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1870/71 und 1989/90: Zwei deutsche Einigungsprozesse im Vergleich

Heinz Hürten

Die Schwierigkeit des Themas liegt nicht, wie sonst die Historiker oft klagen, im Mangel oder in der Unzugänglichkeit der Quellen. Bismarcks Einigung hat Generationen von Gelehrten zur Feder greifen lassen und bis in die jüngste Vergangenheit hinein dauert etwa die Auseinandersetzung um die Bedeutung an, welche die spanische Thronkandidatur eines Hohenzollernprinzen im Einigungswerk Bismarcks[1] besessen hat. Die wissenschaftliche Diskussion über die Wiedervereinigung unserer Tage hat zwar noch keine vergleichbare Menge an gelehrten Darstellungen und Untersuchungen hervorgebracht, aber die Fülle der Erinnerungen und Berichte der Beteiligten[2] ist kaum übersehbar, hinzu kommen Akteneditionen wie die des Bundeskanzleramtes über die deutsche Einigung[3], und an gelehrten Zusammenfassungen unseres Kenntnisstandes[4] ist auch kein Mangel.

Die Schwierigkeit des Themas liegt vielmehr in seiner Differenziertheit, die es nicht erlaubt, zwei Erzählungsstränge nacheinander verlaufen zu lassen. Um nicht in der Fülle der Details zu ersticken und den Blick für das Wesentliche – besser: das mir wesentlich Erscheinende – frei zu halten, möchte ich in einigen Thesen das Gemeinsame und das Trennende der beiden Einigungsvorgänge gegenüberstellen.

Die Bedeutung des Themas geht freilich über das historische Interessierende hinaus. Es klärt auch die Bedingungen deutscher Einheit, die eben nicht immer gegeben waren und die zu wahren die Voraussetzung für die Fortdauer der wiedergewonnenen Einheit sein dürften, darum auch durch deutsche Politik wieder verspielt werden können, wie sie einmal verspielt worden sind.

 

 Denn – und das ist meine erste These –: Die deutsche Einheit, die Bismarck verwirklichte, war eine außenpolitische Revolution. Es war nicht allein der spätere britische Premier Disraeli, der sie als Zeitgenosse so bezeichnet hat, mag auch seine Einschätzung, daß sie in ihren Konsequenzen die Bedeutung der Französischen Revolution übertreffe, umstritten bleiben. Unumstritten war und ist: das europäische Machtgefüge, wie es 1814/15 in Wien mühsam genug austariert worden war, bestand nicht mehr. Der schwächste Partner der europäischen Pentarchie, Preußen, war zum stärk­sten geworden, sofern man in den Kategorien damaliger militärischer Landmacht dachte. Der Wiener Kongreß hatte den Deutschen Bund als unüberwindliche, aber selbst nicht angriffsfähige Verteidigungsorganisation geschaffen. Er sollte Frankreich wie Rußland hindern, in die Mitte Europas auszugreifen, und war somit als „Friedensstaat von Europa“[5] konzipiert, der wie Wilhelm von Humboldt vor dem Frankfurter Bundestag ausführte, seinen „wahren und eigentlichen Zweck“ in der „Erhaltung des Gleichgewichts“ auf dem europäischen Kontinent besaß[6]. Die Folge seines Zusammenbruchs 1866 und der damit ermöglichten Bildung des Deutschen Reiches war der cauchemar des coalitions, von dem Bismarck meinte, daß er für lange Zeit und vielleicht sogar für immer auf einem deutschen Kanzler lasten werde. Ziel deutscher Politik mußte daher, wie Bismarck 1877 diktierte, eine politische Gesamtsituation sein, „in welcher alle Mächte außer Frankreich unser bedürfen und von Koalitionen gegen uns durch ihre Beziehungen zueinander nach Möglichkeit abgehalten werden“[7].

Die Einigung von 1989/90 war weniger eine Revolution als die Folge einer solchen, nichtsdestoweniger bedeutete auch sie eine innereuropäische Machtverschiebung, die nur durch die bereits angelaufenen Prozesse der europäischen Integration, der Entspannung und Kooperation nach der KSZE und durch das Fernziel eines mit der Sowjetunion bzw. Rußland gemeinsamen Hauses Europa ihre Sprengkraft verlor. Unerläßliche Voraussetzung war aber auch hier eine Revolution, die Implosion des sowjetischen Machtsystems, die überall unter mehr oder weniger starkem Druck der Bevölkerung tiefgreifende Veränderungen nach sich zog. Der Schlüssel zur Lösung der deutschen Frage hatte in Moskau gelegen, und nur ein Umsturz in Moskau konnte ihn freigeben. Die dadurch möglich werdende Einheit Deutschlands führte zwangsläufig auch zu einer Veränderung der Gewichte in Europa, die um so größer war, weil sie ursächlich und zeitgleich zusammenfiel mit einem Machtverlust Rußlands, das in Europa Positionen verlor, die Peter der Große auf dem Wege seines Landes zur europäischen Großmacht gewonnen hatte. Gleichwohl gelang es, sie zu organisieren, ohne den früher systemimmanenten cauchemar des coalitions wieder heraufzubeschwören.

 

These zwei: Wegen der damit zwangsläufig verbundenen Veränderungen im europäischen Machtsystem konnte die deutsche Einigung nur gelingen, weil 1870/71 die europäischen Nachbarn am Eingreifen verhindert waren – oder weil ihnen 1990 ausreichende Garantien geboten wurden, daß die europäische Machtbalance nicht entscheidend zugunsten Deutschlands verschoben werde.

  Daß die Einheit Deutschlands 1871 überhaupt möglich gewesen war, beruhte auf der zeitweiligen Lahmlegung des europäischen Mächtesystems durch den voraufgegangenen Krimkrieg, der die Staaten des Kontinents gegeneinander ins Feld gestellt und darum zu gemeinsamen oder konzertierten Aktionen gegen die deutsche Einheit wie 1848/49 unfähig gemacht hatte, Österreich und Frankreich zudem in den Einzelkämpfen von 1866 und 1870/71 militärisch geschlagen waren. Aber mit der „Krieg-in-Sicht-Krise“ des Jahres 1875 war die Interaktion der europäischen Mächte gegen deutsche Ambitionen wieder greifbare Realität.

Deutsche Historiker haben in den Jahren vor 1989 eine Chance für die deutsche Wiedervereinigung in einer Art neuer „Krimkriegssituation“ gesehen[8]. Was sie nicht sahen und nicht sehen konnten, war jene andere Revolution, die Europa ein anderes Gesicht gab: Der Zusammenbruch des politischen Systems in der Sowjetunion, welche die Kontrolle über den bisherigen Machtbereich unmöglich machte und Volksbewegungen zuließ, die auf Veränderung des Bestehenden drängten. Dabei war in Ostdeutschland die Wiedervereinigung keineswegs das Ziel, in dem sich alle einig waren, die nun gegen das Bestehende aufstanden. Der Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft war die Voraussetzung der deutschen Wiedervereinigung, aber diese nicht seine unmittelbare politische Konsequenz. Sie war das Werk geduldiger Politik mit Augenmaß. Aber ohne die Implosion des sowjetischen Machtsystems, ohne den Druck der auf Veränderung drängenden Volksbewegungen, mögen diese wie Timothy Garton Ash unterscheidet, nur Reformen erzwungen haben oder doch Revolutionen gewesen sein, hätte dieser Politik jede Basis gefehlt. Der Wille der Ostdeutschen war schließlich entscheidend. 

Ihre Entscheidung für „Deutschland, einig Vaterland“ war nicht unumstritten, manchen schwebte das Bild einer idealen, von Fehlern und Mängeln befreiten und deshalb zu vermeintlich wahrem Sozialismus fähigen Republik, einer „sozialistischen Alternative zur Bundesrepublik“ vor, wie es in dem von Geistlichen, Intellektuellen, Schriftstellern und Künstlern unterzeichneten Aufruf der Autorin Christa Wolf vom 28. November 1989 hieß[9]. Aber die Parole „Wir sind ein Volk“ setzte sich je länger, um so stärker durch, wobei es unerörtert bleiben soll, in welchem Maße hier die Hoffnung auf Reisefreiheit und wirtschaftlichen Wohlstand gewirkt hat.

