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Der Zerfall des Sowjetreiches in vergleichender Perspektive

Leonid Luks

I .Der Abschied von den Imperien im 20. und 21. Jahrhundert: Mittel- und osteuropäische Erinnerungen (internationale Konferenz: Eichstätt, 13.–15. November 2008) – Teil II

Der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums wird von vielen Verfechtern des imperia­len Gedankens im heutigen Rußland als eine Art Apokalypse erlebt. Sie lassen sich nicht durch das Argument trösten, daß auch andere europäische Mächte im Verlaufe des 20. Jahrhunderts ihre Imperien verloren hatten, daß das Sowjetreich angesichts der Beschleuni­gung emanzipatorischer Prozesse auf der ganzen Welt infolge des Zweiten Weltkriegs zu einem lebenden Anachronismus geworden war.

Auf der anderen Seite kann man die in Rußland zur Zeit verbreitete Verunsicherung durch­aus verstehen. Denn anders als Großbritannien oder Frankreich mußte sich Rußland nicht nur von einem Weltreich, sondern zugleich auch von seinem seit Generationen herrschenden politischen und wirtschaftlichen System sowie von der Ideologie, die dieses System legitimierte, verabschieden. Insofern lassen sich die Ereignisse von 1991, die zum Zerfall des Sowjetimperiums führten, weniger mit der Auflösung der westlichen Weltreiche als vielmehr mit den Umwälzungen von 1917/18 in Rußland selbst vergleichen. Denn auch damals erlebte Rußland einen Zusammenbruch in vielfacher Hinsicht. 1917/18 zerfie­len nicht nur das russische Imperium und das bestehende wirtschaftliche und politische System des Landes, sondern auch die Staatsdoktrin, die der russischen Staatlichkeit seit Jahrhunderten zugrunde lag. Nicht zuletzt deshalb war in der damaligen russischen Gesell­schaft das Gefühl verbreitet, in einer apokalyptischen Zeit zu leben. Als der Philosoph Vasilij Rozanov seine damals verfaßte Schrift Die Apokalypse unserer Zeit[1] nannte, gab er damit das Grundgefühl seiner Landsleute wieder. Ähnliche Stimmungen scheinen auch im heutigen Rußland zu herrschen, vor allem in den national bzw. imperial gesinnten Kreisen.1. Die revolutionäre Sehnsucht der russischen Intelligenzija

Bei der Suche nach den Gründen für den Zerfall der Sowjetunion weisen viele Autoren auf die sprengende Kraft der nationalen Bewegungen hin, die erheblich zur Auflösung des Imperiums beitrugen. Dennoch wären die nicht-russischen Völker allein wohl kaum imstande gewesen, den Zerfall des Sowjetreiches herbeizuführen. Im Kampf gegen das kommunistische Imperium brauchten sie einen mächtigen Verbündeten, und dies konnte im Grunde nur Rußland – das Herzstück des Reiches – sein. Ohne die Abwendung der aktivsten Teile der russischen Gesellschaft von ihrem eigenen Staat und von der in ihm herrschenden kommunistischen Doktrin wäre die Loslösung der nicht-russischen Peripherie vom Zentrum kaum denkbar gewesen. In diesem Punkt ähneln die Prozesse von 1989–1991 denjenigen von 1917. Denn auch die Auflösung des zarischen Reiches war nur deshalb möglich, weil große Teile des russischen Staatsvolkes sich damals von dem herrschenden System abwandten. Als Michail Gorbačev versuchte, mehr Demokratie zu wagen, und das Unfehlbarkeitsdogma der Partei aufgab, stellte sich heraus, daß die kommunistische Idee in den Augen der Bevölkerungsmehrheit ähnlich diskreditiert war wie die Zarenidee zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Nun möchte ich auf die Auflösung des Zarenregimes – den ersten Zusammenbruch des  russischen Imperiums im 20. Jahrhundert – etwas genauer eingehen.

Bei der Erosion der Zarenidee, die die wichtigste legitimatorische Grundlage der russischen Staatlichkeit vor der Revolution von 1917 darstellte, handelte es sich um einen sehr langen Prozeß. „Hundert Jahre lang hatte die russische Gesellschaft der Zarenmonarchie mit einer Revolution gedroht“, schrieb 1927 der russische Schriftsteller Mark Aldanov: „[Der letzte russische Zar] hat wahrscheinlich deshalb den Vorwarnungen nicht geglaubt, weil es so viele davon gegeben hatte“.[2]

Eingeleitet wurde dieser Prozeß durch den Aufstand der Dekabristen von 1825. Unter dem Einfluß der europäischen, vor allem der französischen Ideen sagten die Dekabristen der uneingeschränkten Selbstherrschaft den Kampf an und versuchten die russische Autokratie mit Hilfe einer verfassungsmäßig verankerten Gewaltenteilung zu zähmen.[3] Die Auflehnung der Dekabristen scheiterte zwar, sie eröffnete aber ein neues Kapitel in der Entwicklung der politischen Kultur Rußlands. Der Freiheitsdrang, der sich auch in früheren Epochen der russischen Geschichte immer wieder manifestiert hatte, war von nun an untrennbar mit dem Begriff „Dekabristen“ verbunden. Die russische Autokratie, die auf der Bevormundung ihrer Untertanen basierte, wurde nun in einem immer stärkeren Ausmaß durch Kräfte herausgefordert, die sich dieser Bevormundung entziehen wollten.

Im Westen wurde diese innerrussische Auseinandersetzung jahrzehntelang kaum wahrgenommen. Man sprach dort immer von der Autoritätsgläubigkeit, ja Sklavenmentalität der Russen. 18 Jahre nach dem Dekabristenaufstand schrieb der Marquis de Custine im Bericht über seine Rußlandreise, der unzählige Neuauflagen erlebte, folgendes: „Alles ist hier einstimmig, Volk und Regierung. [Ich] wundere mich, daß unter den [russischen] Stimmen auch nicht eine von dem allgemeinen Chor sich abtrennt, um zu Gunsten der Wahrheit gegen die Wundertaten der Autokratie zu protestieren. Man kann die Russen, die Großen wie die Geringen, von Sklaverei trunken nennen“.[4]

Zu der Zeit als diese Worte geschrieben wurden, begann sich in dem angeblich so autoritätsgläubigen Rußland eine gesellschaftliche Formation zu entwickeln, die den Nonkonformismus und den Kampf gegen unantastbare Autoritäten jeglicher Art geradezu verkörperte – die russische Intelligenzija. Die Tatsache, daß der Begriff Intelligenzija in westliche Sprachen nicht übersetzbar ist und dort lediglich als terminus technicus verwendet wird, zeigt, daß es sich bei der Intelligenzija um ein typisch russisches Phänomen handelt, das in anderen Ländern nur selten eine Entsprechung besaß. Die Unbedingtheit und Absolutheit, die den revolutionären Glauben der russischen Intelligenzija auszeichnete, seien im Westen praktisch unbekannt gewesen, so der deutsche Historiker Theodor Schieder.[5]

Was in diesem Zusammenhang verwundert, ist die Tatsache, daß die Intelligenzija sich ausgerechnet in der Herrschaftsperiode des liberalen Zaren Alexander II., der als „Zar-Befreier“ in die russische Geschichte einging, radikalisierte. Alexander II. hat kurz nach der Thronbesteigung im Jahre 1855 ein gewaltiges Reformwerk in die Wege geleitet. Viele der Forderungen der Dekabristen wurden nun realisiert. Man kann Alexander II. in gewisser Hinsicht als einen „Dekabristen auf dem Thron“ bezeichnen. 1861 wurde die Leibeigenschaft abgeschafft, die Zensur wurde erheblich gelockert. Die Justizreform von 1864 schuf unabhängige Gerichte und verankerte damit die ersten Ansätze einer Gewaltenteilung im Lande. Für die revolutionäre Intelligenzija hatte diese Entwicklung indes so gut wie keine Relevanz. Im Gegenteil, je liberaler die Monarchie wurde, desto radikaler wurde sie von der Intelligenzija bekämpft. Sie war nicht an der Reform des bestehenden Systems interessiert, sondern an seiner gänzlichen Zerstörung, um auf seinen Ruinen ein soziales Paradies auf Erden aufzubauen.[6] Im Jahre 1869, also in der Zeit, in der die Reformen Alexanders II. Rußland bis zur Unkenntlichkeit veränderten, schrieb einer der radikalsten Regimegegner, Sergej Nečaev, den sogenannten „Revolutionskatechismus“, in dem folgendes zu lesen war: „Der Revolutionär ist ein geweihter Mensch [...] Wenn er in dieser Welt fortlebt, so geschieht es nur, um sie desto sicherer zu vernichten [...] Zwischen ihm und der Gesellschaft herrscht Krieg  auf Tod und Leben, offener oder geheimer Kampf, aber stets ununterbrochen und unversöhnlich“.[7]

Statt auf eine Überwindung der inneren Spaltungen, statt auf eine allgemeine Versöhnung steuerte Rußland ausgerechnet in der Epoche der Reformen auf eine totale Konfrontation zu, deren Höhepunkt die Ermordung des Zaren Alexander II. durch die Terrororganisation „Narodnaja volja“ am 1. März 1881 darstellte.2. Die Erosion des Glaubens an den Zaren

Im ausgehenden 19. Jahrhundert begannen auch die russischen Unterschichten, ähnlich wie die russische Intelligenzija Generationen zuvor, das bestehende System und seine ideologische Legitimierung in Frage zu stellen. Bis dahin waren ihre politischen Vorstellungen im wesentlichen vorpetrinisch geblieben. Dazu gehörte die Verklärung des Zaren, der als Garant der religiös geprägten Ordnung galt. Den Staat hatte für die Unterschichten lange Zeit nur der rechtgläubige Zar verkörpert. Als Soldaten kämpften sie unter der Devise „Für den Glauben, den Zaren und das Vaterland“. Und es war kein Zufall, so der russische Historiker Georgij Fedotov, daß der Begriff Vaterland in dieser Trias an letzter Stelle stand. Auf der Zarentreue der russischen Unterschichten beruhte lange Zeit die Stabilität der russischen Monarchie. So lange sie bestehenblieb, konnte sie die Auseinandersetzung mit den revolutionär gesinnten Teilen der Bildungsschicht glimpflich überstehen. Den konservativen Verteidigern der russischen Autokratie war klar, daß das Schicksal des Regimes davon abhing, wer den Kampf um die „Seele des Volkes“ gewinnen würde.[8]

Noch während der Revolution von 1905 glaubten russische Konservative an die Zarentreue der russischen Landbevölkerung. Dementsprechend war auch das Wahlgesetz zur ersten russischen Staatsduma (Parlament) konzipiert. Die Bauern, die als besonders zarentreu galten, wurden von diesem Wahlrecht eindeutig begünstigt. Als Ergebnis wählten die Bauern ein Parlament, das den revolutionären Parteien ein deutliches Übergewicht verlieh.[9] So wurde die wichtigste Stütze der russischen Selbstherrschaft zu ihrem gefährlichsten Gegner. Ihre Hoffnung auf die Errichtung einer sozial gerechten Ordnung, auf die Enteignung der Gutsbesitzer, die sie für Schmarotzer hielten, begannen die russischen Volksschichten in einem immer stärkeren Ausmaß vom Zaren auf revolutionäre Parteien zu übertragen.

