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Prof. Dr. Bernhard Sill

ist Professor für Moraltheologie

Bernhard Sill
Name: Prof. Dr. Bernhard Sill
Anschrift: Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Pater-Philipp-Jeningen-Platz 6
85072 Eichstätt
Gebäude: Ulmer Hof
Raum: UH-109
Telefon: +49 8421 93-21312
Fax: +49 8421 93-212750
E-Mail: bernhard.sill(at)ku.de
Sprechstunde: nach Vereinbarung

 

Es gibt nichts Gutes außer: Man tut es. – Erich Kästner

 

Liebe Besucherin, lieber Besucher meiner Homepage,

»Das gute Leben – Das Gute leben« war das Titelthema der Winterausgabe 2015 der Zeitschrift »Franziskaner«. Als ich das Heft las, dachte ich mir, dass sich wohl kaum jemals ein besserer Titel finden ließe, um das Anliegen des Fachs Moraltheologie, so wie ich es verstehe und an der Fakultät für Religionspädagogik / Kirchliche Bildungsarbeit der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt in Forschung und Lehre vertrete, zu fokussieren und zu formulieren.

Es war im Herbst 1997 – wenige Tage vor Antritt meiner Professur –, als mir ein älterer Priester aus der Erzdiözese Paderborn, den ich bereits aus der Zeit meines Studiums an der Theologischen Fakultät Paderborn kannte und der es immer gut mit mir gemeint hat, ein Buchgeschenk machte. Aus seiner Bibliothek, die mit den Jahren größer und größer geworden war, hatte er die 1954 erschienene deutsche Ausgabe des 1950 in Paris erschienenen Buches »L’enseignement de la morale chrétienne« des belgischen Moraltheologen Jacques Leclercq (1891–1971) genommen, zwischen zwei ganz bestimmte Seiten einen Zettel gelegt, der wohl als »Denkzettel« für mich gedacht war, und mir direkt zum Dienstantritt als Professur in Eichstätt mit den besten Wünschen überreicht.

An der Stelle des Buches, wo der Zettel steckte, konnte ich dann wörtlich lesen: Die Moraltheologie »ist ein majestätisches Gebilde geworden; sie wird in einer konventionellen Sprache vorgetragen, die nicht mehr der lebendigen Sprache entspricht; sie befaßt sich mit weit entlegenen Dingen und Fragen. Man kann sie vielleicht noch bewundern wie einen alten Palast, den man als historisches Denkmal anstaunt, in dem man aber niemals wohnen möchte«.

Eine herbe Kritik, die es wahrlich in sich hat! Da wird der Moraltheologie im Jahre 1950 von einem ihrer Vertreter ein Zustand bescheinigt, der eigentlich ein unhaltbarer Zustand zu sein schien. Im Detail ging es Jacques Leclercq damals um diese Kritikpunkte.

  • Kritikpunkt 1: Die Moraltheologie spricht eine Sprache, welche die Menschen nicht anspricht.
  • Kritikpunkt 2: Die Moraltheologie beschäftigt sich mit Dingen, welche die Menschen nicht beschäftigen.
  • Kritikpunkt 3: Das Haus der Moraltheologie ist ein altes ehrwürdiges Haus. Wer will, der mag es besichtigen, bestaunen und bewundern, doch zu bewohnen ist es nicht.

Zur damaligen Zeit war für den bedeutenden belgischen Moraltheologen die Krise der Moraltheologie demnach eine dreifache. Sie war 1. eine Krise der Sprache, 2. eine Krise der Themen und 3. eine Krise der mangelnden Fähigkeit, die Menschen in einer bewohnbaren Lehre zu beheimaten.

Ob die Mitte des 20. Jahrhunderts gegebene Beschreibung des aus der Sicht ihres Verfassers bedenklichen Zustands der Moraltheologie seinerzeit tatsächlich voll und ganz adäquat war, darüber lässt sich spekulieren. Worüber sich nicht spekulieren lässt, ist die Tatsache, dass die Sprache, die sie spricht, die Themen, die sie behandelt, und die Fähigkeit, die Menschen in einer bewohnbaren Lehre zu beheimaten, die drei einschlägigen Kriterien sind, an denen sich entscheidet, ob die Moraltheologie ein gefragtes theologisches Fach ist und es auch bleibt.

