Sie befinden sich hier: KU.de  Fakultäten  Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät Ingolstadt  Christliche Sozialethik und Gesellschaftspolitik  Lehre  Praktische Weisheit Lehren  

Praktische Weisheit Lehren

Reflexionen auf meine Lehrphilosophie

a) Warum ist Praktische Weisheit für Studierende wichtig?

Mein Konzept von Lehren und Lernen orientiert sich an einem meiner Forschungsthemen: Praktische Weisheit. Praktische Weisheit als Konzept geht auf die griechischen Philosophie (insbesondere Aristoteles) zurück und spielte in der westlich-christlichen Bildungsgeschichte vor dem Zeitalter der Aufklärung eine zentrale Rolle.

Akademische Ausbildung ist heute zu Recht um den Wissenstransfer herum zentriert. Studentisches Lernen bedeutet mithin primär den Erwerb von Wissen: über Techniken, Modelle, Methoden der Datenerhebung und -analyse etc. Studierende besuchen Universitäten, um diese Inhalte zu erfassen und damit in ihrer späteren beruflichen Tätigkeit zu arbeiten. Entsprechend ist die überwiegende Mehrzahl der akademischen Veranstaltungen an kognitiver Wissensvermittlung orientiert.

Viele unserer Studierenden werden aber in Zukunft auch ihre Organisationen leiten oder doch - auf die eine oder andere Art und Weise - zumindest deren Richtung mitbestimmen. Daher erinnert uns der Begriff der Praktischen Weisheit daran, dass Bildung Personen auch darauf vorbereiten soll, in ihrem zukünftigen Berufsleben verantwortliche Entscheidungen zu treffen. Sie sollten die erworbenen Instrumente, Theorien und Modelle nicht nur in einer formal korrekt, sondern auch in einer moralisch angemessenen und ‚weisen’ Art anwenden. Mehr als je zuvor müssen zukünftige Führungskräfte ihr fachliches Wissen heute z. B. mit (inter-) kultureller Kompetenz, sozialer Empathie und intellektueller Neugier kombinieren. Dies gilt insbesondere in der komplexen gesellschaftlichen Umwelt des 21. Jahrhunderts, in der

- unbeabsichtigte Nebenwirkungen von politischen oder organisatorischen Entscheidungen die angestrebten direkten Wirkungen überkompensieren können;
- eine plurale Mitarbeiterschaft bestimmte organisatorische Entscheidungen ganz anders und manchmal sogar gegensätzlich interpretieren kann;
- wichtige Innovationspotenziale außerhalb eines geschlossenen disziplinären Fachgebiets liegen (vgl. Nobel-Preise).

 

b) "Praktische Weisheit": Auch aber nicht nur theoretisches Wissen


Schon der griechische Philosoph Meno fragte vor 2500 Jahren: »Kann Weisheit gelernt werden?" Heute zeigt sich: Ja - aber in einem reflektierten Prozess in unterschiedlichen und heterogenen Schritten. Zunächst spielt auch in der Ethik kognitives Wissen eine wichtige Rolle. Um eine grundlegende ethische Kompetenz unter den Studierenden zu befördern, sollten ihnen alternative normative Konzepte vorgelegt und veranschaulicht werden. Dabei sollten sie ihre eigene Moraltradition im Kontext von anderen verstehen lernen. An einer katholisch-theologischen Fakultät können Studierende etwa die Katholische Soziallehre besser erfassen, wenn sie diese mit der Sozialethik anderer Religionen und Konfessionen oder mit säkularen Konzepten wie CSR, Nachhaltigkeitsmanagement etc. vergleichen. Zudem sollten sie die Geschichte der Katholischen Soziallehre und das ihr zugrunde liegende Menschenbild und Gesellschaftsverständnis etc. kennen.

Außerdem sollte ethischer Wissenstransfer die besonderen Interessen und Mentalitäten der Hörerschaft im Blick behalten. Künftige Organisationsleiter haben entsprechend ihrer professionellen Herangehensweise einen anderen Zugang zu ethischen Fragen als nachwachsende politische Führer, zukünftige Journalisten und Intellektuelle oder werdende Sozialarbeiter.

Jenseits theoretischen Wissens umfasst praktische Weisheit auch die Fähigkeit zu entscheiden, wann welches Instrument oder welche Methode zu verwenden und wie sie behutsam in eine Gesamtstrategie der Organisation integriert werden kann. In der Christlichen Bildungstradition ist Weisheit in diesem Sinne auch als "Auriga Virtutum’ bezeichnet worden, als Wagenlenkerin der Tugenden. Die Wagenlenkerin ist mit den Stärken und Schwächen eines jeden ihrer Pferde vertraut und weiß, wie man ihm in einer Situation am besten begegnet. Es ist schwer, diese grundlegende Kompetenz mithilfe eines bloßen kognitiven Lernprozesses zu vermitteln. Oder in den Worten des schottischen Sozialphilosophen, Publizisten und politischen Reformers des viktorianischen Zeitalters Samuel Smiles (1812-1904) ausgedrückt: "Praktische Weisheit kann nur durch die Schule der Erfahrung gelernt werden".