Viele Verfechter der bestehenden Ordnung, nicht zuletzt der Zar selbst, versuchten damals, die revolutionäre Gefahr mit Hilfe chauvinistischer Ideen zu bekämpfen. Der russische Ministerpräsident Sergej Witte bezichtigte den letzten russischen Monarchen allzugroßer Sympathien für die extreme Rechte. Nikolaus II. habe seine Untertanen dazu aufgerufen, sich unter der Fahne der Schwarzhundertschaften (einer rechtsextremen und antisemitischen Organisation, die antijüdische Ausschreitungen initiierte) zu sammeln. Diesen Kurs hielt Witte für verhängnisvoll.[10] In der Tat hat der Flirt mit den Chauvinisten die Monarchie nicht zur erhofften „Volksnähe“ geführt. Die russische Bauernschaft – die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung des Reiches – war für die nationalistischen Ideen wenig empfänglich. Der aus ihrer Sicht ungelösten Agrarfrage schenkte sie wesentlich mehr Aufmerksamkeit als der nationalen Größe Rußlands. Noch radikaler als die Bauernschaft lehnte das bestehende System die russische Industriearbeiterschaft ab, die bereits bei ihrer Entstehung im ausgehenden 19. Jahrhundert zu einem der militantesten Gegner der Monarchie wurde. Die Erosion des Glaubens an den Zaren, die bei der russischen Bauernschaft einen langsamen und langwierigen Prozeß darstellte, vollzog sich bei den russischen Proletariern abrupt. Zaghafte Versuche der Autokratie, die Arbeiterschaft in das bestehende System zu integrieren, scheiterten. Die gewaltsame Sprengung der friedlichen Demonstration der Petersburger Arbeiter vom 9. Januar 1905, die dem Zaren eine Petition überreichen wollten („Blutsonntag“), symbolisierte den endgültigen Bruch. Die Tatsache, daß die russische Selbstherrschaft sich infolge der Revolution von 1905 in eine konstitutionelle Monarchie verwandelte (im Manifest vom 17. Oktober 1905 versprach der Zar den Untertanen Grundrechte und die Einberufung eines Parlaments), beeinflußte die Einstellung der Volksschichten zum Regime kaum.

 So hat sich der nationalistische Rausch, der die europäischen Völker nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges erfaßte, in Rußland lediglich auf die Bildungsschicht beschränkt. Die Unterschichten blieben davon wenig berührt. Mit Euphorie begrüßten sie dagegen im Februar 1917 die Revolution. Die militanten russischen Nationalisten spielten bei den Ereignissen des Jahres 1917 so gut wie keine Rolle. Die Erosion des Glaubens an den Zaren hat der russischen Monarchie ihre legitimatorische Basis gänzlich entzogen. Deshalb hatte sie im Februar 1917 keine Verteidiger mehr.3. Die Allmacht des „schlechten Gewissens“

Acht Monate nach dem Sturz des Zarenregimes brach indes die auf seinen Trümmern aufgebaute „erste“ russische Demokratie zusammen. Auch sie hatte so gut wie keine Verteidiger mehr.

In seinen Thesen vom April 1917 bezeichnete Lenin das im Februar 1917 in Rußland errichtete System als das „freiheitlichste der Welt“.[11] Etwa sieben Monate später haben die Bolschewiki dieses „freiheitlichste System der Welt“ beseitigt und auf seinen Trümmern das erste totalitäre Regime der Moderne errichtet. Das damalige Scheitern der russischen Demokratie wird oft auf die Eigenart der russischen Mentalität oder auf den geschichtlichen „Sonderweg“ Rußlands zurückgeführt, der sich vom Weg des Westens grundlegend unterscheidet. So zeichnete sich die russische Geschichte in den meisten Epochen durch die Allmacht des Staates und eine Ohnmacht der Gesellschaft aus. Die Autonomie der Stände oder der Städte, die im Westen ein Gegengewicht zur Machtzentrale darstellte, hat sich in Rußland kaum entwickelt. Der russische Historiker Pavel Miljukov sagt in diesem Zusammenhang: Im Westen hätten die Stände den Staat, in Rußland hingegen der Staat die Stände erschaffen.

Läßt sich also der Zusammenbruch der „ersten“ russischen Demokratie darauf zurückführen, daß die Gesellschaft, die sich nach dem Sturz der Romanov-Dynastie vom zarischen Obrigkeitsstaat befreite, nicht imstande war, sich selbst zu organisieren, und an ihrer politischen Unerfahrenheit zugrunde ging? All das spielte bei den Ereignissen von 1917 sicher eine wichtige Rolle, allerdings keine ausschließliche. Denn das Scheitern des nach der Februarrevolution errichteten Systems hatte auch Ursachen allgemeinerer Art, die weit über das spezifisch Russische hinausgingen. So fand im damaligen Rußland die erste Konfrontation eines demokratischen Gemeinwesens mit einer totalitären Partei statt, die skrupellos alle Freiheiten der Demokratie ausnutzte, um diese zu zerstören. Man darf nicht vergessen, daß fünf Jahre später die italienische und etwa 15 Jahre später die Weimarer Demokratie an ähnlichen Herausforderungen scheitern sollte, und zwar mitten im Frieden und nicht im vierten Kriegsjahr, wie dies in Rußland der Fall war.

Aleksandr Kerenskij, der letzte Ministerpräsident der von den Bolschewiki gestürzten Provisorischen Regierung, berichtet über ein Gespräch, das er 1923 mit einem der führenden deutschen Sozialdemokraten, Rudolf Hilferding, führte. Hilferding konnte nicht verstehen, warum die russischen Demokraten derart hilflos auf den bolschewistischen Staatsstreich reagiert hatten: „Wie konnten Sie die Macht verlieren, wenn Sie sie völlig in der Hand hatten? Das wäre [in Deutschland] nicht möglich!“, meinte der deutsche Politiker und fügte hinzu: „Ihr Volk ist nicht fähig, in Freiheit zu leben“. Elf Jahre später, so Kerenskij, sei Hilferding ebenfalls auf der Flucht gewesen, um sich dem Zugriff eines anderen totalitären Regimes zu entziehen: „Damals mußte er aus [...] dem Munde eines französischen Sozialisten dasselbe über die Deutschen sagen hören“.[12] So hat das Scheitern der „ersten“ russischen Demokratie die tiefe Krise der demokratischen Systeme in ganz Europa bloß vorweggenommen.

1917 profitierten die Bolschewiki vom „schlechten sozialen Gewissen“ der demokratisch gesinnten Sozialisten (Menschewiki und Sozial-Revolutionäre), die das Rückgrat des nach der Februarrevolution errichteten Systems bildeten. Diese Gruppierungen vertraten die Meinung, daß die junge und von Krisen erschütterte russische Demokratie auf die Unterstützung aller freiheitlich gesinnten Kräfte im Lande, auch aus dem bürgerlichen Lager, angewiesen sei. Sie meinten, die sofortige Verwirklichung der sozialistischen Experimente, für die die Bolschewiki plädierten, werde das Land, das sich noch mitten im Krieg befand, in eine Katastrophe führen. Diese Haltung bezeichneten die Bolschewiki als Verrat an den hehren revolutionären Idealen und berührten damit einen wunden Punkt bei den gemäßigten Sozialisten. Denn der bedingungslose Dienst an der Revolution stellte seit Generationen das unantastbare Credo der russischen Intelligenz dar: „Die offene Vertretung einer politisch gemäßigten Haltung erforderte so viel Zivilcourage, wie sie nur wenige besaßen“, schreibt der russische Philosoph Semen Frank in diesem Zusammenhang: Der ‚Gemäßigte‘ war der Spießbürger, furchtsam, bar jedes Heroismus [...]. Die Gemäßigten selbst hatten in dieser Hinsicht kein reines Gewissen, sie fühlten sich nicht ganz frei von diesen Mängeln. In den meisten Fällen betrachteten sie die Revolutionäre wie kirchlich eingestellte Laien die Heiligen und Asketen betrachten – nämlich als unerreichbare Muster an Vollkommenheit, denn je linker, desto besser, höher, heiliger.[13]Auch die gemäßigten Sozialisten des Jahres 1917 stellten insofern keine Ausnahme dar. Ihr „schlechtes soziales Gewissen“ hinderte sie daran, die bolschewistische Partei, die nun die im Februar gewonnene Freiheit tödlich bedrohte, konsequent zu bekämpfen. Zwar bezogen die „Gemäßigten“ unter dem Einfluß der Bolschewiki und unter dem Druck der anarchisierten Massen immer radikalere Positionen; mit ihren extremistischen Kontrahenten konnten sie aber nicht konkurrieren. An all diesen Widersprüchen ging dann die „erste“ russische Demokratie zugrunde.
4. Die Nationalitätenfrage im revolutionären Rußland

Im Verlauf des Jahres 1917 verschärften sich in Rußland nicht nur soziale und politische, sondern auch nationale Gegensätze. Die Lahmlegung der russischen Staatsmaschinerie infolge der Doppelherrschaft und der Radikalisierung der Massen (und anderer Begleiterscheinungen der Revolution) faßten die nationalen Minderheiten im Lande als eine Chance auf, sich vom imperialen, russisch geprägten Zentrum zu emanzipieren. Diese immer stärker werdenden nationalen Bewegungen waren nicht zuletzt eine Reaktion auf die verschärfte Russifizierungspolitik, die das Regime nach der Thronbesteigung des konservativ gesinnten Zaren Alexander III. (1881–1894) begonnen hatte.

Obwohl der Anteil der Russen an der Gesamtbevölkerung des Reiches um die Jahrhundertwende nur etwa 44% betrug,[14] betrachteten die russischen Konservativen das russische Volk als das eigentliche Fundament des Imperiums. Der einflußreiche Berater der beiden letzten russischen Zaren (Alexander III. und Nikolaus II.), Konstantin Pobedonoscev, für den die Bewahrung der Harmonie zwischen Autokratie und Volk im Vordergrund stand, empfand die nationalen Minderheiten in Rußland – immerhin mehr als die Hälfte der Bevölkerung – als eine Bedrohung für das Reich. Er hielt es für undenkbar, andere Völker, Religionen und Konfessionen des Reiches auf die gleiche Stufe mit den Russen bzw. mit der orthodoxen Kirche zu stellen, denn diese Völker und Religionsgemeinschaften besaßen nicht die gleiche ideale Vorstellung vom Zaren, die dem russischen Volk angeblich eigen sei.[15]

Obwohl Pobedonoscev ein militanter Gegner der Moderne war, entsprach sein extrem nationalistischer Kurs durchaus dem damaligen europäischen Zeitgeist. Auch andere europäische Großmächte verhielten sich damals nicht selten extrem unduldsam ihren jeweiligen nationalen Minderheiten gegenüber. Ein besonders anschauliches Beispiel hierfür waren die Versuche Berlins, die polnische Minderheit im Reich zu germanisieren, die um die Jahrhundertwende ihren Höhepunkt erreichten.[16] Allerdings konnte diese Politik für Rußland, das im Gegensatz zu Deutschland ein Vielvölkerreich par excellence war, besondere Gefahren nach sich ziehen. Jahrhundertelang versuchte die russische Autokratie, die jeweilige Oberschicht der von ihr eroberten nicht-russischen bzw. nicht-orthodoxen Gebiete in das bestehende System zu integrieren. Zu Beginn der Neuzeit waren es die muslimischen Tataren, danach die fast ausschließlich protestantischen Baltendeutschen und die polnischen Katholiken. So bestand die russische Generalität im Jahre 1862 zu 28% aus Protestanten und zu etwa 9% aus Katholiken. Die in den 80er Jahren verstärkte Russifizierung begann sich aber allmählich auch auf die nationale Zusammensetzung der herrschenden Elite im Zarenreich auszuwirken. So reduzierte sich im Jahre 1903 die Zahl der Protestanten in der russischen Generalität im Vergleich zum Jahre 1862 von 28% auf 10% und die der Katholiken von 9% auf 4%.[17]

Auch nach der Verwandlung des russischen Imperiums in eine konstitutionelle Monarchie infolge der Revolution von 1905 behielten das russische Volk bzw. die Orthodoxe Kirche eine Sonderstellung im Reich. Der Artikel 3 der russischen Staatsgrundgesetze vom Jahre 1906 lautete: „Die russische Sprache ist die allgemeine Staatssprache und ist obligatorisch in der Armee, der Flotte und bei allen staatlichen und kommunalen Behörden.“ Der christlich-orthodoxe Glaube östlicher Konfession wurde im Artikel 62 der Staatsgrundgesetze als „der im russischen Reiche an erster Stelle stehende und herrschende Glaube“ genannt. Und der Artikel 1 der Staatsgrundgesetze bezeichnete den russischen Staat als „einheitlich und unteilbar“.

