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Nachruf

Stefan Weinfurter (1945 – 2018)

Am 27. August 2018 verstarb unerwartet Prof. Dr. Stefan Weinfurter im Alter von 73 Jahren. Seinen ersten Ruf auf die neu eingerichtete „Professur für Landesgeschichte mit besonderer Berücksichtigung Bayerns“ an der damaligen Katholischen Universität Eichstätt erhielt der gebürtige Böhme im Jahre 1982. Nach einem Studium der Fächer Geschichte, Germanistik und Erziehungswissenschaften an den Universitäten München und Köln wurde Weinfurter 1973 bei Odilo Engels mit einer Studie zur Kanonikerreform im Bistum Salzburg am Beginn des 12. Jahrhunderts promoviert. 1980 erfolgte dort auch die Habilitation, die mit seiner zwei Jahre zuvor in der hochangesehenen Reihe des „Corpus Christianorum“ erschienenen Edition der Gewohnheiten des Kanonikerstifts Klosterrath in Zusammenhang stand. Wenig später übernahm Weinfurter bereits eine Lehrstuhlvertretung in Heidelberg, dann erhielt er den Ruf nach Eichstätt – der erst seit 1980 bestehenden und bis heute einzigen katholischen Universität Deutschlands. Es waren Jahre des Aufbruchs und der Gestaltung, und der noch nicht Vierzigjährige nutzte alle sich damit bietenden Möglichkeiten in seiner ihm bis ans Lebensende eigenen Tatkraft. Die bald fünfköpfige Familie fand nun in Gaimersheim ein neues Zuhause, und am neuen Wirkungsort entfaltete Stefan Weinfurter rasch große Aktivität. Er erwiderte den ihm bewiesenen Vertrauensvorschuss trotz seines kirchengeschichtlichen Profils durch eine intensive Einarbeitung in die Aufgaben seiner landesgeschichtlichen Professur, erweiterte sein mediävistisches Lehrprofil bis hinein in die bayerische Zeit- und Wirtschaftsgeschichte und erarbeitete sich in der Eichstätter Geschichte des frühen und hohen Mittelalters eine gänzlich neue Forschungslandschaft. Dabei kam ihm die rege Bautätigkeit der 1980er Jahre zugute, die durch eine beträchtliche Zahl von Neubauten zwar einerseits historische Substanz zerstörte, andererseits aber durch tiefe Bodeneingriffe inmitten des historischen Stadtzentrums archäologisches Material in einzigartiger Fülle zutage förderte. Auf allen diesen Fundplätzen war Stefan Weinfurter nun anzutreffen, meist von interessierten Studierenden begleitet, neugierig und allen Auswertungsmöglichkeiten der grabenden Nachbardisziplin gegenüber aufgeschlossen und dank seiner stets offenen und unprätentiösen Art rasch in engem Verbund mit Kollegen aus der Denkmalpflege, der Kirchengeschichte und dem Diözesanarchiv. Bald steuerte Weinfurter eigene Beiträge zur Geschichte der Eichstätter Bischöfe bei, und über mehrere Jahre entstand unter intensiver Mitarbeit von Studierenden eine Neuedition der auch stadtgeschichtlich bedeutsamen lateinischen Bischofsviten des Anonymus Haserensis aus dem 11. Jahrhundert, der eine deutsche Übersetzung und ein umfangreicher, mit eigens angefertigten Karten bestückter Kommentarteil beigegeben wurde. 1985 übernahm Stefan Weinfurter das Amt des Dekans der nun beinahe vollständig besetzten Geschichts- und Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät und stand vor der Aufgabe, den Umzug der über die Stadt verstreuten Standorte in die ab 1986 schrittweise bezugsfertigen Gebäude in der Universitätsallee zu organisieren. Seine verlässliche und pflichtbewusste Kollegialität blieb den Mitgliedern der Fakultät als bleibendes Merkmal seiner Amtsführung in angenehmer Erinnerung. Als im Jahre 1987 mit einer optimierten räumlichen Ausstattung und einer vielbeachteten, von Stefan Weinfurter mitgetragenen und breite Wirkung erzielenden Ausstellung zu Bischof Willibald (700–787) sein Wirken zu voller Entfaltung gelangte, erhielt er einen Ruf auf den Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften an der Universität Mainz. Schon die mit der C4-Professur verbundene Verbesserung der personellen Situation, aber auch der fachlich passgenauere Zuschnitt ließen Weinfurter wenig Spielraum für einen Verbleib in Eichstätt. In Mainz fand er in den Saliern und damit im Königtum des deutschen Hochmittelalters nicht nur sein künftiges Lebensthema. Mit seiner tragenden Rolle bei der Vorbereitung der großen Salierausstellung erschloss er sich auch ein Format der Geschichtsvermittlung, das er bis in seine letzten Tage immer neu zu füllen und durch für eine breite Leserschaft konzipierte Publikationen, später auch durch Filmbeiträge, zu ergänzen wusste. Weit über die Fachgrenzen hinaus Begeisterung für eine vermeintlich ferne Epoche zu wecken, Fachleute unterschiedlicher mediävistischer Disziplinen moderierend um ein Thema zu scharen, durch aufmerksame Präsenz und die gewissenhafte Erfüllung einmal übernommener Aufgaben Kollegen und Studierenden ein verlässlicher Partner und Lehrer zu sein: mit diesen Eigenschaften hat Stefan Weinfurter bereits in Eichstätt weit über die Universität hinaus einen bleibenden Eindruck hinterlassen. So betrachtet lassen sich, auch nachdem er 1994 nach München und schließlich 1999 nach Heidelberg berufen wurde, kaum mehr Fäden zu den Themen seiner Qualifikationsschriften, viele jedoch zu seiner Eichstätter Zeit zurückverfolgen. Vielleicht blieb Stefan Weinfurter mit Eichstätt aus diesem Grunde über die Jahrzehnte hinweg trotz immer zahlreicherer Verpflichtungen und Ämter – wie etwa als Vorsitzender des angesehenen Konstanzer Arbeitskreises für Mittelalterliche Geschichte, als Fachgutachter der DFG oder als Beiratsvorsitzender des Deutschen Historischen Instituts in Rom – stets in mal engerer, mal loserer Verbindung. Er wurde 2007 für vier Jahre Mitglied im Hochschulrat der KU, stellte 2010 im Rahmen einer erfolgreichen Buchvorstellung zentrale Einzelpublikationen zur Eichstätter Geschichte in einem eigenen Band vor und unterstützte die ein Jahr später erfolgte Gründung des Eichstätter Diözesangeschichtsvereins mit einem Vortrag und einem Aufsatz im ersten Band der Eichstätter Diözesangeschichtsblätter. Stefan Weinfurter hat nur wenige, aber für die Universität wie für ihn selbst entscheidende Jahre in Eichstätt gewirkt. Er wird der Geschichts- und Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät als leuchtendes Beispiel eines engagierten Hochschullehrers in dankbarer Erinnerung bleiben.

 

Prof. Dr. Joost van Loon

Dekan der Geschichts- und Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultuät

 

Prof. Dr. Thomas Wetzstein

Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte