidigten Großmacht auftreten.[6]

Es ist sicher kein Zufall, daß der Urheber dieses paranoiden Interpretationsmodells in einer Einrichtung tätig ist, die sich mit "geopolitischen Fragen" befaßt. Denn die "Geopolitik" ist zur Zeit in den "national-patrio­tischen" Kreisen Rußlands sehr en vogue. Mit ihrer Hilfe werden "wissen­schaftlich" (in Wirklichkeit pseudowissenschaftlich) begründete Stra­te­gien entworfen, die die Niederlage des sowjetischen Imperiums im Kalten Krieg ungeschehen machen sollen.

Zu einem der wichtigsten Ideologen der "geopolitischen" Revanche avancierte in der letzten Zeit der Publizist Aleksandr Dugin, dessen Presseorgane ?lementy (1992-1998) und Evrazijskoe obozrenie (seit 2001) einen beträchtlichen Einfluß auf das "national-patriotische" Lager ausüben. Hier werden in komprimierter Form Rachestrategien entworfen, die in den anderen Organen der Opposition eher in verwässerter Form auftreten.

Die Zeitschrift ?lementy bezeichnet sich in ihrem Untertitel als "eurasische Rundschau" und damit knüpft sie bewußt an die 1921 entstandene und in den dreißiger Jahren in der Versenkung verschwundene "Eurasier"-Bewegung an, die zu den originellsten Denkströmungen des russischen Exils zählte. In ihrer programmatischen Schrift "Aufbruch nach Osten" hoben die Gründer der Bewegung hervor: Kein europäischer Staat lasse sich mit Rußland vergleichen, denn es handele sich bei Rußland nicht um ein Land im herkömmlichen Sinne, sondern um einen eigenständigen Kontinent - Eurasien. Auf diesem Kontinent ist nach Ansicht der "Eurasier" eine multikulturelle Symbiose entstanden, die im Grunde beispiellos sei.[7]

Bereits in der Endphase der Gorba?evschen Perestrojka, als die Erosion der kommunistischen Ideologie immer offensichtlicher wurde, begaben sich viele Verfechter der imperialen russischen Idee auf die Suche nach einer neuen einigenden Klammer für alle Völker und Religionsgemeinschaften des Sowjetreiches und entdeckten dabei den eurasischen Gedanken. Viele Gruppierungen und publizistische Organe im heutigen Rußland bekennen sich zum eurasischen Programm. Mit besonderer Vehemenz tun dies die von Aleksandr Dugin geleiteten Blätter, vor allem die bereits erwähnte Zeitschrift ?lementy.  

Das ideologische Credo der ?lementy-Gruppe weist durchaus Übereinstimmungen mit dem Programm der Eurasier auf. Bei beiden Gruppierungen handelt es sich um leiden­schaftliche Verfechter des kulturellen Partikularismus und um radikale Gegner universaler Ideen. Die Eurasier hielten den Universalismus für eine Erfindung der Westeuropäer - der "romanisch-germanischen" Völker -, die ihren eigenen Wertvorstellungen und zivilisatori­schen Normen einen allgemeingültigen, alle Völker der Welt verpflichtenden Charakter verleihen wollten. Wenn die Europäer von der menschlichen Zivilisation sprächen, ver­stünden sie darunter nur die europäische Zivilisation, schrieb 1920 einer der Gründer der Eurasier-Bewegung, Fürst Nikolaj Trubeckoj in seinem Buch Europa und die Menschheit.[8] Hinter dem angeblichen Universalismus und Kosmopolitismus der Westeuropäer verberge sich lediglich ihr Streben nach der Weltherr­schaft. Die grenzenlose Selbstüberzeugtheit der Europäer, so Trubeckoj, verunsichere alle anderen Völker der Welt, die ihre eigenen Werte nun zu mißachten beginnen, da diese sich von den europäischen unterscheiden. Rußland wird von Trubeckoj nicht als eine europäische Großmacht, sondern als Bestandteil dieser von den Europäern geistig und materiell unterjochten übrigen Welt angesehen. Es solle sich an einem weltweiten Aufstand der Nichteuropäer gegen die Dominanz des alten Kontinents beteiligen. Dabei habe sich diese Revolte nicht nur nach außen, sondern auch, und vor allem, nach innen zu richten. Die Nichteuropäer müßten nämlich das vom Westen übernommene Vorurteil von der Minderwertigkeit ihrer eigenen Kultur überwinden und die Egozentrik, die hinter diesem angeblichen Universalismus der Europäer stecke, entlarven.

Nicht anders bewerten die Herausgeber der ?lementy die heutigen Globalisierungs­theorien, das "One-World"-Modell oder die Idee von einer "Neuen Weltordnung". All diese "mondialistischen" Konzepte würden von den regierenden Kreisen des Westens, vor allem von der amerikanischen Machtelite, lanciert, deren Ziel die Errichtung einer Weltregierung, d.h. die Weltherrschaft sei.[9]

Während die Eurasier den Westen insgesamt, genauer gesagt die "romanisch-germanischen" Völker, als den Feind der gesamten nichtabendländischen Menschheit betrachteten, reduziert sich das Feindbild der ?lementy nur auf die angelsächsischen Seemächte, auf die sog. "Thalassokratien", deren Interessen denen der Kontinentalmächte diametral wider­sprächen. Die Thalassokratien seien für die Abschaffung von Grenzen, für eine Verein­heitlichung von Kulturen, für eine "melting-pot"-Gesellschaft. All dies werde von den westlichen bzw. "atlantischen" Verfechtern des "Mondialismus" als Fortschritt apostro­phiert. Die Kontinentalmächte hingegen seien traditionalistisch gesinnt, im Boden verankert. Die kulturelle Eigenart einzelner Völker stelle für sie ein kostbares Gut dar und keineswegs einen störenden Faktor, der dem sog. Fortschritt im Wege stehe. Diesen Gegensatz halten die ?lementy für unüberbrückbar. Um ihren mondialistischen Plan zu verwirklichen, müßten die "Thalassokratien" danach streben, alle Kulturen der Welt ihrer Eigenart zu berauben, sie zu einem Einheitsbrei, zur sog. "Weltkultur" zu vermischen. Die Kontinental­mächte ihrerseits müßten versuchen, wenn sie überleben wollten, diese Offensive mit allen Mitteln, auch mit kriegerischen aufzuhalten. Es gehe hier um Tod oder Leben.[10]

Neben der Ab­leh­nung des "vom Westen lancierten" Universalismus verbindet die ?lementy-Gruppe mit den Eurasiern auch eine radikale Absage an das liberal-demokrati­sche System. Die Eurasier plädierten für einen starken, interventionistischen Staat und hielten den liberalen "Nachtwächterstaat" für ein Relikt der Vergangenheit. Er sei viel zu passiv, um den Herausforderungen der Moderne gewachsen zu sein. Die damalige Krise der parlamentarischen Demokratie führten sie darauf zurück, daß diese nicht imstande sei, die Menschen für ihre Ideale zu begeistern. Deshalb sei sie auch zum Scheitern verurteilt. Die Toleranz der im Westen herrschenden Demokraten gegenüber konkurrierenden Ideologien hielten die Eurasier für ein Zeichen der Schwäche. Ein vitaler Staat mit einer vitalen Ideologie brauchte nach Ansicht der Eurasier keine oppositionellen Strömungen zu dulden. Die programmatische Schrift der Eurasier vom Jahre 1926 Evrazijstvo plädiert für die Errichtung eines Einparteiensystems, in dem die alleinherrschende Partei alle staatlichen Institutionen ideologisch durchdringt und ein weitverzweigtes Netz von Organisationen und Verbänden errichtet. Die Autoren der Schrift waren sich darüber im klaren, daß dieses System der faschistischen Diktatur in Italien oder dem bolschewistischen Regime ähnelte. Dies schreckte sie aber keineswegs ab.[11]

Das Mehrparteiensystem wurde von den Eurasiern auch deshalb abgelehnt, weil die ein­zelnen Parteien angeblich nur die egoistischen Interessen und Rechte ihrer Klientel und nicht das Interesse der Allgemeinheit als solcher im Auge hätten. Dieses Pochen auf eigene Rechte hielten die Eurasier für eine typisch westliche Erscheinung. Der Rechtshistoriker N. Alekseev, der zu den führenden Eurasiern zählte, hielt den Kampf ums Recht für den roten Faden der europäischen Geschichte. Zunächst hätten die Stände um die Rechte gekämpft, seit der Renaissance die Individuen. Pflichten gegenüber der Gemeinschaft würden im Westen von verschiedenen Interessen­gruppierungen nur nach erbitterten Kämpfen akzeptiert.[12]

Diesem innerlich zerrissenen und in andauernden inneren und äußeren Konflikten lebenden Westen versuchten die Eurasier, ein altrussisches Harmonieideal gegenüberzustellen, das der Orthodoxie entsprang. Im Zentrum der orthodoxen Welt stehe nicht der Kampf des Individuums um Selbstverwirklichung und der ständige Konflikt, sondern die Idee der Solidarität der Menschen untereinander. Dieses Harmonieideal habe der altrussischen Gesellschaft eine beispiellose Homogenität verliehen.[13]