Der Zusammenbruch des Ostblocks und die Möglichkeit deutscher Wiedervereinigung traf die europäischen Mächte und ihre transatlantischen Verbündeten nicht in einer Krimkriegssituation, vereinzelt und ohne handlungsfähige Partner, sondern als vielfach miteinander verbundene Akteure. Obwohl durch den 1952 unterzeichneten Deutschland-Vertrag auf die Wiedervereinigung als gemeinsames Fernziel verpflichtet, sahen sie bei weitem nicht alle ein wiedervereinigtes Deutschland als Ziel ihrer eigenen Wünsche. Es genügt, an die bekannt gewordenen Gespräche der britischen Premierministerin Margret Thatcher mit ihren Beratern zu erinnern, um die Probleme zu erkennen, die der Politik Helmut Kohls entgegenstanden. Das Geheimnis seines schließlichen Erfolgs, der früher eintrat, als er selbst es erwartet hatte, lag in der Integration seiner Deutschlandpolitik in die europäische, welche die Wiedervereinigung in einen „europäischen Prozeß“ einband. In seiner Rede vom 28. November 1989 vor dem Deutschen Bundestag, mit der er die Steuerung des Einigungsprozesses in seine Hand nahm, nannte er ausdrücklich als sechste seiner Thesen: „Die Entwicklung der innerdeutschen Beziehungen bleibt eingebettet in den gesamteuropäischen Prozeß, das heißt auch immer in die West-Ost-Beziehungen. Die künftige Architektur Deutschlands muß sich einfügen in die zukünftige Architektur Europas“. Darin war eine doppelte Zusage ausgedrückt: die Bundesrepublik werde nach erreichter Wiedervereinigung ihre bisherige Politik der europäischen Integration nicht um ihrer eigenen Großmachtinteressen willen verlassen, was für das Verhältnis zu den Verbündeten entscheidend wichtig war, zugleich wurde das Ziel der deutschen Wiedervereinigung in die Perspektive der durch den KZSE-Prozeß vorangetriebenen Bildung des gesamteuropäischen Hauses gerückt, was für die damals noch bestehende Sowjetunion wichtig war. Die deutsche Einheit war darum nicht das Ergebnis eines Null-Summen-Spiels, bei dem der Gewinn der einen Partei zwangsläufig den Verlust der anderen ausmacht.

Tatsächlich ist der europäische Integrationsprozeß – besonders deutlich sichtbar in der Funktion des EURO, aber auch in den Auslandseinsätzen der Bundeswehr – durch die Wiedervereinigung Deutschlands nicht gehemmt worden.    

Die KSZE-Konferenz von Paris hat in ihrer „Charta für ein neues Europa“ vom 19. November 1990 ausdrücklich die Wiedervereinigung begrüßt: „Wir nehmen mit großer Genugtuung Kenntnis von dem am 12. September 1990 in Moskau unterzeichneten Vertrag über die abschließende Regelung in bezug auf Deutschland und begrüßen aufrichtig, daß das deutsche Volk sich in Übereinstimmung mit den Prinzipien der Schlußakte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und in vollem Einvernehmen mit seinen Nachbarn in einem Staat vereinigt hat. Die Herstellung der staatlichen Einheit Deutschlands ist ein bedeutsamer Beitrag zu einer dauerhaften und gerechten Friedensordnung für ein geeintes demokratisches Europa.“

Diese Einbettung der deutschen Einheit in den europäischen Prozeß hatte freilich auch die Regelung von Fragen verlangt, die den Interessen der Nachbarn und Verbündeten entsprachen. So war unabdingbare Voraussetzung für den Abschluß der durch die „Zwei-plus-vier-Gespräche“ vorbereiteten Verträge über die äußeren Aspekte der deutschen Einheit auch die völkerrechtlich verbindliche Abtretung der Gebiete jenseits von Oder und Neiße an Polen. Die Einigung Deutschlands vollzog sich somit auch im Interesse der europäischen Nachbarn.

 

These drei: Weder das 1871 geschaffene Deutsche Reich noch die 1990 vereinte Bundesrepublik sind deutsche Nationalstaaten. Das Bismarckreich gilt vor allem in der älteren und populären Literatur als Realisierung nationalstaatlicher Sehnsucht der Deutschen, die oft in einer Parallele gesehen wird zur Vollendung der Einigung Italiens, das - ermöglicht eben durch den deutschen Krieg mit Frankreich - seine Hauptstadt Rom eroberte und damit die Einheit der Halbinsel (unbeschadet freilich der Italia irredenta) vollendete. Mit dem Anspruch der Nation auf alle ihr zugehörenden Glieder war die Annexion des Elsaß gegen den Willen seiner Bewohner zu begründen gewesen, wie es Heinrich von Treitschke wortgewaltig unternommen hat[10]. Zuvor war schon durch die Angliederung des dänischen Herzogtums Schleswig eine nichtdeutsche Volksgruppe in den Staat hineingezwungen worden, und seit den polnischen Teilungen beherrschte Preußen weite Gebiete Ostmitteleuropas, deren Bewohner nach einem anderen als dem deutschen Nationalstaat strebten. Andererseits war eine deutsche Einigung nicht anders möglich als durch den Verzicht auf die deutschen Gebiete des Habsburgerreichs. Das Deutsche Reich von 1871 reichte weiter als „die deutsche Zunge klingt“, aber zugleich doch nicht so weit, daß alle, die deutsch sprachen, auch Deutsche gewesen wären. Gegen manche Tendenzen, die deutschen Grenzen weiter auszudehnen, sprach Bismarck von der „Saturiertheit“ des Reiches, das um des Friedens in Europa willen keine weitere Verschiebung zu seinen Gunsten erstreben durfte. Bismarcks Reich blieb ein „unvollendeter und unvollendbarer Nationalstaat“ (Hillgruber).

