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Preis der Eichstätter Universitätsgesellschaft e.V.


Preisträger 2015: Wiebe Pohler, Simon Falch und Dr. Daniel Pascal Zorn

Wiebke Pohler

Die Dissertation von Wiebke Pohler präsentiert eine Ethnografie nanomedizinischer Innovationen, der eine Untersuchung in der „Sektion für experimentelle Onkologie und Nanomedizin“ in Erlangen zugrunde liegt. Forschungsgegenstand dieser Sektion ist das Therapieverfahren „magnetic drug targeting“, das mithilfe von Nanopartikeln eine lokale und zielgerichtete Behandlungsmethode von Krebserkrankungen ermöglichen soll. Im Vergleich zu etablierten Verfahren der Onkologie verspricht das neue Therapiekonzept insbesondere auch eine Reduktion unerwünschter Nebenwirkungen. In der ethnografischen Beschreibung der Forschungspraxis, die das Verfahren des magnetischen Wirkstofftransports untersucht und erprobt, werden zum einen die Charakteristika und Kennzeichen nanomedizinischer Forschung herausgearbeitet. Zum anderen wird nachvollzogen, auf welchen Wegen und durch welche Mittel sich diese Forschung konstituiert und wie sie sich Relevanz verschafft. Im Zentrum der Untersuchung stehen somit sowohl die experimentelle Praxis im Labor, als auch all jene Tätigkeiten, die die Laborarbeit kontextualisieren.

Die Dissertation, die von Prof. Dr. Joost van Loon betreut wurde, versteht sich in diesem Zusammenhang als ein Beitrag zur öffentlichen und wissenschaftsinternen Diskussion und Kontroverse zu Nano als Forschungs- und Entwicklungsfeld. Die Arbeit konzipiert diese Kontroverse im Sinne einer Auseinandersetzung mit einer umstrittenen Objektwelt. In dieser Hinsicht wird nanomedizinische Forschungspraxis in Bezug auf die Objekte, die sie prägen und die durch sie geprägt werden, untersucht. Das Verfahren des magnetischen Wirkstofftransports wird sodann als ‚Erfindung’ (Gabriel Tarde) interpretiert, die nicht allein mit Veränderungen auf dem Gebiet der Onkologie einhergehen, sondern, grundsätzlicher, soziale Zusammenhänge auflöst und neu gestaltet. Nanomedizinische Forschung wird somit als die Herstellung und Emergenz einer neuen Form von Sozialität (‚Nano- Sozialität’) interpretiert. Es wird argumentiert, dass diese ‚Nano-Sozialität’ eine Versammlung heterogener Akteure darstellt, die gesellschaftliche als auch soziologische Grenzen und Grenzziehungen, wie Natur/Kultur, Wissenschaft/ Gesellschaft, Subjekt/Objekt oder menschlich/nicht-menschlich überschreitet und in Frage stellt. Mit der Heuristik des Akteur-Netzwerkes und den Instrumenten der Ethnographie wird eine Forschungsperspektive aufgegriffen, die es möglich macht, nanomedizinische Innovationen zu beforschen, ohne von Beginn an mit kategorialen Vorannahmen und Unterscheidungen arbeiten zu müssen. Möglichkeiten, aber auch etwaige Grenzen einer solchen Forschungsperspektive werden auch in Auseinandersetzungen mit traditionellen soziologischen Perspektiven auf technowissenschaftliche Innovationen (Technikdeterminismus/Sozialkonstruktivismus) diskutiert. Durch das Nachvollziehen von Konstruktions- und Übersetzungsprozessen nanomedizinischer Forschungspraxis werden nanomedizinische Innovationen als heterogene, mediatisierte, natur-kulturelle Akteur-Netzwerke sichtbar gemacht.

Wiebke Pohler hat an der LMU München Soziologie, Sozialpsychologie und Philosophie studiert. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Wissenschaftsforschung, Umwelt- und Techniksoziologie, Innovationsforschung, Risikoforschung und Medizinsoziologie. Neben ihren Lehrtätigkeiten war sie in verschiedenen Forschungsprojekten beschäftigt, u. a. im Sonderforschungsbereich „Reflexive Modernisierung“ unter der Leitung von Prof. Dr. Ulrich Beck. Zuletzt war Wiebke Pohler wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie und soziologische Theorie in Eichstätt bei Prof. Dr. Joost van Loon.

Mit den Themen Nano und Nanomedizin hat sich Wiebke Pohler, neben ihrem eigenen Dissertationsprojekt, auch im Rahmen einer Nachwuchsforschergruppe (gefördert durch die VW-Stiftung) auseinandergesetzt. Zudem war sie im Rahmen des 7. Forschungsrahmenprogramms der Europäischen Kommission Teilnehmerin des Nanomed Round Table.

