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Die Wiedergeburt Polens als multinationaler Staat in den Konzeptionen von Józef Piłsudski

Marek Kornat

Ideen und Wirklichkeit

Kein anderer polnischer Staatsmann beeinflußte mit seinen Konzeptionen und Taten die Gestalt und die Geschicke des wiedergeborenen Polens so stark wie Józef Piłsudski. Das bedeutet nicht, daß das neu entstandene Polen sein persönliches Werk war. Wir dürfen nicht die wichtige Rolle seines großen Antagonisten, des Anführers der politischen Bewegung der nationalen Demokratie, Roman Dmowski, vergessen. Auch die Stellung der Führer der Polnischen Sozialistischen Partei sowie die Wincenty Witos’, eines unbestrittenen Anführers der polnischen Bauern und Premierministers der Regierung der Nationalen Verteidigung während des polnisch-sowjetischen Krieges im Jahre 1920, darf nicht außer acht gelassen werden. Die Unabhängigkeit Polens war sicherlich das Ergebnis einer sehr günstigen internationalen Entwicklung nach dem Zusammenbruch der drei Teilungsmächte (Rußland, Deutschland und Österreich-Ungarn) sowie Folge der Entfaltung des nationalen Bewußtseins, welche zur Entstehung der modernen polnischen Nation führte. Es war jedoch die Führerschaft Józef Piłsudskis, die das Schicksal des polnischen Staates prägte, denn er war das Staatsoberhaupt des polnischen Staates in den Schicksalsjahren 1918-1922.[1] Weiterhin war er Oberbefehlshaber der Streitkräfte und Urheber des Sieges an der Weichsel im August 1920, ohne den man sich die Unabhängigkeit Polens kaum vorstellen kann. Der italienische Politiker Carlo Sforza formulierte es eindeutig und treffend: „Man kann Cromwell oder Napoleon studieren und nicht unbedingt gleich an die Entstehung Englands oder an grundlegende Faktoren im Leben Frankreichs denken“.[2] Piłsudski wiederum ist die Verkörperung des „alten Polens“ und zugleich der Schöpfer des „neuen Polens“.

Was sollte die Stellung Polens in Europa nach Piłsudskis Auffassung sein? War Piłsudski ein Föderalist, der die Völker der ehemaligen Republik erfaßte? War er ein moderner oder ein altmodischer Politiker? Haftete seinen Konzeptionen ein Hauch des politischen Idealismus an, der durch eine utopische Erinnerung an die Vergangenheit motiviert war, oder waren sie, umgekehrt, ein Beweis für politischen Realismus? Die vorliegenden Erwägungen sind der Antwort auf diese grundlegenden Fragen gewidmet. Es ist die Pflicht eines Historikers, der Studien über Piłsudskis Anschauungen anstellt, zu unterstreichen, daß in der polnischen Geschichtsschreibung schon seit langem Antworten auf die oben gestellten Fragen gesucht werden.[3] Über die politischen Konzeptionen Piłsudskis wurde bereits viel geschrieben. Die diesbezügliche Fachliteratur, die in den letzten Jahren entstand, lieferte neue Interpretationen. Der Streit um die Interpretation der Ostpolitik Józef Piłsudskis gehört jedoch zu den heftigsten und wird wohl nie zu einem consensus omnium führen.

 

 I. Wo liegt und was ist Polen?

Der polnische Staat, eine Vielvölkerrepublik, ging infolge der Teilungen Ende des 18. Jahrhunderts unter. Die dritte Teilung Polens im Jahre 1795 war endgültig, und am 9. Januar 1797 unterzeichneten die Teilungsmächte Rußland, Preußen und Österreich in Petersburg eine Konvention, welche eine „völlige, endgültige und unumkehrbare Teilung“ (démembrement général, definitif et irrévocable) Polens festlegte.[4] Von diesem Zeitpunkt an begannen Bestrebungen, den polnischen Staat wieder aufzubauen, weswegen die Polen im Europa des 19. Jahrhunderts als Zerstörer der geltenden Ordnung galten.

Das ganze 19. Jahrhundert hindurch blieb Europa ohne einen unabhängigen polnischen Staat. Das aufgrund des Vertrags von Tilsit im Jahre 1807 aus ehemals preußischen Gebieten und 1809 um frühere österreichische Gebiete erweiterte, vom französischen Hegemonialstaat abhängige Herzogtum Warschau existierte nur sechs Jahre und ging infolge der Katastrophe der Grande Armée in Rußland im Jahre 1812 unter. Der Wiener Kongreß erkannte unter anderem in seiner Schlußakte die Eigenart der polnischen Nation an.[5] Kraft seiner Beschlüsse wurde aus dem beschnittenen Gebiet des Herzogtums Warschau das Königreich Polen geschaffen, das mit dem russischen Kaiserreich durch Personalunion verbunden war. Der russische Kaiser erhielt den Titel des Königs von Polen.

Der russische Zar Alexander I. unternahm viel, um die Gunst des polnischen Volkes zu gewinnen. Er galt als freiheitlich gesinnter Herrscher und verlieh dem Königreich Polen eine der damals liberalsten Verfassungen. Darüber hinaus gab der Zar zu verstehen, daß er es ernsthaft erwog, die Grenzen des Königreichs Polen nach Osten hin zu erweitern und ihm die Gebiete des ehemaligen Großfürstentums Litauen anzugliedern. Letzteres war dem russischen Imperium infolge der Teilungen Polens einverleibt worden und wurde von den Polen „die weggenommenen Gebiete“ genannt. Die Versprechungen des Zaren wurden jedoch nicht erfüllt. Wie die polnische Geschichtsschreibung einstimmig betont, fand sich das polnische Volk nicht mit dem Verlust der riesigen Gebiete im Osten ab, die einst zur Republik gehört hatten. Diese Tatsache war der Grund für den Novemberaufstand, der 1830 ausbrach und von Rußland unterdrückt wurde. Dieses Ereignis setzte der Verfassung des Königreichs Polen ein Ende und leitete den Prozeß der Liquidierung der polnischen politischen Autonomie in die Wege.

1863 kam es noch zu einem weiteren polnischen Aufstand, dem Januaraufstand, der das Programm des Markgrafen Aleksander Wielopolski zunichte machte, der nach polnisch-russischer Verständigung und dem Wiedererlangen der Autonomie aus der Zeit vor 1830 für das Königreich Polen strebte. Polen wurde vom Prozeß einer rücksichtslosen Russifizierung erfaßt. In derselben Zeit jedoch vollzog sich zusätzlich ein entscheidender Akt, der von langfristiger Bedeutung sein sollte: die Abschaffung der bäuerlichen Leibeigenschaft in Rußland 1861 sowie im Königreich Polen im Jahre 1864.

Der Wunsch, den polnischen Staat in seinen Grenzen vor den Teilungen wiederaufzubauen, war zweifellos der Hauptgrund für den polnisch-russischen Konflikt und die aufeinanderfolgenden polnischen Aufstände. Das politische Dogma der Wiedererrichtung des ehemaligen polnischen Staates aus der Zeit vor den Teilungen, einer restitutio ad integrum, bewirkte, daß der polnische politische Gedanke sich vor ein Dilemma gestellt sah: „alles oder nichts“.[6] Dieses Dogma wirkte im Bewußtsein der politischen Eliten bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Währenddessen stimulierten gesellschaftliche und wirtschaftliche Wandlungen sowie Modernisierungsprozesse, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf dem Gebiet des ehemaligen polnischen Staates intensivierten, bedeutende nationsbildende Prozesse. Diese entsprachen nicht immer den Wünschen der Polen. Die grundlegende Frage, die die polnische Realität zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägte, lautete: „Wo liegt Polen?“ In den östlichen Gebieten des alten Polens gab es neue Nationalitäten: die litauische, die ukrainische und die weißrussische.

Bekanntlich betete Adam Mickiewicz um „einen Weltkrieg für die Freiheit der Völker“. In Wirklichkeit jedoch erlebte Europa im 19. Jahrhundert eine Zeit verhältnismäßig stabilen Friedens und beschleunigter Entwicklung. In großem Maße prägte dies das Schicksal der Welt. Erst der Erste Weltkrieg verursachte einen echten Umbruch und führte die Dämmerung der führenden Rolle Europas in der Welt herbei. Diese unerwartete „geopolitische Revolution“ resultierte in der Zerstörung der geopolitischen Ordnung, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts herausgebildet hatte und deren Schlüsselprämissen die Teilungen Polens im ausgehenden 18. Jahrhundert waren.

Als Józef Piłsudski im Herbst 1918 die Macht in Polen übernahm, hatte er die Vergangenheit eines Anführers des polnischen Sozialismus hinter sich, welcher sich unter russischer Herrschaft als illegale Bewegung entwickelt hatte. Diejenigen, die das Programm des Sozialismus vertraten, verzichteten nicht auf den Imperativ des Kampfes um die Unabhängigkeit Polens und arbeiteten ihre eigene Vorstellung vom polnischen Staat als multinationalem Organismus aus.[7] Der im November 1918 aus einem deutschen Militärgefängnis befreite Piłsudski kehrte als ein „Mann der Vorsehung“ ins Land zurück. „Das Volk braucht einen Helden“, mit dem es sich identifizieren, dem es folgen konnte.[8] Zweifelsohne vollzog sich die Machtübernahme Piłsudskis in Polen unter revolutionärem Druck – darüber sind sich die  Historiker einig. Diese Umstände in Verbindung mit der sozialistischen Vergangenheit Piłsudskis führten zur Anerkennung der Tatsache, daß der ehemalige Anführer der Polnischen Sozialistischen Partei, als er sich an die Spitze des polnischen Staates stellte, die Rolle eines Garanten des gesellschaftlichen Friedens spielte und mit seiner Politik revolutionäre Unruhen verhinderte.[9] Dies bedeutete jedoch keineswegs, daß er das ganze Volk hinter sich hatte.[10] Die polnische Gesellschaft war gespalten. Es herrschte ein Kampf zweier großer politischer Lager um die Macht: des Piłsudski-Lagers und des Lagers der nationalen Demokratie von Dmowski. Beide Lager hatten grundverschiedene Vorstellungen von der Stellung des neuen Polens in Europa, und diese Differenzen sollte man nicht verwischen, wie es manchmal in der polnischen Geschichtsschreibung geschieht.

Ganz Mittel- und Osteuropa war im Jahre 1919 ein politisches Vakuum. Die wichtigste Frage, die sich den Polen im Jahre 1918 stellte, war die Frage, ob die für sie vorteilhafte neue internationale Ordnung von Bestand sein würde und ob in Mittel- und Osteuropa erneut eine solche politische Konfiguration entstehen könnte, die Polen Ende des 18. Jahrhunderts die Katastrophe der Teilungen gebracht hatte, während die internationale Öffentlichkeit passiv geblieben war. Die Unsicherheit der Zukunft und die Erinnerung an die Vergangenheit waren zwei Erscheinungen, die die Entwicklung des polnischen politischen Gedankens prägten und die ausländischen Einstellungen Polen gegenüber beeinflußten. Die zweite Frage, die sich im Zusammenhang mit der „geopolitischen Revolution“ in Europa nach dem Er­sten Weltkrieg stellte, war, ob Polen sich als eine „Barriere“ oder eher als eine „Brücke“ zwischen Deutschland und Rußland, zwischen Ost und West verorten solle. Piłsudski sprach sich eindeutig für eine selbständige Außenpolitik aus, die weder Deutschland noch Rußland gegenüber nachgeben würde.

