Dialekt vernetzt: Freche Fragen viele gute Ideen für die Online-Schülerzeitung

29. Juli 2012 – Sebastian Wieschowski

Sie ziehen dem Rektor einfach das Mikrofon weg, wenn der um den heißen Brei herum redet und minutenlang ohne Punkt und Komma antwortet. Sie fragen hartnäckig nach, wenn der Bürgermeister auf die Frage nach den Hobbies nicht antworten mag. Sie produzieren in drei Tagen mehr als zwanzig Artikel, führen Interviews, schreiben Reportagen - und für ihre Online-Schülerzeitung sammeln sie nicht nur Texte, sondern auch Ton- und Videodokumente. Die Rede ist nicht von Journalistik-Studenten aus Eichstätt oder Absolventen der renommierten Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg, sondern einer fünften Klasse der Grund- und Mittelschule Dietfurt.

Und die kleinen Nachwuchsreporter stehen ihren großen Vorbildern im Hinblick auf Kreativität und Hartnäckigkeit in Nichts nach. Am ersten Tag der Projektwoche, die kurz vor den Sommerferien stattfand, bekamen die Schülerinnen und Schüler erstmal einen Presseausweis, damit sie bei der Arbeit nicht behindert werden und überall hinter die Kulissen schauen können. Dann machten sie sich Gedanken, was junge Leute in ihrem Alter überhaupt interessiert und wie "echte" Redakteure entscheiden, was morgen in der Zeitung steht. Außerdem überlegte die Klasse gemeinsam, was das Besondere an einer Online-Zeitung ist. Zudem hatte Monika Raml, wissenschaftliche Leiterin des Projekts "Sprache im Fluß" einige Beispiele für Dialekt-Schülerzeitungen mitgebracht.

Das Ziel der fünften Klasse der Grund- und Mittelschule Dietfurt ist klar: Am Ende der Woche möchten sie ihren Mitschülern eine Online-Schülerzeitung präsentieren, die sich vor allem mit dem Dialekt in der Region beschäftigt. Was sind die beliebtesten Dialektwörter? Welche Rolle spielt der Dialekt im Leben junger Menschen? Wie werden Menschen aus aller Welt in Dietfurt begrüßt, wenn sie hier Urlaub machen? Die Schüler haben sich vor der ersten Redaktionssitzung viele spannende Themen überlegt - sie schrieben über die Hausnamen in ihrem Heimatort, über den Dialekt des Vaters aus Norddeutschland oder sammelten die Dialekt-Übersetzungen zu den Namen ihrer Lieblingstiere.

Bereits am zweiten Tag des Projekts entstanden erste Artikel, die sofort im Internet zu lesen waren. Der aktuellste Text stand ganz oben auf der Internetseite, im Laufe des Tages wanderte er immer weiter nach hinten und wurde durch neue Texte ersetzt - und die kleinen Reporter empfanden es als zusätzlichen Ansporn, schon bald wieder mit einem eigenen Artikel ganz oben zu stehen. Besondere Freude machte sich zudem breit, wenn Leser der Online-Zeitung einen Kommentar hinterließen. Und tatsächlich kamen im Laufe der Woche über zehn Rückmeldungen zusammen - unter anderem waren professionelle Journalisten auf das Projekt aufmerksam geworden und übermittelten ihr Lob an die Schüler-Redakteure.

Neben der Textproduktion in der Redaktion durften die Reporter auch unterwegs recherchieren - sie schauten auf dem Volksfest vorbei, beobachteten die Gästebegrüßung und besuchten das neue Wagnerei-Museum. An der Schule und in der Stadt führten sie Umfragen durch. Beim Bürgermeister sowie dem Rektor durften sie sich als Interviewer ausprobieren. Und immer wieder erstaunten die Fünftklässler ihre Betreuer mit pfiffigen Fragen und kuriosen Beobachtungen, die sie in ihre Texte einbauten.

Als das Ergebnis einer aufregenden Projektwoche am Freitag, den 27. Juli, präsentiert wurde, hatten sich die 23 Schülerinnen und Schüler die Anerkennung der Lehrer, Vertreter der Stadt, der Lokalpresse sowie des Vereins Altmühl Jura redlich verdient. Und während die einzelnen Artikel vorgestellt wurden, war im Publikum immer wieder die Frage zu hören, wie es nach dem Projekt weitergeht mit dem "Wadlbeißer Online" - die Grundlage für eine dauerhafte Online-Schülerzeitung hat die 5. Klasse der Grund- und Mittelschule Dietfurt gelegt.


Dialektkunst in Titting

14. Juni 2012 - Christine Heimerer

Kodara … KazabembaBembara  =   Kater

Fakl Sugl Suggi Faggala  =   Ferkel

BombomBombala Guadl  =   Bonbon

Das sind nur wenige Beispiele für die Mannigfaltigkeit, mit der der Dialekt oft einen einzigen standardsprachlichen Begriff beschreibt. Eine solche bunte Vielfalt an Wörtern sollte, so dachten sich Mitarbeiter des Projektes

„Sprache im Fluss“, auch bunt dargestellt werden. Am besten in Form eines Kunstwerkes, das auch denjenigen, die nicht des hiesigen Dialektes mächtig sind, die aufgeführten Wörter verständlich macht.

Doch wie werden Dialektworte zu einem Kunstwerk, das man auch sehen und anfassen kann?

