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25.02.19

„Es ist fünf nach zwölf“: Fachtagung zu Pflege zwischen Ethos und Wettbewerb

Zum Welttag der Kranken haben das Bischöfliche Ordinariat und die KU in Kooperation mit dem Katholischen Pflegeverband eine zweitätige Fachtagung veranstaltet. In diesem Jahr wurde die in Eichstätt wiederkehrende Tagung erstmals auf zwei Veranstaltungstage ausgeweitet. Die Kombination von Erkenntnissen aus der Forschung und spirituellen Impulsen war für das Bischöfliche Ordinariat, die KU und den Katholischen Pflegeverband gleichermaßen ein voller Erfolg, kamen doch mehr als 300 Besucher zum Welttag der Kranken nach Eichstätt.


Foto: Schiavone

Das Gesundheitswesen krankt. Kliniken, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen stehen unter großem ökonomischem Druck. Schlagworte wie „Effizienz“ und „Wettbewerbsfähigkeit“ dominieren die politische Debatte. Der Patient ist nunmehr ein Fall, der bloß nicht zu viel Zeit und Pflege in Anspruch nehmen darf. Ökonomische Kennzahlen dominieren den Alltag von Pflegenden. Was das mit sich bringt, liegt auf der Hand: Arbeitsverdichtung bei gleichbleibendem Personal. Immer mehr Tätigkeiten müssen Pflegende leisten, bei immer weniger Zeit. Personalknappheit und die Rationalisierung von Pflegeleistungen, wie Beratung oder Mobilisierung sind die Folge. Was sich wie ein Horrorszenario anhört, ist längst schon Realität. „Es ist nicht mehr fünf vor zwölf, sondern fünf nach zwölf“, eröffnet Inge Eberl, Professorin für Pflegewissenschaft an der Katholischen Universität Eichstätt, die diesjährige Fachtagung. Die Ökonomisierung hat die Pflege erreicht, der Wettbewerb steigt, während die Versorgungsqualität sinkt. Für viele Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser ist der Gewinn zur obersten Maxime geworden.

„In der Politik wurde lange nicht mehr so viel über die Pflege gesprochen, doch dem Thema kann man nicht mehr ausweichen“, beginnt Stefan Schieren, Dekan der Fakultät für Soziale Arbeit an der KU, seine Eröffnungsrede. Verzweifelt versuche der Staat nun zu steuern, was ohne Gesetzesänderung nicht mehr steuerbar sei. Doch wie kam es überhaupt so weit? In einem Rückblick auf die Entwicklung der Pflegepolitik, erklärt der Dekan warum: Es ist hausgemacht. Mit der Verabschiedung der Pflege-versicherung im Jahr 1994 ist die Pflege zur staatlichen Pflichtaufgabe geworden. Was vorher eine freiwillige Aufgabe der Kommunen war, ist nun gesetzlich geregelt. Doch Landkreise und kreisfreie Städte sollen die Trägerschaft nicht selbst in die Hand nehmen, sondern freie Träger dafür finden: „Hier kommen wir jetzt an einen Punkt, an dem der Staat nicht mehr durch hierarchische Anordnung steuern kann, sondern andere Steuerungsformen finden muss. Die Frage, wer in welcher Weise wo ein Pflegeheim betreibt, wird jetzt hier dem Markt überlassen“, erklärt Dekan Schieren. Die damit verbundenen Auswirkungen, welche die Ökonomisierung auf die Leistungserbringung und den Pflegeberuf hat, wurde am ersten Tag der Fachtagung mit Ergebnissen aus der Wissenschaft und Forschung diskutiert.

Während der erste Veranstaltungstag im Zeichen der Forschung stand, drehte sich am zweiten Tag alles um die Pflegenden selbst. Rund 250 Teilnehmende, die selbst als Seelsorger oder in Pflegeberufen tätig sind sowie Studierende sind dazu an den Campus der KU gekommen. Am Vormittag standen vor allem die ethischen Grenzen der Effizienzmaximierung und die damit verbundenen Belastungen des Pflegepersonals im Mittelpunkt. Denn im Gesundheitswesen wächst die Personalbelastung seit 15 Jahren kontinuierlich an: „Steigende Krankheitstage, Überstunden und die Belastungen der Pflegenden nehmen zu“, wie Arne Manzeschke, Professor an der Evangelischen Hochschule Nürnberg und Forschungsdirektor des Zentrums für Wirtschaftsethik, in seinem Vortrag erörtert. Das Pflegepersonal erfahre sich oftmals selbst als „getriebenes Rädchen“, was laut Manzeschke in eine „pervertierte Supererogation“ münde. Eine Abwärtsspirale für Personal und Patienten: Um dem steigenden Leistungsdruck standzuhalten, leisten Menschen in Pflegeberufen immer mehr, doch das Gefühl dem Berufsethos nicht nachzukommen bleibt. Die Fehler des Systems werden auf die Menschen darin abgewälzt. Mit welchen Handlungsstrategien Pflegende diese Belastungen bewältigen können, stand am Nachmittag auf der Tagungsagenda.

In verschiedenen Workshops konnten sich die Teilnehmenden für den beruflichen Alltag fit machen, zum Beispiel welche Möglichkeiten des berufspolitischen Engagements es gibt oder wie man trauernde Menschen begleitet. Aber auch spirituelle Impulse, wie Erholungsmanagement im Alltag oder Workshops zur Praxis der Achtsamkeit und Zen-Meditation, wurden geboten. So selbstkritisch die Fachtagung begonnen hat, endete sie doch mit einem Vortrag über den „Erfolgsfaktor Leidenschaft“ des ehemaligen Extremsportlers und Motivationstrainer Hubert Schwarz.

Maria Lisa Schiavone