Die Bundesrepublik von 1990 bietet ein völlig anderes Bild. Abgesehen von den Sorben in der Lausitz gibt es hier keine Bevölkerungsgruppe, die nicht Deutsch (in welcher Form auch immer) als ihre Muttersprache ansähe, und den deutschen Sorben ist jede Ambition auf einen eigenen Staat oder den Anschluß an einen anderen fremd. Auch gibt es jenseits der bestehenden Grenzen keine nennenswerten deutschen Minderheiten mehr. Insofern könnte man die Bundesrepublik (wenn man Österreich eine eigene staatliche und kulturelle Identität zugesteht und die Problematik der laufenden Immigration außer Betracht läßt) als Modell eines Nationalstaats betrachten. Doch diese Sicht verleugnet wichtige Konstituenten ihrer politischen Existenz. Die Bundesrepublik war vor ihrer Wiedervereinigung und ist seither ein integrierter Staat geblieben, der Hoheitsrechte auf supranationale Institutionen übertragen und seine Bundesgenossen darin noch insoweit übertroffen hat, als er mangels eines Oberkommandos nicht einmal in der Lage ist, seine Streitkräfte nach eigenem Urteil und außerhalb des Bündnisses zu verwenden. War diese Integration, welche das Übergewicht der europäischen Zentralmacht ausbalanciert, Voraussetzung für die Wiedervereinigung Deutschlands, so dürfte sie zugleich Bedingung für die Fortdauer seiner Einheit sein.

 

 These vier: Die Existenzbedingungen für einen Staat in der europäischen Mitte erfordern die Unterordnung seiner politischen Ziele unter das Ziel dauernder Erhaltung eben dieser Bedingungen. Voraussetzung für die revolutionäre Außenpolitik Bismarcks, die sich vorhandener Stimmungen und Tendenzen im Publikum bediente, aber von ihnen nicht führen ließ, war gerade die Zügelung des politischen „Massenmarktes“, etwa der Verzicht auf einen Kampf gegen die Unfreiheit in Rußland und die Ausdehnung des Reiches im Sinne einer Vollendung des Nationalstaats. Denn dies hätte Europa Grund und Anlaß gegeben, sich wiederum gegen eine nach Hegemonie strebende Macht zusammenzuschließen. Konservative Innenpolitik war Voraussetzung der revolutionären Außenpolitik.

Deshalb muß der Fortbestand des politischen Systems, das die Bundesrepublik ermöglichte, gefördert werden durch eine entsprechende Politik innerhalb des Systems. Belastungen, die aus dem System stammen, müssen notfalls um des Systems willen hingenommen werden, faktisches Übergewicht auf diesem oder jenem Sektor darf nicht zu internen Machtspielen verwendet werden. Andererseits muß einem Übergewicht der Gemeinschaft durch gemeinschaftskonforme Mittel gewehrt werden: Antizentralismus, Regionalismus, Föderalismus, Subsidiarität sind auch Strukturbedingungen des europäischen Systems von heute.

