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Ein Projekt der Forschungsstelle für geist­liche Literatur des Mittelalters

Gegenstand und Zielsetzung

Das Projekt "Predigt im Kontext" startete im Jahr 2008 an der "Forschungsstelle für geistliche Literatur des Mittelalters" und wird seit 2010 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Ziel ist, Funktionen und Funktionalitätswandel eines breiten Bestandes mittelalterlicher Predigten durch eine eingehende Analyse ihrer schriftlichen Überlieferungs- und Verbreitungsformen zu ermitteln (460 Handschriften mit Predigten der Dominikanerprediger Meister Eckhart und Johannes Tauler. In einer zweiten Phase werden auch die Handschriften mit deutschen Predigten von Berthold von Regensburg eingebunden). Die Predigt ist die einzige Textsorte, die in allen Lebensbereichen der religiös geprägten Gesellschaft des Mittelalters eine zentrale Bedeutung einnahm. Für die Lebensform der Religiosen war die volkssprachliche Predigt im Rahmen der cura monialium von zentraler Bedeutung: Sie diente der inneren Formung der Klostergemeinschaft, wirkte nach außen als Werbung für die eigene Lebensweise und wurde zur Verbreitung (ordens-)politischer Ziele eingesetzt. Die Predigt ad populum wiederum verfolgte Ziele, die von der allgemeinen religiösen Unterweisung über Disziplinierungsversuche bis hin zur Umsetzung kirchenpolitischer Interessen reichten. Im Laufe ihrer Überlieferung werden Predigten einem Funktionswandel unterzogen, der in vielen Fällen der ursprünglichen Intention des Predigers nicht mehr entspricht. Die Analyse von Überlieferung und Überlieferungsform der Predigten soll tragfähige Aussagen zu diesem Funktionswandel der Predigt machen und die sich im Laufe der Überlieferung wandelnde Frömmigkeitshaltung der Rezipienten in den Blick nehmen. Hierbei müssen neben der Predigt auch andere Textsorten der geistlichen Literatur einbezogen werden, wenn sie sich in Überlieferungsgemeinschaft mit Predigten finden, da sie Aufschluss über die kontextuelle Verschiebung von Inhalten und über die verschiedenen Interessengruppen an Einzelpredigten und Predigtsammlungen geben können. Das Projekt möchte durch die Analyse des Funktionswandels beim Massenmedium 'Predigt' einen Beitrag zur Erforschung der Mentalitätsgeschichte des 15. Jahrhunderts leisten. Das für diese Analyse notwendige Datenmaterial in Form von umfassenden Beschreibungen der Handschriften wird in der Datenbank gesammelt und öffentlich verfügbar gemacht.

Methode. Die Konzentration auf die konkreten mittelalterlichen Datenträger - die Handschriften und deren Beschaffenheit - und die vielfältigen Funktionsverflechtungen der Gattung Predigt versteht sich als methodische Alternative zur bislang üblichen autororientierten Edition und Analyse einzelner Prediger bzw. Predigerkorpora. Damit wird dem Umstand Rechnung getragen, dass mittelalterliche Predigtüberlieferung im Regelfall gerade nicht in Form von Autorkorpora erfolgt, sondern mittels thematisch (Heiligenpredigt) oder in Grundzügen liturgisch (Kirchenjahrabfolge) organisierter Handschriften; andererseits werden im Spätmittelalter Predigten unterschiedlicher Provenienz in Handschriften organisiert, die von den Sammlern eine konkrete Autorzuweisung enthalten. Daher ist es kein Widerspruch, den Untersuchungsgegenstand dieses überlieferungsbezogenen Projektes mit Hilfe zweier Autorennamen zu bestimmen (Meister Eckhart und Johannes Tauler): Dies ist nicht nur aus pragmatischen Gründen sinnvoll, vielmehr sind gerade dadurch wichtige Befunde zur Klärung des komplexen Verhältnisses von Überlieferung und Autorschaft zu erwarten.

In der Bearbeitung und Auswertung wird das Material jedoch nicht nach dem Autorprinzip getrennt. Schon aus den bislang erarbeiteten Beschreibungen ist nämlich ersichtlich, dass die häufige Verschränkung der Bestände in der Überlieferung zu vielen Doppelungen führen würde. Stattdessen sollen zwei verschiedene Perspektiven parallel zur Anwendung gebracht werden. Zum einen wird nach den Verfahrensweisen der Einzelbearbeitung von Textbestandteilen ("Predigten") in diversen Handschriften gefragt, zum anderen nach der Sammlungsprinzipien, die bei der Vergesellschaftung von Textbestandteilen ("Handschriften") in offenen und geschlossenen Serien Anwendung gefunden haben.

Daraus lassen sich konkrete Konzepte für zwei Darstellungsbereiche ableiten.

Der Projektbereich A trägt den Titel "Predigt als Arbeit". Hierbei geht es zunächst um Einblicke in die Generierung von Einzelpredigten (Phasen der Konzeptionierung, des Vortrags und der Nachschrift). Des Weiteren wird untersucht, mittels welcher Verfahren nachweisliche "Autorpredigten" sich für verschiedenste Funktionen aufbereiten lassen. Als erste Muster sind Neuzuweisungen durch Veränderung des liturgischen Kontextes (Bearbeitung für andere Predigtanlässe) bei unveränderter Autorzuweisung zu nennen (Tauler V15 für den Abend vor Palmsonntag zu Corin II,10 zum Weihnachtsfest). Doch auch Neukompositionen durch Kombination von Material aus verschiedenen Predigten kann man vielfach beobachten. Bisweilen werden ganze Predigtgruppen eines Autors (Eckhart DW101-104) in neue Überlieferungskontexte integriert und dann einem anderen Autor zugewiesen (hier Johannes Tauler im Basler Taulerdruck Nr. 2, 5a, 7 und 8). Ein weiteres gängiges Verfahren ist die Umfunktionalisierung von Predigten zu erbaulichen Textstücken.

Der Projektbereich B untersucht das Phänomen von "Arbeit an der Predigt". Hier werden die Einzelpredigten in ihrer Konditionierung für Verwendungszusammenhänge und Ordnungsprinzipien betrachtet. Nach der Phase der Verschriftlichung unterliegen die Texte verschiedensten Mustern und Formen der Zusammenstellung von Predigten in Gruppen. Das beginnt bei der Konstruktion kleinerer Serien in Predigtheften durch die Autoren selbst, aus denen umfangreiche Autorkorpora erwachsen können. Deren unterschiedliche Ordnungsprinzipien bedingen bisweilen Neuzusammenstellungen und Umgruppierungen. Die Auffüllung von Korpora mittels Fremdgut lässt sich ebenso beobachten wie das partielle Zerlegen unter thematischer Neuordnung bei weitgehendem Verlust des Autorbezugs. Immer wieder ist zu prüfen, wie sich die unterschiedliche Ausgangssituation im Funktionsgeflecht der spätmittelalterlichen Textsammlungen spiegelt und welchen Status der jeweilige "Textbestand" Predigt in der konkreten Sammlung einer Handschrift erhält.