Zwar verfügten einige Territorien des Zarenreiches in unterschiedlichen geschichtlichen Perioden über eine beträchtliche Autonomie, die in einigen Fällen einer Souveränität nahe kam (das Königreich Polen 1815–1831, das Großfürstentum Finnland 1809–1899). Solche Ausnahmen bestätigten aber nur die Regel. Im wesentlichen war der russische Vielvölkerstaat unitaristisch aufgebaut, das föderative Prinzip setzte sich hier vor 1917 nicht durch. Mit dieser Bevormundung durch das imperiale Zentrum wollten sich die kleineren Völker des Reiches auf die Dauer nicht abfinden. Bereits die Revolution von 1905 enthielt neben der sozialen und politischen auch eine nationale Komponente. Die Auseinandersetzung mit dem bestehenden System wurde an der nicht-russischen Peripherie des Reiches – Polen, Baltikum, Finnland, Transkaukasien – mit besonderer Schärfe geführt. Dennoch entschied sich das Schicksal des Imperiums letztendlich nicht an der Peripherie, sondern im Zentrum. Als das Herzstück des Reiches – Zentralrußland – pazifiziert worden war, hatte die Provinz keine Chance, ihre Auseinandersetzung mit dem Regime fortzusetzen. Die Revolution von 1905 offenbarte eine bestimmte Gesetzmäßigkeit, die sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts in der Entwicklung Rußlands mehrmals wiederholen sollte. Trotz der sprengenden Kraft der nationalen Bewegungen, die bereits zweimal zur Auflösung des russischen Imperiums (1917 und 1991) beitrugen, wären die nicht-russischen Völker des Reiches allein wohl kaum imstande gewesen, seine Auflösung herbeizuführen. Im Kampf gegen das imperiale Zentrum brauchten sie, wie bereits gesagt, einen mächtigen Verbündeten, und als solcher konnte im Grunde nur diejenige Nation auftreten, auf der das Imperium im wesentlichen basierte – die Russen selbst. Ohne die Abwendung der aktivsten Teile der russischen Gesellschaft vom eigenen Staat wäre der Freiheitskampf der nicht-russischen Minderheiten sowohl 1917 als auch 1991 zum Scheitern verurteilt gewesen.

Unmittelbar nach dem Sturz des Zaren wandte sich die Provisorische Regierung an die beiden Völker des Reiches, deren Nationalbewußtsein und Unabhängigkeitsstreben besonders stark ausgeprägt waren – an die Polen und an die Finnen. In ihrem Polen-Manifest vom 19. März 1917 rief die Regierung das „polnische Brudervolk“ dazu auf, gemeinsam gegen das „streitsüchtige Germanentum“ zu kämpfen, und versprach die „Schaffung eines unabhängigen polnischen Staates“ aus allen mehrheitlich von Polen bevölkerten Gebieten. Dieser Staat sollte mit Rußland in einer freien Union verbunden sein.[18] Dem finnischen Volk versprach die Provisorische Regierung am 7. März 1917 die Wahrung seiner inneren Unabhängigkeit und die Respektierung seiner sprachlichen, nationalen, kulturellen und legislativen Rechte.[19]

Mit diesen Erklärungen paßte sich die Provisorische Regierung dem Zeitgeist an, der im damaligen Europa vorherrschend war. Denn das Selbstbestimmungsrecht der Völker stellte eine Art Fetisch des Weltkrieges dar. So war der Versuch des Habsburger Reiches, ein kleines selbständiges Volk – die Serben – zu demütigen, der unmittelbare Anlaß für den Ausbruch des Weltkrieges. Der Eintritt Großbritanniens in den Krieg, der den europäischen Krieg erst wirklich in einen Weltkrieg verwandelte, wurde offiziell ebenfalls mit der Verletzung der Unabhängigkeit eines anderen kleinen Volkes – Belgien – motiviert. Aber auch das Deutsche Reich versuchte den Eindruck zu erwecken, es kämpfe für die Befreiung der Völker, die unter dem Zarenjoch litten. Der Historiker Ludwig Dehio weist darauf hin, daß Deutschland versuchte „seine eigenen Ansprüche auf Sicherung und Ausdehnung im Osten durch seine Funktion als Bollwerk des Abendlandes gegen östliche Barbarei [zu rechtfertigen]“.[20]

Natürlich war es für die Mittelmächte, deren Truppen Belgien, Serbien, Polen, Rumänien und einen Teil des Baltikums besetzt hielten, nicht ganz einfach, die Weltöffentlichkeit davon zu überzeugen, sie kämpften für das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Die Lage der Ententemächte war insofern leichter. Auf dem europäischen Kontinent befanden sie sich überall in der Defensive, so schien ihre Parole, sie führten diesen Krieg für die Freiheit der kleinen Völker, glaubwürdiger.

Allerdings hatte nicht nur Deutschland, sondern auch das liberale Rußland erhebliche Probleme mit der Auslegung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker. Seine buchstabengetreue Verwirklichung bedeutete den Verzicht auf einen Großteil der Gebiete, die Rußland seit dem Beginn der Neuzeit an sein Kernterritorium angegliedert hatte, den Verzicht auf das Imperium. Nur in bezug auf Polen und auf Finnland war die Provisorische Regierung bereit, weitreichende Konzessionen zu machen. Aber sogar hier wurde die Hoffnung ausgesprochen, daß diese Völker „in einer freien Union“ mit Rußland verbunden bleiben würden.[21] Andere Völker des Reiches sollten indes, wenn auch mit größeren Autonomierechten versehen, Bestandteil des russischen Reiches bleiben. Beispielhaft für diese Haltung war die Einstellung Petrograds zu den Unabhängigkeitsbestrebungen der Ukrainer, die sich 1917 mit einer besonderen Wucht manifestierten. Am 4. März 1917 entstand in der ukrainischen Hauptstadt Kiev der ukrainische Zentralrat – Rada (Rat) –, der sich aus Vertretern der liberalen und gemäßigt sozialistischen Kreise der ukrainischen Öffentlichkeit zusammensetzte. Die Rada versuchte das Selbstbestimmungsrecht der Ukraine durchzusetzen, und je schwächer die Petrograder Zentrale war, desto radikaler wurden ihre Forderungen. Ihr Manifest vom 10. Juni 1917 glich einer Art Unabhängigkeitserklärung und löste in Petrograd einen wahren Schock aus.[22] Die Provisorische Regierung und der Allrussische Sowjet schickten eine gemeinsame Delegation nach Kiev, die eine Kompromißlösung aushandeln sollte. Der Kompromiß wurde zwar erzielt, aber er befriedigte weder die russischen noch die ukrainischen Nationalisten. Aus Protest gegen die Kiever Vereinbarungen traten die nationalgesinnten Konstitutionellen Demokraten Anfang Juli 1917 aus der Petrograder Provisorischen Regierung aus. Aber auch die gemäßigten russischen Sozialisten gehörten in ihrer Mehrheit zu den Verfechtern des Einheitsstaates und wollten mit der endgültigen Regelung der Nationalitätenfrage zumindest bis zur Einberufung der Verfassunggebenden Versammlung warten. Zu den wenigen Politikern, die im Jahre 1917 die Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechtes für die nationalen Minderheiten des Reiches mit Vehemenz forderten, gehörte Lenin. Ähnlich wie er die Bauern zur eigenmächtigen Konfiszierung der Ländereien der Gutsbesitzer, die Arbeiter zur Enteignung der Unternehmer und die Soldaten zur sofortigen Beendigung der Kampfhandlungen an der Front aufrief, animierte er die nationalen Minderheiten des Landes zum sofortigen Austritt aus dem russischen Staatsverband. Kurz nach seiner Rückkehr aus dem Schweizer Exil nach Rußland erklärte Lenin, in der nationalen Frage müsse die proletarische Partei sich vor allem „für die Proklamierung und sofortige Verwirklichung der vollen Freiheit, der Lostrennung von Rußland für alle vom Zarismus unterdrückten [...] Nationen“ aussprechen. Die 7. Allrussische Konferenz der Bolschewiki bestätigte Lenins Kurs. In ihrer „Resolution zur nationalen Frage“ proklamierte sie: „Allen Nationen, die zu Rußland gehören, muß das Recht auf freie Lostrennung und Bildung eines selbständigen Staates zuerkannt werden. Die Verneinung dieses Rechtes und die Unterlassung von Maßnahmen, die seine praktische Durchführbarkeit verbürgen, ist gleichbedeutend mit der Unterstützung der Eroberungs- oder Annexionspolitik.“[23]

Angesichts solcher Parolen galten die Bolschewiki in den Augen vieler Separatisten an der Peripherie des russischen Reiches als die einzigen konsequenten Verfechter des Selbstbestimmungsrechtes der Nationen in der politischen Klasse Rußlands. Nicht zuletzt deshalb wurde der Sturz der Provisorischen Regierung durch die Bolschewiki von einigen separatistischen Bewegungen begrüßt. Die ukrainische Rada half den Bolschewiki sogar, die Truppen der Provisorischen Regierung aus Kiev zu vertreiben.[24] Die Tatsache, daß das imperiale Zentrum in Petrograd nun nicht mehr von kompromißbereiten Demokraten, sondern von militanten Gegnern der Demokratie kontrolliert wurde, bereitete den unversöhnlichen Gegnern des „russischen Imperialismus“ in den Randgebieten des Reiches zumindest in den ersten Tagen nach dem bolschewistischen Putsch keine allzugroßen Sorgen. Dabei hätte das aufmerksamere Lesen der Texte Lenins, die er vor der bolschewistischen Machtübernahme schrieb, bei ihnen mehr Bedenken wecken sollen, z.B. die Worte: „Das Ziel des Sozialismus ist nicht nur Aufhebung der Kleinstaaterei und jeder Absonderung der Nationen, nicht nur Annäherung der Nationen, sondern ihre Verschmelzung“ (1916).[25] Oder: Die Frage des Rechtes der Nationen auf freie Lostrennung darf nicht verwechselt werden mit der Frage der Zweckmäßigkeit der Lostrennung dieser oder jener Nation in diesem oder jenem Augenblick. Diese letztere Frage muß von der Partei des Proletariats in jedem einzelnen Fall vollkommen selbständig gelöst werden, und zwar vom Standpunkt der Interessen der ganzen gesellschaftlichen Entwicklung und des Klassenkampfes des Proletariats für den Sozialismus (Mai 1917).[26]
5. Der bolschewistische Janus

Nach ihrer Machtübernahme sagten die Bolschewiki der imperialen Tradition Rußlands den Kampf an. Symbolisiert wurde dieser Sachverhalt durch den Kapitulationsfrieden von Brest-Litovsk vom März 1918, in dem die Bolschewiki auf beinahe alle Gebiete verzichteten, die Rußland in Osteuropa seit Mitte des 17. Jahrhunderts erobert bzw. angegliedert hatte. Unmittelbar nach diesem Frieden führte Lenin aus: „Wir verteidigen nicht die Großmachtstellung – vom Russischen Reich ist nichts übrig geblieben als das eigentliche Rußland [...] Wir behaupten, daß die Interessen des [...] Weltsozialismus höher stehen als die nationalen Interessen, höher als die Interessen des Staates“.[27]

Die weißen Gegner des Sowjetregimes, die die Bolschewiki eines beispiellosen Nationalverrats bezichtigten, verkörperten während des Bürgerkrieges imperiale Traditionen. Sie kämpften für das „einige und unteilbare Rußland“.

Nach dem gewonnenen Bürgerkrieg begannen allerdings die Bolschewiki in einem immer stärkeren Ausmaß an die russischen Reichstraditionen anzuknüpfen. Ihr Vorgehen stellte eine Art Synthese zwischen den entgegengesetzten Polen der politischen Kultur Rußlands dar – dem revolutionären und dem imperialen.