 

These fünf: Anders als das Reich Bismarcks kann sich die Bundesrepublik nicht als die Erfüllung jahrhundertelanger Sehnsucht darstellen, die das Leben der Deutschen so ausgefüllt habe, daß die Erreichung dieses Ziels wie 1871 für manche Zeitgenossen die Frage aufwürfe, welchem anderen der verbleibende Rest des eigenen Lebens gewidmet sein solle. Dem Reich von 1871 stand eine Tradition zur Verfügung, die es sich nur anzueignen brauchte, um sich im Geschichtsverständnis vieler Deutschen zu legitimieren. Anders die Bundesrepublik, deren im Ausland stationierte Diplomaten oft erstaunt waren, als ihre Kollegen ihnen zum Erfolg der Vereinigungspolitik gratulierten, feiert sie auch den alljährlichen „Tag der deutschen Einheit“ mit großer Gelassenheit. Ihr fehlt ein historisches Vorbild, auf das sie sich zu Recht oder Unrecht berufen könnte. Die früher weithin akzeptierte Sicht der borussischen Geschichtsschreibung hielt das ostelbische, protestantische Preußen für den Staat, der - wiederum nach Treitschke - in der Reformzeit „in Wahrheit der deutsche Staat“ geworden sei[11]. Vergleichbares ist in der Gegenwart nicht zu vernehmen, mögen auch die Versuche, die Potsdamer Garnisonkirche oder andere Denkmäler von „Preußens Gloria“ wiederherzustellen, schließlich Erfolg haben. Aber Preußen ist lange und endgültig verloren. Für den Historiker Gerhard Ritter waren die „Kernlande deutscher Geistesgeschichte“ die „Heimat von den Bach und Händel, der Lessing, Goethe und Humboldt“, eben jenes protestantische Deutschland östlich des Thüringer Waldes, das durch die Existenz der DDR vom Westen abgetrennt, diesem unentbehrliche deutsche Substanz entziehe[12]. Solchen nostalgischen Empfindungen läßt sich freilich die Frage entgegenstellen, ob der Westen Deutschlands, der mit seinem Wohlstand die Menschen aus der alten DDR anzog wie er sie nun aus vielen Teilen der Welt anzieht, der mit seiner nun durch sechzig Jahre bewährten Demokratie Freiheit und soziale Staatlichkeit verwirklicht hat, nicht eine eigene Identität gewonnen hat, welche die Frage nach einer historischen Legitimation, die auch zu einem bedeutungslosen Versatzstück verkommen kann, ihrer Bedeutung und Schärfe beraubt. Der Bundesrepublik dürfte es aufgegeben sein, dem Verfassungspatriotismus Heimat und Inhalt zu geben, die Bejahung ihrer Bürger darin zu finden, daß sie sich nicht mit Altem schmückt, sondern Neues realisiert, ohne Herkunft und Tradition zu leugnen. In der Zeit der Trennung galt in der Bundesrepublik Verfassungspatriotismus als Ersatz für das zerbrochene Nationalbewußtsein, das manche nach der Trennung nun wieder in seine alte Stellung einrücken sahen. Aber worauf sollte sich dieses denn gründen können als auf Geschichte und Leistung der Bundesrepublik, die zwar Erbin deutscher Traditionen ist, aber ihre Identität von der Blaupause des Grundgesetzes durch die Realisierung eben dieser Verfassung gewonnen hat, und auf solche Gegenwart dürfte sich nationales Selbstbewußtsein stabiler gründen lassen als auf historische Reminiszenzen.  

These sechs: Die Wiedervereinigung war keine Vereinigung, sondern ein Anschluß. Auch die Einigung von 1871 war mehr ein Anschluß an den Mächtigsten im Bunde gewesen als eine voraussetzungslos ausgehandelte Vereinbarung über künftige Gemeinsamkeit. Aber 1871 wurde eine neue Instanz über den bestehenden geschaffen, den Stärkeren unter den Beitretenden Reservate eingeräumt und vieles Gemeinsame erst neu geschaffen: Währungs- und Münzeinheit, Militäreinheit, Rechtseinheit bis zum BGB, das erst 1900 in Kraft trat. Die DDR hingegen trat der Bundesrepublik nach Art. 23 des Grundgesetzes bei, sie wurde Teil dieses Staates; mit einem Schlag galt nun in der früheren DDR, „dem Beitrittsgebiet“, wie die Juristen sagen, was in der Bundesrepublik galt. Der sog. Einigungsvertrag regelte in seinen 45 Artikeln nur Details des Übergangs. In manchen intellektuellen Zirkeln war davon geträumt worden, wie schön es sein werde, wenn das ganze deutsche Volk sich nach seiner Vereinigung eine neue Verfassung gäbe. Aber es zeigte sich dafür nicht nur keine Begeisterung, es wurde auch deutlich, daß im Grunde niemand eine andere Verfassung wollte, wenn nur in diesem oder jedem Detail der Entwicklung oder Sonderwünschen Rechnung getragen werde. Das Grundgesetz hatte sich in einmaliger Weise bewährt. Behörden und Truppenteile wurden aus Gründen der gleichmäßigen Verteilung über das Bundesgebiet verlegt und Berlin schließlich Regierungssitz. Ob diese Veränderungen es rechtfertigen, von einer „Berliner Republik“ im Unterschied zur „Bonner Republik“ zu sprechen, wird erst die Zukunft festlegen.