Mit dieser Frage im Gepäck machten sich an einem kühlen Vormittag im Mai Wissenschaftler der Universität Eichstätt-Ingolstadt auf den Weg in den westlichsten Winkel der Altmühl-Jura- Region – nach Titting.

An der dortigen August-Horch-Schule beschäftigten sich Mädchen und Jungen oder - wie im Laufe des Tages festgehalten wurde – „Madl und Buam bzw. Moila und Boum“ der 3. und 4. Klasse zunächst damit, welche Dialektwörter es in der Region für verschiedene Begriffe wie „Kater“, „Karotte“, oder auch „Erdbeere“ gibt: Koda, Kazabemba, Gejbe Roum, Göroum, Eabea, Breschling usw. waren nur einige der genannten Beispiele. Doch wie verwandelt man den gesammelten Dialektschatz nun in ein Kunstwerk? „Mia schreim des auf!!“ – so die einhellige Meinung der Schüler. Aber wie wird das Kunstwerk für diejenigen verständlich, die mit den Mundarten der Region nicht vertraut sind? Auch dafür haben die Schüler eine Lösung: Bilder von jedem dargestellten Begriff sollen die Dialektworte begreiflich machen. Und so machen sich 12 kleine Künstler ans Werk und starten erste Versuche, den Dialekt der Umgebung auf festes Material zu bannen. Nach einigen Experimenten auf Papier wagen sich die Schüler an die eigens hierfür mitgebrachten Holzstelen. Jetzt wird geschrieben und gemalt bis die Pinsel rauchen. 

Und das Ergebnis kann sich sehen lassen: 6 Stelen, die jeweils einen Begriff in den verschiedenen Dialektworten verkörpern und die zusammen ein Kunstwerk der besonderen Art bilden – den Dialekt zum Anschauen und Anfassen.

 


"Heimatbilder" - ein Filmprojekt mit der 8. Klasse der MS Greding

23. Mai 2012 - Katrin Kästner und Susanne Scharpf

„Heimat“ – was ist das?  

 Klar weiß jedes Kind, was mit diesem Wort grob gemeint ist. Was genau bedeutet Heimat aber im Einzelnen? Wo bin ich daheim? Bedeutet es für jeden Menschen das Gleiche? Kann es mehrere Heimaten geben? Oder gibt es gar Menschen, die heimatlos sind? Diese Fragen haben wir uns am Anfang unseres Filmprojektes „Heimatbilder“ gestellt. Angefangen von der Örtlichkeit, wo man wohnt, über Gewohnheiten die man pflegt, bis hin zu Freunden und Familie gehörte unserer Meinung nach alles unter dieses Begriffskonzept.

Doch was bedeutet einer 8. Klasse dieser Begriff? Und wie würden sie ihre Vorstellungen in Bildern festhalten? Um das herauszufinden, haben sich die Studentinnen Katrin Kästner und Susanne Scharpf in Begleitung der Dozenten Frau Dr. Raml und Herrn Holder auf den Weg zur Mittelschule nach Greding gemacht.

Genau wie wir in unserem Seminar, wollten wir auch die Schulklasse dazu animieren, zunächst an der Tafel zu sammeln, was ihnen der Begriff Heimat bedeutet und was ihrer Meinung nach alles dazugehört. Wie erwartet fielen zu Beginn die Namen der Ortschaften rund um Greding, in denen die Schüler wohnten. Auch der legendäre Mc Donalds ließ nicht lange auf sich warten. Um die Gedanken der Kinder noch weiter anzuregen wurde im Vorfeld ein spezieller Steckbrief entwickelt, der nach bestimmten Orten, Dingen, Eigenschaften, Erfahrungen und weiteren Besonderheiten Gredings fragte.

Und schon ging´s rund im Klassenzimmer. Eine Idee nach der anderen wurde an die Tafel notiert und so entstand allmählich eine Mindmap zum Thema bei der neben Begriffen wie „Gemeinschaft“, „Geschichte“, „Schule“ auch das prekäre Begriffspaar „Oberbayern versus Franken“ notiert wurde. Da Greding sowohl von Oberbayern als auch von Franken beeinflusst wird, bot dieses Begriffspaar regen Diskussionsbedarf.

Schließlich bildeten sich drei Gruppen innerhalb der Klasse heraus, denen nun aufgetragen wurde, einen Film über ihre Heimatassoziation zu drehen. Damit diese dauerhaft und qualitativ festgehalten werden konnten, bekamen die Schüler eine kleine Einführung in die Welt der Kamera- und Tontechnik. Gleichzeitig befasste sich der andere Teil der Gruppe damit, das Filmgenre (vom Spielfilm bis zur Reportage war alles erlaubt), den Drehplan und die ersten Organisationen auf die Beine zu stellen.

Das Resultat von drei anstrengenden Dreh- und Planungstagen waren drei Filme, die unterschiedlicher nicht sein konnten.

Der erste Film ging der Frage nach, woher die Gretl aus dem Gredinger Wappen stammte. Von kleinen Spielfilmszenen bis zu Forschungsinterviews war hier alles dabei. Der zweite Film stand unter dem Motto „Vereine“. Diese Gruppe wurde von den Studentinnen betreut. Der Film zeigte die beliebtesten Vereine Gredings und sollte vermitteln, dass auch durch Gemeinschaf ein Heimatgefühl vermitteln werden kann.