Simon Falch

Die Dissertation von Simon Falch mit dem Titel Das Predigtoeuvre des Rebdorfer Augustiner-Chorherrn Balthasar Boehm († 1530) als vorreformatorische Wissenssumme erschließt das mit den neuen Eichstätter Handschriftenkatalogen in den Forschungshorizont geratene, monumentale und heuristisch entsprechend aufwändige Lebenswerk des Rebdorfer Regularkanonikers Balthasar Boehm. Es ist insofern ein Denkmal sui generis, als seltene Überlieferungsgunst hier in zehn autographen Codices der UB Eichstätt sowie in drei der BSB München nebst einigen Traktaten und Übersetzungen ein insgesamt 2694 Musterpredigten umfassendes Gattungsarchiv bewahrte, das an Geschlossenheit, Umfang, Autornähe sowie im Latein/Deutsch-Verbund einzigartig und für die bibelexegetische Laiendidaktik wie insgesamt für die Pastoral am Vorabend der Reformation von außerordentlichem Zeugniswert ist.

Falch erklärt die komplexe Systematik dieses Textkosmos aus den Rahmenbedingungen der Rebdorfer Predigtversorgung, die die Reformen der Eichstätter Humanistenbischöfe und der Windesheimer Kongregation auf die liturgischen Anlässe und Propria sowohl der Diözese als auch des Ordens verpflichteten. Im Geist der Devotio moderna und des augustinischen Schreibexercitiums war es Boehm darum zu tun, den Laien ein Höchstmaß liturgischer Textlichkeit aufzuschließen: durch einen handschriftlichen ortseigenen Predigtfundus, der die im Druck als liturgische Passepartouts umlaufenden Sammlungen an Zahl der Anlässe, Themata und Sermomuster weit überbot.

Seine Zweitfach-Kompetenz als bayerischer Landeshistoriker und Volkskundler, die philologisch-kodikologische Expertise des Altgermanisten sowie ein von der Liturgiewissenschaft der KU und der ‚Forschungsstelle für geistliche Literatur des Mittelalters‘ begleitetes homiletisches Selbststudium versetzen Falch in die Lage, eine Fülle grundsätzlicher Aufschlüsse über den spröden Gattungstyp ‚Musterpredigt‘ zu erlangen, der als das einzige veritable Massenmedium sowie als wirkmächtigstes Bildungsinstrument in Spätmittelalter und Früher Neuzeit gelten kann. So gewinnt Falch den Texten ihren ‚Sitz im Leben‘ zurück, erhellt das Verhältnis von lateinischer und deutscher Predigtproduktion, auch die Arbeitsweise des ‚Autors‘ und die serielle Faktur des Genres aus umlaufenden Bauplänen und Textbausteinen. Zudem skizziert er die Transformationen gelehrten Heilswissens vom bibliothekarischen Speichergedächtnis der Enzyklopädien und Mustermagazine ins Funktionsgedächtnis der Predigthörer.

Insgesamt zeigt die Arbeit von Simon Falch die Textkultur der spätmittelalterlichen Volkspredigt in einer Blüte und Wohlbestelltheit, die das Stereotyp, ihr (vermeintlicher) Verfall sei eine zentrale Reformationsursache, als Evidenzbehauptung und Fehleinschätzung entlarven. Simon Falchs Dissertation, die von Prof. Dr. Gerd Dicke betreut wurde, ist in interdisziplinärer Hinsicht von bemerkenswerter Ergiebigkeit: für die Gattungs- und Institutionengeschichte des Predigtwesens ebenso wie für die Medien- und die Liturgiewissenschaft, für die Kirchen-, Ordens- und Frömmigkeitsgeschichte im Vorfeld der konfessionellen Spaltung und nicht zuletzt für die Kulturgeschichte des Eichstätter Raumes.

Simon Falch studierte an den Universitäten in Augsburg, Mainz und Eichstätt im Magisterstudiengang die Fächer Geschichte, Volkskunde und Germanistik. Ein Erasmusstipendium führte ihn nach Rom, ein Sprachaufenthalt nach Dijon. Das Studium schloss er 2009 in Eichstätt mit einer von der Maximiliana Kocher M.A. Stiftung prämierten Arbeit über die Generalvisitation der Diözese Eichstätt in den Jahren 1601/1602 ab.

