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Selbstverständnis und Inhalte

Volkskunde ist eine genuin kulturwissenschaftliche Disziplin. Kultur - ein zentraler theoretischer Begriff des Faches - wird nicht verstanden als ein festes, abgeschlossenes System von Traditionen und Werten, das geographisch oder national klar abgegrenzt ist. Der Begriff umschreibt vielmehr Prozesse, in denen Menschen (Gruppen, Gesellschaften) miteinander umgehen, sich verständigen und organisieren, ihre Lebens- und Erfahrungsräume gestalten.

Dabei bedienen sie sich oft unbewusster tradierter Orientierungsmuster ( Habitus, Mentalität), oder greifen bewusst auf sie zurück, verändern sie oder entwickeln neue Strategien in Anpassung an Modernisierungsschübe und den einhergehenden gesellschaftlichen Wandel. Volkskunde richtet ihren Blick auf die in diesem Prozess geschaffenen, selbstverständlichen (alltags)kulturellen Äußerungen breiter Bevölkerungsschichten (Popular-, Massenkultur).

  • Mündliche, literarische, visuelle Überlieferungsformen (z.B. populäre Erzähl- und Lesestoffe, Bilder und Zeichen, mediale und virtuelle Welten),
  • Verhaltensweisen, Handlungsabläufe und Vorstellungswelten (z.B. Alltags-, Fest- und Freizeitverhalten, Arbeitsweisen, Frömmigkeitsformen, Wertvorstellungen, Geschmacksstile, Konventionen, Rituale, Bräuche, Events),
  • gruppengebundenes Leben , Formen des Zusammenlebens (z.B. soziale Institutionen, Lebensformen und -gemeinschaften: Familie, Verein etc.),
  • Sachgüter (z. B. Bauten, Wohnungen, Bekleidung, Geräte, Bilder, etc.).

Dieser sogenannte Sachkanon demonstriert den "weiten" Kulturbegriff der Volkskunde. Sie begreift das Kulturschaffen als spezifisch menschliche Fähigkeit der Lebensweltgestaltung, die sich in bestimmten Handlungsmustern und deren Ding- und Symbolproduktion ausdrückt.
 
Die Untersuchungsgegenstände haben zur Ausbildung einer Vielzahl spezieller Forschungsfelder geführt. Nur einige können hier genannt werden:

  • Arbeiterkulturforschung,
  • Ergologie (Gerätekunde),
  • Brauch-, Frömmigkeits-, Imagerie- Bekleidungs-, Keramik-, Haus-, Möbel-, Nahrungs-, Gemeinde- und Stadtteilforschung,
  • Lebenslauf- und Biographieforschung,
  • Visuelle Anthropologie,
  • interkulturelle Kommunikation,
  • Migrationsforschung, etc.

 

 

Problemstellungen

Über Gegenstände und Arbeitsfelder allein ist die Disziplin Volkskunde nicht hinlänglich zu bestimmen. Erst aus ihren Betrachtungsweisen, kulturanalytischen Problemstellungen und den entsprechenden methodischen Zugängen entsteht das spezifisch Volkskundliche. Mit Begriffspaaren können spezifische Problemfelder umschrieben werden, die bestimmte Fragen nach sich ziehen.

  1. Wer Enkulturation und Akkulturation in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen rückt, kann fragen: Wie werden Wertvorstellungen sozialer Gruppen ( Familie, Dorf, Stadtteil, Alters- und Berufs-, Glaubensgruppen, Migranten, etc. ) geprägt? Durch Mechanismen innerhalb der Gruppe selbst, d.h. durch innere Sozialisation oder durch nachdrückliche Einflussnahme von Außen (z.B. organisiert vermittelte Folklore), durch Assimilation.
  2. Welche Rolle spielen Machtverhältnisse, z.B. zwischen Mann und Frau, Grundherr und Untertan, Arbeitnehmer und -geber, Einheimischen und Fremden? Welchen Einfluss haben diese auf Normen und damit auf Verhaltensweisen und Lebensstile? Thematisiert werden hier die Beziehungen von Norm und Verhalten, Herrschaft und Kultur.
  3. Fragen nach der Kommunikation und Diffusion gehen den Wegen der Normvorstellungen, Wertemustern und Verhaltensregeln nach. Auf welche Weise werden diese vermittelt ( Katechese, Schule, Medien, orale Prozesse, Mobilität, etc.)? Finden dadurch spezifische Lebensstile eine Verbreitung?
  4. Bieten diese Lebensformen in ihrer räumlichen Begrenzung Identifikationsmuster, die dem einzelnen Sicherheit und Geborgenheit gewähren? Wie verändern sich diese räumlichen Begrenztheiten im Zuge der sog. Globalisierung (Europäisierung, Regionalisierung, Stereotypisierung)? Sind Kulturraum und Identität noch aneinander gebunden und auf welche Weise?
  5. In welchem Rahmen unterliegt der einzelne Mensch mit seinen kulturellen Äußerungen gruppenspezifischen, sozialen Bedingungen (Normen, Mode, Trends, etc.)? Welche individuell-kreativen Möglichkeiten sind ihm eingeräumt, d.h. wie beeinflussen sich Gruppe und Individuum gegenseitig?
  6.  Ist der einzelne auch in seiner Kreativität eng an kollektive Geschmacksvorstellungen gebunden? Arbeiten Produktdesigner mit diesen Vorstellungen? Wie verhalten sich Kreativität und Kulturindustrie (Konsum- und Massenkultur, Folklorismus) zueinander?
  7. Welche Funktion und Bedeutung für soziale, gesellschaftliche Systeme kann man hinter den kulturellen Objektivationen und Subjektivationen, d.h. materiellen und geistigen Kulturphänomenen erkennen?
  8. Die aufgeführten Problemfelder lassen schon die Dynamik kultureller Äußerungen erkennen. Deren Prozesse in ihrer Dauer und ihrem Wandel, ihrer Tradition (Kontinuität) und Transformation bzw. Diskontinuität zu verstehen, steht im Zentrum der volkskundlichen Kulturanalyse.