Diese Verklärung der altrussischen Gesellschaft, mit der die Eurasier an die Ideen der Slavophilen anknüpften, hält der historischen Prüfung nicht stand. Soziale Spannungen und zahlreiche Bauernaufstände im vorpetrinischen Rußland wiesen darauf hin, daß die altrussische Gesellschaft keineswegs ein Harmonieideal verkörpert hat. Trotzdem enthielten die Thesen der Eurasier, wie die der Slavophilen, auch einen Wahrheitskern. Zwar war die altrussische Wirklichkeit erheblich von dem hier beschriebenen Harmonie­ideal abgewichen, dennoch bildete dieses Ideal einen wichtigen Bestandteil der politischen Doktrin des Moskauer Rußland. Dies konnte auch für die soziale und politische Wirklichkeit nicht ohne Folgen bleiben. Die Glorifizierung des autonomen Individuums, die im Westen zu Beginn der Neuzeit einsetzte, wurde in Rußland von Anfang an mit Skepsis als Ausdruck men­schlichen Hochmuts betrachtet.[14]

Auch die ?lementy-Gruppe prangert den westlichen Individualismus und Egoismus mit äußerster Schärfe an und lehnt sowohl den wirtschaftlichen wie auch den politischen Libera­lismus radikal ab. Anders als die Eurasier sehen indes die ?lementy im Liberalismus nicht den "Verlierer", sondern den "Sieger der Geschichte". Und in der Tat hat sich das Kräfte­verhältnis zwischen den Verfechtern und den Feinden der "offenen Gesellschaft" in den letzten Jahrzehnten grundlegend gewandelt. In den zwanziger und dreißiger Jahren, als die Eurasier den liberalen Staat wegen seiner Passivität und Schwäche verhöhnten, war dessen Lage außerordentlich prekär. Von den extremen Rechten und Linken unter Druck gesetzt, kämpfte er um sein Überleben. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches, vor allem aber nach der Auflösung des Sowjetimperiums, ist indes der totgesagte Liberalismus wie "Phönix aus der Asche" wiederauferstanden. Solch liberale Prinzipien wie freie Marktwirtschaft, Mehr­parteiensystem und Rechtsstaatlichkeit setzten sich in ganz Europa, bis auf einige Aus­nahmen, mehr oder weniger durch. Und dieser Sieg stellt für die Herausgeber der ?lementy eine beispiellose Niederlage für die gesamte nichtokzidentale Menschheit dar. Sie wollen das Rad der Geschichte um jeden Preis zurückdrehen, denn das Leben in einer von liberalen Prinzipien beherrschten Welt ist für sie nicht lebenswert.

Die Zeitschrift bezeichnet den Liberalismus als die "konsequenteste, aggressivste und radikalste Form des europäischen Nihilismus", als Verkörperung der Traditionsfeindlich­keit, des Zynismus und der Skepsis.[15] Der Liberalismus zerstöre jede geistige, historische und kulturelle Kontinuität, er sei der Feind des Menschengeschlechts schlechthin. Die Zeitschrift will sich keineswegs mit dem endgültigen Sieg ihres liberalen Erzfeindes abfinden und ruft zu einem Gegenangriff auf, zu einem Rachefeldzug, um die Schmach der Niederlage aller Gegner des Westens ungeschehen zu machen. Krieg und Gewalt werden von der Zeitschrift ausdrücklich verklärt. Sie beruft sich auf den "Begriff des Politischen" von Carl Schmitt, für den die Unterscheidung zwischen Freund und Feind das wesentlichste Kriterium der Politik darstellte. Auch die ?lementy halten diese Unterscheidung für das A und O der Politik. Als Feinde betrachtet die Zeitschrift: "Die neue Welt­­ordnung, die offene Gesell­schaft, die liberale Weltregierung, den glo­balen Markt, das One-World-Modell und den westlichen Universalismus."[16]

Alle Gegner dieser "Feinde" werden von den ?lementy in die Kategorie der "Freunde" eingestuft. Eine Versöhnung zwischen den beiden Lagern sei unmöglich, so die Autoren:

 

"Zwischen ihnen herrscht nur Feindschaft, Haß, brutalster Kampf nach Regeln und ohne Regeln, der Kampf auf Vernichtung, bis zum letzten Tropfen Blut. Zwischen ihnen liegen Berge von Leichen [...] Wer von ihnen wird das letzte Wort haben? [...] Wer wird die letzte Kugel in den Leib des daniederliegenden Feindes jagen? Sie oder wir? [...] Dies wird der Krieg entscheiden, †šder Vater aller Dinge'." [17]

Diese Diktion hat mit dem Vokabular der Eurasier nichts gemein. Das Ziel der Eurasier war keineswegs die Zerstörung des Westens, sondern die Abschirmung Rußlands und des gesamten eurasischen Subkontinents von den kulturellen Einflüssen des Okzidents. Ihr Programm war keineswegs expansionistisch, sondern isolationistisch. Als ihr größtes traumatisches Erlebnis betrachteten sie den Zerfall des russischen Reiches infolge der Umwälzung von 1917, und sie wollten eine erneute Auflösung der russischen Staatlichkeit um jeden Preis verhindern. Nicht die Beherrschung der Erde, sondern die Suche nach einer einigenden Klammer für das russische Vielvölkerreich interessierte sie. Sie wußten, daß der proletarische Internationalismus, mit dessen Hilfe die Bolschewiki das 1917 zerfallene Reich erneut zusammenfügten, Rußland auf die Dauer nicht zementieren könne. Nationale Emotio­nen seien bei Arbeitern in der Regel wesentlich stärker als Klassensolidarität, meinte 1927 Trubeckoj. Rußland müsse deshalb, wenn es ein einheitlicher Staat bleiben wolle, einen neuen Träger der Einheit finden, und dies könne nur die eurasische Idee sein, die das Gemeinsame zwischen allen Völkern des eurasischen Raumes hervorhebe.[18]

Eine derartige Selbstbeschränkung, wie sie für die Eurasier typisch gewesen war, kommt indes für die Herausgeber der ?lementy nicht in Frage. Nicht die Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen Ost und West, sondern die totale Bezwingung des westlichen Gegners halten sie für das einzig akzeptable Ziel - dabei nehmen sie auch die Möglichkeit einer totalen Niederlage des eigenen Lagers in Kauf. Diese Vorliebe für Endkampfszenarien, für eine Art "Götterdämmerung" spiegelt den beispiellosen Kulturpessimismus der ?lementy wider - eine für Rußland recht untypische Haltung (wenn man von einigen Dichtern und Denkern des sog. "silbernen Zeitalters" um die Jahrhundertwende absieht). Ganz anders verhielten sich die Dinge in Deutschland. Hier stellte der Kulturpessimismus seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert, vor allem aber seit dem Zusammenbruch des Wilhelminischen Reiches, eine äußerst verbreitete Erscheinung dar - dies vor allem im nationalistischen, rechten Lager. Die von den ?lementy grenzenlos bewunderten Denker der Weimarer Rechten, vor allem der sog. "Konservativen Revolution" schwelgten gerade­zu in Weltuntergangsstimmung. Die Eurasier hingegen waren bei weitem nicht so pessimi­stisch, weil sie davon überzeugt waren, daß nach dem "Untergang des Abendlandes" das kulturelle Zentrum der Welt sich in Richtung Eurasien verlagern werde: "Bricht die Göttin der Kultur, die ihr Zelt vor mehreren Jahrhunderten im Westen aufgeschlagen hatte, jetzt nach Osten auf?", fragt 1921 der Eurasier Petr Savickij.[19]

 So knüpfen die Herausgeber der ?lementy mit ihrer beinahe hysterischen Endzeitstim­mung weniger an die Eurasier als vielmehr an die Weimarer Rechte an, deren führende Vertreter in der Zeitschrift unentwegt zitiert werden. Das in der Sowjetzeit verbotene rechtskonservative bzw. rechtsradikale Gedankengut fließt jetzt durch unzählige Kanäle nach Rußland und die ?lementy gehören hier zu einem der wichtigsten Vermittler. Die Texte Arthur Moeller van den Brucks, Ernst Jüngers und anderer radikaler Gegner der Weimarer Demokratie, die den Rechtsstaat verhöhnten und den Krieg verherrlichten, werden von den ?lementy als das letzte Wort des europäischen Geistes präsentiert.

Auch die Dämonisierung des Liberalismus durch die Herausgeber der Zeitschrift mutet wie eine getreue Kopie der Programme der Weimarer Rechten an und hat mit der herablassend höhnischen Einstellung der Eurasier zum machtlosen liberal-demokratischen Staat wenig gemein. Daß die radikal-nationalistischen Kreise in Weimar und im post-sowjetischen Rußland den Liberalismus mit ähnlicher Intensität und mit ähnlichen Argumenten bekämpften bzw. bekämpfen, hat sicher damit zu tun, daß die beiden Gruppierungen mit dieser Kritik nicht nur den außenpolitischen Rivalen - den Westen - sondern auch den innenpolitischen Gegner - die eigene Regierung - treffen wollten bzw. wollen. In beiden Fällen wird das eigene Regime als Marionette des Westens, als Verkörperung des nationalen Verrats betrachtet.

Wie damals in Weimar assoziiert sich auch im post-kommunistischen Rußland der Liberalis­mus und das parlamentarisch-demokratische System mit dem Zusammenbruch der hegemo­nialen Stellung der beiden Länder auf dem europäischen Kontinent, mit dem Verlust von Territorien und mit der Entstehung einer neuen Diaspora. Zur nationalen Demütigung gesellen sich in beiden Fällen eine außerordentlich tiefe Wirtschaftskrise und ein Verlust der bis dahin als selbstverständlich geltenden Orientierungen. Dabei geschah dieser Zusammen­bruch in beiden Ländern praktisch über Nacht, innerlich waren sie darauf völlig unvor­bereitet.