Moskau war einerseits die Hauptstadt einer Großmacht und andererseits zugleich das Zentrum der kommunistischen Weltbewegung, das Zentrum der siegreichen proletarischen Revolution. Natürlich haben sich die Akzente in der sowjetischen Außenpolitik im Laufe der Zeit verschoben. Das Land begann allmählich zur traditionellen Großmachtpolitik zurückzukehren und die Politik der kommunistischen Weltbewegung den Interessen des sowjetischen Staates anzupassen. Dennoch ist trotz dieser Akzentverschiebung die weltrevolutionäre Komponente aus der sowjetischen Außenpolitik niemals ganz verschwunden. Das Spannungsverhältnis zwischen den beiden Polen, die Doppelgleisigkeit der Außenpolitik, blieben praktisch bis zur Auflösung der Sowjetunion bestehen. Gerade diese Bipolarität der sowjetischen Politik erschwerte den Außenstehenden oft ihre zutreffende Einschätzung. Dies betraf nicht zuletzt manche national gesinnte Kreise im antibolschewistischen Lager, die bereit waren, nach der Niederlage der Weißen im Bürgerkrieg vor den Bolschewiki zu kapitulieren, und zwar aus „Dankbarkeit“ für die weitgehende Wiederherstellung des territorialen Bestandes des russischen Reiches durch die sowjetische Führung. Dadurch hätten die „weißen Ideen“ zumindest auf Umwegen gesiegt, meinten die Vertreter dieser Kreise. Die Bolschewiki hätten ihre politische Laufbahn als militante Feinde des russischen Reiches, als Verfechter seiner totalen Desintegration begonnen. Letztendlich hätten sie sich aber als seine Wiederhersteller und Retter erwiesen. Zwar sei der bolschewistische Staat in seiner Form immer noch „rot“, internationalistisch und revolutionär, sein Inhalt sei aber „weiß“: patriotisch und national.[28] Mit besonderer Vehemenz vertrat diese Thesen die „Smena-vech“-Bewegung, die sich zu Beginn der 20er Jahre im russischen Exil zu entwickeln begann. Nikolaj Ustrjalov, der bedeutendste Vertreter dieser Bewegung, der man später auch die Bezeichnung „Nationalbolschewismus“ verlieh, schrieb im Februar 1920: Wie paradox es auch klingen möge, aber die Vereinigung Rußlands vollziehe sich nun unter dem bolschewistischen Vorzeichen. Die Revolution verwandele sich aus einem Faktor, der den Zerfall des Imperiums verursacht hatte, in eine schöpferische, nationale Kraft, die Rußland erneuere.[29]

Es fand in der Tat eine paradoxe Umkehrung der Rollen der Bolschewiki und ihrer „weißen“ Gegner statt. Die Weißen, die in den Kampf gegen die Bolschewiki gezogen waren, um das große, mächtige Rußland in seinen alten Grenzen wiederherzustellen, waren in ihrem Kampf auf die Hilfe ausländischer Mächte angewiesen. Die Bolschewiki hingegen, die im Brest-Litovsker Frieden mit den Mittelmächten im März 1918 eine beispiellose Demütigung Rußlands hingenommen hatten, stützten sich in ihrem Kampf gegen die „Weißen“ und gegen ausländische Interventionsarmeen ausschließlich auf die Kraftreserven Rußlands. So schienen sie nun nicht nur Verteidiger der „Errungenschaften der Revolution“, sondern auch Verteidiger der Interessen der russischen Nation zu sein. Eine national gesinnte Emigrantengruppierung – die 1921 entstandene „Eurasierbewegung“ – vertrat 1926 sogar die Meinung, das russische Volk habe sich des Bolschewismus bedient, um den territorialen Bestand Rußlands zu retten und die staatspolitische Macht Rußlands wiederherzustellen.[30]

All diese Aussagen zeugen von einer weitgehenden Verkennung der Janusköpfigkeit und der Bipolarität des Bolschewismus. Er war nämlich zugleich national und international, partikular und universal. Mit keinem von diesen beiden Polen identifizierte er sich gänzlich. Er neigte dazu, sowohl national gesinnte als auch revolutionär gesinnte Strömungen lediglich zu instrumentalisieren. Deshalb mußte er auch beinahe zwangsläufig seine Verbündeten enttäuschen, die ihm wiederholt Verrat an den hehren nationalen bzw. weltrevolutionären Zielen vorwarfen.6. Der Brežnevismus oder die trügerische Stabilität

Etwa 70 Jahre nach der Wiederherstellung des russischen Imperiums durch die Bolschewiki brach es erneut zusammen. Und dieser Zusammenbruch ruft bis heute Staunen hervor. Dies nicht zuletzt deshalb, weil es zuvor nur wenige wahrnehmbare Signale für den baldigen Zusammenbruch des Sowjetreiches gegeben hatte. Insofern unterschied sich dieser Zusammenbruch von dem Zerfall des russischen Reiches im Jahre 1917, der eine sehr lange Vorgeschichte hatte. Der Zerfall des Sowjetimperiums hingegen geschah ohne einen allzu langen Prolog. Und er ereignete sich ausgerechnet in einer Zeit, in der das kommunistische Weltreich, auch in den Augen der scharfsinnigsten Beobachter, von einigen Ausnahmen abgesehen, als endgültig saturiert, ja, im Grunde als unbesiegbar galt.

In den 1970er Jahren erreichte die UdSSR die langersehnte militärisch-strategische Parität mit den Vereinigten Staaten und die Bestätigung der Nachkriegsordnung, das heißt der Spaltung Europas durch die westlichen Demokratien. Auch in der Dritten Welt dehnte sich der kommunistische Einfluß scheinbar unaufhaltsam aus. Mitte 1975 (nach der amerikanischen Niederlage in Vietnam) bezeichnete Aleksandr Solženicyn die weltpolitische Entwicklung seit 1945 als einen dritten Weltkrieg, der nun mit einem Debakel des Westens zu Ende gegangen sei: „Noch zwei, drei Jahrzehnte einer derart glorreichen friedlichen Koexistenz, und den Begriff des Westens wird es nicht mehr geben“.[31]

Auch im Inneren des Imperiums, schien die herrschende Elite ihre Macht endgül­tig gesichert zu haben. Die in den 1960er Jahren entstandene Bürgerrechtsbewe­gung hörte Ende der 1970er Jahre praktisch auf zu existieren. Die Verbannung Andrej Sacharovs – der integrierenden Gestalt der Bewegung – nach Gor’kij (Januar 1980) hatte insofern einen symbolischen Cha­rakter.

Als der sowjetische Dissident Andrej Amal’rik 1969 die These aufstellte, die Sowjetunion werde das Jahr 1984 nicht erleben,[32] galt dies in Ost und West gleichermaßen als unseriös. 1981 schrieb der Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, Reinhard Meier, folgendes dazu: „Nach längeren Moskau-Erfahrungen [...] halte ich die Prognose von einem baldigen Kollaps der Sowjetmacht für verfehlt“.[33]

Nur das unbotmäßige Polen bereitete der Moskauer Zentrale noch einige Sor­gen. Dennoch ist es den polnischen Gene­rälen am 13. Dezember 1981 gelungen, die „Solidarność“ – die größte Massenbewe­gung in der Geschichte des Ostblocks – innerhalb von einigen Stunden zu zer­schlagen. Die damaligen polnischen Ereignisse schienen ein zusätzliches Indiz für die Unbesiegbarkeit der kommunistischen Regime erbracht zu haben. Einer der prominentesten polnischen Regimekritiker, Jerzy Turowicz, der Chefredakteur des hochangesehenen katholischen Blattes Tygodnik Powszechny, erklärte Ende 1987: „Wir haben es niemals verhehlt, daß uns der real existierende Sozialismus nicht gefällt. Wir streben aber nicht danach, ihn abzuschaffen, denn wir wissen, daß dies unmöglich ist“.[34] Und diese Meinung war im damaligen Polen – dem größten Unruheherd im gesamten Ostblock – relativ verbreitet.

Noch skeptischer als in Polen bewerteten damals ihre Erfolgsaussichten Regime­kritiker aus den anderen Ländern des Ostblocks, nicht zuletzt aus der Sowjetunion selbst: „Trinken wir auf unsere hoff­nungslose Sache“ – dieser Trinkspruch war in den sowjetischen Dissidentenkrei­sen in der Brežnev-Zeit sehr verbreitet.

Indes war die Stabilität des Brežnev-Regimes nur trügerisch. Wirtschaftlich und technologisch begann das Land erneut den Anschluß an den Westen zu verlieren. Die hyperzentralistischen Strukturen des planwirtschaftlichen Systems verstärkten die bürokratische Verkrustung und die Erstarrung des Regimes, der Innovationsgeist wurde weitgehend erstickt. All diese Phänomene führten zu einer drastischen Verlangsamung des Wirtschaftswachstums. 1966–1970 betrug das durchschnittliche jährliche Wachstum des Nationaleinkommens 7,7%, 1979–1982 nur 3,1%.[35] Die Grenzen des sogenannten „extensiven Wachstums“ – ohne Steigerung der Produktivität der Arbeit und des Kapitals – wurden nun erreicht. Um im Ost-West-Vergleich konkurrenzfähig zu bleiben, mußte die sowjetische Wirtschaft jetzt zum „intensiven Wachstum“ übergehen. Indes war das bestehende System zu einem solchen qualitativen Sprung immer weniger imstande. Es war auch immer weniger in der Lage, die Bevölkerung zu einem verstärkten Einsatz im Namen der kommunistischen Ideale zu mobilisieren, weil in der Periode der sogenannten Stagnation (so wurde die Brežnev-Zeit später definiert) kaum jemand die kommunistischen Werte ernst nahm – weder die Herrscher noch die Beherrschten. Eine radikale Veränderung des Systems schien unumgänglich, davor hatte aber die herrschende Bürokratie panische Angst. Keine vorherige Führung in Moskau hatte das Status-quo-Prinzip in einem solchen Ausmaß verkörpert, wie die Brežnev-Equipe. So verwandelte sich die Sowjetunion im Zeitalter der Elektronik und der grenzüberschreitenden Kommunikation in einen lebenden Anachronismus – in ein bürokratisches Schlaraffenland, das auf Reglementierung und Bevormundung basierte.

In der Erosion des kommunistischen Glaubens und der kommunistischen Ideologie, die in der Brežnev-Zeit zu beobachten war, sahen viele westliche Beobachter keine Gefahr für die Stabilität des kommunistischen Regimes. Im Gegenteil, einige gingen sogar davon aus, daß der Kommunismus nun infolge der Sachzwänge der Moderne immer technokratischer und pragmatischer werde und damit den modernen westlichen Industriegesellschaften immer ähnlicher. So wurde die sogenannte Konvergenztheorie geboren. Die Verfechter der Konvergenztheorie ließen jedoch außer acht, daß es sich bei den kommunistischen Regimen um Ideokratien handelte, deren Herzstück ein ausgeklügeltes ideologisches System darstellte, das ununterbrochen an die neuen Erfordernisse der Zeit angepaßt werden mußte. Deshalb mußte jeder neue Parteichef sich nicht nur als Machttechniker, sondern auch als Theoretiker bewähren, als Interpret letzter Instanz der Werke der Klassiker des Marxismus-Leninismus.