Der Historiker und Diplomat Michał Sokolnicki schrieb, daß infolge des Wiederaufbaus Polens „eine Trennwand durch den großen Krieg eingerissen wurde, die seit hundertfünfzig Jahren den Osten und den Westen, das Gesetz und die Willkür getrennt hatte. Die westliche Zivilisation gelangte in den Osten zurück, unterstützt durch die Macht Amerikas. Der polnische Staat kehrte auf seinen Platz zurück, an dem er sich vor Jahrhunderten befunden hatte: auf den Platz des Knotens zwischen dem Osten und dem We­sten“.[11] Es war ein damals typischer polnischer Gesichtspunkt, den breite Kreise der politischen Eliten teilten. Dieser Wunsch, als „Barriere“ zu fungieren, verschlechterte natürlich die Beziehungen zu den beiden Nachbarmächten und setzte somit Polen der Gefahr eines beschleunigten konzentrischen Angriffs aus. Wir dürfen nicht vergessen, daß auch die Idee der „Brücke“ zwischen Deutschland und Rußland illusorisch war, denn sie erforderte gute Beziehungen zu den beiden Nachbarn, und diese Beziehungen konnten nicht dauerhaft geregelt werden, da Deutschland sich mit der auf der Friedenskonferenz in Paris festgelegten Grenze nicht abfinden wollte und das „neue Rußland“ im Grunde genommen bestrebt war, den polnischen Staat von der Landkarte Europas zu beseitigen, trotz gegenteiligem Anschein.[12]

Theoretisch öffneten sich Polen zwei strategische Möglichkeiten: erstens die Annäherung an einen der großen Nachbarn, die automatisch das stets wiederkehrende Problem der deutsch-russischen „Umzingelung“ aufheben würde. Eine solche Lösung war nicht denkbar ohne den Verzicht auf große Territorien und die unvermeidliche Beschränkung der Souveränität des Staates. Da sie zur Abhängigkeit des polnischen Staates von Deutschland oder Rußland geführt hätte, wurde diese rein theoretische Idee verworfen. Die zweite Möglichkeit bestand darin, einen Block neuer Länder in Mittel- und Osteuropa unter Polens Ägide zu errichten. Józef Piłsudski entschied sich für diese zweite Lösung. In dieser Hinsicht antwortete er also auf die fundamentale Fragen „Was ist Polen?“ und „Wo liegt Polen?“

 

II. Roman Dmowskis nationale Demokratie und die Ostpolitik des polnischen Staates

Nach dem Wiedererlangen der Unabhängigkeit im Herbst 1918 kristallisierten sich zwei unterschiedliche Vorstellungen vom wiederaufgebauten Polen und folglich zwei entgegengesetzte Konzeptionen der Ostpolitik heraus. Die eine war die Vision Roman Dmowskis.[13] Diese war, um an den in der polnischen Geschichtsschreibung verankerten Begriffen festzuhalten, eine „Inkorporationskonzeption“, die die Aufteilung der aus dem von Dmowski 1917 angenommenen Zerfall des russischen Imperiums entstehenden Gebiete zwischen Polen und Rußland vorsah. Die zweite Konzeption hingegen war der Aufbau eines multinationalen Polens, das nicht ausschließlich „das Eigentum“ des polnischen Volkes wäre, sondern dauerhaft mit der Ukraine, mit Litauen und Weißrußland in einer Föderation verbunden wäre.

Gemäß der Überzeugung Dmowskis sollte das neue Polen ein starker Nationalstaat sein, dessen Macht einerseits an seiner Unabhängigkeit von Deutschland und andererseits an der Fähigkeit, sich Deutschland widersetzen zu können, gemessen werden sollte.[14] Die Ostpolitik und die territoriale Gestalt Polens im Osten waren in der Auffassung Dmowskis in großem Maße die Funktion dieser fundamentalen Annahmen.

Nach Dmowski sollten dem Osten des polnischen Staates große, von Weißrussen und Ukrainern bevölkerte Territorien angeschlossen werden. Vor allem sollten Städte in das Gebiet Polens eingegliedert werden, die Zentren polnischer Kultur waren (Wilna und Lemberg), sowie diejenigen Territorien, wo Polen zwar eine Minderheit bildeten, deren Anschluß jedoch dem polnischen Staat eine „strategische Grenze im Osten“ sichern würde, welche künftig eine wirksame Verteidigung ermöglichen würde. Dies war die Begründung für die sogenannte Dmowski-Linie, die von ihm als polnischem Delegierten auf der Pariser Friedenskonferenz im März 1919 formuliert wurde. Dmowski war sich durchaus bewußt, daß er mit seinem territorialen Programm im Westen des Imperialismus bezichtigt werden würde. Er war jedoch der Ansicht, nur ein polnischer Staat mit einem großen Territorium, der zur Aufrechterhaltung seiner unabhängigen politischen Existenz fähig war und sich Deutschland zu widersetzen vermochte, habe Überlebenschancen.

Dmowski war ganz besonders gegen die Errichtung eines unabhängigen ukrainischen Staates. Sein „Streit mit Piłsudski über die Ukraine“ verschärfte den Konflikt zwischen den beiden Politikern.[15] Dmowski vertrat die Ansicht, daß der ukrainische Staat immer ein Verbündeter Deutschlands sein werde und damit nie ein Alliierter Polens sein könne. Er nahm jedoch an, daß der litauische Staat zum Bestandteil der Republik Polen werden, aber kulturelle Autonomie erhalten würde. Weiterhin glaubte Dmowski, daß es den Polen gelingen würde, die ostslawischen nationalen Minderheiten zu polonisieren (Weißrussen, Ukrainer). In Hinblick auf die Juden nahm er an, ihre allmähliche Emigration aus Polen sei die einzige Lösung. Es ist schwer zu übersehen, daß dieses Programm in hohem Maße anachronistisch war. Im Grunde genommen hätte seine Verwirklichung keine friedliche Koexistenz verschiedener Nationalitäten auf dem Gebiet Polens ermöglicht.

Die Politiker der nationalen Demokratie lehnten die Konzeption eines multinationalen Polens ab, das durch eine Föderation mit anderen Völkern verbunden wäre, die auf den Trümmern der alten Republik lebten. Ihrer Meinung nach war dies eine schädliche Illusion, die sich von romantischen Erinnerungen an die Vergangenheit nährte. Sie glaubten nicht an das Gelingen eines föderalistischen Programms und lehnten auch die Schlüsselthese der Anhänger des Föderalismus ab, die behaupteten, daß eine polnisch-litauisch-ukrainisch-weißrussische Föderation dem gemeinsamen Staat reale Macht brächte. Eine solche Stärke konnte den Polen ihrer Ansicht nach nur ein nationaler und einheitlicher Staat verleihen.

Für Dmowski war die polnisch-russische Zusammenarbeit eine Notwendigkeit für das polnische Volk. Er ging jedoch von der Zusammenarbeit eines unabhängigen Polens und eines nationalen, nichtbolschewistischen Rußlands aus. Er nahm an, Rußland würde sich mit bedeutenden territorialen Zugeständnissen zugunsten des neuen Polens als vollendeten Tatsachen abfinden. Der Sieg des Bolschewismus und die Entstehung des sowjetischen Systems verursachten einen totalen Zusammenbruch seiner politischen Konzeption. Es ist unbestritten, daß seine Ideen gut in der Logik der Geopolitik verankert waren. Nach 1917 verloren sie jedoch an Bedeutung.

Die Bestrebung, das russische Imperium zu spalten, hielten die nationalen Demokraten für einen großen politischen Fehler. Ein Anhänger Dmowskis, Stanisław Grabski, schrieb, daß es nicht im Interesse Polens liege, das Programm der Spaltung Rußlands zu verbreiten, denn dies würde zu einem nicht zu beseitigenden Konflikt zwischen Polen und Russen führen, der wiederum im Interesse Deutschlands sei. Das Ziel der polnischen Politik sollte eher die Suche nach einer Annäherung an Rußland sein, um „die Einflüsse Deutschlands in Rußland lahmzulegen“. Daher schrieb Grabski, daß man den Gedanken aufgeben sollte, Pufferstaaten zu errichten. Das Aufwerfen der ukrainischen Frage, behauptete er, komme der Entfachung eines Krieges gleich.[16] Im Jahre 1921, als Grabski die bisherigen Erfahrungen der polnischen Ostpolitik zusammenfaßte, schrieb er, daß

 

die Aufgabe der polnischen Politik die Erhaltung eines möglichst langen Friedens an unserer Ostgrenze sein sollte; die Pflicht unserer Diplomatie besteht also nicht nur darin, die ukrainische Frage nicht anzuschneiden, sondern auch einen gleichen Abstand aller interessierten Länder gegenüber der ukrainischen Bewegung festzulegen […] Die ukrainische Frage, sollte sie zwischen Polen und Rußland ausgespielt werden, wird der Anfang eines unvermeidlichen Krieges sein, der den ganzen Osten Europas erfassen wird.[17]

 Während der Friedenskonferenz von Paris spielte Dmowski als polnischer Delegierter eine recht zweideutige Rolle. Er lehnte die Idee der „Föderation“ ab, die von Piłsudski, vor allem aber von Ignacy Paderewski (Ministerpräsident im Jahre 1919) propagiert wurde, und sprach offen über das Prinzip der territorialen Inkorporation im Osten. Er wandte sich somit gegen die Wilsonschen Grundsätze, die die Reform der internationalen Ordnung betrafen, wie immer sie auch aufgefaßt werden mochten. Er stärkte dadurch Kreise, die Polen gegenüber unfreundlich gesinnt waren.[18] Dies lieferte die Begründung für die These der Gegner Polens auf internationaler Arena, die behaupteten, das territoriale Programm Dmowskis sei eine „imperialistische“ Konzeption. Dmowskis Programm war also nur scheinbar realistisch. Im Endeffekt stand die territoriale Gestalt des wiederaufgebauten Polens, wie wir wissen, der Vision Dmowskis näher als den Konzeptionen Piłsudskis, es war jedoch die Konzeption Piłsudskis und nicht die Dmowskis, die irgendwelche Hoffnungen bot, die Beziehungen mit den Nachbarn friedlich zu gestalten. 

 

III. Das föderalistische Programm Piłsudskis

Józef Piłsudski war ein Erbe der multinationalen Vision der Republik, der Idee eines multinationalen Polens. Diese Tatsache unterliegt keinem Zweifel und wird von allen seinen Biographen betont. Dies geht auch klar aus den seiner Politik der Jahre 1919–1920 gewidmeten Studien hervor.[19] Ein großes Problem werfen jedoch zwei Fragen auf: Verstand er die Komplexität der Welt des 20. Jahrhunderts, ihre Begriffe und Wandlungen, oder war er ein Mensch des 19. Jahrhunderts? Was wollte er erreichen, als er seine maximalistischen Ziele formulierte und dabei zweifellos das Problem der Schwäche des neuen Polens gesehen haben muß?