Zum ideologischen Profil der ?lementy gehört neben der gänzlichen Ablehnung des Liberalismus und der "offenen Gesellschaft" auch ein ausgesprochenes Interesse für geopolitische Problematik. Auf den ersten Blick scheint hier die Zeitschrift an die Eurasier anzuknüpfen, die in ihrem Programm den geopolitischen und geographischen Faktoren eine außerordentliche Bedeutung beimaßen. Dieser erste Eindruck täuscht jedoch. Die Eurasier, in erster Linie den bedeutendsten Wirtschaftswissenschaftler und Geographen der Bewegung, Petr Savickij, interessierten in erster Linie kulturelle und wirtschaftliche Aspekte der Geopolitik und der Geographie, die Frage, inwiefern die gleichen geographischen Bedingungen auf unterschiedliche Kulturen und Ethnien einwirken und zu ihrer allmählichen Annäherung und Vereinheitlichung beitragen. Zugleich plädierten die Eurasier für eine wirtschaftliche Autarkie des eurasischen Sub­kontinents und untersuchten geographische Faktoren, die die Errichtung eines derartigen autarken Wirtschaftssystems begünstigten. All diese Fragen spielen für die ?lementy eine zweitrangige Rolle. Die wichtigsten Aspekte, die sie im Zusammenhang mit der Geopolitik interessieren, sind militär-strategischer Art, die Frage nach der günstigsten Ausgangsposition im künftigen Kampf der Kontinente, in dem von ihnen sehnsüchtig erwarteten Revan­chefeldzug der Kontinentalmächte gegen die vom Schicksal so begünstigten "Thalassokratien" (Seemächte).[20]

Die Zeitschrift empfiehlt allen Gegnern der "Mondialisten" bzw. der angelsächsischen Seemächte, ihre internen Rivalitäten zu beenden und sich auf die Errichtung einer großen kontinentalen Allianz zu konzentrieren - nur auf diese Weise könnten sie im bevorstehenden Endkampf Siegeschancen haben. Diese Allianz solle alle früheren, aktuellen und potentiellen Gegner der angelsächsischen Demokratien umfassen - Deutschland und Japan, Rußland und China, Indien und die islamischen Staaten und schließ­lich auch das von den Vereinigten Staaten "unterjochte" Westeuropa.[21]

Diese Strategie ist derjenigen der "klassischen" Eurasier geradezu entgegengesetzt. Für die Eurasier lag die Zukunft Rußlands nur im Osten, nur im Osten suchten sie nach Verbündeten, die sich an einer gemeinsamen Auflehnung gegen die kulturelle Hegemonie des Westens beteiligen sollten. Bei den ?lementy hingegen spielt die östliche Komponente eher eine untergeordnete Rolle. Zwar sprechen die Herausgeber gelegentlich vom islamischen Fundamentalismus, vor allem in seiner iranischen Variante, als von einem potentiellen Alliierten Rußlands im Kampfe gegen den sog. "Mondialismus", [22] ihre wichtigsten Bundes- und Gesinnungsgenossen befin­den sich aber nicht im Osten, sondern im Westen. Dies sind in erster Linie westliche Rechtsextremisten. Vertreter der französischen, der belgischen, der deutschen und der italienischen Rechten melden sich in der Zeitschrift unaufhörlich zu Wort, und einige gehören sogar zu ihren offiziellen Mitherausgebern. So handeln die ?lementy eher nach dem Motto "Rechtsradikale aller Länder - aus Ost und West - vereinigt euch!", statt nach der eurasischen Devise: "Aufbruch nach Osten!".

