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03.05.19

Zwischen Struktur und Kreativität: Wenn Sprache die eigenen Grenzen überwindet

Wie entstehen kreative Gedanken und in welchen Kontexten? Wann wird ein Wortwitz oder eine Redewendung als ästhetisch und interessant empfunden? Diesen grundlegend menschlichen Fragestellungen geht Prof. Dr. Thomas Hoffmann, Inhaber des Lehrstuhls für Englische Sprachwissenschaft an der KU, im Austausch mit weiteren Wissenschaftlern über Fachgrenzen hinweg nach. Dabei konzentriert er sich auf die Kombination zweier Themen, die auf den ersten Blick nicht gegensätzlicher wirken könnten: Kreativität und Grammatik.


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Prof. Dr. Thomas Hoffmann (Inhaber des Lehrstuhls für Englische Sprachwissenschaft an der KU; Foto: Hemmelmann/upd)

Prof. Dr. Thomas Hoffmann (Inhaber des Lehrstuhls für Englische Sprachwissenschaft an der KU; Foto: Hemmelmann/upd)

Bei mehreren Workshops an der KU tauschten sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von der Sprachwissenschaft über die Psychologie bis hin zur Wirtschaftswissenschaft rund um kognitive Prozesse aus, die bei Innovation und Kreativität eine Rolle spielen (Foto: Schulte Strathaus/upd).

Bei mehreren Workshops an der KU tauschten sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von der Sprachwissenschaft über die Psychologie bis hin zur Wirtschaftswissenschaft rund um kognitive Prozesse aus, die bei Innovation und Kreativität eine Rolle spielen (Foto: Schulte Strathaus/upd).

„In der Linguistik geht man davon aus, dass der Erwerb der Erstsprache sehr konservativ und ohne grundlegende Unterschiede zwischen den Individuen erfolgt. Sprache hat man deshalb bislang eher systematisch betrachtet“, erklärt Hoffmann. Doch diese Perspektive blendet aus, dass Menschen dennoch über erworbene Sprachmuster hinausgehen und bei Zuhörern und Lesern einen Effekt erzielen können. Unter welchen Rahmenbedingungen dieser kreative Umgang speziell mit Strukturen der englischen Grammatik erfolgt, will Hoffmann im Sinne einer Grundlagenforschung näher untersuchen.

„Wir wissen, dass Sprache kein geschlossenes oder angeborenes System ist, sondern kognitive und psychologische Faktoren eine Rolle spielen, so dass sich Sprachwissenschaft stärker für individuelle Unterschiede öffnen muss“, so Hoffmann. Für die Vernetzung über sein eigenes Fach hinaus kommt ein von ihm weiterentwickeltes Modell zum Tragen, das Anknüpfungspunkte jenseits der Sprachwissenschaft bietet. Dieses beschreibt den Erwerb von Sprache als Prozess, der im Gehirn auch bei anderen kognitiven Aufgaben abläuft: Wer zum Beispiel erstmals einen Flughafen besucht, kennt beim nächsten Mal die Abläufe vom Ticketkauf über das Einchecken bis zur Sicherheitskontrolle – auch wenn sich Details von Ort zu Ort unterscheiden. Diese Prozesse aus Verallgemeinerungen und Schemata laufen auch beim Erwerb und Gebrauch von Sprache ab, so dass sich auch Verbindungen etwa zur Psychologie ergeben.

Wie der bisherige Austausch der Wissenschaftler – unter anderem bei mehreren Workshops an der KU – zeigt, ist Kreativität auch eine Frage der Dosis: Sprachliche Variationen müssen noch anbindbar an bekannte Konstruktionen sein, um nicht als störend empfunden zu werden. Wenn es aber gelingt, einen kleinen Sprung außerhalb des Bekannten zu vollziehen, wird dies als Bereicherung empfunden. Wichtig ist dabei auch der Kontext, in dem eine Neuschöpfung wahrgenommen wird: So gibt es im Englischen die Redewendung „He is not the sharpest tool in the box“ (Er ist nicht das schärfste Werkzeug im Kasten) als Umschreibung für eine Person, die nicht ganz schlau erscheint. Auch außerhalb dieser Redewendung wird im Englischen „sharp“ gleichbedeutend für „clever“ verwendet. Anders verhält es sich bei der Formulierung „He is not the shiniest penny in the piggy bank“ (Er ist nicht die schillerndste Münze in der Spardose): Ein Muttersprachler würde „shiny“ nicht als eigenständiges Synonym für „clever“ nutzen. Präsentiert man jedoch Probandinnen und Probanden diesen Satz im Zusammenhang mit bekannten Redewendungen, wird er als kreativ empfunden. In psychologischen Experimenten lässt sich dann näher untersuchen, ob solche Veränderungen tatsächlich von vielen Personen als Neuheit empfunden werden oder womöglich schon Teil des Sprachgebrauchs geworden sind.

Material für solche Studien bieten sogenannte Korpus-Daten, die quasi eine laufend erweiterte Inventur von englischer Sprache darstellen. Dabei versucht man die authentisch-natürliche Sprache zu erfassen, die repräsentativ für eine bestimmte Gemeinschaft ist. „Zu Beginn in den 1970er-Jahren erschienen solche Daten in gedruckter Form und bezogen sich auf geschriebene Sprache mit einem Umfang von etwa einer Million Wörter. Später ging man dazu über, auch den Sprachgebrauch im Alltag auf Tonband mitzuschneiden. Und in den vergangenen Jahren hat sich die Korpus-Linguistik durch den technischen Fortschritt nochmals stark weiterentwickelt“, erklärt Hoffmann. So werden mittlerweile etwa Blogs und Online-Medien automatisiert untersucht, so dass Web-Korpora mehrere Milliarden Einträge umfassen. Diese lassen sich komfortabel durchsuchen – sowohl nach einzelnen Wörtern als auch ganzen Satzkonstruktionen.

Hoffmann selbst ist beteiligt am internationalen Korpus-Projekt „Red Hen Lab“, das die neuen technischen Möglichkeiten nutzt, um zum Beispiel auch Nachrichtensendungen oder Talkshows auswerten. Dabei wird nicht nur die Sprache erfasst, sondern auch andere Aspekte von Kommunikation wie zum Beispiel die Gestik der Sprecher. „Sprache erlaubt uns den Austausch über sehr komplexe Sachverhalte. Man kann davon ausgehen, dass sich mit der Möglichkeit der Artikulation auch unser Denken verändert hat und weiterhin verändert. Insofern bieten solche Untersuchungen Anknüpfungspunkte für weitere Fragestellungen“, betont Hoffmann.