Ein Historiker, der Erwägungen zu dieser Frage anstellt, die von der polnischen Historiographie unter dem Begriff „Föderalismus“ zusammengefaßt wird, muß seinen Beitrag mit Vorbehalten beginnen. Piłsudski war kein politischer Schriftsteller, der seine Ideen sorgfältig darlegte. Er war ein Mann der Tat und sehr bemüht, seine Absichten nicht preiszugeben. Piłsudski hinterließ keine systematische Niederschrift seiner Bestrebungen in den Jahren 1919–1920. Einige Fragen sind jedoch über jeden Zweifel hinaus klar.

Gemäß Piłsudski sollte Polen für sich die Rolle eines Staates beanspruchen, der eine wichtige Rolle in Mittel- und Osteuropa spielt. Piłsudski berief sich auf die Idee der „Mission Polens im Osten“. Er sprach über Polen als „Vormauer des Westens“ und über seine zivilisatorische Mission (mission civilisatrice) im Osten.[20] Er sprach auch über die Konzeption, um Polen herum andere Nationalstaaten zu konzentrieren, die auf den Trümmern der alten polnischen Republik aus der Zeit vor den Teilungen entstanden waren.

Das zaristische Rußland war in den Augen Piłsudskis stets Feind Nummer eins für Polen. Diese Einstellung stimmte völlig mit der aufständischen polnischen Tradition des 19. Jahrhunderts überein, die in Rußland ihren Hauptfeind und den „Gendarmen Europas“ sah. Die aufeinanderfolgenden gescheiterten polnischen Aufstände waren dementsprechend gegen Rußland gerichtet, und Piłsudski sah sich als Erben dieser Tradition an. In seiner Einschätzung beseitigte der Sieg der Bolschewiki im Jahre 1917 die Grundlagen des historischen polnisch-russischen Konflikts nicht, sondern eröffnete eine neue Phase dieser Auseinandersetzung und lieferte dem russischen Imperialismus in Form von Freiheitsparolen eine neue ideologische Waffe. „Die Polen wollen nicht wissen, daß Rußland immer eine Konkurrenz für uns ist, egal was für ein Rußland es ist. Wir stoßen immer auf Rußland, Rußland als eine reale Macht“.[21]Für Piłsudski jedoch „stellte der Bolschewismus keine innere Gefahr“ für Polen dar und „hatte keinen Einfluß auf die polnische Bevölkerung“.[22]

Die Nachbarschaft mit Rußland, unabhängig von seinem politischen Sy­stem, war in den Augen Piłsudskis von der geopolitischen Realität bedingt. Sie war in seinen Augen für immer mit dem polnischen Ringen gegen die russischen Expansionsbestrebungen verbunden, und die gesamte Geschichte nach den Teilungen stand unter dem Zeichen dieses Kampfes.

Piłsudski betrachtete die Ereignisse im November 1917 in Rußland mit Sicherheit als günstig für die polnische Frage, denn sie bedeuteten den Bruch der Allianz Rußlands mit den westlichen Großmächten. Wie weit er die neue Ordnung in Rußland für dauerhaft hielt, ist nicht leicht zu beurteilen, denn wir verfügen nur über eine sehr geringe Anzahl von Quellendokumenten zu diesem Thema. Hinsichtlich des sowjetischen Systems unterschied Piłsudski zwischen Marxismus und Bolschewismus. Diese beiden Begriffe waren für ihn nicht identisch. In seiner Auffassung war das sowjetische System kein Sozialismus, sondern eher eine Abart östlichen Despotismus, eine neue Variante der russischen Autokratie, nur im Kostüm des Sozialismus und der revolutionären Rhetorik, die zum Erbe der Französischen Revolution gehörte. In seinem Buch Das Jahr 1920 stellte Piłsudski fest, daß der sowjetische Feldherr Tuchačevskij „den Spuren von General Paskevič folgt“, der den Novemberaufstand 1831 niedergeschlagen hatte, er versuche jedoch die Phraseologie von Marx aufzusetzen. Dann faßte Piłsudski dies ironisch zusammen, indem er „die Frage eines anderen großen Theoretikers des Sozialismus“, Wilhelm Liebknechts, stellte: „Soll Europa kosakisch werden?“[23]

Das föderalistische Programm Józef Piłsudskis entstammte der Bestrebung, Rußland möglichst nachhaltig zu schwächen. Die Schaffung von mit Polen verbundenen Nationalstaaten an den westlichen Grenzen des alten russischen Imperiums sollte den Kern dieser politischen Konzeption bilden. Piłsudski strebte vor allem die Schaffung eines ukrainischen Staates an, wie auch die Sicherung der Unabhängigkeit anderer nichtrussischer Völker des ehemaligen Zarenreiches. Die Entstehung eines getrennten litauischen Staates hielt Piłsudski für besiegelt. Er wünschte sich dessen Bindung an Polen und war als Belohnung dafür bereit, Litauen das von Polen bewohnte Wilna zu überlassen. Piłsudski hatte keine Idee, wie mit der weißrussischen Frage zu verfahren sei. Er meinte, dieses Volk sei „nicht reif genug für die Unabhängigkeit“, und erwog anfänglich verschiedene Möglichkeiten, Weißrußland an Litauen zu binden. Noch vor dem Erlangen der Unabhängigkeit stellte Piłsudski die Forderung, Rußland die „Nationalitätennähte entlang“ zu spalten. Vom Anfang der Existenz des unabhängigen polnischen Staates an war er davon überzeugt, daß das wiedergeborene starke Rußland („weiß“ oder „rot“) eine tödliche Gefahr für Polen darstelle.

Die föderalistische Idee war eine logische Schlußfolgerung aus der Geschichte Polens nach den Teilungen. „Das Zurückdrängen Rußlands bis an seine ethnographischen Grenzen“ und das Trennen der Völker, die nach Unabhängigkeit strebten, sah Piłsudski als eine Schlüsselaufgabe der polnischen Außenpolitik an. In einem wichtigen politischen Artikel aus dem Jahre 1903 postulierte er die Entstehung „dreier oder zweier völlig getrennter und unabhängiger Republiken“ auf den Trümmern der multinationalen Republik Polen. Ob sie sich jedoch zu irgendeinem föderalistischen, mehr oder weniger festen Bund zusammentun würden, war eine Frage der Zukunft, über die wahrscheinlich das freie, sich seiner Rechte bewußte Volk Polens, Litauens und Reußens entscheiden würde.24 Ein sehr wichtiges Element dieser Föderation sollte Litauen sein. Piłsudski verstand, daß die Identität des „jungen“ litauischen Volkes sich gegen die Polen richtete, glaubte jedoch an eine mögliche Versöhnung. „Bevor neue Generationen in der vergifteten Luft des Hasses heranwachsen und diese Heiligtümer vergessen, die die Größe der Nationen ausmachen, bevor eine künstliche, provisorische Grenze eine dauerhafte Grenze wird, die euch von Wilna trennt, besinnt euch, Polen reicht euch die Hand, noch ist es Zeit, noch ist es nicht zu spät!“25 Solche Gedanken enthielt der bekannte Appell Piłsudskis an die Litauer, veröffentlicht am 22. April 1919 in Wilna. Tadeusz Hołówko, einer der führenden Mitarbeiter Piłsudskis, sah Litauen an der Spitze der „Vereinigten Staaten, die außer den Litauern aus Weißrussen, Letten und auch Esten bestehen würden“. Es ist nicht bekannt, welche konkrete Gestalt die polnisch-ukrainischen Beziehungen in der völkerrechtlichen Auffassung annehmen sollten. Man kann nur vermuten, daß Piłsudski, gemäß seinen früheren Plänen, eine enge Verbindung Polens mit der Ukraine annahm, die durch eine Militärallianz und gemeinsame Außenpolitik bestätigt werden sollte.

Piłsudski rechnete bekanntlich grundlos damit, daß seine Ostpolitik auf die Unterstützung der Entente-Großmächte stoßen würde. Wichtig ist diesbezüglich die in der Anweisung des Präsidiums des Ministerrates an das Büro der Auslandspropaganda vom August 1920 enthaltene Argumentation. Hier sind Feststellungen zu lesen, die besagen, daß „Polen, obwohl es eindeutig und klar bekundet, daß es von jeglichen imperialistischen Ansprüchen weit entfernt ist und seine Bemühungen darauf konzentriert, Bedingungen für die Existenz und Sicherheit des polnischen Volkes zu sichern, nicht Anhänger der freien Entwicklung anderer Nationalitäten sein kann. Polen, das nicht genug eigene Kräfte hat und das bisher kein Verständnis für seine politische Ideologie bei den westlichen Verbündeten gefunden hat – und Verständigung mit ihnen halte ich für einen Grundstein meiner Politik – muß sich praktisch gegenwärtig auf Aufgaben beschränken, die darauf abzielen, dem polnischen Volk vor allem reale Garantien der Unabhängigkeit und der Sicherheit zu bieten. Das bedeutet jedoch nicht, daß es ideell von der eingenommenen Befreiungshaltung abweichen möchte. Um diese Grundsätze jedoch ins Leben zu rufen, müssen sie von Polens westlichen Freunden entsprechend beurteilt werden und auf reale Unterstützung bei der entschiedenen Anstrengung dieser Völker, um deren Befreiung und Konsolidierung es in der Konstruktionsarbeit geht, stoßen. Indem Polen sich notgedrungen auf seine eigenen Interessen beschränkt, gibt es die Hoffnung nicht auf, daß seine Ansichten dort entsprechend beurteilt werden, wo sich die Geschicke der Welt entscheiden und sie sogar von dem Teil der russischen Gesellschaft unterstützt werden, der ohne Heuchelei tatsächlich freiheitliche und demokratische Ziele anstrebt“.26 Der Krieg gegen Sowjetrußland im Jahre 1920 war also in hohem Maße ein Krieg um „die Befreiung der Ukraine“, wie es später der Historiker General Marian Kukiel sagte.27 Dieser Krieg stieß im Westen nicht auf Unterstützung, obwohl sich die polnische Diplomatie darum bemühte. Im Januar 1920 wurde der polnische Außenminister Stanisław Patek von Lloyd George vor der Fortsetzung des Krieges gegen Sowjetrußland gewarnt, obwohl der britische Premierminister betonte, daß „England nicht das Recht hat, Polen Ratschläge zu erteilen“.28 Eine nicht geringe Rolle in der Darstellung Polens als Aggressor spielte die sowjetische Propaganda, die sich auf diesem Gebiet als wirksam erwies. Das Fiasko der polnisch-sowjetischen Verhandlungen über den Waffenstillstand im Januar 1920 wurde eindeutig der polnischen Seite zur Last gelegt.29 Es wäre schwer, die damaligen Absichten der sowjetischen Führung für friedlich zu halten, und nur Einseitigkeit könnte eine solche Interpretation diktieren. Als Patek sich an seine Arbeit als Außenminister erinnerte, schrieb er, bereits aus zeitlichem Abstand, daß „wir selbst die Grenze zur UdSSR festlegen sollten, weil wir damals bereits auf niemandes Hilfe in dieser Hinsicht zählen konnten“, und „nicht wir […] an dem Abbruch der Friedensverhandlungen mit den Sowjets schuld [waren]“.30 Die polnische Offensive in der Ukraine im Frühling 1920 wurde im Westen meistens eindeutig verurteilt. Die polnische Auslegung der Ostpolitik, die sich auf das Prinzip der „Nichtannexion“ stützte und gegen jegliche Form des Imperialismus gerichtet war, fand weder Anerkennung noch Verständnis.31 Der britische Politiker und ehemalige Premierminister Herbert Asquith, Abgeordneter des britischen Unterhauses, bezeichnete am 10. August 1920 das Po­stulat der Grenzen von 1772 als „ein rein aggressives Abenteuer“ und „übermütiges Unterfangen“ (wanton enterprise).32 Der amerikanische Gelehrte Harold H. Fisher sprach in diesem Zusammenhang von einem „romantischen Schema“ (audacious romantic scheme), mit dem „die polnische Öffentlichkeit vergiftet wurde“.33 Lloyd George, der das polnische territoriale Programm im Osten und im Westen im Namen des „ethnographischen Polens“ konsequent bekämpfte, schrieb in seinen Memoiren, daß Piłsudski „seinen ganzen Verstand und Willen der Politik der territorialen Expansion widmete, indem er sich von einem „rücksichtslosen und inbrünstigen Patriotismus“ leiten ließ und den Willen des Obersten Rats der alliierten Großmächte, also der internationalen Öffentlichkeit, in Frage stellte.34

Vor allem wegen seiner sich auf die Ostpolitik beziehenden Entscheidungen in den Jahren 1919 und 1920 fand Józef Piłsudski, der die polnische Außenpolitik leitete, keine Akzeptanz bei führenden westlichen Politikern – der Anführer der zerfallenden Entente, die das Programm der Selbstbestimmung der Völker befürworteten und die die Verwirklichung dieses Rechts auf Selbstbestimmung in einem Polen mit „ethnographischen Grenzen“ sehen wollten.