 Die Wiederherstellung des russischen Imperiums und der hegemonialen Stellung Rußlands im gesamten eurasischen Raum halten die Herausgeber der ?lementy für eine Schicksalsfrage des Landes. Sollte Rußland auf seine imperiale Sendung verzichten, würden andere Staaten das nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstandene Machtvakuum ausfüllen und Rußland in ihre Kolonie verwandeln. So steht Rußland nach Ansicht der Herausgeber der Zeitschrift nur vor einer Alternative: Entweder verwandele es sich in eine Provinz einer anderen Hegemonialmacht oder es restauriere seine frühere Hegemonialstellung. Aber anders als die unzähligen imperia­len Nostalgiker im heutigen Rußland, wollen sich die Herausgeber der ?lementy mit der Wiederherstellung des früheren Zustandes keineswegs begnügen. Die Restauration der früheren Grenzen des russischen Reiches stellt für sie nur die erste Stufe ihres strategischen Plans dar. Denn das eigentliche Ziel des wiederhergestell­ten Imperiums solle der Kampf gegen die amerikanische Welthegemonie, also der Kampf um die Weltherrschaft, der Endkampf sein. Damit zeigt die Zeitschrift erneut, welcher Abgrund sie von den "klassischen" Eurasiern trennt und wie stark ihr Programm an die "revolutionäre Raumpolitik" der Weimarer Rechten erinnert. So hielten manche Vertreter des radikalen Flügels der Weimarer Rechten, die Weltherrschaft für das einzige Mittel, das imstande wäre, die Leiden der Deutschen zu lindern: "Die Beherrschung der Erde [ist] die gegebene Möglichkeit [...], dem Volke eines überbevölkerten Landes das Leben zu er­möglichen", schrieb 1923 einer der Vordenker der Konservativen Revolution Moeller van den Bruck in seinem Buch Das Dritte Reich.[23] Zehn Jahre später begann das "real existie­rende" Dritte Reich dieses Programm zu verwirklichen. So handelt es sich beim Gedanken­gut der ?lementy eindeutig um ein Importprodukt.

Wie reagieren Vertreter des politischen Establishments im heutigen Rußland auf derartige Ideen? Sind sie sich über ihren Charakter und über ihre Herkunft im klaren? Einige wohl nicht. So wurde das Buch Aleksandr Dugins über die Grundlagen der Geopolitik (1997), in dem die oben erwähnten Gedankengänge enthalten sind, vom Inhaber des Lehrstuhls für Strategie der Militärakademie des Generalstabes der Russischen Föderation, Generalleutnant N.P. Klokotov wissenschaftlich betreut. Die Schrift wird von den Herausgebern sogar in den Rang eines Lehrbuchs erhoben, das "für alle, die in den wichtigen Bereichen der russischen Politik Entscheidungen treffen, unentbehrlich" sei.

Es gehört zu den wichtigsten Anliegen Dugins, seine Revanche-Strate­gien Vertretern der politischen Eliten Rußlands zu vermitteln. Die von ihm im Mai 2001 gegründete "Gesamtrussische politisch-gesellschaft­liche Bewegung †šEurasien'" betrachtet er als ein überparteiliches Ge­bilde, das als eine Art Denkfabrik fungieren solle. Mit Hilfe dieser Einrichtung versucht er, die russischen "Westler", die den intellek­tuellen Diskurs im Lande immer noch dominieren, in die Defensive zu drängen. Keine leichte Aufgabe! Denn dem Gedankengut Dugins fehlt jegli­che Frische und Originalität. Hier werden im wesentlichen die antiquierten Ideen der Weimarer Rechten aus der Rumpelkammer der Geschichte her­vorgeholt, mit einigen Elementen der "klassischen" eurasischen Ideo­logie vermischt und als das letzte Wort des europäischen Geistes präsen­tiert. Daß diese Ideen im Westen, nicht zuletzt in Deutschland, bereits vor einigen Generationen, vor allem aber nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches, auf dem "Kehrichthaufen der Geschichte" gelandet sind, wird von der "Bewegung" Dugins verschwiegen.

Mit der Regierung Putin verknüpfte Dugin zunächst große Hoffnungen. Das Pochen Putins auf nationale Interessen Rußlands, sein Streben nach Stärkung der staatlichen Kontrollmechanismen wurden von Dugin uneingeschränkt be­grüßt. Das eurasische Programm, so Dugin, lasse sich in einem Satz zusammenfassen: Es gebe nichts wichtigeres als die Wahrung der staatlichen, nationalen und geopolitischen Interessen Rußlands.[24] Das verklärte Bild Putins erhielt indes nach dem 11. September aus der Sicht Dugins die ersten Risse. Die Hinwendung des Präsidenten zum Westen wird als verhängnisvoller Fehler eingestuft. Ähnlich wie manche andere "Nationalpatrioten" betrachtet Dugin den islamistischen Terrorismus als Werkzeug der ameri­kanischen Geheimdienste, das während des Kalten Krieges gegen die damals noch existierende Sowjetunion verwendet worden sei. Eine gewisse Ver­selbständigung der terroristischen Strukturen der Islamisten hält Dugin für möglich. Er betrachtet es aber als ausgeschlossen, daß diese Gruppierungen über eine vollständige Autonomie und über eigene geopolitische Strategien verfügten. So gibt Dugin, ähnlich wie andere, bereits zitierte Vertreter des "national-patriotischen" Lagers zu verstehen, daß zumindest ein Teil der amerikanischen Eliten hinter den Terrorakten vom 11. September steck­e. Nicht der islamische Fundamentalismus, sondern "Eurasien" mit seinem russischen Kern, so die von Dugin herausgegebene Zeitschrift Evrazijskoe obozrenie, sei der eigentliche Kontrahent Washingtons bei der Ver­wirklichung seiner "globalistischen" Pläne.[25] Die amerikanische Führung habe die Ereignisse vom 11.September zum Vorwand genommen, um ihren russischen Rivalen zusätzlich zu schwächen. Das geopolitische Glacis Rußlands in Zentralasien (zentralasiatische GUS-Republiken) entziehe sich nun dem Einfluß Moskaus und gerate in die amerikanische Einflußsphäre. Dieser Verlust lasse sich nicht durch die nun erfolgte Einbeziehung Rußlands in die von Washington angeführte "antiterroristische Allianz" kompen­sieren, denn die Annäherung Moskaus an den Westen könne nicht von Dauer sein.

