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07.10.14

Ohnmacht des Westens? Anmerkungen zu einer strittigen These

Bernd Ulrich vertrat vor kurzem in der „ Zeit“ folgende These: „So schwach wie heute war (der Westen) noch nie. Was überraschend ist, wenn man bedenkt, dass der vermeintliche Höhepunkt westlicher Macht gerade mal ein Vierteljahrhundert zurückliegt“.[1] Diese Aussage provoziert zum Widerspruch. Der Autor lässt nämlich die Tatsache außer Acht, dass die westlichen Demokratien im Verlaufe des letzten Jahrhunderts bereits eine Periode erlebt hatten, in der ihre Lage noch prekärer war als heute. Es handelte sich dabei bekanntlich um die europäische Krise der 1930er Jahre, die mit einer beispiellosen Identitätskrise des Westens verbunden war.


Die Krise der 1930er Jahre brach nicht über Nacht aus. Sie bahnte sich schon vorher an, und ihre Symptome waren bereits in den 1920er Jahren sichtbar. Besonders sensibel reagierten auf diese Vorboten der Krise russische Emigranten. Sie begriffen, dass die bolschewistische Revolution und der durch sie ausgelöste russische Bürgerkrieg von 1918-1921 lediglich den ersten Akt eines allgemein europäischen Zivilisationsbruchs darstellten, und versuchten die Öffentlichkeit in ihren jeweiligen Gastländern vor der sich anbahnenden Katastrophe zu warnen.

Der russische Philosoph Semen Frank, der 1922 auf dem sogenannten „Philosophenschiff“ sein Heimatland verlassen musste, schrieb 1923 in seinem Berliner Exil Folgendes: „Auch Europa raucht und schwelt und vermag nicht dieses unterirdische Glimmen zu löschen … Wie wenig Anzeichen gibt es inmitten dieses allgemeinen Chaos und Verfalls für ein geistiges Verständnis des Lebens und ein Streben nach wirklicher geistiger Erneuerung“.[2]

Wie Schiffsbrüchige suchten die russischen Emigranten nach der Katastrophe, die sie in ihrem Heimatland erlitten hatten, Trost bei den Westeuropäern. Diese Begegnung führte aber zu einer maßlosen Enttäuschung. Frank schreibt: „Wir fühlten uns unter den Europäern wie Sokrates unter seinen Landsleuten, bei denen er etwas lernen wollte, bis er erkannte, dass er weiser als alle anderen war, weil er, ohne etwas zu wissen, sich zumindest über sein Nichtwissen im Klaren war“.[3]

Ähnlich pessimistisch klangen die Worte des Exilhistorikers Georgij Fedotov. Im Jahre 1928 – die „goldenen 20er Jahre“ waren  damals noch in voller Blüte – schrieb er mit Sorge, dass der moderne Europäer den Wert der Freiheit immer weniger schätze: „Er verrät die Freiheit auf Schritt und Tritt – in der Politik, im gesellschaftlichen Leben, in der Religion. Die Freiheit stellt für ihn einen diskreditierten Begriff dar, ein Symbol der Ohnmacht und der bürgerlichen Anarchie“.[4]

Noch andere Eigenschaften des modernen Europäers fielen Fedotov auf. Dies war vor allem sein Hang zum Kollektivismus: „Jede Organisation verlangt vom jeweiligen Individuum eine totale Identifikation mit ihr, wie mit seinem Stamm, seiner Familie oder seiner Nation … Von jedem Mitglied fordert sie Treue und Gehorsam – die Disziplin eines Soldaten. Nur keine Zweifel haben …, nur in geschlossenen Reihen im Gleichschritt marschieren! … Die Führer werden vom Kollektiv auserkoren, und dann gelten sie in den Augen der Massen als Übermenschen“.[5]

Wenn man bedenkt, dass Fedotov diese Worte über die neuen totalitären Tendenzen in Europa im Jahre 1928 schrieb, als diese Entwicklungen sich lediglich in zwei europäischen Ländern durchsetzten  – in Russland und in Italien – erstaunt seine Hellsichtigkeit umso mehr.

Nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 und nach der immer tiefer werdenden Krise der Weimarer Republik wurde Fedotov  verständlicherweise noch pessimistischer. Mit größter Sorge schrieb er 1931 über die Erosion der politischen Mitte im Parteienspektrum Europas. Der Liberalismus spiele in den europäischen Ländern so gut wie keine Rolle mehr, so Fedotov. Die Sozialdemokraten, die nach dem Niedergang des Liberalismus zur wichtigsten Stütze der offenen Gesellschaft geworden seien, verlören in ihrer Auseinandersetzung mit dem linken und rechten Extremismus die politische Initiative.[6]

Die deutsche Katastrophe von 1933 führte Fedotov nicht in erster Linie auf den Willen zur Macht der radikalen Gegner der deutschen Demokratie, sondern auf die Willenslähmung der Demokraten zurück. Ähnlich argumentierte damals auch der deutsch-russische Publizist Waldemar Gurian. Im November 1934 schrieb er: „Die morsch gewordenen Gegenmächte hatten den Glauben an sich selbst verloren und kapitulierten, um ihr Leben zu retten und merkten nicht, dass sie gerade darum, weil sie letzte Entscheidungen aufschoben, ihr Ende besiegelten“.[7]

In seinem Artikel, der 1933 unter dem vielsagenden Titel „Die Demokratie schläft“ erschien, äußerte Fedotow seine tiefe Sorge darüber, dass die deutsche Katastrophe es nicht vermochte, die noch  übriggebliebenen europäischen Demokratien wachzurütteln: „Dies ist bereits die dritte Warnung. Zunächst wurde Russland in den Abgrund gestürzt, danach Italien, jetzt Deutschland …und die Fluten, die auch den äußersten Westen des Kontinents bedrohen, kommen immer näher“.[8]

Etwa zur gleichen Zeit fand im östlichen Teil Europas eine andere Katastrophe statt, nämlich die Stalinsche Revolution von oben. Mitten im Frieden erklärte das stalinistische Regime seinem eigenen Volk den Krieg. Zu den ersten Opfern dieses Krieges gehörten die sowjetischen Bauern, die gewaltsam enteignet wurden. Einige Jahre später erstreckte sich der stalinistische Massenterror auf beinahe alle Schichten der sowjetischen Bevölkerung.

Hitler stilisierte damals das Dritte Reich zum Beschützer des Abendlandes vor der bolschewistischen Gefahr, was viele europäische Politiker in London, in Paris aber auch in Warschau nicht unbeeindruckt ließ. Die beinahe uneingeschränkte Nachgiebigkeit der Verteidiger der Versailler Ordnung  gegenüber Hitler, die es ihm erlaubte beinahe alle Restriktionen des Versailler Vertrages  innerhalb von fünf Jahren abzuschütteln, war nicht zuletzt mit der antikommunistischen Rhetorik des deutschen Diktators verknüpft.

Den Zustand, in dem sich der alte Kontinent in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre, nicht zuletzt infolge der westlichen Appeasementpolitik  befand, beschrieb der britische Historiker Lewis B. Namier mit folgenden Worten: „Europe in Decay“.[9]   

Die Lage des Westens war damals also wesentlich prekärer, als dies heute der Fall ist.

Den Höhepunkt der westlichen Appeasementpolitik stellte bekanntlich das Münchner Abkommen vom September 1938 dar, der Verrat der Westmächte an der Tschechoslowakei – ihrem treuesten Verbündeten in Ostmitteleuropa und der einzigen Demokratie in der Region.

Nach der Annexion der Krim durch die Russische Föderation im März 2014 wurden von einigen Analytikern Analogien zwischen dem Verhalten der Westmächte während der Sudetenkrise von 1938 und demjenigen der EU während der Ukraine-Krise gezogen. Der ehemalige Wirtschaftsberater des russischen Staatspräsidenten, Andrej Illarionov, verglich die am 17. April 2014 getroffenen Genfer Vereinbarungen zur Deeskalation der Lage in der Ukraine sogar mit dem Münchner Abkommen von 1938.