Man könnte ausführlich weitere kritische Meinungen über die Ostpolitik Piłsudskis anführen. Piłsudski zog zweifellos den Zorn der Politiker der Entente auf sich, als er den mutigen Versuch der selbständigen Ostpolitik unternahm, die nicht mit den siegreichen Westmächten vereinbart wurde und auf die Spaltung Rußlands abzielte.35 Diese Politik mußte in den Hauptstädten der Entente-Mächte auf Widerspruch stoßen, denn ihre Regierungen wollten, daß das „nationale Rußland“ als eine europäische Großmacht und als wirksames Gegengewicht zu Deutschland bestehenbleibt. Der Krieg von 1920 und die Ostpolitik Piłsudskis wurden als ein Beweis für die „polnischen Expansionsbestrebungen“ und die antirussische Orientierung des „neuen Polens“ interpretiert, was nicht auf dauerhafte friedliche Beziehungen zwischen den beiden Staaten und die Perspektive eines beständigen Friedens in Osteuropa hoffen ließ.

Aus Sicht unserer Erwägungen ist es jedoch wichtiger, daß sich das Ergebnis des Krieges von 1920 als eine nicht eindeutige Lösung erwies. Es gelang nicht, Polen zu sowjetisieren, was zweifellos ein Bestreben Lenins und der Sowjetführung war. Lenin meinte doch, daß der polnische Staat der „Stützpfeiler“ und die „Achse“ des Versailler Vertrags sei.36 Polen behielt seine Unabhängigkeit, und ein anderes Ergebnis dieses Krieges hätte das Ende der Unabhängigkeit bedeutet – darüber waren sich die westlichen Politiker im klaren, allen voran der französische Premierminister Alexandre Millerand. Die maximalistische polnische Idee, die Nachbarvölker von Rußland zu trennen und sie an Polen zu binden, scheiterte jedoch auch.

Den polnisch-sowjetischen Krieg beendete am 18. März 1921 der Friedensvertrag von Riga.37

Für die meisten polnischen Politiker aller Lager beendete dieser Vertrag die Epoche des Konflikts mit Rußland, der sich durch den gesamten Zeitraum nach den Teilungen hingezogen hatte, und eröffnete ein neues Kapitel friedlicher Koexistenz der beiden Staaten – allerdings nicht für alle. In manchen Kreisen in Polen galt der Rigaer Frieden als Verrat, blieben doch in Sowjetrußland noch fast zwei Millionen Polen zurück.38 Für den polnischen Staat war der Rigaer Vertrag in der Situation von 1921 eine Notwendigkeit. Die polnische Öffentlichkeit nahm ihn mit Erleichterung und mit der Überzeugung hin, daß nun eine Festigung der friedlichen Nachbarschaft des „neuen Polens“ und des „neuen Rußlands“ erfolgen würde.

Piłsudski betrachtete die damalige Lage Polens sehr realistisch. Er war nicht der Meinung, daß der Rigaer Vertrag Polen Grundlagen des dauerhaften Friedens und einer stabilen Koexistenz mit Sowjetrußland sichern würde.39 Diese Einstellung resultierte aus der allgemeinen Überzeugung des Marschalls, daß das bolschewistische Rußland sich nicht mit der dauerhaften Existenz eines unabhängigen und in Europa wichtigen Polens abfinden würde. Piłsudski, so Leon Wasilewski, „glaubte nicht so sehr an die Beständigkeit des Friedens und sah einen neuen Krieg gegen die Bolschewiki voraus“.40 Er war jedoch davon überzeugt, daß die Fortsetzung des Krieges ein ernsthaftes Risiko sei, denn auch Polen war in hohem Maße erschöpft.41 Die überwiegende Mehrheit der polnischen Bevölkerung war eindeutig gegen die Fortsetzung des Krieges.

Der Rigaer Vertrag sollte nach polnischer Auffassung die Lage Polens als Pufferstaat zwischen Deutschland und Rußland festigen, indem er dem polnischen Staat große Territorien im Osten zusprach. An die Konzeption Polens als einer „Trennwand“ zwischen zwei Großmächten knüpfte Außenminister Eustachy Sapieha an, als er am 20. Januar 1921 an den Chef der polnischen Delegation bei den Verhandlungen in Riga, Jan Dąbski, schrieb: „Der Rigaer Frieden entschied im Grunde genommen eine unserer territorialen Grundbestrebungen: die Trennung Rußlands und Deutschlands durch das polnische Staatsterritorium“.42 Das Territorium des polnischen Staates schien tatsächlich eine Art „Korridor“ zwischen Rußland und Deutschland zu sein. Jedoch war er zu eng und nur provisorischer Natur. Die festgelegte Grenze hingegen, so Leon Wasilewski, war „sehr künstlich, hatte keine natürlichen Grundlagen“.43

Das von Piłsudski vertretene Programm der Befreiung der Völker scheiterte, und in Warschau war man sich dessen bewußt. Es erwies sich als nicht realisierbar, denn Polen war zu schwach, um es zu verwirklichen. Aufmerksam vermerkte dies Francesco Tommasini, als er schrieb, daß die „föderalistischen Ideen“ nicht in Riga, sondern infolge des mißlungenen Kiewer Feldzugs begraben wurden, denn dieser trug nicht zur Schaffung eines ukrainischen Staates bei.44 Die Bemühungen Piłsudskis, dieses große Projekt zu verwirklichen, das man zu Recht oder zu Unrecht als föderalistische Konzeption bezeichnen mag, endeten mit einer Niederlage. Das Ergebnis des Krieges im Jahre 1920 führte nicht eine solche Schwächung Rußlands herbei, die die Verwirklichung der polnischen territorialen Postulate im Osten möglich gemacht hätte. Piłsudskis Programm wurde nicht verwirklicht, denn es hatte keine realen Chancen auf Umsetzung. Nach dieser Niederlage schaute Piłsudski mit großem Pessimismus in Polens Zukunft.

Ukrainer und Weißrussen betrachteten den Rigaer Vertrag als Teilung ihrer Gebiete. Dieser Ansicht kann man kaum widersprechen, obwohl Polen in der damaligen Wirklichkeit natürlich nicht imstande war, die Entstehung eines unabhängigen ukrainischen oder weißrussischen Staates herbeizuführen.

Infolge des Rigaer Traktats hatte das wiedergeborene Polen eine komplizierte nationale Struktur. Nur 68 % der Bürger waren ethnische Polen. Die Probleme der nationalen Minderheiten wurden nie gelöst. Man kann sagen, daß das multinationale Polen entgegen den Realitäten ein Nationalstaat der Polen zu sein versuchte. Dies war der Grund für viele innere Schwierigkeiten, worüber sich ein polnischer Historiker im klaren sein muß. Eine dauerhafte Lösung der Minderheitenprobleme kam kaum in Frage, wo doch nur ein geringer Teil ukrainischer und weißrussischer Gebiete ein Bestandteil des polnischen Territoriums war.45 Die Beziehungen zwischen Polen und den nationalen Minderheiten verschärften sich noch in den 30er Jahren, und die Wirtschaftskrise sowie die Offensive totalitärer und antiliberaler Ideologien waren Faktoren, die einen starken Einfluß darauf hatten.

Infolge des kompromißhaften Rigaer Vertrags war Polen ein vom Territorium her großes Land geworden, obwohl das Programm von Piłsudski nicht verwirklicht worden war. Das wiedergeborene Polen wollte nicht den Status eines kleinen Staates als Werkzeug in den Händen der Großmächte haben. Unter den europäischen Politikern der Zwischenkriegszeit gab es keine Zweifel darüber, wie unsicher die Zukunft des wiederaufgebauten Polens war. Lord Balfour, der voraussah, daß Polen keine wirksame Barriere zwischen Deutschland und Rußland sein werde, sprach sich gegen dessen Unabhängigkeit aus.46 Die ökonomischen Möglichkeiten eines selbständigen polnischen Staates wurden von John Maynard Keynes als gering eingeschätzt.47

Auch Jacques Bainville war bezüglich Polen pessimistisch. Er argumentierte, daß Polen nie Rußland als östlichen Verbündeten des siegreichen Frankreichs ersetzen würde.48 „La barrière que la Pologne veut élever entre l’Allemagne et la Russie est une absurdité qui ne durera pas“, schrieb kurz und bündig Francesco Nitti.49 Der französische Publizist und Historiker Louis Eisenmann formulierte das Wesen der Lage Polens sehr zutreffend. Er sagte, daß Polen „als ein zu schwacher Staat wiedergeboren wurde, um eine Großmacht zu werden, jedoch stark genug, um Aspirationen zu haben, die über den Status eines kleinen Staates hinausgingen“.50

Die Bedeutung des Rigaer Vertrags für Mittel- und Osteuropa war unbestritten groß. Es ist also nicht unbegründet, die neue territoriale Ordnung in dieser Region das „Versailler-Rigaer System“ zu nennen.51 Eine Niederlage in der Schlacht an der Weichsel hätte unvermeidlich eine neue Teilung Polens unter Rußland und Deutschland bedeutet.52 Der polnische Sieg im Jahre 1920 war zweifellos von entscheidender Bedeutung für die Wahrung der Unabhängigkeit der baltischen Staaten und in gewissem Maße auch Rumäniens, wohl auch Ungarns und der Tschechoslowakei. Das Ergebnis des polnisch-sowjetischen Krieges führte also auch eine Festigung und Wahrung des Versailler Systems in Mittel- und Osteuropa herbei.

 

IV. Interpretationen der Ostpolitik Piłsudskis

Welchen Charakter hatte die Ostpolitik Piłsudskis in Wirklichkeit? Wie ist sie auszulegen? In der polnischen Historiographie gibt es drei grundlegende Interpretationen. Sie bedürfen einer kritischen Betrachtung.