c) Direkte und indirekte Auseinandersetzung mit ‚weisen Entscheidern’

Im Rahmen der akademischen Lehre kann Praktische Weisheit von Studierenden in erster Linie durch die Einladung sorgfältig ausgewählter "weiser" Entscheider aus der Praxis gestärkt werden. Dies geschieht regelmäßig im Rahmen unserer Veranstaltungen - vor allem aufgrund der engen Beziehung zu Organisationen wie der Caritas, dem Bund Katholischer Unternehmer oder zu Vertretern von Nichtregierungsorganisationen und Unternehmen, die im Bereich der Sozialen Innovation arbeiten. Gemeinsam mit unseren Studenten bereiten wir diese Besuche sorgfältig vor und analysieren lange vorher den Internetauftritt und andere offizielle Dokumente der Organisation. In diesem Prozess werden die Studierenden aufgefordert, Gruppen zu bilden, um für die Gäste kritische Fragen vorzubereiten. Sie produzieren 'selfies' und stellen ihre provokanten, aber auf die Gäste abgestimmten Fragen, die dann nach dem Einführungsvortrag des Gastes hochgeladen und abgespielt werden. Daran schließt sich ein Panel an, der die externen Gäste wie auch eine Vertreterin/ einen Vertreter jeder Gruppe umfasst, der dann die Fragen wiederholt und erklärt. Für viele Gäste bietet dieses Verfahren eine wertvolle Außendarstellung und ein kritisches Feedback eines jungen Publikums auf das öffentliche Bild ihrer Organisation. Indem sie ihre Fragen stellen, nehmen die Studierenden aber auch die Perspektive unserer Gäste ein –angesichts der Tatsache, dass sie sich in ein oder zwei Jahren vielleicht selbst tatsächlich in einer solchen Rolle befinden könnten.

Ein zweites Verfahren, um praktische Weisheit zu vermitteln, ist das Verfassen von Fallbeispielen durch die Studierenden. Zu diesem Zweck beschränken wir die einzureichende wissenschaftliche Abhandlung in einem Kurs auf 5 Seiten und verlangen stattdessen eine beispielhafte Anpassung der diskutierten Themen auf eine vom Studierenden selbst ausgewählte Organisation. Wichtige Bewertungskriterien dieser Transferleistung sind ihr Realismus sowie die Fähigkeit des Studierenden, die Komplexität der Situation und mögliche Grenzen des eigenen Vorschlags kritisch zu diskutieren. Darüber hinaus wird in Bezug auf den theoretischen Teil der Vorlesung von den Studierenden erwartet, dass sie ihre Fallstudie auch im Horizont eines selbst ausgewählten normativen Prinzips (z. B. Solidarität, Subsidiarität, Nachhaltigkeitsprinzip etc.) reflektieren.

 

d) Zur besonderen Bedeutung von Abschlussarbeiten

 

Schließlich stellt die Vermittlung praktischer Weisheit an meine Studierenden auch das besondere Ziel der intensiven Gespräche mit denjenigen von ihnen dar, die mich als Betreuer für ihre BA oder MA Arbeit wählen. Die Betreuung von Abschlussarbeiten stellt einen Höhepunkt meiner Lehrtätigkeit dar, den ich in keinem Fall ausschließlich an meine Assistenten oder Mitarbeiter delegiere. Außerdem erläutere ich meinen Studierenden nach dem Bewertungsprozess regelmäßig ihre Benotung, damit sie aus den Schwachstellen für ihre zukünftigen Studien lernen können. Wenn eine Abschlussarbeit qualitativ hervorsticht, dann schlage ich meine Studierenden für externe Wettbewerbe (auf Fakultäts-, Universitäts- oder regionaler Ebene) vor und ermutige sie manchmal auch dazu, eine umfassende Ausarbeitung z.B. im Rahmen einer Doktorarbeit vorzunehmen. Darüber hinaus machen ich Ihnen die Tatsache bewusst, dass die wissenschaftliche Forschung (insbesondere im Rahmen der Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften) einen offenen Prozess darstellt, in dem sie bereits eine gewisse Rolle spielen können.

 

Andererseits betreue ich gerne auch ausländische Studierende (vor allem aus der südlichen Hemisphäre). Ich ermutige sie regelmäßig dazu, ein Thema aus ihrem eigenen Kulturkreis zu wählen (was im Rahmen meiner Forschungsagenda der Praktischen Weisheit relativ einfach möglich ist). Bei der Betreuung bin ich mir der besonderen Herausforderungen bewusst, vor denen sie auf ihrem Weg durch eine methodisch orientierte westliche akademische Forschung stehen. Im Rahmen der unverzichtbaren wissenschaftlichen Qualität und formalen Mindeststandards sollten sie aber auch ihre eigenen Zugänge und Methoden entwickeln können, um ihr kulturelles Erbe sozialwissenschaftlich auszuleuchten und dabei ihren charakteristischen und unersetzlichen Beitrag zur Fortschreibung sozialethischer Tradition zu erbringen.


Ingolstadt, im Herbst 2015                                                               André Habisch