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Preis der Sparkasse Eichstätt für Arbeiten zum Thema Gerechtigkeit

Preisträger 2017

Martin Schiemer, Betriebswirtschaftslehre

In seiner Bachelorarbeit „Financialisation and Food Speculation: An Empirical Analysis“ beschäftigt sich Martin Schiemer mit einem der wohl umstrittensten Themen der praktischen Wirtschaftsethik der vergangenen Jahre, der Frage nämlich, ob Finanzspekulationen mit Nahrungsmitteln den Preis für Grundnahrungsmittel verteuern und dadurch mitverantwortlich für den Hunger in weniger entwickelten Gesellschaften sind.
Ausgangspunkt der Kontroverse ist die Beobachtung, dass in den Jahren 2007 bis 2009 zeitgleich zur globalen Finanzmarktkrise ein drastischer Anstieg der Preise für Grundnahrungsmittel erfolgte. Zahlreiche Nichtregierungsorganisationen, aber auch Politiker und Vertreter der Kirchen führten diesen Preisanstieg auf das stark erhöhte Volumen von Finanzspekulationen mit Nahrungsmitteln zurück. Vor allem der Handel mit Indexfonds für Grundnahrungsmittel wurde als preistreibendes „Geschäft mit dem Hunger“ kritisiert und die institutionellen Anleger wurden aufgefordert, sich aus moralischen Gründen aus diesem Markt zurückzuziehen.
Martin Schiemer analysiert den Einfluss von Indexfonds auf den Preis von Grundnahrungsmitteln auf der Grundlage einer eigenständigen empirischen Studie. Er untersucht die wichtigsten international gehandelten Grundnahrungsmittel Mais, Soja, Weizen und Reis. Als Identifikationsstrategie nutzt er die Tatsache, dass Weizen und Mais als hochstandardisierte Produkte über Indexfonds gehandelt werden, während für Reis keine entsprechenden Indizes existieren. Dieses Nahrungsmittel fungiert daher als Kontrollgruppe.
Mit Daten der Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen und der Chicago Board of Trade schätzt Martin Schiemer ein Paneldatenmodell mit fixen Effekten, das die Entwicklung der Spotpreise von Grundnahrungsmitteln durch den Einfluss fundamentaler und finanzieller Faktoren erklärt. Seine Ergebnisse zeigen, dass weder die Finanzmarktkrise des Jahres 2008 noch die Finan­zialisierung eine preistreibende Wirkung für Grundnahrungsmittel aufweist. Die Annahme, wonach der Handel mit Indexfonds für Grundnahrungsmittel zu verstärkten Preisschwankungen auf den Gütermärkten führt, kann somit nicht bestätigt werden. Dieses Ergebnis widerpricht der gängigen Auffassung, ist jedoch durchaus kompatibel mit neueren Ergebnissen aus der einschlägigen Literatur.
Martin Schiemer legt in seiner Arbeit eine fundierte Literaturübersicht zu einem äußerst kontroversen Thema vor. In dem von ihm entwickelten Modell verwendet er anspruchsvolle ökonometrische Methoden, die das übliche Anforderungsniveau einer Bachelorarbeit deutlich übersteigen. Und nicht zuletzt sind die Ergebnisse dieser Arbeit auch für die normative Beurteilung von Finanzmarktprodukten relevant. Die Bachelorarbeit von Martin Schiemer zeigt einmal mehr, dass eine ausgewogene ethische Analyse fundierte Kenntnisse ökonomischer Zusammenhänge erfordert.
Martin Schiemer ist 1994 in Ingolstadt geboren. Nach seinem Abitur am Apian-Gymnasium in Ingolstadt nahm er 2013 das Studium der Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Finanzierung, Banken und Kapitalmärkte an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt auf. Die prämierte Bachelorarbeit wurde von Prof. Dr. Jörg Althammer (Lehrstuhl für Wirtschaftsethik und Sozialpolitik) betreut.
Während seines Studiums absolvierte Martin Schiemer ein Auslandssemester an der Regent’s University in London und war studienbegleitend bei der Schaeffler Group in Deutschland, den USA und Kanada im Bereich Con­trolling/Accounting tätig, wo er an der Entwicklung eines Projektcontrollingsystems beteiligt war. Sein Bachelorstudium der Betriebswirtschaftslehre an der KU Eichstätt-Ingolstadt hat er 2017 erfolgreich beendet.