1. Die Anhänger der ersten These meinten, Piłsudski sei ein „Föderalist“ gewesen, der den Wiederaufbau einer multinationalen Republik mit einem neuen, modernisierten politischen System, eine große Föderation, einen Vielvölkerstaat gewollt habe. In der polnischen Historiographie vertrat diese Ansicht als erster der polnische Historiker Marian K. Dziewanowski, der in Piłsudski einen „europäischen Föderalisten“ sah.53 Der deutsche Historiker Hans Roos, der Piłsudski als Befürworter eines multinationalen Polens ansah, schrieb, daß er in der Geschichte Polens „der letzte große Herrscher der Jagiellonischen Epoche“ war.54 Vertreter dieser These waren auch der polnische Ökonom und Sowjetologe Stanisław Swianiewicz55 sowie der Schriftsteller Józef Łobodowski, der über Piłsudski als „Erben der alten Jagiellonischen Republik schrieb“, deren Wesen es war, das Recht auf Selbstbestimmung für die Völker auf dem Gebiet der ehemaligen Republik zu erkämpfen. Kazimierz Okulicz, ein bekannter Publizist, schrieb wiederum, daß Piłsudski die große Vision einer multinationalen Föderation hatte, sie jedoch nicht zu verwirklichen vermochte, obwohl er „nah am Ziel“ war und „auf halbem Wege stehenbleiben mußte“.56 Ähnliche Ansichten formulierte kürzlich auch der Historiker Janusz Cisek.57

2. Anhänger der zweiten Interpretation betonen, daß Piłsudski ein politischer Realist gewesen sei, der nicht irgendeine Föderation wollte, sondern vor allem die Trennung der Ukraine von Rußland und ihre Bindung an Polen. Vor dem Zweiten Weltkrieg behauptete General Tadeusz Kutrzeba, daß das Wesen der Ostpolitik Piłsudskis die „Verselbständigung der Ukraine mit der Teilnahme von Kräften von außen“, also mit Hilfe Polens war, was jedoch mißlang, woran nicht die Konzeption Schuld hatte. Vielmehr handelte es sich um eine Folge vieler komplizierter Bedingungen.58 Nach dem Zweiten Weltkrieg formulierte und begründete der Diplomat und Historiker Tytus Komarnicki eine ähnliche These.59 Er betonte, daß die Ostkonzeptionen Piłsudskis realpolitischen Charakter hatten und ihnen kein politischer Idealismus anhaftete. Komarnicki erinnerte auch daran, daß die polnische Ostpolitik eine Antwort auf das sowjetische politische Programm war, welches sich auf das Prinzip der Selbstbestimmung der Völker und den Föderalismus berief, allerdings gemäß der Auffassung der kommunistischen Ideologie. Polen konnte es sich nicht leisten, hierbei passiv zu bleiben.60 Eine ähnliche Einstellung wie Komarnicki hatte mutatis mutandis auch Piotr Wandycz, Autor der bahnbrechenden Monographie Soviet-Polish Relations 1917–1921.61

3. In den letzten Jahren trat noch eine Ansicht in Erscheinung, allerdings eine sehr fragliche. Laut dieser Meinung sei Piłsudski ein zynischer Politiker gewesen, der ein Imperium aufbaute und möglichst viel an sich reißen wollte. Diese Interpretation stammt von Andrzej Nowak. Seine These führt jedoch zu der Schlußfolgerung, daß Piłsudski eigentlich der Ideengeber der Errichtung „des polnischen Imperiums“ war, nur daß seine Bemühungen sich aus verschiedenen Gründen als unwirksam erwiesen. 62

Keine dieser Interpretationen ist völlig überzeugend. Aus diesem Grunde wollen wir eine neue, eigene Interpretation liefern. Bei der Beantwortung der fundamentalen Frage, ob Piłsudski ein Föderalist war, sollte darauf hingewiesen werden, daß er als Staatsmann, wie jeder Politiker großen Formats, ein „maximales Programm“ und ein „minimales Programm“ hatte. Sicherlich glaubte er an das Gelingen des „maximalen Programms“, sonst hätte er es nicht verfolgt. Er war sich der Schwäche Polens bewußt, jedoch auch von der außerordentlichen Schwäche Rußlands überzeugt. Letzteres war von den Wirren der Revolution erschüttert, in einen schrecklichen Bürgerkrieg versunken und daher total erschöpft. Sollte das maximale Programm mißlingen, gab es immer noch das minimale Programm. Es sah die Sicherung strategischer Grundlagen im Osten im Falle eines sehr wahrscheinlichen neuen Konflikts mit Rußland vor.63 Aus diesem Grunde sagte Piłsudski im Frühling 1919 zu Władyslaw Baranowski, daß „man im Prinzip die Dmowski-Linie akzeptieren könnte, wenn sich andere Möglichkeiten nicht ergeben“.64

Das von Piłsudski vertretene Programm der „Nichtannexion“ im Osten hatte als politische Konzeption eine für Polens Image propagandistisch günstige Färbung und wurde aus diesem Grunde durch Regierungskreise verbreitet. Dieses Programm, das übrigens unpräzise als „föderalistisch“ bezeichnet wurde, fand einen treuen Befürworter in der Person des Premierministers der polnischen Regierung, Paderewski, während Piłsudski selbst kritisch und recht verächtlich über föderalistische Ideen und andere „Neuigkeiten“ sprach.65

Das wirkliche Ostprogramm Piłsudskis war pragmatisch, „nichtideologisch“ und auf geopolitisches Kalkül gestützt. Dies stellte sich deutlich im Herbst 1919 heraus, als eine ungeschriebene taktische Vereinbarung zwischen der polnischen und der sowjetischen Führung zustande kam. Das erleichterte den Bolschewiki, die „weiße“ Armee des Generals Anton Denikin im russischen Bürgerkrieg zu schlagen. Im Oktober 1919 erkannte Piłsudski bekanntlich, daß der Sieg der Bolschewiki im russischen Bürgerkrieg eine günstigere Alternative für Polen darstellte als der Sieg der Armee Denikins. Der bereits erwähnte Komarnicki schrieb, daß sich der polnische Staatschef damals „zweifellos der Schwäche des Bolschewismus bewußt war“.66 Er nutzte jedoch nicht die Gelegenheit, Polen in den russischen Bürgerkrieg zu verwickeln.

Es ist offensichtlich, daß Piłsudski kein derartiger „Föderalist“ war wie andere Theoretiker des Föderalismus in Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, z.B. Aurelian Popovici, der die Vision der Verwandlung Österreich-Ungarns in einen Bundesstaat wie die Vereinigten Staaten von Amerika skizzierte.67 Er befaßte sich nicht mit theoretischen Erwägungen auf eine solche Art und Weise wie Friedrich Naumann, dem die Vision des deutschen Mitteleuropas vorschwebte.68 Ihn faszinierte auch nicht der paneuropäische Gedanke, deren Förderer Richard Coudenhove-Kalergi69 und deren starker Befürworter der polnische Außenminister Aleksander Skrzyński war.70 Die Ideologie eines so aufgefaßten Föderalismus betrachtete Piłsudski als eine Art politischer Propaganda, die für die Öffentlichkeit bestimmt war. Piłsudski war ein Staatsmann, für den der Faktor der öffentlichen Meinung etwas Relatives blieb. Er achtete wenig darauf, wie seine Maßnahmen und Entscheidungen beurteilt werden. Er glaubte an die Wirksamkeit vollendeter Tatsachen in der Politik, in gerechter Sache. Er glaubte auch daran, daß die Stärke die ultima ratio jeder wirksamen Politik sei. Aus diesem Grunde sind alle Bemühungen, die darauf abzielen, Piłsudski in der breiten Perspektive der Geschichte des europäischen Föderalismus zu plazieren, irreführend und in hohem Maße künstlich. Sein politisches Gedankengut liefert keine Begründung dafür. In den Aussagen Piłsudskis kam der Begriff „Föderation“ nicht vor.71

Trotz all dieser Vorbehalte und entgegen manchen Behauptungen muß stark betont werden, daß Piłsudski tatsächlich die Befreiung der ukrainischen, litauischen und weißrussischen Völker wollte. Er war kein Imperialist, obwohl dem Zwischenkriegspolen ununterbrochen, von den Anfängen seiner Existenz, Imperialismus unterstellt wurde. Er wollte eine Rekonstruktion Mittel- und Osteuropas nach dem „nationalen Prinzip“. In ihr sah er nicht nur die Wirklichkeit des 20. Jahrhunderts, sondern auch ein Zeichen geschichtlicher Gerechtigkeit. 

* * *

Es ist bestimmt nicht einfach, eine kurze und bündige Beurteilung der polnischen Ostpolitik in den Jahren 1919–1921 zu liefern. Die maxima­listischen Ziele, die Józef Piłsudski formulierte, wurden nicht erreicht. Sie waren von Grund auf nicht real. Viel leichter ist es, verschiedene Ursachen des Mißerfolgs zu nennen. Hatte also Piłsudskis Vision einen Sinn und eine Begründung? Sollte man sie zu verwirklichen suchen? In der polnischen Historiographie gibt es keine einstimmigen Antworten auf diese wichtigen Fragen. Eine von ihnen gab Piotr Wandycz, als er schrieb, es sei ein riskanter Plan gewesen, aber auch wenn Pilsudski die Stärke Polens überschätzt habe, „war die Versuchung, die Richtung der letzten zwei Jahrhunderte der Geschichte umzukehren, sehr stark“.72 Eine völlig andere Meinung brachte Janusz Żarnowski, ein anderer polnischer Historiker, zum Ausdruck, als er darauf verwies, daß die polnische Militäroffensive im Osten nicht die einzige reale politische Alternative war, vor die Piłsudski und die polnische politische Führung im Jahre 1919 und 1920 gestellt waren. Żarnowski war der Ansicht, daß reale Möglichkeiten bestanden, Frieden zwischen Polen und Sowjetrußland zu schließen, so wie es die Regierungen der baltischen Staaten taten, die im Jahre 1920 Friedensverträge mit Rußland schlossen.73 Welche dieser Ansichten ist richtig?

Natürlich hat der Historiker das Recht auf seine eigene Beurteilung der historischen Wirklichkeit, aber bei der Suche nach der Antwort auf diese Frage sollte man nicht vergessen, was der herausragende polnische Geschichtswissenschaftler Henryk Wereszycki schrieb: „Der Historiker muß die historische Wirklichkeit mit den Augen der Menschen betrachten, die damals Entscheidungen trafen, regierten oder als Opposition die Regierungen beeinflußten. Alles andere sind Hirngespinste, denn die Zukunft ist für die Lebenden verdeckt, und wichtig ist nur, wie sie die Wirklichkeit des Augenblicks verstehen, in dem sie leben, und wie sie sich die nächste Zukunft vorstellen, die sie, wie es ihnen scheint, ansteuern“.74

Gab es also im Jahre 1919 reale Chancen, einen beständigen Frieden zwischen Polen und Sowjetrußland auszuhandeln? Das ist die Schlüsselfrage, aber man kann auf sie keine endgültige Antwort geben. Man kann jedoch vermerken, daß die Sowjets Polen nicht Frieden, sondern den Waffenstillstand anboten, und auch nicht anboten, die Grenze festzulegen, sondern lediglich eine Demarkationslinie zu ziehen.75 Piotr Wandycz erinnerte also mit Recht daran, daß der Friede mit dem „bürgerlichen Polen“ in der sowjetischen Auffassung ein „revolutionärer Friede“ sein sollte.76 Man sollte auch die Pläne der bewaffneten Angriffshandlungen gegen Polen nicht vergessen, die in dieser Zeit vom Generalstab der Sowjetarmee vorbereitet wurden.77 Weiterhin muß hinzugefügt werden, daß der polnische Staat von der sowjetischen Führung als ein ernsthaftes Hindernis bei der Expansion des kommunistischen Systems betrachtet wurde.