Auch die Brežnev-Führung war nicht untätig im interpretatorischen Bereich und wartete mit der Theorie von der „entwickelten sowjetischen Gesellschaft“ auf. Die Präambel zur Verfassung der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken vom Jahre 1977 führte aus: In der UdSSR wurde die entwickelte sozialistische Gesellschaft aufgebaut [...] Das ist eine Gesellschaft, in der [...] der Wohlstand des Volkes ständig wächst und sich immer günstigere Bedingungen für die allseitige Entwicklung der Persönlichkeit herausbilden. Das ist eine Gesellschaft reifer sozialistischer gesellschaftlicher Beziehungen, in der auf der Grundlage der Annäherung aller Klassen und sozialen Schichten, der juristischen und tatsächlichen Gleichheit aller Nationen und Völkerschaften [...] eine neue historische Gemeinschaft von Menschen – das Sowjetvolk – entstanden ist. [...] Das ist eine Gesellschaft wahrer Demokratie. [...] Die entwickelte sozialistische Gesellschaft ist eine gesetzmäßige Etappe auf dem Wege zum Kommunismus.[36]In der Brežnevschen Verfassung wurde auch die führende Rolle der Partei an einer prominenten Stelle – im Artikel 6 – fest verankert: „Die führende und lenkende Kraft der sowjetischen Gesellschaft, der Kern ihres politischen Systems, der staatlichen Organe und gesellschaftlichen Organisationen ist die kommunistische Partei der Sowjetunion.“[37]

In der Stalinschen Verfassung von 1936 war von dieser Rolle erst im Artikel 126 en passant die Rede, und zwar im Zusammenhang mit dem Recht der Sowjetbürger, sich zu gesellschaftlichen Organisationen zusammenzuschließen. Am Schluß des Artikels wird vermerkt: „Die aktivsten und zielbewußtesten Bürger aus den Reihen der Arbeiterklasse und anderer Schichten der Werktätigen [...] vereinigen sich in der Kommunistischen Partei der Sowjet­union (der Bolschewiki), die [...] den führenden Kern aller Organisationen der Werktätigen [...] darstellt.“[38]

7. Die Generation der „Sechziger“ als Motor der Gorbačevschen Perestrojka

Ungeachtet der Tatsache, daß die Brežnev-Riege die führende Rolle der KPdSU verfassungsmäßig viel stärker verankerte, als dies früher der Fall gewesen war, täuschte sie den Glauben an die kommunistische „lichte Zukunft“ nur vor. Kommunistische Eiferer wurden von ihr eher als Störenfriede empfunden. Ganz anders verhielt es sich mit der Generation des 20. und 22. Parteitages (1956, 1961) – den sogenannten „Sechzigern“. Sie war idealistisch gesinnt und glaubte an die Reformierbarkeit des „real existierenden Sozialismus“.

Im Zuge der Brežnevschen Restaura­tion nach der Entmachtung von Chruščev wurde sie kaltgestellt. Der Publizist Fedor Burlackij, der selbst zu dieser Gruppe gehörte, schrieb über ihr Schicksal nach dem Sturz Chruščevs: „Männer des 20. Parteitages oder einfach kühne Erneuerer wurden nicht mehr wie in den 30er Jahren erschossen [...] sie wurden stillschweigend versetzt, [...] unterdrückt. Überall triumphierte das Mit­telmaß.“[39]

Im Frühjahr 1985, nach der Ernennung Michail Gorbačevs zum neuen Generalsekretär der Partei, erhielt die einst entmachtete Gruppe der „Sechziger“ eine neue Chance. Ihre ideologischen und politischen Vorstellungen haben die erste Phase der Pere­strojka geprägt. Die Leichtigkeit, mit der es der regierenden Bürokratie nach dem Sturz Chruščevs gelungen war, den Erneuerungsprozeß abzuwürgen und das verlorene Terrain wiederzugewinnen, bildete für die „Männer des 20. Parteita­ges“ ein Trauma. Sie sahen darin die verspätete Rache Stalins und führten den Sieg der Nomenklatura vor allem darauf zurück, daß Chruščev es nicht gewagt hatte, die in den 30er Jahren entstandenen stalinistischen Strukturen gründlich zu erschüt­tern. Sie sehnten sich nach der leninistischen Vergangenheit, nach der Frühzeit des Bolschewismus, in der die Partei noch kein willfähriges Organ in den Händen der despotischen Führung, sondern eine offen und polemisch diskutierende Gemeinschaft der Gleichgesinnten war. Und auch Gorbačev, der sich bei seinen Auftritten eher einer nüchternen Sprache bediente, verfiel bei der Erwähnung Lenins in der Regel in einen schwärmerischen Ton: „Die Hinwendung zu Lenin [...] hat eine äußerst stimu­lierende Rolle bei der Suche nach Erklärungen und Antworten auf die anfallenden Fragen gespielt“, sagte er z.B. im November 1987.[40]

Lenin, vor allem in seinen letzten Jahren (nach 1921), symbolisierte für die „Män­ner des 20. Parteitages“ die innerparteiliche Demokratie, den Kampf gegen die büro­kratischen Auswüchse – all das, was der von Stalin entwickelte bürokratische Apparat später abwürgte. Die Befreiung der Gesellschaft von der erstickenden Umarmung die­ses Apparats galt den Reformern als eine der wichtigsten Aufgaben der Perestrojka.[41] Wie ließ sich aber dieses Vorhaben in einem Einparteiensystem, das keine Opposition duldet, verwirklichen? Denn die Abschaffung des Artikels 6 der Verfassung, der die führende Rolle der Partei garantierte, kam für Gorbačev in den ersten Jahren der Perestrojka (bis Ende 1989) nicht in Frage. Mit dieser Frage befaßte sich der Historiker Leonid Batkin Mitte 1988 im Sammelband Es gibt keine Alternative zu Perestrojka, den man als eine Art Manifest der „Sechziger“ bezeichnen kann. Mit seinen Ausführungen knüpfte Batkin, ohne es ausdrücklich zu erwähnen, an die westliche Totalitarismus-Theorie an. Das Wort „Partei“, so Batkin, stamme vom lateinischen „pars“ – Teil. In der Sowjetunion hingegen sei dieser „Teil“ zu einem allumfassenden Ganzen geworden. Die Partei habe alle politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebensbereiche absorbiert. Deshalb hält Batkin die These von der KPdSU als der führenden Kraft in der sowjetischen Gesellschaft für völlig abwegig. Der Geführte müsse über irgendwelche eigenständigen Strukturen verfügen, um auf Impulse der Führung reagieren zu können. Eine amorphe, völlig atomisierte Gesellschaft hingegen lasse sich nicht als relevanter Partner des regierenden Apparats bezeichnen. Der „Dialog“ zwischen Partei und Gesellschaft nehme hier deshalb zwangsläufig einen fassadenhaften, manipulatorischen Charakter an. Zwar wird die Einparteien­herr­schaft von Batkin nicht in Frage gestellt, er will sie aber durch die Schaffung von nichtoffiziellen, „parallelen“ Strukturen im kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereich auflockern.[42]

Diese Konzeption erinnerte an die Ende der 1970er Jahre in den Kreisen der tschechoslowakischen „Charta 77“ entstandene Theorie von einer „parallelen Polis“. Ihr Autor, Václav Benda, plädierte damals ebenfalls für die Entwicklung von unabhängigen Verlagen, Bildungsstätten und anderen nichtoffiziellen Einrichtungen, die parallel zu den offiziellen Institutionen agieren sollten. Die reformfeindliche Prager Führung der 70er und 80er Jahre beantwortete diese Initiativen mit verstärkten Repressalien. Aber auch die sowjetische Nomenklatura reagierte auf die Auflockerung der bürokratischen Kontrollmechanismen, trotz Perestrojka, sehr gereizt. Die Reformer führten derartige Widerstände auf das immer noch lebendige Stalinsche Erbe zurück. „Stalin ist erst gestern gestorben“, schrieb der Moskauer Historiker Michail Gefter Mitte 1988 ebenfalls im Sam­melband Es gibt keine Alternative zu Perestrojka.[43]

Aber nicht nur der bürokratische Apparat stand nach Ansicht der Reformer der Perestrojka im Wege. Manche Stalinschen Verhaltens- und Denkmuster seien nicht nur von Vertretern der Machtelite, sondern auch von breiten Bevölkerungsschichten verinnerlicht worden. Einige Autoren sprachen in diesem Zusammenhang vom vulgä­ren bzw. naiven Stalinismus. Er äußere sich z.B., so die Literaturkritikerin Natal’ja Ivanova im Frühjahr 1988, in empörten Briefen, die nach der jeweiligen anti­stalini­stischen Publikation die Zeitschriftenredaktionen überfluteten.[44] Der Publizist Len Karpinskij führte Mitte 1988 das Phänomen des „Volksstalinismus“ auf folgende Ursa­chen zurück: Dazu gehört die aufrichtige Identifizierung Stalins mit den Idealen des Sozialismus [...], die Nostalgie nach der eigenen kämpferischen Jugend [... und auch] das Bedürfnis nach Schutz, nach einer väterlich übergeordneten Kraft, die das Laster bestraft, die Tugend belohnt und alles auf den rechten Platz rückt.[45]

Nach Ansicht der Reformer gebe es ein Mittel, das sich besonders gut eigne, die Stalin-Mythologie zu bekämpfen, nämlich die Wahrheit über die damaligen Verbre­chen, und zwar die ganze Wahrheit und nicht eine vorsichtig dosierte: „Die Wahrheit über die Realität ist genauso unteilbar wie die Realität selbst“, schreibt der Literatur­kritiker Igor’ Vinogradov. Und weiter heißt es bei ihm: „Eine portionierte Wahrheit, die in Etappen ans Licht gebracht wird, ist bestenfalls eine halbe Wahrheit. [...] d.h. eine Wahrheit verbunden mit Lügen [...] Eine mit Lügen gewürzte Wahrheit aber [...] das ist, entschuldigen Sie, alles andere als Wahrheit“.[46]

Mit ihrem Wahrheitspostulat gerieten allerdings diejenigen Verfechter der Pere­strojka, die den Stalinismus mit Hilfe der Leninschen Ideen bekämpfen wollten, in ein großes Dilemma. Denn der Wahrheitsrausch, in dem sich das

Land nun befand, begann auch mächtig am Lenin-Denkmal zu rütteln. Es stellte sich allmählich heraus, daß eine pluralistische und offene Gesellschaft mit Leninschen Prinzipien kaum zu vereinbaren war, denn die Mißachtung der elementarsten demokratischen Spielregeln gehörte zum Wesen des Leninschen Systems. So hatte z.B. der Gründer des Bolschewismus bekanntlich absolut keine Bedenken, die demokratisch gewählte Verfassunggebende Versammlung mit ihrer nichtbolschewistischen Mehrheit im Januar 1918 gewaltsam auseinanderzujagen.[47] Offen verhöhnte er die sogenannte „formale“ Legalität und die Grundprinzipien der „bür­gerlichen“ Demokratie. Das Rätesystem, das die Grundlage des am 7. November 1917 errichteten Staates bilde, verkörpere eine höhere Entwicklungsstufe der Demokratie, behauptete Lenin.[48] Wie verhielt es sich aber mit dem Verhältnis Lenins zu der von ihm so gepriesenen Räte- bzw. Sowjetdemokratie?

Der ehemalige deutsche Kommunist Arthur Rosenberg schrieb Anfang der 1930er Jahre folgendes hierzu: Lenin habe sich der Räte bloß bedient, um den alten Staatsapparat zu zerschlagen. Auf dessen Trümmern habe er dann eine Diktatur der „kleinen disziplinierten Minderheit der Berufsrevolutionäre über die große und wirre Masse“ errichtet. Aber noch bedenklicher als das diktatorische Vorgehen Lenins und der Bolschewiki ist in den Augen Rosenbergs ihr pseudodemokratisches Gehabe, z.B. die Tatsache, daß sie das Rätesystem nach dessen weitgehender Aushöhlung bloß als Dekorum, als Deckmantel für ihre unbeschränkte Diktatur beibehalten hätten. Auf diese Weise sei der Rätegedanke, so Rosenberg, der in Wirklichkeit die radikalste Demokratie verkörpere, die man sich denken könne, vollkommen diskreditiert wor­den.[49] So hatte sich, wie Rosenberg mit Recht sagt, bereits 1918 und keineswegs erst unter Stalin, wie dies Gorbačev immer wieder betonte, eine unüberbrückbare Kluft zwischen dem Bolschewismus und den 1917 entstandenen basisdemokratischen Einrichtungen aufgetan. Die Rückkehr zu Lenin wäre hier also kaum mit dem erhofften emanzipatorischen Effekt verbunden.

Auch die Fähigkeit Lenins zur Selbstkritik, die die Verfechter der Perestrojka immer wieder hervorhoben, sollte nicht überbewertet werden. Zwar war Lenin in der Tat, im Gegensatz zu Stalin, gelegentlich bereit, die Fehler der Partei wie auch seine eigenen einzugestehen. Er war aber gleichzeitig davon überzeugt, daß nur die Partei allein das Recht habe, die von ihr begangenen Fehler zu korrigieren. Appelle an die Bevölkerung, sie solle auf die reformunwillige Parteibürokratie Druck ausüben, wären bei Lenin undenkbar gewesen. Den von ihm oft beklagten Bürokratismus der Partei versuchte Lenin lediglich mit bürokratischen Mitteln zu bekämpfen, also durch die Schaffung zusätzlicher Kontrollinstanzen.