These sieben: Das deutsche Kaiserreich hatte seine immanenten, strukturellen Krisenherde – die Bundesrepublik ist von Problemen dieser Art frei geblieben. Mit der Existenz des Kaiserreichs waren als nicht (oder nicht vollständig) zu überwindende Probleme verbunden: Die niemals von den Betroffenen akzeptierte Annexion von Elsaß-Lothringen, der Besitz weiter polnischer Gebiete, deren Bewohner in Gottes Namen bereit waren, Preußen zu bleiben, aber nicht Deutsche hatten werden wollen, die „Reichsfeinde“, die von Bismarck dazu gemacht worden waren, die Verlierer der deutschen Einheit à la Bismarck, die Großdeutschen, die Gegner Preußens, Demokraten und Sozialdemokraten und für mehr als eine Generation auch die ultramontanen Katholiken.

In der Bundesrepublik fehlen diese Strukturprobleme des Kaiserreichs, es fehlen auch alle Fragen hinsichtlich ihrer Außengrenzen. Ebenso fehlen grundsätzliche Gegner des politischen Systems in erkennbarer und aktionsfähiger Anzahl. Allerdings mangelt es nicht an Verlierern der deutschen Einheit: Anhänger und Nutznießer des politischen Systems der DDR. Sie von der „Ostalgie“ abzubringen, in das demokratische System zu integrieren, wird vorerst bleibende Aufgabe sein. Das bedeutet nicht, daß die Bundesrepublik ein politisches und wirtschaftliches Paradies wäre. Es fehlt nicht an Sorgen, Problemen und Aufgaben. Aber diese ergeben sich nicht aus der Struktur unseres Staates, sondern aus der Unsicherheit aller Verhältnisse auf dieser Welt.   



 

[1] Becker, Josef (Hrsg.): Bismarcks spanische „Diversion“ 1870 und der preußisch-deutsche Reichsgründungskrieg. Quellen zur Vor- und Nachgeschichte der Hohenzollern-Kandidatur für den Thron in Madrid 1866 – 1932. 3 Bde. Paderborn u.a. 2003.

[2] Zum Beispiel: Teltschik, Horst: 329 Tage. Innenansichten der Einigung. Berlin 1991.

[3] Dokumente zur Deutschlandpolitik. Deutsche Einheit. Sonderedition aus den Akten des Bundeskanzleramtes 1989/90, bearb. von Hanns Jürgen Küsters und Daniel Hofmann. München 1998.

[4] Etwa Rödder, Andreas: Deutschland - einig Vaterland. Die Geschichte der Wiedervereinigung. 2009. oder Henke, Klaus-Dietmar: Krise und Vereinigung 1989/90. Als in Deutschland die Realität die Phantasie überholte. München 2009.

[5] So der Göttinger Historiker Arnold Ludwig Heeren in seiner Schrift von 1816 „Der Deutsche Bund in seinen Verhältnissen zu dem Europäischen Staatensystem“.

[6] von Humboldt, Wilhelm: Über die Behandlung der Angelegenheiten des Deutschen Bundes durch Preußen. 30. September 1816, in: Ders.: Gesammelte Schriften. Bd. 12. Berlin 1904. S. 77.

[7] Kissinger Diktat vom 15. Juni 1877, in: von Bismarck, Otto: Werke in Auswahl. Bd. 6. Darmstadt 1976. S. 51f.

[8] Vgl. etwa Becker, Josef und Hillgruber, Andreas (Hrsg.): Die Deutsche Frage im 19. und 20. Jahrhundert. München 1983.

[9] Wolf, Christa: Reden im Herbst. Berlin und Weimar 1990. S. 170f.

[10] von Treitschke, Heinrich: Was fordern wir von Frankreich?, in: Zehn Jahre deutscher Kämpfe 1865–1874. Schriften zur Tagespolitik. Berlin 1874. S. 285–327.

[11] von Treitschke, Heinrich: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. Bd. 1. Leipzig 1927. S. 261.

[12] Ritter, Gerhard: Das deutsche Problem. Grundfragen deutschen Staatslebens gestern und heute. München 1962. S. 10f.