Das Motto des letzten Filmes war „Greding – Oberbayern oder Franken?“ Hier wurde nach typischen Begriffen wie „Weggla“ oder „Semmel“ gesucht und sogar dem Bürgermeister hat man auf den Zahn gefühlt, was Greding denn nun mehr präge. Eine eindeutige Antwort wollte der Film bewusst nicht zeigen. „Greding liegt halt irgendwo in der Mitte!“

Der krönende Abschluss dieses Projekts war die Präsentation der drei Filme vor der ganzen Schule am Muttertag. Die Akteure durften sich vieler Zuschauer erfreuen und werden noch lange stolz auf ihre Filme sein, die zeigen, wie schön ihre „Heimat“ ist.

 

 


Bachamer G´schichten und mehr

29. April 2012 - Christine Heimerer

Stadtführungen einmal anders - und zwar im Dialekt! Das war der Anspruch des „Sprache-im Fluss-Kulturkalenders“ im April: Mit den geübten Stadtführern aus Berching kein Problem. Und am Veranstaltungstag am 27. April war für jeden Besucher etwas Passendes dabei - ob man sich nun für die Berchinger Hausnamen, die Berchinger Geschichte und Mundartliteratur oder Kulinarisches interessierte - da wurde in Bachamer Mundart geschimpft, gekocht und ein Blick in Berchinger Wirtshäuser geworfen.

Es wurde erklärt, wie der „Mausbäck“ oder aber das „Glasweber-Haus“ zu seinem Namen kam und wie man ein „Gassenseidl“ bestellt. Auch die Berchinger Geschichte und Geschichten von Berchingern kamen nicht zu kurz. So konnte man vom Bauernaufstand vor Bachams Toren erfahren, von den Lastern und Zwistigkeiten bekannter Bürger und natürlich vom berühmten „Bachamer Hecht“ und anderen Legenden, die sich um die mittelalterliche Stadt ranken.

Auch Kinder erlebten in einer Extraführung den „Sprachfluss“ hautnah: Nicht nur, dass sie die Bachamer Version von „Romeo und Julia“ erfuhren oder am Zunftbaum die verschiedenen Berufe im Dialekt erklärt bekamen, später durften die kleinen Teilnehmer auch selbst tätig werden und ein Dialektwort symbolisch auf dem Stadtbach auf die Reise schicken.

Abschließend konnten alle Besucher den Abend noch bei den Klängen des „Staufersbucher Dreigesangs“ und einer typischen Bachamer Mahlzeit ausklingen lassen und - falls gewünscht - sogar das Tanzbein schwingen.

Die Dialektführungen in Bacham regen halt alle Sinne an!

 


 

König Kevin von Kinding und Co.

02. März 2012 - Christine Heimerer

Wer die letzten Wochen in die Grundschule Kinding kam, konnte Wunderliches erleben: dem huschten Elfen über den Weg, man konnte einen Löwen brüllen hören oder gar einem echten König seine Aufwartung machen!

Schuld daran hatten Studenten der Uni Eichstätt-Ingolstadt, die im Rahmen von "Sprache im Fluss" mit den Schülern der 3. und 4. Klasse ein Theaterprojekt mit Namen "Shakespeare weiß-blau...Bistd narrisch?!" inszenierten. Dabei ging es - wie der Titel schon erahnen lässt - nicht nur darum, die Werke des Dichters detailgetreu auf die Bühne zu bringen, sondern vielmehr darum, Szenen der bekannten Stücke nach Kinding zu holen. Und das nicht nur geographisch: auch die Sprache der Protagonisten war meist eine hiesige.

So schworen sich Pyramus und Thisbe ihre unsterbliche Liebe in ihrer Mundart, der weise Hofnarr, oder besser "Hoffasenickl", rief mit den Worten "Des wead dei grejschda Fehla sei!" nicht etwa King Lear, sondern König Kevin von Kinding zur Vernunft und die "lustigen Weiber von Kinding" heizten dem Schürzenjäger Falstaff ordentlich ein, bevor sie ihn in der Altmühl abkühlten. Im Kontrast dazu begeisterten auch die hervorragend besetzten Standardsprecher - wie King Kevin - und ein englischer Feernreigen das Publikum. So war für jeden Geschmack gesorgt. Und eines steht fest: den glücklichen Gesichtern und zufolge war "Shakespeare weiß-blau" sowohl für die Beteiligten als auch für die Zuschauer eine regelrecht "narrische" Gaudi!


Knapp 500 Jahre lang hat der Weltautor in Bayern Fuß gefasst – auch auf bairisch

02. Dezember 2011 - Walter Raml

Eichstätt (war). Das Wichtigste zuerst: Ja, Shakespeare hat gelebt, geschrieben, Geld verdient und war tatsächlich der Autor der höchst unterschiedlichen Werke, die heute seinen Namen tragen. Prof. Dr. Wolfgang Weiß, emeritierter Lehrstuhlinhaber an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hat angesichts des aktuellen Films „Anonymous“ erst einmal die Kirche wieder ins Dorf geholt. Prof. Dr. Gabriele Gien vom Lehrstuhl Deutsch-Didaktik begrüßte den seltenen Gast, der zu den Mitgründern der KU Eichstätt zählt, besonders herzlich.