Die Verwirklichung des föderalistischen Programms, wie es auch in Einzelheiten verstanden werden mochte, das jedoch die Trennung der Ukraine und Weißrußlands von Rußland sowie die Bindung des unabhängigen Litauens an Polen annahm, erforderte die Erfüllung einiger Bedingungen, die Piłsudski nicht zu erfüllen vermochte. Erstens bedurfte sie eines viel größeren militärisch-wirtschaftlichen Potentials, zweitens hätte die polnische Gesellschaft von der Notwendigkeit des Krieges gegen Rußland im Herbst 1920 überzeugt werden müssen. Damals jedoch gab es einen dramatischen Mangel an nationalem Konsens über die Grundziele der Außenpolitik und einen nicht weniger starken Mangel an gesellschaftlicher Einwilligung in die Fortsetzung des Krieges.78 Drittens war die Unterstützung der westlichen Mächte für eine solche Politik erforderlich, was wiederum unmöglich war, denn in London, vor allem jedoch in Paris herrschte die Überzeugung, daß nach dem Zusammenbruch des Bolschewismus die Wiedergeburt des „nationalen Rußlands“ erfolgen würde und aus diesem Grunde das Territorium Rußlands nicht zugunsten neuer staatlicher Schöpfungen verkleinert werden sollte.

Nach dem Mißlingen der „föderalistischen Konzeption“ wurden im polnischen politischen Denken drei große Ziele der polnischen Außenpolitik formuliert: (1) die Neutralität zwischen Deutschland und Rußland; (2) das Schließen und die Aufrechterhaltung eines Bündnisses mit Frankreich; (3) die Idee, einen Block in Mittel- und Osteuropa zu errichten; dieser Vision entstammte das Programm des „Zwischenmeeres“, dem Piłsudskis Schüler, Józef Beck, Außenminister in den Jahren 1932 bis 1939, die Gestalt der Konzeption des „Dritten Europas“ verlieh.79

Es ist nicht gelungen diese Aufgaben zu lösen. (1) Das wiedergeborene Polen wurde keine wirksame „Barriere“ zwischen Deutschland und Rußland. (2) Es wurde auch nicht eine den Osten und den Westen verbindende „Brücke“. (3) Der polnische Staat der Zwischenkriegszeit wollte hingegen ein Neutralitätsfaktor zwischen Hitlerdeutschland und dem bolschewistischen Rußland bleiben, und es war diese programmatische Idee, die die Außenpolitik bis 1939 prägte. (4) Um „die dritte Kraft“ („Drittes Europa“) zwischen Deutschland und Rußland zu schaffen, war Polen einerseits zu schwach, andererseits hätte dies eine grundlegende Änderung des Kräfteverhältnisses in Mittel- und Osteuropa erfordert.

Ein polnischer Historiker sollte noch zwei Fragen beantworten: War Józef Piłsudski ein moderner oder ein altmodischer Politiker? War er ein antirussischer Politiker?

Man kann versuchen, in Piłsudski einen Epigonen der polnischen Romantik zu sehen, und eine solche Anschauung ist verbreitet. Carlo Sforza, der Piłsudski „einen anachronistischen Diktator“ nannte, brachte anscheinend nicht nur seine eigene Meinung zum Ausdruck.80 Sforza war sehr über die große Rolle der Geschichte im Leben des wiederaufgebauten Polens verwundert. Piłsudski war in seinen Augen ein Mensch des 19. Jahrhunderts, für den die moderne Realität des 20. Jahrhunderts fremd und unverständlich zu sein schienen. Piłsudski war ein Anführer, der in der Aura der polnischen Romantik, des Kults um die Aufstände und des adligen Ehrenethos aufgewachsen war. Er war ein Politiker, der das politische Handeln im Maßstab des 19. Jahrhunderts begriff. Darin steckt natürlich viel Wahres.

Der polnische Historiker Andrzej Nowak, der an der Auseinandersetzung über die Ideen von Piłsudski teilnahm, meinte, dieser habe an „den Aufbau des Imperiums“ gedacht, was ein Begriff des 19. und nicht des 20. Jahrhunderts gewesen sei. Er behauptete auch, daß Piłsudski die großen Modernisierungsprozesse des 20. Jahrhunderts nicht verstanden habe. „Die Welt der Modernisierung und Globalisierung, die Welt der Mechanismen und Anforderungen der Zusammenarbeit, die den Willen eines großen Individuums und die Souveränität kleinerer Staaten beschränkte“, diese Welt war ihm fremd. Piłsudski „wollte sich gegen sie wehren“ und „ein spezifisches Imperium“ errichten.81 Das alles stimmt. Die Schlußfolgerung jedoch, daß Piłsudski das 20. Jahrhundert nicht verstand, ist nicht überzeugend.

Die Wahrheit über Piłsudski ist viel komplizierter, und sie läßt sich in kein einfaches Schema hineinzwängen. Piłsudski unterschätzte bestimmt die Macht der Nationalismen, sowohl des polnischen als auch den der „jungen Völker“ Osteuropas. Sein Konzept der Selbstbestimmung der Völker Osteuropas enthielt jedoch sicherlich mehr Realismus als alle Konzeptionen der Inkorporation der Ostgebiete, die in Polen die Anhänger Dmowskis predigten. Piłsudski als Politiker war sich der kommenden Bedrohungen bewußt, und das muß man ihm in jeder gerechten historischen Beurteilung zugestehen. Er war sich auch der Schwäche Polens bewußt. Im Januar 1926 äußerte er offen die Meinung, daß die unabhängige Existenz des wiedergeborenen Polens nicht besiegelt sei, Polen könne erneut von der Landkarte Europas verschwinden, denn die Nachbarn (die ehemaligen Teilungsmächte) würden sich nicht mit seinem Wiederaufbau und seiner internationalen Bedeutung abfinden.82 Man muß zugeben, daß diese Feststellung von seinem profunden politischen Realismus zeugt.

Wie war die Einstellung Piłsudskis zu den Russen und zu Rußland?

„Gegenüber Rußland wies Marschall Piłsudski, obwohl er seine Abneigung gegen russische Regierungen, seien es zaristische oder auch kommunistische, nicht verbarg, eine entschiedene Bestrebung auf, gutnachbarliche Beziehungen zu wahren, nach dem Prinzip des gegenseitigen Respekts der Gesetze und der politischen Systeme in diesen beiden Ländern. Für das russische Volk als solches empfand Piłsudski sogar eine gewisse Sympathie“, schrieb Leon Mitkiewicz, Offizier des Generalstabs und Diplomat.83 Ähnlich formulierte es Botschafter Michał Sokolnicki, Diplomat und Historiker, der dem Piłsudski-Lager angehörte, als er in seinem Essay „Józef Piłsudski und Rußland“ schrieb, daß der polnische Anführer „kein Feind Rußlands war“.84 Natürlich ist diese Ansicht begründet, denn der Marschall verweigerte Rußland nicht das Recht auf Existenz, aber friedliche polnisch-russische Beziehungen waren für ihn nur unter der Bedingung möglich, daß Moskau das Prinzip der Unabhängigkeit der nichtrussischen Völker an den westlichen Grenzen des Imperiums, vor allem der Ukraine, anerkannte. Das wiederum war unmöglich, und Piłsudski war sich dessen bewußt.

Piłsudskis Schlüsselpostulat war die Idee der Selbstbestimmung Polens in Europa. „Vor Polen steht [...] eine große Frage. Soll es ein Staat sein, der gleichrangig ist mit den Großmächten der Welt, oder soll es ein kleiner Staat sein, der der Hilfe der Großen bedarf? Diese Frage hat Polen noch nicht beantwortet“, sagte Piłsudski.85 In seinen Konzeptionen sollte Polen eine selbständige Rolle spielen. Auf diese Annahme stützte sich die Außenpolitik, deren Grundlagen er festlegte. Józef Piłsudski und seine Konzeptionen kann man nicht verstehen, ohne an ein Grundpostulat zu erinnern: All diesen Konzeptionen lag die von allen Richtungen des polnischen politischen Gedankenguts geteilte86 und fest verankerte These zugrunde, daß Polen ein starker Staat sein müsse, andernfalls würde es ihn überhaupt nicht geben. Es sollte ein „großer Staat“ sein.87 Das hieß für Polen, sich im Falle der Umzingelung durch feindliche Mächte wirksam wehren zu können.

Das wiedergeborene Polen wollte sich mit dem Status eines kleinen Staates als Werkzeug in den Händen der Großmächte nicht abfinden. Im polnischen politischen Denken nahm die Idee des Großen Polens, das de facto eine „regionale Großmacht“ sein sollte, einen wichtigen Platz ein. Hier dachten Piłsudski und sein politischer Hauptwidersacher Roman Dmowski ähnlich. Auch letzterer sah keine Zukunft für Polen „zwischen Deutschland und Rußland“, wenn es nicht ein ausreichend starker Staat wäre. Darin steckte das Hauptdilemma der Außenpolitik des polnischen Staates, unabhängig von personellen Bedingtheiten und innenpolitischen Differenzen.

Obwohl sie unterschiedlicher politischer Meinung waren, waren Józef Piłsudski und Roman Dmowski sich doch darin einig, daß es in Mitteleuropa keinen Platz für ein schwaches, kleines und abhängiges Polen gebe. Sehr eindeutig äußerte sich Marian Zdziechowski dazu: „Die Konzeption eines bescheidenen, kleinen Polens, kleiner als sein ethnographisches Gebiet und mit ruhiger Arbeit beschäftigt, bemüht, die vom Krieg und der Revolution angerichteten Schäden zu beseitigen, diese Konzeption unserer Pessimisten, ließe sich logisch begründen und nur in diesem Falle aufrechterhalten, wenn man durch irgendein Wunder dieses Polen irgendwo weit weg verlegen könnte und es zwischen Schweden und Norwegen oder Spanien und Portugal anbringen könnte“88.

Eine Änderung dieser Meinungen vollzog sich erst infolge des Zweiten Weltkriegs. Der bereits verstorbene, hervorragende polnische Historiker Henryk Wereszycki bemerkte am dreißigsten Jahrestag des Kriegsausbruchs im Jahre 1969:

 

[…] wir sind jetzt eine Nation, die, anders als früher, die wichtigsten national-gesellschaftlichen Angelegenheiten betrachtet. […] Damit das jedoch eintrat, bedurfte es der schrecklichen Niederlage im September 1939. Diese Katastrophe überzeugte uns endlich davon, daß wir keine Großmacht sind und es auch nicht sein können.89

 Erst der Zweite Weltkrieg, schrieb Wereszycki, habe den Polen eine Lektion erteilt, die ihnen bewiesen habe, daß sie nicht imstande seien, ein Staat zu sein, der, gleich den Großmächten, eine große Politik betreibt.