Deshalb hatte der im Grunde revolutionäre Entschluß Gorbačevs im zweiten Jahr der Perestrojka, direkt an die Öffentlichkeit zu appellieren, mit Lenin wenig gemeinsam. Im Juni 1986 erklärte der Generalsekretär: „Zwischen dem Volk, das nach Veränderungen strebt, das davon träumt, und der Staatsführung befindet sich eine Schicht der Verwaltung, [...] die keine Umgestaltungen will.“[50]

In einem System, das bis dahin auf der lückenlosen Staatskontrolle und der Bevormundung der Bürger basierte, wollte Gorba­čev nun auf einen neuen Menschentypus setzten. Dies sollten keine Befehlsempfänger, sondern „einfallsreiche, klar denkende und dynamische Persönlichkeiten sein [...], die imstande sind, eine Situation selbstkritisch einzuschätzen, sich vom Formalismus und vom dogmatischen Verhalten bei der Arbeit zu lösen“.[51]

Die Appelle der Gorbačev-Equipe an die Bevölkerung, sich stärker für gesellschaftliche und politische Belange zu engagieren, blieben nicht ungehört. Im ganzen Land begannen sich nun lawinenartig sogenannte informelle Vereinigungen zu bilden – Diskussionsklubs, ökologische Gruppen, Friedensinitiativen unterschiedlichster Art usw. Ihre Zahl betrug Anfang 1988 bereits etwa 30.000. Die Presse setzte sich immer kühner mit der stalinistischen und mit der Brežnevschen Vergangenheit, aber auch mit vielen Mißständen der Gegenwart auseinander.

Unzählige Werke der bis dahin vom Regime verbotenen Autoren, nicht zuletzt viele Schriften russischer Emigranten, durften nun veröffentlicht werden. Die Tatsache, daß diese Autoren aus der Sicht der Dogmatiker „Klassenfeinde“ waren, spielte nun immer weniger eine Rolle. Das von Gorbačev postulierte „Neue Denken“ begann sich von der Klassenkampflehre abzuwenden und den allgemein menschlichen Werten eine immer größere Bedeutung beizumessen. Ähnliches hatte seinerzeit auch die in den 1960er Jahren entstandene sowjetische Bürgerrechtsbewegung getan. So läßt sich die Perestrojka in gewisser Hinsicht als ein nachträglicher Sieg der Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre scheinbar bezwungenen Dissidenten bezeichnen. Symbolisch war in dieser Hinsicht das Telefongespräch Gorbačevs mit Andrej Sacharov vom Dezember 1986, in dem der Generalsekretär das Ende der Verbannung der wohl populärsten Figur in der sowjetischen Bürgerrechtsbewegung ankündigte. Etwa 300 politische Häftlinge wurden freigelassen.[52]

Auch die Kommunistische Partei wurde nun vom neuen Geist der Umgestaltung und der Transparenz erfaßt. Die 19. Parteikonferenz vom Juni 1988 wurde zur ersten repräsentativen Parteiversammlung seit dem Ausgang der 1920er Jahre, auf der Verfechter unterschiedlicher Standpunkte öffentlich und kontrovers miteinander diskutierten. Es fanden hier einige spektakuläre Aus­ein­andersetzungen statt, so vor allem zwischen dem wohl radikalsten Verfechter der Reform in der Moskauer Führung Boris El’cin und seinem dogmatischen Widersacher Egor Ligačev.[53] Während viele Dogmatiker in der Parteiführung sich über einen zu schnellen und zu radikalen Reformkurs beklagten, war dieser für El’cin, der seit Anfang 1986 das Moskauer Parteikomitee leitete, nicht radikal genug. Auf dem ZK-Plenum vom Oktober 1987, das die Feierl­ich­-keiten zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution vorbereitete, lehnte sich El’cin offen gegen die Parteielite auf und kritisierte den aus seiner Sicht zu zaghaften Verlauf der Reformen.[54] Für diesen Aufstand mußte er 1987/88 mit dem Verlust fast aller seiner Partei- und Regierungsämter bezahlen und wurde vom höchsten Parteigremium zur Unperson erklärt. Früher waren solche Urteile endgültig, zur Zeit der Perestrojka aber nicht mehr. Nun entschied über das Geschick des Landes und auch über das Schicksal einzelner Politiker nicht mehr nur das Kräfteverhältnis innerhalb der höchsten Parteigremien, sondern auch das innerhalb der Gesellschaft. Dieser Sachverhalt spiegelte sich bei den Wahlen zum „Kongreß der Volksdeputierten“ vom Frühjahr 1989 wider, bei dem El’cin im Moskauer Wahlbezirk 89% der Stimmen erhielt. So hatten die Moskauer Wähler das Urteil des früher so allmächtigen Politbüros revidiert und El’cin ein erstaunliches Comeback auf der politischen Bühne ermöglicht.[55]

Der Kongreß der Volksdeputierten sollte den sogenannten sowjetischen Parlamentarismus, den die bolschewistische Partei bereits 1918 weitgehend erstickt hatte, wiederbeleben. In seiner Rede auf der 19. Parteikonferenz im Juni 1988 sprach Gorba­čev von der Notwendigkeit, die ursprüngliche Macht der Sowjets zu restaurieren. Der Kongreß der Volksdeputierten bestand nun aus 2.250 Abgeordneten, 1.500 wurden gewählt und 750 von verschiedenen „gesellschaftlichen“ Organisationen – KPdSU, Kommunistischer Jugendverband, Gewerkschaften usw. – entsandt. Der Kongreß der Volksdeputierten wählte aus seinen Reihen das höchste gesetzgebende Organ – den Obersten Sowjet (542 Parlamentarier), der sich aus zwei Kammern zusammensetzte (Unionssowjet und Nationali­täten­sowjet).[56]

Da Gorbačev zum damaligen Zeitpunkt auf die führende Rolle der Partei, die im Artikel 6 der Verfassung verankert war, nicht verzichten wollte – dies ungeachtet wiederholter Aufforderungen sowjetischer Regimekritiker, in erster Linie Andrej Sacharows –, sollten auch die reformierten Sowjets von der KPdSU dominiert werden, und zwar sowohl auf zentraler als auch auf regionaler Ebene. Gorba­čev hoffte allerdings, daß die erneuerten Sowjetstrukturen, die aus den allgemeinen Wahlen hervorgingen, der Parteiherrschaft eine zusätzliche Legitimität verschaffen würden. Abgesehen davon wollte er mit Hilfe der erneuerten Sowjets auf die reformfeindlichen Teile des Parteiapparats Druck ausüben. Gorbačev vereinigte in seiner Hand sowohl die Leitung der Partei als auch die des Sowjetapparats – auf dem ersten Kongreß der Volksdeputierten Ende Mai 1989 wurde er zum Vorsitzenden des Obersten Sowjets gewählt.[57]

Die Verfechter der alten Ordnung sahen sehr früh ein, sicher früher als Gorbačev, welch katastrophale Folgen für das Regime die Auflockerung der bestehenden Machtstrukturen, das Abrücken vom kommunistischen Unfehlbarkeitsdogma oder die Förderung der gesellschaftlichen Eigeninitiative haben könnten. Die sowjetischen Medien gäben nur den angriffslustigen Zerstörern die Möglichkeit sich zu äußern, beklagte sich im März 1988 der konservativ gesinnte Schriftsteller Jurij Bondarev. Wenn man diesen Kräften keine neue Niederlage à la Stalingrad bereiten würde, würden sie das Land in den Abgrund stürzen.[58] Auch in der Parteielite wurde immer häufiger die Meinung

 vertreten, das Reformkonzept Gorbačevs sei völlig verfehlt. Der sowjetische Botschafter in Warschau, Vladimir Brovikov, führte 1989 auf einem ZK-Plenum aus: Aus einer hochgeachteten Weltmacht habe sich die Sowjetunion nun in ein Gespött der Völker verwandelt, für den schadenfrohen Westen sei sie bereits ein Koloß auf tönernen Füßen.

Als erfahrener Parteiapparatschik beherrschte Gorbačev virtuos die Spielregeln des innerparteilichen Kampfes. Es gelang ihm, viele seiner innerparteilichen Kritiker zu entmachten. Bis August 1987 wurden 6 von 14 Parteichefs in den Unionsrepubliken, 75 von 150 Parteichefs in den einzelnen großen Regionen ersetzt. Auch in den Jahren 1988/89 fanden unzählige Umbesetzungen statt.[59] Dennoch ist es Gorbačev trotz all dieser Aktionen nicht gelungen, den immer stärkeren Widerstand des Apparats gegen die Reformen zu brechen.

Nach den Wahlen zum Kongreß der Volksdeputierten im Frühjahr 1989, die zum ersten Mal seit der Errichtung des „stalinistischen Kommandosystems“ keinen rein akklama­torischen Charakter hatten, geriet die allmächtige Parteibürokratie in Panik. Bis dahin hingen die berufliche Karriere und das politische Wohlergehen der Parteifunktionäre beinahe ausschließlich vom Willen ihrer jeweiligen Vorgesetzten ab. Nun kam aber ein neuer Unsicherheitsfaktor hinzu – das Verhalten der Wähler. Das politische Handeln der Parteifunktionäre hatte sich bisher im Reglementieren und Verordnen erschöpft, nun mußten sie auch überzeugen. Dies fiel vielen von ihnen außerordentlich schwer. Ihre Wahlniederlagen im Frühjahr 1989 haben dies deutlich gezeigt.[60]

Auf einer Sitzung des Politbüros vom 28. März 1989, auf der die Wahlergebnisse analysiert wurden, führte Egor Ligačev aus: Die Perestrojka hat in der Gesellschaft widersprüchliche Reaktionen ausgelöst, woraus sich erklärt, daß man gegen Partei-, Wirtschafts- und Militärfunktionäre gestimmt hat. Der Hauptgrund dafür liegt meines Erachtens vornehmlich in der Haltung der Medien: Den Menschen ist förmlich eingehämmert worden, daß man gegen die Partei vorgehen müsse; das ist sehr gefährlich. Auch in Ungarn und 1968 in der Tschechoslowakei hat alles mit den Medien angefangen.[61]Aleksandr Jakovlev, der zu den glühendsten Verfechtern der Perestrojka zählte, widersprach Ligačev: „Von einer Niederlage kann überhaupt keine Rede sein. 84% der Wähler sind zu den Urnen gegangen, und 85% der Gewählten sind Kommunisten. Das ist ein Referendum für die Perestrojka.“[62] Die verunsicherte sowjetische Machtelite wurde indes durch solche Argumente kaum beruhigt.

Noch stärker als durch die Wahlen wurden die bestehenden Macht­strukturen durch die zweiwöchigen Debatten des Kongresses der Volksdeputierten (Mai/Juni 1989) erschüttert. Millionen, die wie gebannt den Verlauf der Debatten vor den Fernsehschirmen verfolgten, erfuhren über den tatsächlichen Zustand ihres Staates und über die Mängel des bestehenden Systems so viel, daß es wohl nicht mehr möglich war, das Land wie bisher zu regieren.