Im November war der renommierte Shakespeare-Forscher zu einem Gastvortrag auf Einladung des Dialektforschungsprojekts „Sprache im Fluss“ an der Uni Eichstätt und hat seine Zuhörer damit überrascht, dass die Stücke des englischen Dichters schon kurz nach seinem Tod auf bayerischen Bühnen zu sehen waren: erst von englischen Wandertheatergruppen, schon bald von Einheimischen aber in bairischer Adaption. Unter den Besuchern, neben Studenten und Dozenten, auch zwei Bürgermeister, deren Gemeinden am Sprache-im-Fluss-Projekt teilnehmen.

Exotisch klingt das schon – Shakespeare auf bairisch: „Der Anstoß, darüber zu forschen, kam bei einer Hamletaufführung in Seebruck im Jahr 1966, bei der ein Seebrucker Bauer drei Stunden auf der Bühne saß, das Geschehen recht treffend kommentierte und nebenbei drei Maß getrunken hat“, erzählte Wolfgang Weiß sehr lebendig. Einer dieser Kommentare habe kurz und bündig gelautet: „Bazen hans scho gwen, de Firschtn!“ Der Hamlet dieser Aufführung sei von einer Frau gespielt worden, und ein englischer Kollege, ebenfalls Shakespeare-Forscher, habe damals verblüfft gemeint, „the best Shakespeare I’ve ever seen“.

„Gibt’s eigentlich Grenzen für diese Adaptionen?“, fragte da Monika Raml, die den Forscher im Rahmen ihres Dialektforschungsprojekts eingeladen hatte. „Eigentlich nicht“, meinte Wolfgang Weiß.

Was war dieser Shakespeare für ein Typ? Warum konnte er von der zotigen Komödie bis zum hochphilosophischen Drama Stücke schreiben, ohne sich auf ein bestimmtes Genre festzulegen? „Vor allem einmal waren das Spielvorlagen für seine Schauspielertruppe“, klärt Wolfgang Weiß auf. Vorlagen, die sich die Schauspieler selbst „aufs Maul“ anpassen konnten, aber auch Vorlagen, die er ganz gezielt bestimmten Akteuren nach deren besonderen Stärken auf den Leib schrieb. Sein Theater war in der Londoner Vorstadt, also kein Hochkulturbetrieb, sondern eine Volksbühne.

Deswegen war der gedankliche Weg zu bayerischen Volksbühnen auch nicht allzu weit. Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts seien bairische Shakespeare-Fassungen bekannt, und spätestens, seitdem der Dichter „nach Goethe und Schiller in den deutschen Literaturolymp aufgenommen“ worden sei, führt Weiß aus, „spätestens seit dieser Zeit war Shakespeare in wohlgesetzten deutschen Übertragungen sehr weit in unserem Sprachraum verbreitet“.

Die bavarisierten Versionen der shakespearschen Stücke seien durchweg sehr stark bearbeitet worden, so Weiß: Namensänderungen, Streichung von Monologen, Einfügung von Liedern und vor allem ging es beim hiesigen Volkstheater um „spektakuläre Bühneneinlagen“, die von den Bearbeitern nach Gusto eingestreut worden seien.

Es gibt Zeugnisse von bairischen Shakespeare-Aufführungen in Niederbayern im 17 Jahrhundert und von schwäbischen Versionen im 18. Jahrhundert, aber die große Zeit des bairischen Shakespeare war die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Gerade der Kiefersfeldener Holzknecht, Köhler und Autor Johann Georg Schmalz (1792-1845) hat in seinen oft noch heute gespielten Ritterstücken ganze Motivreihen und Situationen von Shakespeare übernommen und damit das Shakespearesche Welttheater auf bayerische Bretter gebracht, unter anderem, so Weiß, mit dem „schönsten Konjunktiv, den es in der deutschen Literatur“ gebe: „O schmölze doch dies fette Fleisch!“

Mit der fortschreitenden Industrialisierung in Deutschland seien aber ab Mitte des 19. Jahrhunderts eher traditionelle Stücke wie „S’Lieserl vom Schliersee“ oder „Der Geigenmacher von Mittenwald“ als Heimat-Surrogat in den überbevölkerten Städten populär geworden und hätten die Shakespeare-Adaptionen aus den Spielplänen vertrieben, erklärt der Forscher.

Erst ab der späten zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es wieder eine Reihe von bairischen Fassungen Shakespeares: Helmut Rosendorfer, Wolfgang Ramadan (München), Florian Münzer (Utting) oder Johannes Reitmeier (Kötzting) bereichern das Angebot an Mundartversionen der ewiggültigen Stücke des englischen Autors um neue, interessante Versionen.


Wie die [kou] zu ihrem Namen kam - oder: Die Geschichte einer Verschriftlichung

15. November 2011 - Christine Heimerer

"Wej schreibt ma nacha [kou]?"..."Wia soi i etzad [ziwala] schreim?"..."Wej schreibt ma na a:f Houchdeitsch [gö:roum]?"....Solchen und ähnlichen Fragen musste sich das Dialektforscher-Team des Projekts "Sprache im Fluss" bei der Dialektbefragung in allen Schulen der 11 teilnehmenden Altmühl-Jura-Gemeinden stellen.

Die befragten Schülerinnen und Schüler nämlich sollten auf Bildern dargestellte Pflanzen und Tiere nicht nur in ihrem Dialekt benennen, sondern auch den Versuch einer Verschriftlichung wagen und hatten ihre kleineren und größeren Probleme damit.

Und völlig zu Recht, denn wer weiß schon, wie genau man seine jeweilige Mundart phonetisch und orthographisch korrekt in die Schriftsprache überträgt? Die Antwort ist ganz einfach: niemand! Zumindest dann nicht, wenn man auf phonetische Sonderzeichen verzichten möchte.

Nach Abschluss der Dialektumfrage war der nächste Schritt des Projektteams, das gesammelte schriftliche und mündliche Material in eine einheitliche Form zu bringen. Dabei galt es einerseits zu beachten, die Lautung der einzelnen Dialektworte so korrekt wie möglich abzubilden. Andererseits sollte der auf Papier gebannte Dialektbegriff auch nicht so drastisch von der gewohnten Orthographie des Standardwortes entfernt werden, dass er nicht mehr erkennbar ist.

Mit Vergleichen, Ausprobieren und Neukreieren ist es unseren Linguisten dann doch gelungen eine Form zu finden, die sowohl das Dialektwort authentisch wiedergibt, als auch den standardsprachlichen Ausdruck ein Stück weit orthographisch erhält. Der daraus resultierende "Sprechende Sprachatlas" soll ja letzten Endes nicht nur Mundartsprechern der Region, sondern auch anderen interessierten Bayern, Schwaben, Hessen, Sachsen, Friesen usw. als Informationsquelle zur Dialektsituation im Altmühl-Jura-Raum dienen.
Es wäre schließlich jammerschade, wenn diese nicht verstünden was

[blatzl], [guadl] oder [bre:schling]

sind!


Vom Fotznspangla und anderen Dialekt-Schätzen

13. September 2011 - Anne Romahn

Boarndlkramer, Ziwal, Oachkatzlschwoaf. Klar ist: Wer Fragebögen von bayrischen Schulkindern, Lehrern und Eltern bearbeitet, lernt viel an Vokabular dazu. Das ist jedenfalls eine positive Seite des Fragebogen-Übertragens, weil ich während meines dreijährigen Studiums in Eichstätt doch wenig mit typisch bayrischen Begriffen und Floskeln in Berührung gekommen bin.

Natürlich ist es manchmal auch anstrengend, das Gekrakel von Erstklässlern zu entziffern, wobei erstaunlicherweise die Handschrift vieler Lehrer noch schwieriger zu lesen ist. Je kryptischer die Schrift, desto länger dauert es, einen schriftlichen Fragebogen in die Datenbank einzugeben. Dafür gibt es zwischendurch immer wieder was zum Schmunzeln. Beispielsweise, wenn man auf den Erstklässler-Fragebögen „Erbere“, „Eabeare“ oder „Eartbere“ liest, und sich innerlich freut, wenn man auf dem 45. Blatt dann tatsächlich einmal „Erdbeere“ findet. Die Schülerinnen und Schüler nutzen jegliche kreative Freiheit, um alle möglichen Begriffe so aufzuschreiben, wie sie sie in ihrem bayrischen Dialekt aussprechen. Kouh, Schouf, gäube Ruam, Gogl – jeder Leser, der lediglich das Hochdeutsche beherrscht, ist in diesen Momenten vermutlich für die zugehörigen Bilder auf den Fragebögen sehr dankbar. Bemerkenswert ist es dennoch, dass viele Schülerinnen und Schüler keine Probleme damit zu haben scheinen, ihren Dialekt nicht nur zu sprechen, sondern auch problemlos ausschreiben zu können. Ich freue mich jedenfalls über meinen neuen Wortschatz und versuche, die interessantesten bayrischen Wörter in Erinnerung zu behalten. „Breschla“ für „Erdbeeren“ oder „Butzkua“ für Tannenzapfen gehört zum Beispiel dazu - die Übersetzung ist an dieser Stelle natürlich nur für Sprecher des Hochdeutschen oder anderer Dialekte gedacht. Mein neues bayrisches Lieblingswort habe ich von einem 14-Jährigen Realschüler, der den Begriff „Zahnarzt“ übersetzte: Fotznspangla.


Mehr als "nur" eine Bachelorarbeit

31. Juli 2011 - Marina Hage

Im Juli diesen Jahres führte Marina Hage, Studentin an der Katholischen Universität Eichstätt (Lehramt Grundschule), im Rahmen ihrer Bachelorarbeit in Greding und Beilngries einen Literaturwettbewerb zum Kreativen Schreiben durch. An diesem Wettbewerb, der unter dem Motto „Ortssagen reloaded“ stand, beteiligten sich Schüler und Schülerinnen der vierten Jahrgangsstufe der Grundschule Greding sowie der sechsten Jahrgangsstufen der Mittel- und der Realschule Beilngries. Die Beiträge zum Wettbewerb finden Sie hier.


Jonas, Maria und der Bauernhof

27. Juli - Regina Burger

Im Rahmen unseres Projekts haben wir auch Kindergartenkinder befragt. Immer wieder stellte ich dabei fest, wie einzigartig und drollig Kinder sind: Ob schüchtern oder zutraulich, mit einer sehr leisen Stimme oder die anderen Kinder übertönend, ob leben-dig und frech oder still und nah am Wasser gebaut – sie alle habe ich während der Bilder - Befragung lieb gewonnen und deren Wissen und Lebenswelt schätzen gelernt.

Besonders aufgefallen sind Jonas und Maria – zwei enge Freunde, die unterschiedlicher nicht sein können. Sowohl vom Dialekt her, als auch in ihren Verhaltensweisen, Jonas aufgeweckt und lebhaft, Maria eher zurückhaltend. Marias Interesse an Tieren, insbesondere an ´Kotsn´, und ihre Geschichten darüber in Gredinger Mundart waren mir beim Schneiden und Auswer-ten der Interviews ebenso eine eigene Datei Wert, wie auch Jonas´ ortsdialektale Erzählungen - auf den ersten ´Blick´ unverständliches Röckenhofenerisch - über die Haltung von Kühen und das ´Dregga´– Fahren mit Opa und Papa.

Danke an alle Kindergartenkinder, für die amüsanten und liebenswerten Ausflüge in eure Welt.


Zeitzeugen-Gespräche

11.Juli 2011 - Patricia Stöhr

Ob `Kiachal´, `Keichl´ oder `Keichla´ - im untersuchten Altmühl-Jura-Raum gibt es zahlreiche Bezeichnungen für ein und dasselbe köstliche Schmalzgebäck, das hierzulande zur Kirchweih´, auch `Kiada´ oder `Kerwa´ genannt, oder aber im Fasching bzw. zur `Fosenocht´ hergestellt wird. Egal wie man die `Auszogna´ nennt, sie schmecken in jedem Fall lecker; aber nicht nur das, sondern an diesem Beispiel wird auch die dialektale Vielfalt der Sprache im Fluss sichtbar.


Für die Erforschung der Dialektkompetenz der aus diesem Gebiet stammenden Schüler war es daher unsere erste Aufgabe, zuerst einmal die jeweiligen Mundarten in den einzelnen Gemeinden und Gemeindeteilen herauszufiltern, bevor man beginnen konnte, zu überprüfen, inwiefern Kinder und Jugendliche ihres "Heimatdialektes" noch mächtig sind.

Aus diesem Grund machten sich ab Anfang November 2010 mehrere Studenten- und Mitarbeitertrupps - gerüstet mit Fragebogen und Aufnahmegerät - auf, um dem Dialekt im Altmühl-Jura-Raum nachzuspüren. Sie kehrten zurück mit vollen Tonbändern, die Köpfe voller Dialektbegriffe und die Bäuche voll mit Butterbrezen, Plätzchen und was findige Hausfrauen noch so alles aufzutischen wussten. Über 50 sogenannte Dialekt-Zeitzeugen, einheimische Dialektsprecher ab etwa 65 Jahre, wurden so zu ihrer Mundart befragt und aufgenommen. Dabei handelte es sich aber keineswegs nur um das Erfassen einzelner Tonsequenzen: Vielmehr wurden die Befragten zuerst in einem freien Redeteil dazu motiviert, in ihrer Mundart zu erzählen. Dabei sollten die Betreffenden ihre durch die nicht alltägliche Interviewsituation hervorgerufene Befangenheit ablegen und gleichzeitig erfuhren die Projektmitarbeiter viel Interessantes vor allem aus den Bereichen Regionalgeschichte, Brauchtum und Dorfleben: Wie die Schulzeit während des Krieges war, wie sich das Vereinsleben in den 1960er Jahren gestaltete, was traditionell an den Weihnachtsfeiertagen gegessen wird - oder einfach - wer beim letzten Faschingsumzug am besten `ausgesungen´ wurde. Darauf folgte ein zweiter Teil, in dem die Befragten gezielt nach gewissen Begriffen gefragt wurden. (z.B.: Nennen Sie bitte die Jahreszeiten. ODER Zählen Sie bitte die Wochentage auf) Schwieriger wurde es dann im letzten Teil. In diesem erhielten die Zeitzeugen fünf Sätze auf Hochdeutsch, die sie sich leise durchlesen sollten. Anschließend sollten sie die Sätze langsam in ihrem Dialekt vorlesen. Dies führte zu verwirrten Blicken oder aber einem Schmunzeln, denn es ist gar nicht so einfach Sätze aus dem Hochdeutschen in den Dialekt zu übersetzen.

Nach diesen doch oft sehr kurzweiligen Zeitzeugengesprächen folgt nun erst der eigentliche Mammonteil der Arbeit: nun nämlich liegt es an uns, all diese Daten auszuwerten. Das wiederum bedeutet, dass man sich die gesamten Tondateien einzeln anhört und die Antworten der Zeitzeugen, meist nur einzelne Wörter, zurechtschneidet. Ein Beispiel: Bei den Wochentagen sagt Person A aus dem Ort B zu Montag ‚Ma:nda’. Genau dieses kurze Wort muss aus dem Gesamtdokument herausgeschnitten werden, extra abgespeichert werden unter Person A aus B. Ein ziemlich zeitaufwändiges Unterfangen, wenn man davon ausgeht, dass man für eine gesprochene Minute im Schnitt so um die fünf bis acht Minuten zum Schneiden braucht.

Schwierig wird es, wenn der Befragte parallel gestikuliert (z.B. auf den Tisch klopft) oder aber seine Aussagen mit Füllwörtern wie ‚äh’ oder einem Räuspern verbindet. Diese Worte sind dann nicht verwertbar.

Des Weiteren war es für die Befrager problematisch die Zeitzeugen dazuzubringen, in ihrem Dialekt zu sprechen. Viele kommen nicht von hier und so sind einige Zeitzeugen immer wieder ins Hochdeutsche verfallen.

