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14.01.20

Deutsch-argentinische Kooperation zur Übersetzung mittelalterlicher Predigten von Johannes Tauler

Mit Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft untersucht die Forschungsstelle für geistliche Literatur des Mittelalters der KU derzeit das Werk des mittelalterlichen Predigers Johannes Tauler. Dass dieses nicht nur im deutschsprachigen Raum Wirkung bis in die Neuzeit hatte – etwa auf Heidegger, Hegel oder Schelling – zeigen die Erkenntnisse des argentinischen Philosophen Prof. Dr. Carlos Rafael Ruta. In diesem Semester ist er zu Gast bei seinem Kollegen Prof. Dr. Rudolf K. Weigand an der Forschungsstelle der KU, der das Projekt leitet. Ruta arbeitet dabei an einer spanischen Übersetzung von Texten Taulers, da sie auch Denker dieses Sprach-raums beeinflussten. „Die Texte von Tauler oder auch des Mystikers Meister Eckhardt verbinden eine tiefe Theologie mit der Praxis des Lebens und sind deshalb zeitlos“, erläutert der Wissenschaftler.


Prof. Dr. Rudolf Kilian Weigand (links) und sein argentinischer Kollege Prof. Dr. Carlos Rafael Ruta profitieren gegenseitig vom persönlichen Austausch auf der Suche nach einer treffenden Übersetzung mittelalterlicher Predigten ins Neuhochdeutsche und Spanische. (Foto: Schulte Strathaus/upd)

Prof. Dr. Rudolf Kilian Weigand (links) und sein argentinischer Kollege Prof. Dr. Carlos Rafael Ruta profitieren gegenseitig vom persönlichen Austausch auf der Suche nach einer treffenden Übersetzung mittelalterlicher Predigten ins Neuhochdeutsche und Spanische. (Foto: Schulte Strathaus/upd)

Ziel des DFG-Projektes ist eine Edition der sogenannten Kirchenjahrespredigten Taulers, die über ein Online-Portal der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel parallel Einblick in die älteste bekannte Textversion und deren Fassung in Mittel- und Neuhochdeutsch bieten wollen – verbunden mit einem theologischen Kommentar zum jeweiligen Text. Zudem wird auch auf die komplizierte Überlieferungsgeschichte der Werke eingegangen. So umfasst ein 1521 in Basel erstellter Druck mit Werken Taulers neben originären Predigten auch Textstücke, die nach Ansicht des damaligen Sammlers zwar dem Stil Taulers entsprechen, ihm jedoch nicht zugewiesen werden können. Auch Martin Luther nahm Bezug auf das Werk, so dass die Katholiken damals nicht den gleichen Text zugrunde legen wollten und ihn 1548 zunächst ins Lateinische zurückübersetzten – und von dort zurück in die Volkssprache.

„Über diese lateinische Fassung fand Tauler wiederum auch Eingang in die spanische Mystik – etwa für Teresa von Avila oder Johannes vom Kreuz“, erläutert Professor Ruta. Er gehört weltweit zu den wenigen spanischsprachigen Forschenden, die sich mit mittelalterlicher Philosophie und deutscher Mystik befassen. Ruta war von 2006 bis 2018 Rektor der Universidad Nacional San Martin in Buenos Aires. Neben der lateinischen Textfassung finden sich in Spanien auch einzelne Manuskripte, die auf eine zeitgenössische Fassung in Mittelhochdeutsch zurückzuführen sind. Es muss also im 16. Jahrhundert ein so großes Interesse an Taulers Texten bestanden haben, dass man bereits damals einige aus der Originalsprache ins Spanische übertragen hat.

Ruta und Weigand haben einen hohen Anspruch an die Übersetzung aus dem Mittelhochdeutsch in aktuelles Neuhochdeutsch und die anschließende Übertragung ins Spanische. „So gestaltet sich die Arbeit am Editionsprojekt als ein Ringen um das richtige Wort, das mit der damaligen Volkssprache und dem lateinischen Text rückgekoppelt werden muss“, erläutert Professor Weigand. Die Diskussion um die treffende spanische Übersetzung wiederum sei „fruchtbar und spannend“ auch im Hinblick auf die deutsche Übersetzung. Gerade der persönliche Austausch zwischen den beiden Forschern, der sich über ein Gastprofessoren-Programm realisieren ließ, mache erst eine gute Übersetzung möglich. Wie lässt sich zum Beispiel in einem bestimmten Zusammenhang das Wort „verborgen“ passend ins Spanische übertragen – mit dem gleichbedeutenden „oculto“ oder doch eher dem Begriff „velado“, der mehr im Sinne von „verschleiert“ zu interpretieren ist?

Auch angesichts dieses nötigen Aufwandes ist das Editionsprojekt auf mittlere Frist angelegt und wird noch weitere sechs Jahre laufen. Die Ergebnisse werden in der Wolfenbütteler Digitalen Bibliothek (WDB) publik gemacht: http://diglib.hab.de/?link=093.