Seit 2009 ist Simon Falch Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit Oktober 2015 Akademischer Rat auf Zeit am Lehrstuhl für Ältere deutsche Literaturwissenschaft bei Prof. Dr. Gerd Dicke.

Dr. Daniel-Pascal Zorn

Das Vergleichen philosophischer Texte gehört untrennbar zur philosophischen Forschung dazu. Sie stellt dafür verschiedene Hinsichten des Vergleichs zur Verfügung: historische, systematische, an den Natur- oder Sozialwissenschaften orientierte Hinsichten ebenso, wie Vergleiche bezüglich Themen, Begriffen oder Methoden. Diesen Hinsichten ist aber gemeinsam, dass sie für den Vergleich bereits Voraussetzungen machen, die nicht notwendig Voraussetzungen der philosophischen Texte sind, die man vergleichen will. Das kann dazu führen, dass man in diesen Texten nur das wahrnimmt, was die Voraussetzungen von Vornherein wahrzunehmen erlauben, während andere Aspekte, die diesen Voraussetzungen widersprechen oder nicht zu ihnen passen, ignoriert werden.

Die Dissertation von Daniel-Pascal Zorn geht von der These aus, dass es eine Möglichkeit des textimmanenten Vergleichs philosophischer Texte gibt, die es erlaubt, die Schwierigkeit voraussetzungsvoller Lektüre zu umgehen. Diese Möglichkeit beruht auf der Struktur von Reflexivität, die sich in Begründungsfiguren, Prinzipien, sowie Problemen und ihren Lösungen der Philosophie wiederfinden lässt. Dieselbe Struktur wird in verschiedenen philosophischen Texten ganz verschieden ausgelegt und erlaubt damit sowohl einen Vergleich hinsichtlich dieser Struktur, als auch die Beibehaltung der philosophischen Eigenart des Textes, ohne ihn durch textäußere Voraussetzungen zu verzerren.

Die Besonderheit an der Doktorarbeit, die von Prof. Dr. Walter Schweidler betreut wurde, liegt darin, dass sie diese Form der textimmanenten operational aufmerksamen Lektüre nicht nur systematisch darstellt, sondern dass diese Darstellung für den Leser auch ein Handbuch oder Lern- und Lehrbuch darstellt, anhand dessen er die vorgeschlagene Lektürehaltung erlernen kann. Die Beispiele dieses Handbuches erstrecken sich entsprechend von vorsokratischen Positionen bis in den gegenwärtigen Diskurs, von Anaximander bis Žižek, über 2500 Jahre und über kleine und größere Analysen zu insgesamt über 40 verschiedenen Philosophen aus allen Epochen.

Diese Lektürehinsicht wird in einem zweiten, kleineren Band am Beispiel des Vergleichs von Michel Foucault und Martin Heidegger verdeutlicht und damit zugleich ein wichtiges Verhältnis zweier für den philosophischen Diskurs zentraler Denker zu verdeutlichen versucht. Auf dem Prüfstand stehen sowohl der Vorwurf des ‚Antihumanismus‘, als auch die Frage, inwiefern es bestimmte Denkprobleme sind, die das Denken dieser beiden von Anfang bis Ende leiten und bestimmen.

Daniel-Pascal Zorn, 1981 in Hamburg geboren, machte 2005 sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg. Während der Schulzeit besuchte er bereits Veranstaltungen der katholischen Theologie an der TU Dortmund. Er studierte von 2006 bis 2008 Geschichte und Philosophie (B.A.) und Philosophie und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (M.A.) an der Ruhr-Universität Bochum.

Während des Studiums arbeitete er an verschiedenen Lehrstühlen in der Geschichte, Germanistik und Philosophie mit und sammelte von 2010 bis 2013 Erfahrungen in der Lehre an der Fakultät für Sozialwissenschaft. In seiner Masterarbeit setzte sich Zorn mit der frühesten Schrift von Michel Foucault im Zusammenhang mit Edmund Husserls Überarbeitungen seiner Phänomenologie in seinen Manuskripten auseinander. Zorn war von 2007 bis 2013 zuerst Studien-, dann Promotionsstipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes. Seit Oktober 2015 ist er Kolumnist bei der Philosophiezeitschrift Hohe Luft . Seine Interessen in Forschung und Lehre betreffen vor allem die Philosophie der Antike, der Frühen Neuzeit, die Klassische Deutsche Philosophie und die Philosophie der Gegenwart. Thematisch ist er interessiert am Zusammenspiel von Logik und Dialektik, sowie reflexiven Strukturen auch in nichtphilosophischen Zusammenhängen (Mythos, Religion, Wirtschaft, Wissenschaft, Mathematik).