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26.02.20

Gesundheit und Teilhabe im Kontext betrachten: KU kooperiert mit polnischem Gesundheitsfonds

Weltweit nutzen Ärzte bei ihren Diagnosen die „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“ (ICD) der Weltgesundheitsorganisation, mit der Krankheiten einheitlich klassifiziert werden. Dieser Katalog kommt jedoch an seine Grenzen, wenn nicht über die Krankheiten selbst, sondern die damit einhergehenden Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen kommuniziert werden soll – etwa im Hinblick auf Förderbedarf oder Reha-Maßnahmen. Die ergänzende „International Classification of Functioning, Disability and Health“ (ICF), die von den Mitgliedsstaaten der WHO als verbindlich anerkannt wurde, nimmt sich dieser Hürde für den fachübergreifenden Austausch an. Wie sich das ICF-Konzept konkret anwenden lässt, untersucht nun ein internationales Forschungsprojekt, für das Wissenschaftler der KU mit dem Nationalen Gesundheitsfonds in Polen kooperieren.


Prof. Dr. Janusz Surzykiewicz (Lehrstuhl für Sozialpädagogik) und Prof. Dr. Joachim Thomas (Professur für Psychologische Diagnostik und Interventionspsychologie) von der KU bringen dabei ihre Erfahrungen und Expertise sowie ihre Netzwerke zur Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit in dieses Forschungs- und Implementationsprojekt ein. „Im Gegensatz zum bio-medizinischen Modell von ICD wird in der ICF der Zustand der funktionalen Gesundheit einer Person als das Ergebnis der Wechselwirkung zwischen ihrem Gesundheitsproblem und ihrem Lebensumfeld aufgefasst. Daraus resultierende Beeinträchtigungen werden in der ICF als Behinderung bezeichnet“, erklärt Professor Surzykiewicz. Behinderung sei damit keine Eigenschaft einer Person mehr, sondern hänge von dem Kontext ab, in dem ein Mensch lebe. „Es wird nicht die Person klassifiziert, sondern deren individuelle Situation“, so Surzykiewicz. Dazu gehören z. B. Beeinträchtigungen in den Bereichen der Mobilität, der Kommunikation, der Selbstversorgung, des häuslichen Lebens, der Interaktionen mit anderen Menschen oder des Erwerbslebens. Die neue Klassifikation entspricht damit den auf politischer Ebene erhobenen Forderungen nach Gleichstellung und Integration von Menschen mit Behinderung.

Die ICF bezieht sich somit zwar auf die Gesundheit, ist aber auch für andere Gebiete anwendbar. So kann diese Klassifizierung im Bereich der Sozialpolitik und der Bildung dazu dienen, den Förderbedarf und Unterstützungsmaßnahmen abzuklären und zu planen: Wie müssen beispielsweise Bildungsprozesse gestaltet werden, damit sich das Gesundheitsproblem möglichst kompensieren lässt? Hauptziel der ICF ist es, die Partizipation einer Person zu verbessern, gesellschaftliche Hindernisse zu verringern und soziale Unterstützung zu fördern.

Die praktische Anwendung dieser weitergefassten Klassifikation birgt eine Herausforderung: Die ICF stellt zwar eine standardisierte Sprache mit fast 1500 Kategorien und Kodes zur Verfügung, die bei der Organisation von Gesundheits-, Bildungs- und Sozialpolitik unterstützen kann. Jedoch ist sie kein konkretes Anwendungsinstrument und macht keine Angaben zur Umsetzung und Implementierung. Hier setzt das deutsch-polnische Projekt an: Im Rahmen der Kooperation zwischen KU und dem Nationalen Gesundheitsfonds in Warschau sowie weiterer externen Partner – darunter die ICF-Arbeitsgruppe des Schweizer Paraplegiker-Zentrums im Kanton Luzern (Prof. Dr. Gerold Stucki) –  werden konkrete Maßnahmen entwickelt, erprobt und implementiert. Dabei wollen die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch die Organisationsentwicklung von Rehabilitationseinrichungen in den Blick nehmen. Die Hauptfragestellung besteht dabei darin, ob die begleitende Sozialberatung zu höheren Wiedereingliederungsraten führt sowie welcher Zusammenhang zwischen Vorerkrankung, Arbeitsunfähigkeitszeiten, Arbeitsplatz bzw. Belastungen am Arbeitsplatz, Zukunftsvertrauen und dem Verlauf der stufenweisen Wiedereingliederung besteht.

„Die Vermittlung der ICF soll nicht zuletzt auch bei den betroffenen Menschen selbst ein umfassendes Verständnis der Rehabilitation fördern, für das Bildungskonzepte und eine psychopädagogische Forschung erforderlich sind“, erläutert Professor Joachim Thomas. Helfen werden dabei unter anderem digitale Formate, die bei einer Selbsteinschätzung der Personen begleiten sowie die Wirkung von Beratungsmethoden untersuchen. So soll besser gewährleistet werden, dass rehabilitative Maßnahmen effektiv sind und sich am individuellen Bedarf orientieren. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse werden sich nicht auf Polen beschränken, sondern auch international anschlussfähig sein. So auch zum Beispiel für das Kompetenzprofil sozialpädagogischer Arbeit, für das zukünftig die Kenntnis und der Umgang mit der ICF wichtig für die Bedarfsermittlung und Teilhabeplanung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ist. Neue Anforderungen richten sich in diesem Kontext nicht nur an die Fachkräfte, sondern auch an die Inklusionsfähigkeit von Einrichtungen und Diensten. „Es ist zu erwarten, dass ICF-basierte Anwendungen sowohl den klinischen Bereich als auch Forschung und Lehre sowie das Case-Management im Gesundheits- und Sozialwesen und die Zuteilung von Ressourcen beeinflussen werden“, betont Professor Surzykiewicz.