Der Massenterror war für das Bestehen des bolschewistischen Regimes, zumindest in seinem reiferen Stadium, nicht unbedingt erforderlich. Hier haben sich manche Klassiker der Totalitarismustheorie geirrt. Auch die totale Kontrolle über die Produktionsmittel stellte keine unerläßliche Voraussetzung für das Überdauern des Systems dar. Das Vorhandensein eines starken wirtschaftlichen Privatsektors in der Periode der Neuen Ökonomischen Politik in den 1920er Jahren hat die Alleinherrschaft der Bolschewiki in keiner Weise gefährdet. Was dieses System aber nicht verkraften konnte, das war die Wahrheit über sich selbst. 8. Die Abkehr vom Leninismus

Die Lenin-Euphorie ließ in der Publizistik der Perestrojka allmählich nach. Immer häufiger wurde das von Lenin während des russischen Bürgerkrieges geschaffene System des Kriegskommunismus (1918–1921) als der unmittelbare Vorläufer des Stalinschen Kommandosystems angesehen. Der Wirtschaftswissenschaftler Vasilij Seljunin schrieb z.B. im Mai 1988: „Die Tatsachen weisen unmißverständlich darauf hin, daß die Liquidierung des Kulakentums in der Periode des Kriegskommunismus und nicht Anfang der 30er Jahre (während der stalinistischen Kollektivierung) stattgefun­den hat.“ An einer anderen Stelle charakterisiert Seljunin den Kriegskommunismus als eine Periode der sich uferlos ausdehnenden Gewalt: „Ursprünglich war sie gegen die Gegner der Revolution gerichtet, dann gegen die potentiellen Gegner (der rote Terror), und schließlich wurde sie für die Lösung rein wirtschaftlicher Aufgaben ange­wandt.“ [63]

Noch schärfer setzte sich Ende 1988 der Philosoph Aleksandr Cypko mit Lenin, aber auch mit Marx auseinander. Stalin galt für Cypko keineswegs als Verfälscher der sogenannten „Klassiker“, sondern eher als Vollstrecker ihres Vermächtnisses.[64]

Solche Thesen haben die orthodoxen Kräfte in der Partei außerordentlich verunsi­chert. Ihre Reaktionen stellten eine Mischung aus Empörung und Panik dar. „Die antileninistischen Ideen finden in der letzten Zeit eine große Verbreitung in unserer Partei und in unserem Land“, beklagte sich Anfang 1990 der Leiter des ZK-Instituts für Marxismus-Leninismus, G. Smirnov: „Alle Katastrophen, die das Land erlebt hat“, so Smirnov weiter, „werden auf die Hypertrophie des Klassenkampfes und auf den utopischen Charakter der sozialistischen Bestrebungen von Marx und Lenin zurückgeführt“.[65]

Der Vorsitzende des sowjetischen Rundfunk- und Fernsehkomitees, Michail Nenašev, bezeichnete im Februar 1990 die Person und das Gedankengut Lenins als die letzte Verteidigungsbastion der KPdSU. Deshalb hielt er „die ideologische Passivität und Hilflosigkeit“, mit denen die Partei auf die Kritik am Leninismus reagierte, für äußerst beunruhigend.[66]

Die Verteidiger Lenins befanden sich nun unter permanentem Rechtfertigungs­druck. Sie versuchten, dem Parteigründer ein neues Image zu verleihen. Jahrzehn­telang hat die sowjetische Historiographie das taktische Geschick, mit dem Lenin 1917 die Schwächen des noch nicht gefestigten liberalen Systems in Rußland aus­nutzte, um es zu beseitigen, als Zeichen politischer Genialität bewertet. Lenins Kompromißlosigkeit gegenüber den Gegnern der Bolschewiki im revolutionären Lager (Menschewiki und Sozialrevolutionäre) wurde bewundert. Nun wurden aber andere Züge im Leninschen Charakter entdeckt, z.B. seine Offenheit gegenüber den nicht-bolschewistischen Standpunkten. Bei seinem Treffen mit den litauischen Kommuni­sten im Januar 1990 sagte Gorbačev: Ich sehe keinerlei Tragödie in einem Mehrpar­teiensystem [...] Nach der Revolution hatten wir eine Regierung, die [...] wie mir scheint, mindestens drei Parteien bildeten [in Wirklichkeit waren es zwei Parteien – Bolschewiki und linke Sozial-Revolu­tionäre – L. L.], so daß ich denke, daß dies weder für die Bolschewiki noch für Lenin eine (prinzipielle) Frage war.[67]Ein Weiterbestehen dieses Bündnisses hätte vielleicht den Bürgerkrieg mit allen sei­nen Schärfen verhindern können, meinte der Historiker Genrich Ioffe.[68]

Damit verkannte Ioffe allerdings das Wesen der bolschewistischen Partei als einer „Partei neuen Typs“, wie die Bolschewiki sie selbst stolz definierten. Das Streben nach der Alleinherrschaft gehörte zu den wichtigsten Antriebskräften der Bolsche­wiki; denn nur als Alleinherrscher konnten sie die politische und soziale Realität des von ihnen regierten Landes an ihre Doktrin anpassen. Sie fühlten sich im Besitz der historischen Wahrheit und duldeten keine Kompromisse mit den Kräften, die diesen Anspruch in Frage stellten.

                 „[Das bolschewistische Erbe] hinterläßt uns kein Parteimodell, das wir heute benö­tigen“, schrieb einer der Verfechter der Perestrojka, der Philosoph A. Butenko, im Februar 1990 in der Pravda. Bei der Leninschen Partei habe es sich lediglich um ein Instrument für den Kampf um die politische Macht gehandelt. Andere Aufgaben habe sie nicht zu lösen vermocht. Der KPdSU fehle gänzlich die Erfahrung einer demokratischen Kon­kurrenz mit den anderen politischen Kräften.[69]

Noch schärfer setzte sich der Historiker Jurij Afanas’ev mit Lenin auseinander. Im März 1990 sagte er: „Unsere gesamte Geschichte besteht aus Gewalt und Gewaltanwendung. Wenn unser Führer und Gründer tatsächlich Grundlagen gelegt hat, dann [war dies] die Einfüh­rung der staatlichen Politik der massiven Gewalt und des massiven Terrors als Prin­zip“.[70]

Etwa zur gleichen Zeit rang sich Gorbačev dazu durch, den Artikel 6 der Verfassung, der die führende Rolle der Partei garantierte, in seiner ursprünglichen Form zu streichen. Dies geschah zunächst auf dem ZK-Plenum vom Februar 1990 und dann endgültig auf dem 3. Kongreß der Volksdeputierten im März 1990.[71]

Die allgemeine Diskreditierung und Aushöhlung der Parteiherrschaft ging mit einer scheinbar immer größer werdenden Zusammenballung der Macht in den Händen Gorbačevs einher. Im März 1990 wurde in der Sowjetunion ein Präsidialsystem eingeführt, Gorbačev wurde vom Kongreß der Volksdeputierten – nicht direkt vom Volk – zum ersten Präsidenten der Sowjetunion gewählt. Nur 59% der Delegierten stimmten für ihn.[72] Die Zeiten, in denen die gleichgeschalteten Sowjetgremien die Entscheidungen der Parteiführung per Akklamation bewilligten, waren vorbei. Dessenungeachtet schien damals Gorbačev, der das höchste Partei- und das höchste Staatsamt im zweitstärksten Land der Welt vereinigte, über eine beispiellose Macht zu verfügen. Diese Macht wurde aber immer brüchiger, denn allmählich begannen sich nicht nur die Dogmatiker, sondern auch die konsequenten Reformer von Gorbačev abzuwenden. Auf dem XXVIII. Parteitag der KPdSU im Juli 1990 trat El’cin demonstrativ aus der Partei aus, viele Reformer schlossen sich ihm an.[73] Die dogmatischen Kräfte in der Partei begannen sich ihrerseits auch immer stärker zu konsolidieren, und zwar vor allem um die im Juni 1990 gegründete bzw. neugegründete Russische Kommunistische Partei.[74] Der erste Vorsitzende der russischen KP, Ivan Polozkov, hielt es für einen unverzeihlichen Fehler Gorbačevs, daß er die Klassenkampflehre als anachronistisch abtat: „Durch die Vertuschung der Klassenkampfgegensätze haben wir die Partei ihres wichtigsten methodologischen Instrumentariums beraubt. Wir haben politisch die breiten Massen der Kommunisten entwaffnet.“

Um Gorbačev bildete sich nun eine immer größere Leere. Dies insbesondere, nachdem er seine engsten Gefährten in der Parteiführung, die den Reformkurs geradezu symbolisierten – den Außenminister Eduard Ševardnadze und den Parteitheoretiker Aleksandr Jakovlev – fallengelassen hatte. Auf dem 6. Kongreß der Volksdeputierten im Dezember 1990 trat Ševardnadze demonstrativ zurück und warnte das Land vor einer Revanche der Dogmatiker, vor einer sich anbahnenden Diktatur.[75] Am 16. April 1991 sprach auch Aleksandr Jakovlev in einem an Gorbačev gerichteten Brief von einem geplanten Staatsstreich: „Es soll eine Art neofaschistisches Regime errichtet werden. Die Ideen des Jahres 1985 wird man zertreten, Sie und ihre Gefährten ächten. Die Folgen dieser Tragödie lassen sich kaum beschreiben.“[76]

Gorbačev versuchte nicht nur im politischen, sondern auch im wirtschaftlichen Bereich eine „zentristische“ Position zu bewahren. Auch hier blieb er der sogenannten „sozialistischen Wahl“ treu und war nicht bereit, auf planwirtschaftliche Mechanismen gänzlich zu verzichten. So sicherte das Unter­nehmen­gesetz, das am 1. Januar 1988 in Kraft trat, den Staatsbetrieben mehr Eigenständigkeit, das Genossenschaftsgesetz vom Mai 1988 erleichterte die Gründung von Kooperativen, die Ende 1990 bereits mehr als sechs Millionen Menschen beschäftigten (etwa 4% der Erwerbstätigen). Trotz dieser Duldung von Ansätzen marktwirtschaftlicher Mechanismen lehnte Gorbačev einen radikalen Schritt in Richtung Marktwirtschaft, wie ihn die Wirtschaftswissenschaftler S. Šatalin und G. Javlinskij in ihrem 500-Tage-Plan vorgeschlagen hatten, ab.[77] Auch wirtschaftlich befand sich also die Sowjetunion in einem Schwebezustand zwischen „gestern und morgen“. Die planwirtschaftlichen Mechanismen hörten allmählich auf zu funktionieren, die marktwirtschaftlichen setzten sich noch nicht durch. So sank das Nationaleinkommen in den ersten sechs Monaten des Jahres 1991 im Vergleich zum Vorjahr um 11% und die Industrieproduktion um 5,8%.[78] Die Versorgungsengpässe nahmen dramatische Formen an. Sie führten immer wieder zu Massenstreiks, die das Regime zusätzlich destabilisierten. Den Streikenden gelang es auf der anderen Seite, das Regime zu einer Reihe von Zugeständnissen zu bewegen, was zu einem erhöhten Selbstbewußtsein der bis dahin im Grunde rechtlosen Industriearbeiter – und dies in einem „proletarischen Staat“! – führte. Besonders erfolgreich waren in diesem Zusammenhang die Streiks der Bergarbeiter in der Kuzbas-Region in Westsibirien (Sommer 1989 und Frühjahr 1991).[79]

 Als Gorbačev während der Perestrojka verkündete: „Wir brauchen die Demokratie wie die Luft zum atmen“, läutete er damit im Grunde das Ende des Bolschewismus ein. Denn das demokratische Prinzip, das die Bolschewiki aus ihren Staatsstrukturen im Januar 1918 – nach der Zerschlagung der Verfassunggebenden Versammlung – verbannt hatten, mußte zwangsläufig das auf lückenlose Kontrolle programmierte kommunistische System aus den Angeln heben.[80]

So grenzt es beinahe an ein Wunder, daß die ans Herrschen gewohnte Parteibürokratie die Etablierung der ersten Ansätze für eine zivile Gesellschaft im Lande, wenn auch unter heftigen Protesten, zunächst zuließ. Das in sich geschlossene kommunistische Staatsgebäude erhielt einen Riß, der im Laufe der Zeit immer tiefer wurde. Beide Strukturen – das bereits angeschlagene Kommandosystem und die noch äußerst schwachen demokratischen Einrichtungen – speisten sich aus völlig unterschiedlichen legitimatorischen Quellen und konnten daher nicht miteinander kooperieren, denn jedes der Systeme verneinte das andere. Sie brauchten einen Vermittler, und dies war Michail Gorbačev, der sowohl die Eigenschaften eines Reformers als auch die eines Apparatschiks in sich vereinte. Eine Zeitlang fungierte er als eine Art Brücke zwischen den beiden Kontrahenten. So wies das von ihm errichtete System in der ersten Phase der Perestrojka durchaus Ähnlichkeiten mit dem Bonapartismus-Modell auf, wie es von Karl Marx in seiner Schrift Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte beschrieben worden war. Auch Louis Bonapartes Aufstieg war nicht zuletzt dadurch bedingt, daß er zwischen Kräften vermittelte, die sich gegenseitig neutralisierten, nämlich zwischen dem Dritten und dem Vierten Stand (Proletariat).