Die Zeitzeugen zeigten viel Engagement und wollten alles richtig und gut machen. So fielen einige den Studenten ins Wort, da sie die Antwort schon vor Beendigung des Satzes wussten. Dies wiederum führt dazu, dass es auch bei der Auswertung nicht brauchbar ist. Die Möglichkeit Stimmen voneinander zu trennen, ist nicht gegeben.

Alles in allem ist das Schneiden der Tondokumente sehr aufschlussreich. Man kann Vergleiche zwischen dem Früher und Heute anstellen und lernt nebenbei auch noch verschiedene Varianten von ein und demselben Wort.

Und obwohl diese Art der Feldforschung sicherlich eine Menge Aufwand und Arbeit bedeutet, hat die Unterstützung und Begeisterung der befragten Landbevölkerung sie uns so angenehm wie möglich gemacht - kein Wunder, wenn man großzügig bewirtet wird mit `Plätzle´, `Blazla´, `Blazl´, `Spritzguadl´, `Koucha´, `Kuacha´...usw. ;)


Shakespeare weiß-blau

27. Juni 2011 - Kathrin Graßberger

Wem klingt’s nicht ehern im Ohr: „To be, or not to be – that is the question”, sinniert Hamlet über den Wert des menschlichen Daseins nach. Das Leben als Kampf und Qual erdulden oder sich den Leiden entziehen? Doch was würde ein bayrischer Hamlet an dieser Stelle sagen? Er würde wohl nicht darüber räsonieren, „ob’s edler im Gemüt, die Pfeil’ und Schleudern des wütenden Geschicks [zu] erdulden oder, sich waffnend gegen eine See von Plagen, durch Widerstand sie [zu] enden“.Nein, bodenständig und temperamentvoll, gradraus und anschaulich, so würd’s klingen, zumindest wenn es nach Ludwig Merkle in seiner bairischen Fassung zu Hamlets „To be, or not to be“ ginge: „Lewenddig oda gschdoama, ja, dees fragd si: Wia hasd as gmiaddlicha, wannsd schee geduidig sagst: Nua hear auf me, oda wannsd oafach zuadrahsd, Schluß aus Ebbfi amen.“

An diese bairische Interpretation Hamlets werden sich auch Studentinnen und Studenten der KU Eichstätt-Ingolstadt wagen. Ihr Ziel ist es, einen Shakespeare weiß-blau auf die Bühne zu bringen. Als Grundlage dafür dienen ihnen bekannte Shakespeare-Dramen umgeschrieben in bairischen Dialekt: so wird es darüber hinaus neben einem bairischen Sommernachtstraum auch die der Widerspenstigen bayrische Zähmung geben.

Doch woher nehmen, diese ins Bairisch umgeschriebenen Dramen? – Zwar durchaus passiv dialektkompetent, war es den Studenten unmöglich, Shakespeare in astreines Bairisch zu übersetzen. Hilfe nahte daher vom Shakespeare-Archiv in München, das die Studentinnen und Studenten äußerst hilfsbereit mit Typoskripten zu barischen Shakespeare-Fassungen versorgte. Als Forschungsbibliothek wurde es im Jahre 1964 vom damaligen Ordinarius für Anglistik, Prof. Dr. Wolfgang Clemen, gegründet und ist als Spezialbibliothek für Shakespeare und seine Zeitgenossen in dieser Art in Europa einzigartig. Angegliedert an das Institut für Englische Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München umfasst das Archiv eine systematische Sammlung von Publikationen zu Shakespeare, seiner Zeit und zur internationalen Rezeption. 

Aufgrund der begrenzten Mittel besitzt die Bibliothek jedoch nur wenige frühe Ausgaben seltener Bücher. Bei der Beschaffung von Primärtext musste sie sich häufig auf Faksimile-Nachdrucke beschränken; so wurden auch die Shakespeare-Ausgaben des 18. und 19. Jahrhunderts als Nachdrucke erworben.

Ein herausragender Bestandteil der Bibliothek ist die Sammlung von über 10000 photokopierten Artikeln und Sonderdrucken aus internationalen Fachzeitschriften. Es handelt sich hierbei hauptsächlich um Beiträge zur Shakespeareforschung, die nach 1945 publiziert wurden. Anhand der jährlichen Shakespeare-Bibliographie im Shakespeare Quarterly wird die Sammlung nach Kräften laufend mit Artikeln in verschiedenen europäischen Sprachen ergänzt. Gegenwärtig umfassen die Bestände mehr als 17100 Bücher.

Die Aufnahme Shakespeares in Deutschland ist als ein natürlicher Schwerpunkt der Bibliothek gut dokumentiert. Es findet sich eine umfangreiche Sammlung von Shakespeare-Übersetzungen vom 18. Jahrhundert bis zu heutigen Bühnenfassungen und Adaptationen sowie relevante Forschungsliteratur zu einzelnen Aspekten und Problemen der Shakespeare-Übersetzung.
Die theaterorientierte Vermittlung Shakespeares wird durch ein Archiv zur Bühnengeschichte von Inszenierungen im deutschsprachigen Raum seit 1960 dokumentiert, das mit Hilfe der deutschen Theater zusammengetragen wurde (Programmhefte, Szenenphotos, Plakate und mittlerweile über 25000 Theaterrezensionen). Schließlich gibt es eine Sektion zu Shakespeare in den Medien mit Pressemitteilungen, Videos, Audiokassetten und Dias.

