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18.05.18

Persönlichkeitsbildung im Spannungsfeld von Führung und Verführung

Mit einer wissenschaftlichen Fachtagung zum Thema „Persönlichkeitsbildung im Spannungsfeld von Führung und Verführung. Praktische Weisheit als ‚Unterscheidung der Geister‘“ hat an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt der schrittweise Aufbau eines Forschungszentrums begonnen, das den Arbeitstitel „Religion, Kirche, Gesellschaft im Wandel“ trägt. In dem Zentrum sollen neben dem Forschungsfeld Persönlichkeitsbildung zwei weitere Bereiche aufgebaut werden, die sich in interdisziplinärer Zusammenarbeit den geschichtlich-kulturellen Transformationsprozessen des Christentums sowie den soziopolitischen, kulturellen und religiösen Umbrüchen der Gegenwart zuwenden.


Prof. Dr. Martin Kirschner (KU), der ehemalige bayerische Ministerpräsident Dr. Günther Beckstein, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch (Freiburg) und Prof. Dr. Chirstoph Böttigheimer (KU) (Foto: upd/Klenk)

In den letzten zwei Jahren hat sich eine sechsköpfige Forschungsgruppe mit dem Prozess der Persönlichkeitsbildung befasst, um ein zukünftiges Forschungsfeld zu erschließen. Leitend waren dabei theologische Fragestellungen und die Perspektive einer praktischen Weisheit. Dieser Zielsetzung war auch die zweitägige Fachtagung am 14. und 15. Mai in Eichstätt gewidmet. Sie sollte helfen, wissenschaftliche Desiderate ausfindig zu machen und künftige Forschungsfragen zu benennen. Bewusst wurde dabei die Frage nach der Persönlichkeitsbildung im Spannungsfeld von Führung und Verführung in einem Dreischritt angegangen: ausgehend vom Bereich der Ökonomie, über den Sektor der politischen Öffentlichkeit bis hin zum Gebiet der Religion. Im Hintergrund stand die Vermutung, dass sich die Spannungen, die sich womöglich in einem Gebiet zeigen, in dem nachfolgenden Sektor einer Lösung zuführen lassen. Außerdem wurde ein Tagungsformat gewählt, bei dem nicht einfach Vorträge aneinandergereiht, sondern narrativ eingespielte, praktische Erfahrung und Urteilskraft mit theoriegeleiteter Reflexion verbunden werden.

Den Auftakt bildete der dem Bereich Ökonomie zugeordnete Vortrag von Prof. Dr. Martin Balle. Der Verleger des Straubinger Tagblatts führte ausgehend von seiner eigenen Biographie aus, wie in einem Unternehmen aus Angestellten motivierte Mitarbeiter werden können, nämlich durch das Bemühen, den Anderen gut sein zu wollen, ihn am Wissen teilhaben zu lassen und ihm durch ein hierarchiefreies Klima Ängste zu nehmen. Fortgesetzt wurde Balles Erfahrungsbericht durch Reflexionen von Prof. Dr. Sonja Sackmann, Psychologin an der Universität der Bundeswehr, zum Thema: „Persönlichkeitsbildung im Spannungsfeld von Genetik und Sozialisation: die Rolle von Vorbildern“. Sei die Persönlichkeit auch zur Hälfte genetisch determiniert, so bleibe doch noch genug Raum, um sie in den unterschiedlichen Lebensphasen weiter auszubilden. Maß Sackmann in diesem Zusammenhang dem modellhaften Lernen eine große Bedeutung zu, so deckte sich dies mit dem Ratschlag von Balle, dass das Verhalten des Unternehmers auf das der Mitarbeiter nachhaltig einwirke. „Man muss seine Cheffunktion aus sich selbst heraus erfüllen und sich an den selbst ausgegebenen Kodex halten. Das ist die Erwartungshaltung meiner Mitarbeiter an mich.“

Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Dr. Günther Beckstein führte anhand seines reichhaltigen politischen Wirkens aus, was es heißt, in der politischen Öffentlichkeit eine Führungsrolle einzunehmen, ohne sich autoritär zu gebärden, zu intrigieren oder zu verführen. Seine Erfahrungen hätten ihn gelehrt, dass eine Demokratie ohne intensive Diskussionen nicht auskomme, es aber ebenso Personen brauche, die innovative Gedanken einbrächten und diese entschieden, will heißen sie überzeugt und überzeugend vertreten. Eine profilierte Führungspersönlichkeit könne nur mit und durch Kontroversen reifen. Der Eichstätter Journalistik-Professor Dr. Klaus-Dieter Altmeppen reflektierte im Anschluss das komplexe Zusammenspiel von veröffentlichter Meinung, Demoskopie und politischer Führung: die von Beckstein eröffneten Alternativen von Führung und Moderation, Anpassung an den Commonsense und Konfliktbereitschaft seien in diesem Wechselspiel zu verorten. Digitalisierung und neue Medien führen zu fragmentierten Öffentlichkeiten und neuen, bisher kaum durchschauten Möglichkeiten der Manipulation und strategischen Kommunikation, die in alle Lebensbereiche der Gesellschaft und des Menschen hineinreichen. Diese Gefährdungen seien dringend zu analysieren, um unter den Bedingungen der Digitalisierung eine verantwortliche Verständigung über die Wirklichkeit und die realen Handlungsoptionen zu ermöglichen, anstatt sich im Streit über Narrative und Diskurse zu verlieren.

Der Bereich der Religion wurde durch die Ausführungen des früheren Freiburger Erzbischofs Dr. Robert Zollitsch eröffnet. Er berichtete von seiner Tätigkeit als Regens des Freiburger Priesterseminars, als Leiter der Personalabteilung der Erzdiözese Freiburg, als deren Bischof sowie als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Seine wichtigste Erkenntnis lautete: „Autoritätsausübung als Dienst am Leben bedeutet Zuhören und Hinhören.“ Die Fähigkeit zuzuhören sei nicht nur Ausdruck von Respekt und Wertschätzung für den Gesprächspartner, sondern biete die Möglichkeit, von ihm bis dahin ungekannten Aspekten zu erfahren. Stets habe er seine Ämter als einen Dienst verstanden, ohne die mit dem Amt verbundene Macht zu leugnen. „Eine Persönlichkeit, die sich ihrer Autorität bewusst ist, benötigt keine Konzentration auf die eigene Person.“ Wie Papst Franziskus habe er seine Amtsgewalt mit einem christlichen Vorzeichen versehen, was bedeute, dass die Ausübung von Autorität der Liebe zu dienen habe. „Ich habe die Ämter nie als Macht, sondern als Verantwortung empfunden. In meiner Rolle als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz war ich vor allem Moderator und habe selten direkt eingegriffen“, so Zollitsch.

Prof. Dr. Roman Siebenrock, Theologe an der Universität Innsbruck, rückte diese Überlegungen in das Spannungsfeld von klar definierbaren öffentlichen Führungsämtern und der mit ihr verbundenen Kompetenzen einerseits, dem Moment der auctoritas und des unverfügbaren Charismas, wie es biblisch insbesondere durch Paulus repräsentiert wird. In der Persönlichkeitsbildung sei daher strikt zwischen dem ganz persönlichen Bereich des Gewissens und der Berufung – dem Forum Internum – und dem öffentlichen Bereich – forum externum – zu unterscheiden. Die „Unterscheidung der Geister“ kann der Einzelne nur selber treffen, doch brauche es Begleitung, Schulung, Formen gegenseitiger Korrektur und anerkennender Kritik. Die große Zielperspektive einer Persönlichkeitsbildung im theologischen Sinn liege im Prozess der Heiligung, der von der Theologie der Taufe her zu entwickeln und an der Nachfolge Christi und der Ausrichtung am Reich Gottes zu orientieren sei. Entscheidend sei dabei jedoch, die Endlichkeit und Vorläufigkeit des Menschen nicht zu überspielen. Daher komme dem Zusammenspiel der natürlichen Tugenden in der Vermittlung durch Klugheit und Urteilskraft eine Schlüsselfunktion zu.