Eben das war denn wohl auch der dreifache Rat, den mir jener Priester als wohlgemeinte Mahnung und Warnung mit auf meinen Weg als Moraltheologe geben wollte. Diesen Rat annehmen heißt dann unübersehbar und unübergehbar, sich von Zeit zu Zeit doch zu fragen, ob das, was man als Moraltheologe tut, diese drei Kriterien wenigstens einigermaßen erfüllt.

Sich als Moraltheologe Rechenschaft davon zu geben, wie man sein Fach »verwaltet«, kommt nicht ohne die Bereitschaft aus, sich immer wieder einmal zu vergewissern, welche Werkzeuge es sind, die man bei der tagtäglichen Arbeit in der Hand hält und wer sie einem an die Hand gegeben hat, wer einen das Handwerk moraltheologischen Arbeitens gelehrt und die entsprechenden Handgriffe gezeigt hat. Wer sich daran macht, das zu bedenken, weiß mit Sicherheit schon bald, wer diejenigen sind, bei denen er sich zu bedanken hat.

Großen Dank schulde ich meinem verehrten Lehrer Bernhard Fraling (1929–2013), den ich bereits während der Zeit meines Diplomstudiums an der Theologischen Fakultät Paderborn hören konnte und dessen Assistent ich während seiner Würzburger Zeit in den Jahren 1981 bis 1990 war. Als Vertreter einer christlichen Existentialethik hat er mich dafür gewinnen können, deren Anliegen, die ihm ungemein wichtig waren, bis heute zu teilen.

Zunehmend wichtiger sind mir die Anliegen einer narrativen Ethik, wie sie etwa Dietmar Mieth (* 1940) vertritt, geworden. Der Weg von der Ethik zur Epik ist ja keine Einbahnstraße, denn dem Interesse der Ethik an der Epik korrespondiert ja das der Epik an der Ethik. Dass narrative Vernunft eine eigene Form ethischer Vernunft sein kann, die uns in die »Schule« von Geschichten schickt, deren »Leerstellen« uns zu »Lehrstellen« werden können, gilt es ernst zu nehmen. Die »anima naturaliter narrativa« des Menschen bietet Grund genug dazu.

Dass ethische Vernunft als optative Vernunft eine eigene Funktion wahrzunehmen vermag, ist mir durch die Lektüre der verschiedenen Veröffentlichungen des Berliner Lebenskunstphilosophen Wilhelm Schmid (* 1953) deutlich geworden. In einer »Multioptionsgesellschaft« (Peter Gross) ist es für die zeitgenössische Moraltheologie ein Kairós erster Güte, Optionen eines christlichen Ethos dar- und vorzustellen, die die attraktive Gestalt eines lebbaren Gelingens in den verschiedenen Lebensbereichen und Lebensaltern sichtbar werden zu lassen. Zu sagen, wofür man steht und wofür man ist, ist wichtiger als zu sagen, wogegen. Ethik im Zeichen der optativen Vernunft darf sich daher nicht damit begnügen, sich in der Kunst des Nachdenkens auszuüben; ihr muss die Ein- und Ausübung der Kunst des Vordenkens wichtig sein.

Dabei gilt es dessen eingedenk zu sein, dass nicht bei allem und jedem mit glatten Lösungen zu rechnen ist. So berechenbar ist das Leben eben nicht. Das Leben folgt seinen eigenen – häufig genug eben unberechenbaren – Gesetzen. Solange das Leben »Ungewissheit und Wagnis« ist, solange gilt – der Münsteraner Philosoph Peter Wust (1884–1940) hat nicht als einziger darum gewusst –: Die Summe des Lebens, durch Vernunft dividiert, geht niemals ohne Rest auf.

