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18.05.18

Theologie als Katalysator von Erneuerung

Die wissenschaftliche Theologie ist nach Ansicht von Annette Schavan von immensem Nutzen für den Glauben. Sie bewahre den christlichen Glauben vor Vereinnahmung, Verkürzung, sektiererischen Tendenzen und fundamentalistischer Instrumentalisierung, sagte die deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl bei einem Vortrag an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.


Die deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl, Annette Schavan, bei ihrem Vortrag an der KU (Foto: upd/Klenk)

„In Zeiten, in denen die Religion sich auf der Bühne der Zeitgeschichte auch bedrohlich, weil vereinnahmt für Gewalt und Terror präsentiert, ist dieser aufklärerische Impuls nicht groß genug einzuschätzen“, so die Ex-Bundesbildungsministerin bei ihrem Besuch an der KU am 14. Mai. Auch im Wissenschaftssystem komme der Theologie eine unersetzliche Rolle zu. Als ein ganzes Ensemble von Disziplinen eröffne sie einen größeren geistigen Horizont, erweise sich als widerständig gegen Reduktionismen und trage dazu bei, die verschiedenen Perspektiven zu integrieren. „Wer über die Theologie im Haus der Wissenschaft urteilt, darf sich dabei nicht allein an Studierendenzahlen orientieren.“ Der Blick auf das Ganze dürfe nicht das Nutzenkalkül allein auf die Ausbildung des kirchlichen Personals richten. Natürlich sei die Statistik mit rückläufigen Studierendenzahlen in Deutschland bedenklich. „Das ist ein Grund für selbstkritische Fragen, gleichwohl nicht ausreichend, um eine überzeugende Antwort auf die Relevanz der Theologie im Haus der Wissenschaft zu geben.“

Die Theologie stehe für ein tieferes Verstehen dessen, woraus auch moderne Gesellschaften schöpften, wenn nach geistigen Grundlagen, Kultur und dem gesellschaftlichen Selbstverständnis gefragt werde. Europa brauche wieder einen Zugang zu seinen Quellen, um Einheit und Zusammenhalt zu stärken, „Einheit und Zusammenhalt, die augenscheinlich fragil geworden sind“.

Die Theologie sei auch wichtig für die Erneuerung der Kirche, für die Papst Franziskus eintrete. „Das Selbstverständnis, wonach wir als Christen vor allem dafür plädieren, zu bewahren, was ist, weicht einem neuen Selbstverständnis, das uns an den Anfang der Christenheit erinnert. Damals wurden die ersten Christen 'Menschen des Neuen Weges' genannt.“ Dieses Verständnis des Christentums als Kraft der Erneuerung bestimme die kürzlich von Franziskus veröffentlichte Konstitution über die kirchlichen Hochschulen „Veritatis gaudium“ (Die Freude der Wahrheit).

Hier fordere der Papst nicht weniger als einen radikalen Paradigmenwechsel und eine mutige kulturelle Revolution. „Wir leben in Paradigmen, die nicht tragfähig sind“, so Schavan. Um die Welt zu erhalten, brauche es eine Spiritualität der globalen Solidarität und ein neues Denken, das sich den epochalen Problemen der Gegenwart stellt und hilft, die alten Muster zu überwinden. Die Universität insgesamt und die Theologie im Besonderen nehmen hierfür eine wichtige Rolle in der Gesellschaft ein. Es gehe darum, Kommunikation anzustoßen und auf das aufmerksam zu machen, was niemand wahrnehmen will, um langfristig dem Zerbrechen von Beziehungen und Balancen entgegenzuwirken und einen Umgang mit der wachsenden Fragilität und Komplexität unserer Zeit zu ermöglichen.

Die Ausführungen unterstrichen die Bedeutung und Relevanz, die dem Aufbau eines interdisziplinären Zentrums für theologische und religionsbezogene Forschung zukommt, an dem derzeit an der KU gearbeitet wird. Das geplante Forschungszentrum „Religion, Kirche, Gesellschaft im Wandel“ am der KU soll drei Bereiche umfassen, an denen die geschichtlich-kulturellen Transformationsprozesse des Christentums, Fragen der Persönlichkeitsbildung und die soziopolitischen, kulturellen und religiösen Umbrüche der Gegenwart erforscht werden. In enger Zusammenarbeit der Disziplinen sollen aus den Quellen jüdisch-christlicher Kultur innovative Ansätze entwickelt werden, um den Herausforderungen der Gegenwart zu begegnen und eine neue Kultur wissenschaftlicher Zusammenarbeit an der KU zu befördern.