Die Sorge um die Dauerhaftigkeit der jüngsten Ost-West-Entspannung stellt indes sicher nicht das wichtigste Motiv bei den Überlegungen Dugins und anderer Verfechter der politischen Revanche im Lande dar. Im Gegenteil. Ihre strategischen Pläne können nur in einer At­mosphäre der unver­söhnlichen Gegnerschaft zwischen Rußland und dem Westen ge­deihen, deshalb sind sie an der Fortsetzung des Ost-West-Kon­flikts brennend interessiert und bleiben auch nach den Ereignissen vom 11. September ihrem manichäischen Weltbild treu. Der Westen wird von ihnen weiterhin dämonisiert. Für Dugin stellt er das "Reich des Anti­christen", den "verfluchten Ort" dar, von dem unentwegt Gefahren für Rußland ausgehen. Die USA bezeichnet er als das "Reich des Bösen", als ein "neues Kartha­go", das zerstört werden müsse.[26] Rußland hingegen sei ein Ort, an dem das "neue geopolitische Evangelium", der "neue Marxismus" entstehe, nämlich der "Eura­sische Gedanke", der dazu prä­destiniert sei, die gesamte Mensch­heit vom "Globalismus" zu erlösen.[27]

Und so verwandelt sich der "eurasische Partikularist" plötzlich in einen messianischen Universalisten, d.h. "Globalisten". Dieser innere Widerspruch bekümmert aber Dugin kaum, denn Logik gehört ohnehin nicht zu den wichtigsten Merkmalen seines Programms, dafür aber Pathos. Ein Beispiel soll genügen. In seinem programmatischen Artikel in der ersten Nummer der Zeitschrift Evrazijskoe obozrenie charakterisierte Dugin die Russen folgendermaßen: "Wir sind eine Nation kosmischer Dimension [...] Wir befinden uns im Einklang mit den Kräften der Transzendenz [...] Wir sind ein Volk Gottes [...] Rußland und das Universum - das sind Syno­nyme."[28]

Eine derart manichäische Denkart war auch den "klassischen" Eurasiern eigen, deren Ideen Dugin mit seinem eklektischen Programm, zumindest ansatzweise, zu imitieren versucht. Diese für die "klassischen" Eurasier charakteristische Dämonisierung des Westens und Verklärung Rußlands wurden bereits in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von führenden Vertretern der russischen Intelligenz scharf zurückgewiesen. Man dürfe nicht Europa und Asien als zwei Zimmer ansehen, in denen Rußland abwechselnd leben könne, polemisierte 1924 Fedor Stepun gegen die Eurasier. Das Europäische und das Asiati­sche seien zwei Bestandteile des Wesens Rußlands. Auf keine dieser Kom­ponenten könne Rußland verzichten, vor keiner könne es fliehen.[29] Es sei wenig wahrscheinlich, fügte ein Jahr später Nikolaj Berdjaev hinzu, daß irgendeine Kultur, z.B. die westliche, ein ausschließlicher Träger des Bösen sein könne, wie die Eurasier dies meinten. Das Christentum lasse eine solche geographische Einteilung von Gut und Böse nicht zu.[30] Die Ideen Fedor Stepuns, Nikolaj Berdjaevs und anderer Verfechter des russisch-westlichen Dialogs, ja der russisch-westlichen Symbiose erleben im heutigen Rußland eine ähnliche Renaissance wie die eurasischen Ideen, die den Gegensatz zwischen den beiden Teilen Europas in den Vordergrund rücken. Dieser ideologische Streit, der an die in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts begonnene Auseinandersetzung zwischen "Westlern" und "Slavophilen" anknüpft, wird im heutigen Rußland fortgesetzt und sein Ausgang, von dem das politische Schicksal des Landes nicht unerheblich abhängt, ist noch offen.

 

 

 

 

 

 

 

 



* Bei diesem Text handelt es sich um eine erweiterte Fassung eines Vortrages, den ich im Mai 2002 an der Universität Jena gehalten habe.

 

[1] Süddeutsche Zeitung 27.9.2001,  S. 23.

 

[2] Nezavisimaja Gazeta 26.9.2001.

 

[3] Moskovskie Novosti 2.10.2001,  S. 9; siehe dazu auch die Stellungnahmen Putins und des russischen Außenministers, Igor´ Ivanov, zur Anti-Terror-Koalition (Poslanie Prezidenta RF V.V.Putina Federal´nomu Sobraniju Rossijskoj Federacii, in: Rossijskaja gazeta 19.4.2002; Ivanov, Igor´: Rossija i afganskoe uregulirovanie, in: Moskovskie Novosti 30.4.2002,  S. 5).

 

[4] Zavtra 18.9.2001.

 

[5] Ebenda 25.9.2001.

 

[6] Leonid Ivašov: Global´naja provokacija, in: Nezavisimaja Gazeta 10.10.2001.

 

[7] Siehe dazu u.a. Ischod k vostoku. Pred?uvstvija i sveršenija. Utverždenie evrazijcev. Sofia 1921.

 

[8] Fürst Trubetzkoy, N. S.: Europa und die Menscheit. München 1922.

 

[9] Vgl. dazu u.a. ?lementy 1, 1992,  S. 3; 2, 1992,  S. 1-8; 3, 1993,  S. 2; 5, 1994,  S. 7-11; Dugin, Aleksandr: Paradigma konca, in: ?lementy, 9, 1998, S. 2- 70, hier  S. 28f., 69.

 

[10] ?lementy 2, 1992,  S. 27; 3, 1993,  S. 3 und 8; 4, 1993,  S. 48.

 

[11] Evrazijstvo. Opyt sistemati?eskogo izloženija. Paris 1926,  S. 52.

 

[12] Alekseev, N.N.: Objazannost´ i pravo, in: Evrazijskaja chronika 10, 1928,  S. 19-26.

 

[13] Å achmatov, M.: Podvig vlasti (Opyt po istorii gosudarstvenych idealov Rossii), in: Evrazijskij vremennik 3, 1923,  S. 55-80; ders.: Gosudarstvo pravdy (Opyt po istorii gosudarstvennych idealov Rossii), in: Evrazijskij vremennik 4, 1925,  S. 268-304; Suv?inskij, Petr: Strasti i opasnosti, in: Rossija i latinstvo. Sbornik statej. Berlin 1923,  S. 27ff.

 

[14] Siehe dazu u.a. Fedotov, Georgij: Novyj Grad. Sbornik statej. New York 1952,  S. 151ff.; Leontovitsch, Viktor: Die Rechtsumwälzung unter Iwan dem Schrecklichen und die Ideologie der russischen Selbstherrschaft. Stuttgart 1949.

 

[15] ?lementy 5, 1994,  S. 5.

 

[16] Siehe dazu ?lementy 8, 1996/97

 

[17] Ruka tak i tjanetsja k kobure, in: ?lementy, 7, 1996,  S. 2.

 

[18] Trubeckoj, N.: ObÅ¡?eevropejskij nacionalizm, in: Evrazijskaja chronika, 7, 1927,  S. 28ff.

 

[19] Savickij, Petr: Povorot k vostoku, in: Ischod k vostoku (Anm.7),  S. 3.

 

[20] Siehe dazu u.a. Geopoliti?eskie problemy bližnego zarubež´ja, in: ?lementy Nr.3,  S. 18ff.; Rossija i prostranstvo, in: ?lementy Nr.4,  S. 31-35; siehe dazu auch Dugin, Aleksandr: Osnovy geopolitiki. Moskau 1997,  S. 15-19, 214ff.

 

[21] Rossija i prostranstvo (Anm. 20).

 

[22] Vgl. dazu u.a. ?to vopros very, in: ?lementy 1,  S. 12f.; Geopoliti?eskie problemy bližnego zarubež´ja, in: ?lementy 3,  S. 24ff.; Os´ Moskva-Tegeran, in: ?lementy 6, 1995,  S. 42f.; Iranskij vzgljad na pravoslavie, ebenda,  S. 44.

 

[23] Moeller van den Bruck, Arthur: Das Dritte Reich. Hamburg 1931,  S. 63, 71f.

 

[24] Forum Arktogei, Geopolitik, 18.10.2001.

 

 

[26] Tribuna, KM.RU, KM News 8.11.2001.

 

[27] Forumy Arktogei, Geopolitik 14.12. 2001.

 

 

[29] Stepun, Fedor: Evrazijskij vremennik. Kniga tret´ja, in: Sovremennye zapiski 21, 1924,  S. 400-407, hier  S. 405f.

 

[30] Berdjaev, Nikolaj: Evrazijcy, in: Put´ 1, 1925,  S. 134-139.