Derartige Vergleiche sind jedoch unbegründet. Durch das Münchner Abkommen hatten führende westliche Politiker die Annexion des Sudetenlandes durch das Dritte Reich offiziell legitimiert und den Aggressor, der übrigens mit dem Ergebnis des Münchner Abkommens sehr unzufrieden war [10], quasi belohnt. Nichts dergleichen ist in Genf geschehen. Die Angliederung der Krim an die Russische Föderation wird in den westlichen Hauptstädten weiterhin als ein völkerrechtswidriger Akt angesehen. Putins „gelenkte Demokratie“ bleibt international aufgrund der Ukraine-Politik Moskaus weiterhin isoliert.

Hitler selbst versetzte der westlichen Appeasementpolitik den Todesstoß, als er am 15. März 1939 Prag besetzte und sich dabei um keine völkerrechtliche Begründung für diese offene Aggression kümmerte. Nun wurden sich auch viele Verfechter der Appeasementpolitik über die Uferlosigkeit der außenpolitischen Ziele Hitlers im Klaren. Die Angliederung der von Deutschen bewohnten Gebiete stellte für Hitler lediglich die erste Stufe einer von ihm geplanten rassenhierarchischen Neuordnung Europas dar. Es schwebte ihm eine Revolution vor, die noch radikaler werden sollte, als diejenige der Bolschewiki, worauf bereits der Faschismusforscher Ernst Nolte 1966 hinwies.[11]  Abgesehen davon zeichnete Hitler auch eine Art „Endzeit“-Denken aus, die Vorstellung vom unmittelbar bevorstehenden Endkampf zwischen der arischen und der jüdischen Rasse: „Abschluss und Ende der Geschichte standen unmittelbar bevor und waren auf jeden Fall zu Hitlers Lebzeiten einzulösen“, so der Historiker Frank-Lothar Kroll.[12]

Mit dem außenpolitischen Programm Putins, das man eher als einen traditionellen imperialen Revisionismus bezeichnen kann, hat dieses „Endzeit“-Denken wenig gemeinsam. Trotz ihres russozentrischen Triumphalismus nach der Annexion der Krim, ist sich die heutige Kreml-Führung durchaus der Tatsache bewusst, dass Russland nicht imstande ist, die westlichen Sieger des kalten Krieges in die Knie zu zwingen,  und zwar nicht zuletzt deshalb, weil der Westen heute bei weitem nicht so schwach ist, wie er zu sein scheint.

Leonid Luks

 

 

 


[1] Ulrich, Bernd: Die Welt ist verrückt – und was machen wir?, in: Die Zeit, 28.8.2014, S.2f.

[2] Frank, Simon L.: Jenseits von rechts und links. Anmerkungen zur russischen Revolution und zur moralischen Krise in Europa, in: Frank Simon L.: Werke in acht Bänden. Freiburg/München 2012, Band 7, S.88.

[3] Ebenda.

[4] Fedotov, Georgij: Lico Rossii. Sbornik statej (1918-1931). Paris 1967, S.210.

[5] Ebenda.

[6] Fedotov, Georgij: Rossija, Evropa i my. Paris 1973, S.72ff.

[7] Deutsche Briefe  1934-1938. Ein Blatt der katholischen Emigration. Bearbeitet von Heinz Hürten. Band I. 1934-1935. Mainz 1969, S.91.

[8] Fedotov, Georgij: Tjažba o Rossii. Paris 1982, S.103.

[9] Namier, Lewis B.: Europe in Decay: A Study in Desintegration 1936-1940. Gloucester, Mass. 1963.

[10] Kershaw, Ian: Hitler 1936-1945. Stuttgart 2000, S.180.f.

[11] Nolte, Ernst: Die faschistischen Bewegungen. Die Krise des liberalen Systems und die Entwicklung der Faschismen. München 1979, S.187.

[12] Kroll, Frank-Lothar: Geschichte und Politik im Weltbild Hitlers, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 44, 1996, S.327-353, hier S.337.