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Sprach- und Literaturwissenschaftliche Fakultät
Ältere deutsche Literaturwissenschaft (Mediävistik)
Forschung
Predigt im Kontext
Das Projekt "Predigt im Kontext" soll Funktionen und Funktionalitätswandel eines breiten Bestandes mittelalterlicher Predigten durch eine eingehende Analyse ihrer schriftlichen Überlieferungs- und Verbreitungsformen ermitteln (460 Handschriften mit Predigten der Dominikanerprediger Meister Eckhart und Johannes Tauler). Es setzt an bei der Beobachtung, dass die Predigt für die Lebensform der Religiosen von zentraler Bedeutung ist: Sie dient der inneren Formung der Klostergemeinschaft, wirkt nach außen als Werbung für die eigene Lebensweise und wird zur Verbreitung politischer Ziele eingesetzt. Ziel der Analyse sind tragfähige Aussagen zum Funktionswandel der Predigt und der Predigtüberlieferung, zu Trägern und Verbreitungskreisen spezifisch standesgeprägten Wissens sowie zu Verschiebungen der Inhalte innerhalb des Gattungstyps "geistliche Literatur". Das für diese Analyse notwendige Datenmaterial in Form von umfassenden Beschreibungen der Handschriften wird in dieser Datenbank gesammelt und öffentlich verfügbar gemacht.
Die Konzentration auf die konkreten mittelalterlichen Datenträger - die Handschriften und deren Beschaffenheit - und die vielfältigen Funktionsverflechtungen der Gattung Predigt versteht sich als methodische Alternative zur bislang üblichen autororientierten Edition und Analyse einzelner Prediger bzw. Predigerkorpora. Damit wird dem Umstand Rechnung getragen, dass mittelalterliche Predigtüberlieferung im Regelfall gerade nicht in Form von Autorkorpora erfolgt, sondern mittels thematisch (Heiligenpredigt) oder in Grundzügen liturgisch (Kirchenjahrabfolge) organisierter Handschriften; andererseits werden im Spätmittelalter Predigten unterschiedlicher Provenienz in Handschriften organisiert, die von den Sammlern eine konkrete Autorzuweisung enthalten. Daher ist es kein Widerspruch, den Untersuchungsgegenstand dieses überlieferungsbezogenen Projektes mit Hilfe zweier Autorennamen zu bestimmen (Meister Eckhart und Johannes Tauler): Dies ist nicht nur aus pragmatischen Gründen sinnvoll, vielmehr sind gerade dadurch wichtige Befunde zur Klärung des komplexen Verhältnisses von Überlieferung und Autorschaft zu erwarten.
Projektbereich A "Überlieferungskontexte der Eckhart-Predigten" (Bearbeiter: Dr. des. Gerd Jäkel / Dr. Regina Schiewer) wird sich den mittelalterlichen Handschriften widmen, die Predigten Meister Eckharts überliefern (Predigten, die im Mittelalter Meister Eckhart zugeschrieben wurden und/oder als deren Autor er in der Forschung gilt; die Predigt muss als solche gattungsmäßig erkennbar sein - nicht betrachtet werden reine Mosaiktraktate oder Zitatsammlungen). An diesem Korpus soll untersucht werden, wie die Rezipienten von Eckharts Predigten in der Weitergabe seiner Texte verfahren. Eckhart selbst hat sein Predigtwerk nie systematisch zusammengestellt und damit auch nicht für eine Benutzung vereinheitlicht. Daher können Aufschlüsse darüber erwartet werden, wie die Redaktoren und Bearbeiter die unterschiedlichen Adressatenebenen und die differierenden Darstellungsformen verschiedener Predigtanlässe in redigierender Neukombination durch Auswahl und Textassimilation auszugleichen suchten.
Der Projektbereich B "Tauler-Predigten" (Bearbeiter: Prof. Dr. Rudolf Weigand / Dr. Regina Schiewer) wird den Ansatz des Projektbereichs A komplettieren, indem er jene Handschriften analysiert, in denen Predigten von Johannes Tauler überliefert sind. Tauler, der in der Generation nach Eckhart ein von diesem beeinflusstes, aber bewusst anders intendiertes Predigtkorpus vorlegt und zudem wohl noch zu Lebzeiten an Zusammenstellungen seiner eigenen Predigten beteiligt ist, hinterlässt eine Sammlung ohne gelehrten Hintergrund. Es ist zu prüfen, wie sich die unterschiedliche Ausgangssituation im Funktionsgeflecht der spätmittelalterlichen Textsammlungen spiegelt.