 

[…] wenn wir nicht das Gefühl verlieren wollen, daß wir eine große Nation sind, dann dürfen wir eine Bestätigung dafür nicht dort suchen, wo sie vor September 1939 gesucht wurde. Wir sollten nach dem Schaffen solcher Werte streben, die nicht vom Status einer Großmacht, sondern von dem Besitz einer großen nationalen Kultur abhängig sind, was auch für einen kleinen Staat erreichbar ist […]. Wir sind es der Größe des nationalen Ideals und der Größe der von den vorhergehenden Generationen erbrachten Opfer schuldig.90

 So verstand Wereszycki die Lehre des Zweiten Weltkriegs und suchte neue Horizonte.

Die für die polnische Nation enorme psychologische Erschütterung des Zweiten Weltkrieges übte zweifelsohne einen Einfluß auf die polnische Identität und das politische Denken des Landes aus.91 Diese Erschütterung bettete die Grundfragen der Historiographie in neue Bedingungen ein. Sie ermöglichte es, das 19. Jahrhundert, das lange Bündnis der Teilungsmächte, neu zu betrachten. Die Gründer der Pariser Exilzeitschrift Kultura, Jerzy Giedroyc und Juliusz Mieroszewski, versuchten Schlußfolgerungen aus der großen Erschütterung, die der Zweite Weltkrieg für Polen wurde, zu ziehen. Im Artikel „Na ruinach ‚przedmurza‘“ [Auf den Trümmern der „Vormauer“] aus dem Jahre 1962 schrieb Mieroszewski, daß „wir selbst aus der Isolation unserer jahrhundertelangen Traditionen heraus müssen, wenn wir den Völkern der Sowjetunion helfen wollen, aus ihrer Isolation herauszukommen“.92

Er versuchte zu überzeugen, daß die Vorstellung von Polen als „Vormauer“ der westlichen Zivilisation von den Polen definitiv aufgegeben werden sollte, daß man sie durch die Vorstellung von Polen als „Brücke“ zwischen den Völkern der UdSSR und Westeuropa ersetzen sollte. Wir sind eine „deklassierte Nation“, schrieb Mieroszewski in einem anderen Text aus dem Jahre 1955.93 Er war auch der Urheber der „ULB-Konzeption“, also der Idee von einer Zusammenarbeit der Polen mit den Völkern der Ukraine, Litauens und Weißrußlands Er erkannte an, daß es nie ein wirklich freies Polen geben würde ohne die Befreiung dieser Völker. Das bahnbrechende Gedankengut der Kultura, das an das Erbe Piłsudskis anknüpfte, jedoch die bisherigen Schemata durchbrach, entstand auf der Grundlage der Niederlage der bisherigen Konzeptionen. Die Herausgeber der Kultura strebten nach einer Normalisierung der polnisch-ukrainischen, polnisch-weißrussischen und polnisch-litauischen Beziehungen, und zwar auf einer völlig gleichberechtigten Basis. Sie waren davon überzeugt, daß Polen sich davon befreien müsse, diese Völker von oben herab zu betrachten. Dieser dann durch die Herausgeber der Kultura initiierte Paradigmenwechsel stellte eine der wichtigsten Lehren dar, die die politischen Denker Polens aus den dramatischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts gezogen haben.



[1] Piłsudski war Staatschef, das Amt des Präsidenten der Republik wurde erst von der Verfassung vom 17. März 1921 eingeführt, kraft deren der Präsident im Dezember 1922 zum ersten Mal gewählt wurde.

[2] Sforza, Carlo: Makers of Modern Europe (polnische Ausgabe: Twórcy nowej Europy, Katowice 1934, S. 337 und 341).

[3] Es gibt drei polnische Biographien Piłsudskis: Jędrzejewicz, Wacław: Piłsudski: A Life for Poland (New York 1982); Garlicki, Andrzej: Józef Piłsudski 1867–1935 (Warszawa 1990) und Włodzimierz Suleja, Józef Piłsudski (Wrocław 1995).

[4] Siehe Wandycz, Piotr S.: Partitions of Poland and the Diplomacy of the Partitioning Powers (Some Reflections on the Bicentenial of 1772), in: Erlich, V. (Hrsg.): For Wiktor Weintraub. Essays in Polish Literature, Language and History presented on the Occasion of His 65-th Birthday. The Hague-Paris 1975, S. 559–570. Dazu ausführlich auch Serejski, Marian Henryk: Europa a rozbiory Polski. Studium historiograficzne. Warszawa 1970.

[5] Die Anerkennung des „esprit national“ auf dem Gebiet des ehemaligen Königreichs Polen ist im preußisch-russischen Abkommen vom 3. Mai 1815 eingetragen (Lutostański, K. [Hrsg.]: Les Partages de la Pologne et la lutte pour l’indépendence. Recueil des actes diplomatiques, traités et documents concernant la Pologne, Bd. 1. Paris 1918, S. 397).

[6] So hat auch der deutsche Publizist Franz Oertzen sein Buch überschrieben: Alles oder Nichts. Polens Freiheitskampf in 125 Jahren. Breslau 1934.

[7] Ausführlich zu diesem Programm Nowak, Andrzej: Jak rozbić rosyjskie imperium? Idee polskiej polityki wschodniej (1733–1921). Kraków 1999, S. 317–356.

[8] Diese Worte bekam der deutsche Diplomat Graf Harry Kessler von Aleksander Kakowski, dem Warschauer Erzbischof, im November 1918 zu hören (Graf Kessler, Harry: Tagebücher 1918–1937. Politik, Kunst und Gesellschaft der zwanziger Jahre. Frankfurt/Main 1961, S. 46).

[9] Derartigen Meinungen begegnen wir oft in Meldungen, Berichten und Erinnerungen ausländischer Diplomaten aus dieser Zeit. Italienische Ansichten führt Jerzy Borejsza an: Piłsudski i Sikorski w oczach oficerów włoskich, in: ders., Mussolini był pierwszy. Warszawa 1989, 2. Ausgabe, S. 167.

[10] Hausmann, Kurt Georg: Piłsudski und die Mission des Grafen Kessler in Polen. Ein Fragment deutsch-polnischer Beziehungen im November/Dezember 1918, in: Boockmann, H./Jürgensen, K./Stoltenberg, G. (Hrsg.): Geschichte und Gegenwart. Festschrift für Karl-Dietrich Erdmann. Neumünster 1980, S. 233–273.

[11] Sokolnicki, Michał: Przedmowa, in: ders., Polska w pamiętnikach Wielkiej wojny 1914–1918. Warszawa 1925, S. XI.

[12] Dem im Jahre 1928 in Moskau weilenden General Werner von Blomberg wurde von Kliment Vorošilov versichert, daß die Sowjetunion Polen im Falle eines Krieges zwischen Deutschland und Polen vom Osten her angreifen würde. Siehe Carsten, Francis: Reports by Two German Officers on the Red Army, in: The Slavonic and East European Review, Bd. 41, Nr. 4, 1962, S. 217–244. Vgl. auch einen anderen Beitrag desselben Autors: Reichswehr und Politik 1918–1933. Köln-Berlin 1966.

[13] Es gibt drei polnische Biographien Roman Dmowskis: von Andrzej Micewski (1972), Roman Wapiński (1988) und Krzysztof Kawalec (1996). Alle drei widmen Dmowskis Konzeptionen der territorialen Gestalt des polnischen Staates viel Platz.

[14] Hausmann, Kurt Georg: Dmowskis Stellung zu Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg, in: Zeitschrift für Ostforschung, Bd. XIII/1–2, 1964, S. 56–91.

[15] Konopczyński, Władysław: Historia polityczna Polski 1914–1939. Warszawa 1995, S. 72.

[16] Grabski, S.: Uwagi o bieżącej historycznej chwili Polski. Warszawa 1923, S. 153.

[17] Ebd., S. 155.

[18] Wandycz, P.S.: Dmowski’s Policy At the Paris Conference: Success or Failure?, in: Latawski, P.: (Hrsg.): The Reconstruction of Poland, 1914–1923. London 1992, S. 117–132.

[19] Die Monographie von Andrzej Nowak, Piłsudski i „trzy Rosje. Studium polityki Józefa Piłsudskiego. Kraków 2001 ist die bisher wichtigste Leistung auf diesem Gebiet.

[20] Rede am 3. Februar 1921 in Paris, auf einem Empfang bei Präsident Alexandre Millerand (Siehe Piłsudski, Józef: Pisma Zbiorowe. Warszawa, Bd. V, S. 184).

[21] Świtalski, K.: Diariusz 1919–1935, bearb. A.Garlicki und R. Świętek. Warszawa 1992, S. 98 (Eintragung vom 14. September 1921).

[22] Das sagte Piłsudski im Februar 1919 Władysław Baronowski, einem seiner Berater, siehe Baranowski, W.: Rozmowy z Piłsudskim. Warszawa 1931, S. 115.

[23] Piłsudski, Józef: Rok 1920, in: Pisma zbiorowe, Bd. VII. Warszawa 1937, S. 151.

24 Józef Piłsudski, (Artikel in der Untergrundzeitschrift der Polnischen Sozialistischen Partei PPS Walka).

25 „Diariusz” von Michał Kossakowski, Biblioteka PAN/Warszawa, Sign. 4 (Rok 1922), Bd. 1 (Aussage von Marschall Piłsudski vom 21. April 1922).

26 Archiwum Akt Nowych, Botschaft in Washington, Sign. 208.

27 Marian Kukiels Rezension des Buches von Tytus Komarnicki, Rebirth of the <st1:place w:st="on"> <st1:PlaceName w:st="on"> Polish </st1:PlaceName> <st1:PlaceType w:st="on"> Republic </st1:PlaceType> </st1:place> . A Study in the Diplomatic History of Europe 1914–1920. London 1957, in: Teki Historyczne, Bd. VIII, 1956/57, S. 175.

28 Diese Warnungen bestätigte Horace Rumbold in seinem Schreiben vom 31. Januar 1920 an den Staatsuntersekretär im polnischen Außenministerium Zdzisław Okęcki (AAN, Piltz-Akte, Sign. 32).

29 Piłsudski glaubte nicht an die Aufrichtigkeit dieser sowjetischen Vorschläge und hielt sie wohl für eine taktische Maßnahme, um die Offensive gegen Polen vorzubereiten (siehe Wasilewski, Leon: Józef Piłsudski jakim go znałem. Warszawa 1935, S. 209).

30 Patek, Stanisław: Wspomnienia ważkich okresów pracy. Warszawa 1938, S. 20.

31 Formulierung aus der Anweisung des polnischen Außenministeriums an die Gesandtschaft in Paris vom 14. Mai 1920 (Archiwum Akt Nowych, Piltz-Akte, Sign. 32).

32 Zit. nach Fischer, Louis: The Soviets in World Affairs. A History of the Relations between the Soviet Union and the Rest of the World 1917–1929. New York 1951 (1. Ausgabe London 1930), S. 172.

33 Fisher, Harold H.: America and the New Poland. New York 1928, S. 249.

34 George, David Lloyd: Truth About the Peace Treaties. London 1938, Bd. 1, S. 309.

35 Über diese Frage die Studie von Komarnicki, Tytus: Józef Piłsudski a polityka wielkich mocarstw zachodnich, in: Niepodległość, Bd. 4, 1952 (herausgegeben als Buch, London 1952).