Anlässlich des Erscheinens seines zweibändigen Werkes »Theologische Anthropologie« im Jahre 2011, das ebenso vielseitig wie vielseitig ist – es umfasst 1534 Seiten – gab der Münsteraner Theologe Thomas Pröpper (1941–2015) ein Interview. Dabei wurde ihm auch die Frage gestellt: Wenn Sie Erstsemestern drei Ratschläge erteilen müssten, welche wären das? Gesagt hat er damals dies:

»Der erste würde lauten: ›Vertrauen Sie stets Ihren eigenen Fragen und trauen Sie sich auch, sie – notfalls hartnäckig – zu stellen.‹ Und der zweite: ›Behalten Sie bei der Ausbildung Ihres theologischen Denkens und der entsprechenden Lebenspraxis immer im Blick, dass es zwischen dem Menschsein (bzw. Menschwerden) und dem Christsein (bzw. Christwerden) keinen Widerspruch geben kann.‹ Schließlich der dritte: ›Suchen Sie von Beginn an aufrichtige und verlässliche Freundschaften zu schließen und sprechen Sie über Ihren Glauben, damit dieser die Irritationen, die das Studium mit Sicherheit bringen wird, besser bewältigt und vor Vereinsamung – auch der kirchlichen – bewahrt bleibt.‹«

Was den zweiten Ratschlag betrifft – das Menschsein (bzw. Menschwerden) und das Christsein (bzw. Christwerden) nicht einander widersprechend zu denken –, so ruft das bei mir die Erinnerung wach an ein produktives Missverständnis, bedingt durch einen akustischen Hörfehler. Jemand fragte mich vor einiger Zeit einmal, was ich denn von Beruf sei, worauf ich erwiderte: »Professor für Moraltheologie«. Mein Gegenüber verstand aber wegen meiner nicht deutlich genug ausgefallenen Aussprache »Professor für Humantheologie«. So ganz verkehrt und unangemessen – so dachte und denke ich mir – ist dieser Begriff ja nicht, denn wer sich den Dingen der Moraltheologie widmet, ist gehalten, denkerisch die Frage nach dem (Proprium) Humanum und dem (Proprium) Christianum zu verschränken.

Kann man ein Buch über einen einzigen Satz schreiben? Man kann, und wer einen trefflichen Beleg dafür sucht, nehme das »Tugend-Buch« des Professors für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln Hans-Joachim Höhn (* 1957) zur Hand, schlage es auf und lese es Seite für Seite durch. Das Buch ist ein Buch über einen einzigen Satz, und der lautet: »Mach’s gut!« Der gute Wunsch, der hinter diesem Satz steht, ist buchstäblich ein Lebenswunsch, denn das Leben ist das, was gut zu machen ist. Die Wissenschaft, deren eigentlicher Gegenstand die Frage ist, wie das (gut) gehen kann – das Leben gut zu machen –, ist die Ethik, deren Lehren entsprechend als Lebenslehren zu betrachten wären, und der Imperativ »Mach’s gut!« ein ethischer Imperativ, den zu beachten gut wäre.

Die Frage ist nur die, was da die entsprechenden to do’s sind. Gesucht sind damit »tun«-lichst Bausteine zu einer Lebenspraxis, die gelingen lässt, was gelingen soll: das gute Leben und das Gute zu leben. Solche Bausteine sind nicht einfach zu haben und ohne ein langes Studium des lebenskundlichen Fachs, das der Schweizer Pfarrer und Schriftsteller Jeremias Gotthelf (1797–1854) als »die Exegese des Lebens« bezeichnet hat, wohl kaum zu erwerben.

Ethik, so hat Robert Spaemann (* 1927) wiederholt gesagt, sei »als Lehre vom gelingenden Leben« zu verstehen; die Suche nach dem, was gelingendes Leben heißen kann, sei ihr eigentliches Amt. Wer sich auf diese Suche, begibt, wird stets ein Doppeltes zu bedenken haben: dass es erstens beides – gut zu leben wie das Gute zu leben – nicht ohne unser eigenes Tun, nicht ohne unser eigenes »Zutun« gibt, und dass zweitens ohne die »Zusage« und »Zugabe« eines geschenkten Gelingens kein menschliches Können wirklich Können sein könnte.