Die Bibliothek steht allen offen, die zu Shakespeare arbeiten und forschen wollen. Zu ihren Benutzern zählen Studierende, Dozenten und Professoren aus dem In- und Ausland, sowie Dramaturgen, Regisseure und Übersetzer.

In diesem Sinne:

„A Theater is as ganze Lebn, An jedm is sei Rolln drinn gebn. Siebn Akt lang dauert oft des Spui, Und manchmal wird de Sach oam z’vui.“ („All the world’s a stage“ in bairischer Fassung von Hanns Vogel)

http://www.shakespeare-library.uni-muenchen.de/index.htm


Earsinn - oder - Wie ein Dialekt-Hörspiel entsteht

20. Juni 2011 - Christine Heimerer

"....und wos hot da Ignaz Günther heind no mit uns zum doa?" Die Sprachforscher der KU Eichstätt-Ingolstadt waren mit dem Mikrofon in Altmannstein unterwegs.

Wer in den letzten Wochen über das Gelände der Ignaz-Günther-Schule in Altmannstein geschlendert ist, konnte Erstaunliches beobachten: Da ertönten römische Fanfaren und mittelalterliche Musik hallte durch die Gänge, da kochten Legionäre Eintopf aus Speck und Weizenschrot und manch einer konnte sogar - das Ohr an das Projektzimmer gedrückt - Interviews über die Schulgründung und Geschichten über den Namenspatron Ignaz Günther erlauschen! Ursache dafür waren der "Earsinn"- Hörspielwettbewerb des Bayerischen Rundfunks und die deshalb angereisten Studenten der Universität Eichstätt-Ingolstadt, die den altmannsteiner Schülern bei der Konzeption, Vorbereitung und Umsetzung ihrer Wettbewerbsbeiträge mit Rat und Tat zur Seite standen:

Bevor man nämlich mit Tonaufnahmegerät und Laptop loslegen kann, muss man erstmal den Umgang mit ebendiesen lernen und ganz nebenbei überlegen, mit welchem Inhalt man überhaupt die knapp bemessene Hörspielzeit von höchstens 4 min. zum Thema "Wie´s klingt, wo du lebst" füllen möchte.

Letzteres stellte jedoch für die kreativen Köpfe unter Altmannsteins Schülern das geringste Problem dar, ebenso wenig wie die Tatsache, dass der Beitrag im Dialekt gefasst sein sollte. So bereitete die 3. Klasse unter der Anleitung von Stefanie Dengler ein Hörspiel mit dem Namen BrotZeitReise vor, das von einem Wandertag berichtet, bei dem Schüler sowohl den nahe Altmannstein gelegenen Limes, als auch die im Ort befindliche Burgruine besuchen. Dabei tauschen sie nicht nur eigene Brotzeitvorlieben aus, sondern erfahren auch, was früher auf dem Speisezettel ihrer Großeltern stand und womit sich die vor langer Zeit am rätischen Limes stationierten Soldaten und die "oidn Rittasleid" die Bäuche füllten. Die musikalische Begleitung des ehemaligen Lehrers Herrn Kellermeier gab dem Ganzen dabei den letzten Schliff. Auch die Schüler der Hörspiel-AG, bestehend aus "Moila" und "Boum" der 5. und 6. Klasse, behielt den Bezug zur Heimatgemeinde bei, jedoch in weniger phantastischer Form, sondern vielmehr in Reportermanier: So konnte man an den Projekttagen drei verschiedene Teams durch die Gassen von Altmannstein ziehen sehen, immer auf den Suche nach Spuren von Ignaz Günther, seines Zeichens Rokokobildhauer, lokale und überregionale Bekanntheit und vor allem Namensgeber der Grund- und Mittelschule in Altmannstein. Neben Passanten wurden auch der hiesige Pfarrer und Mitarbeiter des örtlichen Ignaz-Günther-Museums zu Altmannsteins großem Sohn befragt. Eine weitere Reportergruppe beschäftigte sich hingegen mit der Frage nach dem Bezug von Ignaz Günther zu den Schülern heute und interviewte dabei den ehemaligen Rektor .... und den aktuellen Schulleiter der Ignaz-Günther-Schule, Richard Feigl.

Nach der eigentlichen Hörspielaufnahmen folgte für beide Gruppen noch ein Basteltag - schließlich wollte der inzwischen den Betreuern geschnittene Beitrag auch ansprechend präsentiert werden: Daher gestalteten die Schüler nicht nur ein eigenes Cover für ihr Hörspiel, sondern gleich eine ganze Präsentationsmappe, mit Motiven von Altmannstein und Ignaz Günther oder griffen noch einmal Szenen aus dem jeweiligen Hörspielbeitrag auf. Zudem verfassten einige sprachgewandte Schüler noch ein eigenes Anschreiben, in dem sie sich und ihr Projekt dem Bayerischen Rundfunk vorstellen.

Nach 3 Wochen war es dann geschafft: Das Hörspiel war fertiggestellt, eine ansprechende Verpackung gestaltet, ein Informationsbrief geschrieben und konnte Ende Mai abgeschickt werden. Während nun die Beteiligten auf positive Antwort vom BR warten, steht eines jedenfalls fest: Beide Hörspielprojekte haben sowohl Kindern als auch Betreuern - um einen Schüler zu zitieren - "unbandig Spaß gmacht"!