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Internationale Tagung - Eichstätt, Mai 2012
Ludwigsburg

Der lange Abschied vom totalitären Erbe -
die deutsche, die russische und die polnische
Vergangenheitsbewältigung im Vergleich

Internationale und interdisziplinäre Tagung des Zentralinstituts für Mittel- und Osteuropastudien – Eichstätt, Mai 2012

Die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass maßgebliche Teile der politischen Klasse der „zweiten deutschen Demokratie“ sich im Gegensatz zu ihren Vorgängern in der Weimarer Republik der deutschen Vergangenheit stellten und die Verfechter geschichtlicher Mythen, die die politische Kultur der „ersten“ deutschen Demokratie vergiftet hatten, an den Rand des politischen Diskurses drängten.

 Das Modell der bundesrepublikanischen Vergangenheitsbewältigung gilt als Vorbild für viele postautoritäre bzw. posttotalitäre Transformationsstaaten in Ost und West. Dies ungeachtet mancher Schattenseiten des langwierigen Prozesses der deutschen Vergangenheitsbewältigung nach der „Stunde Null“ (Verdrängungsmechanismen, Schlussstrich-Forderungen usw.).   


Memorial (Moskau)

Obwohl deutsche, genauer gesagt westdeutsche Vergangenheitsdebatten bereits gründlich untersucht wurden, wäre es wichtig, das bundesrepublikanische Modell der Auseinandersetzung mit der totalitären Vergangenheit in einen breiteren Zusammenhang zu stellen, um das Besondere dieses Modells herauszuarbeiten. Die Konferenz hat versucht, die Spezifika der deutschen Erinnerungskultur mit derjenigen der osteuropäischen Länder, vor allem Polens und Russlands, zu vergleichen.
Nach der Befreiung Polens von der Moskauer Kuratel dachten viele, sowohl auf der polnischen als auch auf der deutschen Seite, nun werde eine deutsch-polnische Aussöhnung nach dem Vorbild der deutsch-französischen stattfinden. In Wirklichkeit verlief der deutsch-polnische Annäherungsprozess nach einem ganz anderen Szenario als der deutsch-französische. Die Suche nach den Gründen für diese unterschiedlichen Formen der Vergangenheitsbewältigung  gehörte zu einem der zentralen Anliegen der Konferenz.

 In ihrer russischen Sektion befasste sich die Konferenz mit der Frage, warum der Prozess der Aufarbeitung der totalitären Vergangenheit, der in Russland zur Zeit der Gorbatschowschen Perestrojka so erfolgreich begonnen hatte, nach der Auflösung der Sowjetunion ins Stocken geriet. Hat dies vielleicht mit dem „postrevolutionären Syndrom“ zu tun? Der britische Sowjetloge E. H. Carr hat dieses Syndrom folgendermaßen beschrieben: Jedem revolutionären Bruch mit der Vergangenheit folge nach einer gewissen Zeit die Sehnsucht nach der Wiederherstellung der geschichtlichen Kontinuität. Diese Beobachtung Carrs scheint auch für das postsowjetische Russland zutreffend zu sein. Wie lässt sich sonst die positive Bewertung Stalins durch etwa die Hälfte der Befragten erklären? In Wirklichkeit verläuft allerdings die Vergangenheitsbewältigung in Russland nach einem viel komplizierteren Muster als dies auf den ersten Blick erscheint und lässt keine geradlinigen Erklärungen zu. Denn ungeachtet der durchaus vorhandenen Sehnsucht nach der Wiederherstellung der Kontinuität zur sowjetischen Vergangenheit, konnte die Kommunistische Partei der Russischen Föderation, die diese Sehnsucht geradezu verkörpert, kein einziges Mal die in Russland aufgrund seiner Präsidialverfassung entscheidenden Präsidentschaftswahlen gewinnen. Mit all diesen Ambivalenzen, die den russischen Diskurs über das totalitäre Erbe auszeichnet, hat sich die Konferenz ausführlich beschäftigt.


IPN, Warschau

Stasi-Zentrale, Normannenstraße, Berlin

  in Kooperation mit dem Hannah-Arendt-Institut (Dresden)

    gefördert von der KU

  Tagungsbericht (online auf dem AHF-Portal)

 

Programm

Freitag, 11. Mai 2012

Sektion 1: Die Vergangenheitsbewältigung in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 als Vorbild?

  • 9.15 Uhr: Die alten Eliten und die "Aufarbeitung" der NS-Vergangenheit - das Beispiel der Wehrmachtsgeneralität - Johannes Hürter (München)
  • 10.00 Uhr: Die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit im Spiegel der Bewältigung desnationalsozialistischen Erbes in der Bundesrepublik - Uwe Backes (Dresden)
  • 11.00 Uhr: Kampfplatz Geschichte - europäische Erinnerungspolitik nach 1991 - Jürgen Zarusky (München)
  • 11.45 Uhr: Die russisch-deutsche Aussöhnung - Larisa Lisjutkina (Berlin)

Sektion 2: Der schwierige Selbstfindungsprozess: Polen und Russland nach dem Fall des  Kommunismus

  • 14.15 Uhr: Eine neue Popularität Stalins? – Der Platz Stalins in der Erinnerungskultur des heutigen Russland - Boris Chavkin (Moskau)
  • 15.00 Uhr: Russland und das totalitäre Erbe: Zwischen nationalen Traumata und „falsifzierter“ Geschichte - Antonina Zykowa (Eichstätt)
  • 16.00 Uhr: Konspirologija: Die Geschichtsinterpretation des russischen Neofaschisten Alexander Dugin - Andreas Umland (Kiew)

Sektion 3: Die deutsch-polnische und polnisch-russische Aussöhnung

  • 16.45 Uhr: Die deutsche Besatzung im kollektiven Gedächtnis der Polen -  Tomasz Chinciński (Danzig)
  • 17.30 Uhr: Coke, Kaugummi und Hollywood – Der totale Wandel? Amerikanische Reeducation nach 1945 - John Andreas Fuchs (Eichstätt)

Samstag, 12. Mai 2012

  •  9.15 Uhr: Die deutsch-französische Aussöhnung nach 1945 als Vorbild? - Madeleine Mahrla (Eichstätt)
  • 10.00 Uhr: Der Vertreibungsdiskurs von Polen und Deutschen nach 1989 -  Gunter Dehnert (Eichstätt)
  • 11.00-11.45 Uhr: Anmerkungen zum polnischen Russlandbild nach 1956 - Leonid Luks (Eichstätt)
  • 11.45 Uhr: Das russische Polenbild - Mikołaj Iwanow (Oppeln)
  • 12.30 Uhr: Abschlussdiskussion 

 Das Tagungsprogramm können Sie hier als PDF herunterladen.

Organisation

Zentralinstitut für Mittel- und Osteuropastudien an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (ZIMOS)

www.ku-eichstaett.de/ZIMOS

Tel: 08421-93 17 17

Fax: 08421-93 17 80

E-Mail: zimos(at)ku-eichstaett.de