36. Zit. nach Wandycz, P.: Polska w polityce międzynarodowej, in: ders., Z dziejów dyplomacji. London 1988, S. 7.

37 Eine ausgeglichene Interpretation lieferte Wandycz, Piotr S.: Polish-Soviet Relations 1917–1921. Cambridge/Mass. 1969, S. 279–290. Siehe auch: ders., The Treaty of Riga its significance for interwar Polish Foreign Policy, in: Essays on Poland’s Foreign Policy, 1918–1939, ed. by T. Gromada. New York 1970, S. 31–36. Es gibt auch die Monographie von Kumaniecki, Jerzy: Pokój polsko-radziecki 1921: geneza, rokowania, traktat, komisje mieszane. Warszawa 1985, sowie die Erinnerungen des Vorsitzenden der polnischen Delegation während der Verhandlungen in Riga, Dąbski, Jan: Pokój ryski. Wspomnienia, pertraktacje, tajne układy z Joffem, listy. Warszawa 1931.

38 Über ihr Schicksal: Iwanow, Mikołaj: Pierwszy naród ukarany: Polacy w Związku Radzieckim 1921–1939. Wrocław 1991.

39 Komarnicki, Tytus: Józef Piłsudski a polska racja stanu. London 1968, S. 11.

40 Wasilewski, Leon: Józef Piłsudski jakim go znałem. Warszawa 1936, S. 212.

41 Leinwand, A./Molenda, J. (Bearb.): Protokoły Rady Obrony Państwa, in: Z Dziejów Stosunków Polsko-Radzieckich. Studia i Materiały, Bd. I, 1965, S. 272.

42 Das Józef-Piłsudski-Institut in New York, Akten der Generaladjutantur der Obersten Heeresleitung, Schachtel 120 (als Sapieha diese Worte schrieb, kommentierte er die Vorbeschlüsse des Rigaer Friedens, der endgültige Friedensvertrag war noch nicht geschlossen).

43 Wasilewski, Leon: Granica polsko-sowiecka, in: Przegląd Polityczny, Bd. 1, Heft 7, 1924, S. 333.

44 Tommasini, Francesco: Odrodzenie Polski, S. 133.

45 Diese Frage erörtern Tomaszewski, Jerzy: Ojczyzna nie tylko Polaków: mniejszości narodowe w Polsce w latach 1918–1939. Warszawa 1985, und Chojnowski, Andrzej: Koncepcje polityki narodowościowych rządów polskich 1921–1939. Wrocław 1979.

46 Sukiennicki, Wiktor: From Foreign Domination to National Independence. East Central Europe during the First World War, ed. M. Siekierski, pref. C. Miłosz, vol. 1–2. Boulder (Colorado) 1988, vol. 1, S. 215–216.

47 Keynes, John M.: Economic Consequences of the Peace. London 1919.

48 Jacques Bainville, Les conséquences politiques de la paix, Paris 1920, S. 172–173.

49 Nitti, Francesco: L’Europe sans paix. Paris 1923, S. 335.

50 Eisenmann, Louis: La Question de Teschen, in: La Vie des Peuples, Vol. I, 1920, S. 837.

51 Einen solchen Begriff schlug Andrzej Nowak vor: Stosunki polsko-rosyjskie i polsko-sowieckie (1919–1921) a ład wersalski, in: Od Wersalu do Poczdamu. Sytuacja międzynarodowa Europy Środkowo-Wschodniej 1918–1945, (Red.) A. Koryn. Warszawa 1996, S. 30–42. Dies ist nicht unbegründet.

52 Natürlich wäre die Einstellung Deutschlands zu einer eventuellen Niederlage Polens von der internationalen Lage abhängig gewesen. Die Einstellung der Reichsregierung, die am 20. Juli 1920 formal Neutralität gegenüber dem polnisch-sowjetischen Krieg erklärte, sollte man als abwartend ansehen (siehe Wagner, Gerhard: Deutschland und der polnisch-sowjetische Krieg 1920. Wiesbaden 1979); neue wichtige Dokumente zu dieser Frage veröffentlichte Jonca, Karol: Wojna polsko-sowiecka w dokumentach niemieckiej dyplomacji. Wrocław 2002.

53 Dziewanowski, Marian Kamil: Piłsudski’s Federal Policy, 1918–1921, in: Journal of Central European Affairs, Vol. 10, no 2–3 July-October 1950, S. 113–128, 271–287, sowie ders., Joseph Piłsudski: A European Federalist. Stanford 1969.

54 Roos, Hans: Polen und Europa. Studien zur polnischen Außenpolitik 1931–1939. Tübingen 1957, S. 223.

55 Swianiewicz, Stanisław: Niezrealizowane plany Piłsudskiego, in: Kultura, Nr. 5, 1960, S. 3–9.

56 Okulicz, Kazimierz: Józef Piłsudski 1867–1935, in: Libertas, Nr. 4, 1985, S. 58.

57 Cisek, Janusz: Kilka uwag o myśli federacyjnej Józefa Piłsudskiego, in: Międzymorze, Polska i Kraje Europy Środkowo-Wschodniej. 19–20. Jh. Studia ofiarowane Piotrowi Łossowskiemu w siedemdziesiątą rocznicę urodzin. Warszawa 1995, S. 91–100.

58 Kutrzeba, Gen. Tadeusz: Wyprawa kijowska 1920 roku. Warszawa 1937, S. 345.

59 Komarnicki, Tytus: Józef Piłsudski a polityka wielkich mocarstw zachodnich, passim. Siehe auch Cieniała, Anna M./Komarnicki, T.: From Versailles to Locarno. Keys to Polish Foreign Policy 1919–1925. Kansas 1984.

60 Komarnicki, Tytus: Józef Piłsudski polityka wielkich mocarstw zachodnich, S. 47.

61 Wandycz, Piotr S.: Polish-Soviet Relations 1917–1921. Cambridge Mass. 1969.

62 Es geht um zwei Artikel von Nowak, Andrzej: Odnowiona Rzeczpospolita, odnowione imperium? – Walka o granice 1918–1921 sowie Wizja polityczna Józefa Piłsudskiego, in: ders., Historia politycznych tradycji. Piłsudski, Putin i inni. Kraków 2007, S. 179–203 und 204-220.

63 „Strategische Argumente“ in Hinsicht auf die Ostgrenze sammelte und formulierte als erster der Generalstabschef der polnischen Armee General Tadeusz Rozwadowski; das Memorandum legte er dem Ministerrat im August 1919 vor (Rej, Mikołaj: Memoriał gen. Tadeusza Rozwadowskiego w sprawie granic Polski, in: Przegląd Współczesny, Bd. 31, 1929, S. 414–433).

64 Baranowski, op. cit. S. 124.

65 Darauf verwies erst Janusz Żarnowski in der Ankieta historyczna: Wojna polsko-bolszewicka 1919–1920 – alternatywy i konsekwencje, in: Arcana, Nr. 35, 5/2000, S. 35.

66 Komarnicki, Tytus: Piłsudski a polityka wielkich mocarstw zachodnich, S. 46.

67 Popovici, A.: Die Vereinigten Staaten von Groß-Österreich. Politische Studien zur Lösung der nationalen Fragen und Staatsrechtlichen Krisen in Österreich-Ungarn. Leipzig 1906.

68 Naumann, Friedrich: Mitteleuropa. Berlin 1915.

69 Pan-Europa, Wien 1923.

70 Er hatte das Amt in den Jahren 1922–1923 und 1924–1926 inne.

71 Łobodowski, Józef: Koncepcje wschodnie Piłsudskiego, in: Wiadomości, Nr. 949, 7. Juni 1964.

72 Wandycz, P.S.: Polish Diplomacy 1914–1945: Aims and Achievements. London 1988, S. 68.

73 Wojna polsko-bolszewicka 1919–1920-alternatywy i konsekwencje, S. 38-39.

74 Wereszycki, Henryk: Sojusz trzech cesarzy. Geneza 1866–1872. Warszawa 1965, S. 332.

75 Wandycz, Piotr S.: Polish-Soviet Relations 1917–1921, S. 146–189.

76 Ebd., S. 188.

77 Darüber ausführlich Nowak, Andrzej: Polska w strategii Lenina: studium polityki realnej (1918-1920), in: Arcana, Nr. 35, 2000, S. 74–88.

78 In der polnischen Historiographie überwiegt die Ansicht, daß Polen diesen Krieg nicht fortsetzen konnte, es gibt jedoch auch andere Meinungen, die besagen, daß Polen zu schnell einen territorialen Vergleich mit Sowjetrußland auf Kosten der „ukrainischen Frage“ schloß. Diese letzte Meinung vertritt Jan Jacek Bruski in: Wojna polsko-bolszewicka 1939–1920-alternatywy i konsekwencje, S. 57–62.

79 Siehe Roos, Polen und Europa, S. 273ff.

80 Eine ähnliche Aussage stammt von dem polnischen Diplomaten Kajetan Morawski: Tamten brzeg. Wspomnienia i szkice. Paryż 1960.

81 Nowak, Andrzej: Wizja polityczna Józefa Piłsudskiego, in: ders., Historie politycznych tradycji. Piłsudski, Putin i inni. Kraków 2007, S. 220.

82 Wielka deklaracja Marszałka Piłsudskiego, in: Głos Prawdy, Nr. 129, 27. Februar 1926, S. 119. Einen eingehenden Kommentar zur Äußerung des Marschalls gibt Zachariasz, Michał J.: Polska wobec zmian w układzie sił w Europie 1932/1936. Wrocław 1981.

83 Mitkiewicz, Leon: Pierwszy Marszałek Polski Józef Piłsudski, Biblioteka Polska w Paryżu, Akcesja, Sign. 3177, S. 16.

84 Sokolnicki, Michał: Józef Piłsudski a zagadnienie Rosji, S. 69–70.

85 Zitiert nach Życki, Jerzy: Propaganda polityczna w Polsce w świetle postulatów chwili. Warszawa 1937, S. 34.

86 Natürlich mit Ausnahme der Kommunisten.

87 Siehe Kawalec, Krzysztof: Spadkobiercy niepokornych. Dzieje polskiej myśli politycznej 1918–1939. Wrocław 2000, S. 23–26. Siehe auch Kornat, Marek: „Polityka równowagi“ (1934–1939). Polska między Wschodem a Zachodem. Kraków 2007, S. 60–126.

88 Zdziechowski, M.: Europa, Rosja, Azja. Szkice polityczno-literackie. Wilno 1922, S. 230.

89 Wereszycki, Henryk: Myśli o Polsce po trzydziestu latach, in: ders., Niewygasła przeszłość. Kraków 1987, S. 404–415.

90 Wereszycki, op. cit., S. 414–415.

91 Diesbezüglich wertvolle Überlegungen von Pasztor, Maria: Druga wojna światowa, świadomość narodowa Polaków a doświadczenie komunizmu, in: Cała historia to dzieje ludzi … Studia z historii społecznej ofiarowane profesorowi Andrzejowi Wyczańskiemu w 80-tą rocznicę urodzin i 55-lecie pracy naukowej, Red. Cezary Kuklo. Białystok 2004, S. 399–406.

92 Mieroszewski, J.: Na ruinach „przedmurza“, in: Kultura, Nr. 5, 1962, S. 108.

93 Mieroszewski, J.: Polityka narodów zdeklasowanych (zit. nach  Mieroszewski, J.: Finał klasycznej Europy, bearb. R. Habielski. Lublin 1997, S. 162).

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