Indes strebt jede Gesellschaft, die ihren Selbsterhaltungstrieb nicht gänzlich eingebüßt hat, danach, den Zustand der Doppelherrschaft – wie er sich auch im Zuge der Perestrojka ergeben hatte – so schnell wie möglich zu beseitigen, denn der legitimatorische Wirrwarr macht nicht nur wirksame Reformen unmöglich, sondern auch das Funktionieren des Staatsmechanismus als solchen. So steuerte die Entwicklung in der UdSSR unvermeidlich auf eine Konfrontation zu. Gorbačevs Stellung büßte ihre bonapartistischen Züge ein. Aus einem Schiedsrichter verwandelte er sich in einen Puffer zwischen den beiden Konfliktparteien. Dabei waren die Demokraten am Fortbestand dieses Puffers weit stärker interessiert als die Dogmatiker, denn sie fühlten sich ihren Gegnern hoffnungslos unterlegen. Die russischen Reformer hatten sich an ihr Image der ewigen Verlierer gewöhnt.

Nicht anders verhielt es sich mit den Demokraten, als die Reformgegner Anfang 1991 zu einem Gegenschlag ausholten. Die Chancen für das restaurative Vorhaben der Gegner der Perestrojka schienen damals in der Tat sehr günstig. Den USA und ihren Verbündeten waren die Hände durch den Golfkrieg gebunden. So konnten sie nicht allzu entschlossen auf das brutale Vorgehen der Dogmatiker, vor allem im Baltikum im Januar 1991 (Vilnius und Riga), reagieren. Im Lager der sowjetischen Demokraten machte sich eine Art Endzeitstimmung breit. Die Soziologin Tat’jana Zaslavskaja bezeichnete Mitte Februar 1991 die dogmatische Wende in der Sowjetunion als einen Prozeß, der nicht Jahre, sondern wahrscheinlich Jahrzehnte dauern werde.

Die offensichtlichen Veränderungen in der politischen Kultur des Landes haben den damaligen Pessimismus der Demokraten nicht zerstreut. Zu einem äußerst wichtigen Zeichen für diese Veränderungen wurde z.B. die Tatsache, daß Hunderttausende von Moskauern gegen die Gewaltanwendung im Baltikum im Januar 1991 protestierten. 22 Jahre zuvor – bei der Zerschlagung des Prager Frühlings – waren lediglich sieben Bürgerrechtler auf dem Roten Platz erschienen, um gegen die Invasion der Warschauer-Pakt-Staaten zu protestieren. Dennoch scheiterten die Befürworter der Umwälzung im Januar 1991 nicht in erster Linie am Widerstand der Demokraten, sondern an demjenigen Michail Gorbačevs. Trotz seines „Paktes“ mit den Dogmatikern im Herbst 1990 schreckte er davor zurück, sein Geschöpf – die Perestrojka – eigenhändig zu liquidieren. Einer der Gründer der dogmatischen Abgeordnetengruppe „Sojuz“ (Bund), Oberst Viktor Alksnis, nannte in einem Interview offen den Hauptschuldigen für das Scheitern der Putschpläne: „Die Sache wurde mittendrin aufgegeben. Offenbar zeigte sich auch hierbei das Wesen Gorbačevs als Mensch und als Politiker. Er machte Halt, und alles brach zusammen.“[81]

Das Schicksal Gorbačevs als des obersten Chefs der Parteibürokratie war damit besiegelt. Indes hatte diese Schicht, die bis dahin die Technologie der Macht bis zur Virtuosität beherrscht hatte, ihren gewöhnlich so untrüglichen Herrschaftsinstinkt bereits eingebüßt. Denn eine so günstige Konstellation für ihre Restaurationspläne, wie sie zu Beginn des Jahres 1991 bestanden hatte, als die Demokraten sich beinahe selbst aufgaben, sollte sich nicht mehr wiederholen. Nach der schnellen Beendigung des Golfkrieges rückten die Entwicklungen in der Sowjetunion erneut ins Zentrum der Aufmerksamkeit der westlichen Öffentlichkeit, und in ihrem Licht war es nicht mehr so leicht, derart offen die Ansätze der jungen sowjetischen Demokratie mit Füßen zu treten, wie dies noch im Januar im Baltikum möglich gewesen war. Abgesehen davon trug der landesweite Streik der Bergarbeiter vom Frühjahr 1991 zu einer partiellen Überwindung des Stimmungstiefs der russischen Demokraten bei. Besonders wichtig war aber in diesem Zusammenhang der Vorgang, der sich am 12. Juni 1991 abspielte und der vielleicht zum entscheidenden Datum der Perestrojka wurde. An diesem Tag wurde Boris El’cin von etwa 57% der Wähler zum russischen Staatspräsidenten gewählt.[82] Damit hatte Rußland zum ersten Mal in seiner Geschichte ein demokratisch legitimiertes Staatsoberhaupt. Die Demokraten besaßen nun einen eindeutigen legitimatorischen Vorsprung gegenüber der Parteibürokratie. Denn die KPdSU herrschte nach dem Verzicht Gorbačevs auf das Wahrheits- und Machtmonopol der Partei lediglich durch die Macht des Faktischen. Zwar gibt es auf der Welt genug Diktaturen, die sich nur auf eine solche Basis stützen, dennoch handelt es sich bei dem kommunistischen Regime keineswegs um eine gewöhnliche Diktatur, sondern um eine Ideokratie, die ohne einen weltanschaulichen Absolutheitsanspruch nicht existieren kann.

Trotz all dieser Entwicklungen hielten die russischen Demokraten den kommunistischen Apparat für einen kaum bezwingbaren Gegner. Mit Neid blickten sie auf ihre polnischen Gesinnungsgenossen, denen es gelungen war, eine derart mächtige Organisation wie die Solidarność zu schaffen. Die Erfahrung aller osteuropäischen Länder habe gezeigt, daß nur eine antitotalitäre Massenbewegung imstande sei, den Angriff der Dogmatiker abzuwehren, meinte Ende März 1991 die Politologin Lilija Ševcova.

Indessen zeigte gerade die polnische Erfahrung, daß für den entschlossen und brutal agierenden kommunistischen Apparat selbst eine solche Organisation kein Hindernis darstellt. Am 13. Dezember 1981 genügten den polnischen Militärs einige Stunden, um die Solidarność mit ihren 10 Millionen Mitgliedern zu zerschlagen. Auf die „schwankenden Massen“ (Lenin) haben die Kommunisten nur selten Rücksicht genommen. Die Zerschlagung der russischen Konstituante mit ihrer nicht-bolschewistischen Mehrheit am 18. Januar 1918 lieferte dafür einen zusätzlichen Beweis.

Die Moskauer Putschisten wollten im Grunde am 19. August 1991 den Vorgang vom 18. Januar 1918 wiederholen. Jedoch handelte es sich bei ihnen nicht mehr um die Schüler Lenins oder Stalins, sondern um Zöglinge Brežnevs. Das Ideal, das ihnen vorschwebte, war nicht die Schreckensherrschaft nach leninistischer oder stalinistischer Manier, sondern die aus ihrer Sicht „goldenen“ 1970er Jahre. Also die Jahre, in denen sie in Ruhe ihre Privilegien genießen konnten. Der bedenkenlose Umgang mit dem Massenterror gegenüber dem innenpolitischen Gegner, die Inkaufnahme von Millionen von Opfern setzen indes einen unerschütterlichen Glauben voraus: an die Utopie, wie dies bei Lenin, oder an sich selbst, wie dies bei Stalin der Fall gewesen war. Beides hatten die Putschisten vom 19. August 1991 längst verloren. Die zitternden Hände des formellen Anführers der Junta, Gennadij Janaev, auf der Pressekonferenz am ersten Tag des Putsches versinnbildlichten das schlechte Gewissen der Umstürzler. Einen farcenhaften Charakter hatte auch ihr Vokabular. Der Rückgriff auf den alten kommunistischen Jargon nach sechs Jahren Glasnost’ wirkte beinahe gespenstisch. Der vorrevolutionäre russische Historiker Pavel Miljukov bemerkte einmal, daß Revolutionen dann unausweichlich würden, wenn die Aktivitäten der autoritären Herrscher nicht mehr Furcht, sondern nur noch Spott und Verachtung hervorrufen. Insofern war die revolutionäre Situation am 19. August 1991 durchaus gegeben. Die Kommunisten wirkten nun ähnlich unbeholfen wie einst ihre demokratischen Widersacher, die sie 1917 auf den „Kehrichthaufen der Geschichte“ geschickt hatten. Trockij zitiert in seiner Geschichte der russischen Revolution den französischen Autor Anet, der gesagt hatte, die Provisorische Regierung sei gestürzt worden, „ehe sie noch ‚Uff‘ sagen [konnte]“.[83] Ähnliches konnte man auch über das am 19. August 1991 errichtete Staatskomitee für den Ausnahmezustand sagen. Dies ungeachtet der Tatsache, daß es unangefochten beinahe alle Machtstrukturen im Staate kontrollierte. Zu seinen Mitgliedern gehörten der Vizepräsident der UdSSR G. Janaev, der Ministerpräsident V. Pavlov, der Verteidigungsminister D. Jazov, der Innenminister B. Pugo und der KGB-Chef V. Krjučkov. Auch das ZK der KPdSU unterstützte vorbehaltlos die Putschisten.[84] Am 19.August schickte das Sekretariat des ZK an alle Parteichefs der Unionsrepubliken und anderer Regionen ein Rundschreiben, in dem diese zur Unterstützung des „Staatskomitees für den Ausnahmezustand“ aufgefordert wurden.[85]

Als Boris El’cin seine Landsleute zur Auflehnung gegen die Putschisten aufrief, tat er dies praktisch mit leeren Händen. Er besaß so gut wie keine Machtmittel und verfügte lediglich über moralische Argumente. In seiner Anordnung Nr. 59 vom 20. August 1991 beschuldigte er die Mitglieder des „Staatskomitees“, ein „verfassungswidriges Komplott“ geschmiedet und damit ein „Verbrechen gegen den Staat“ verübt zu haben.[86] Und diese Einschätzung des Staatsstreiches wurde von den Anführern des Putsches im Grunde auch geteilt. Sie fühlten sich nun, anders als ihre Vorgänger von 1917, nicht als „Sieger“, sondern als „Verlierer der Geschichte“.

In der Auseinandersetzung zwischen Macht und Moral erwies sich die letztere als überlegener Sieger. 9. Die Auflösung des sowjetischen Imperiums

Das russische Vielvölkerreich, das die Bolschewiki nach dem Zusammenbruch des Zarenregimes restauriert hatten, wurde nicht nur durch Gewalt zusammengehalten. Es basierte auch auf der Ideologie des „proletarischen Internationalismus“, die die wichtigste weltanschauliche Klammer des Imperiums darstellte.[87] Der Wegfall dieser Klammer infolge der Erosion der kommunistischen Ideologie stellte den gesamten imperialen Zusammenhalt in Frage. Auch hier – ähnlich wie bei der Frage der Parteiherrschaft – befand sich die sowjetische Führung in legitimatorischen Nöten. Die Moskauer Führung war nun mit immer stärker werdenden Unabhängigkeitsbestrebungen der Unionsrepubliken konfrontiert, denen die sowjetische Verfassung vom Jahre 1977 im Artikel 72 „das Recht auf freien Austritt aus der UdSSR“ garantiert hatte.

Am 16. November 1988 erklärte der Oberste Sowjet Estlands die Souveränität der Republik und löste damit eine Lawine aus. Am 18. Mai 1989 erfolgte die Souveränitätserklärung Litauens und am 27. Juli 1989 diejenige Lettlands. Am 11. März 1990 ging das Litauische Parlament darüber hinaus und verabschiedete einen Akt „über die Wiederherstellung des Litauischen Staates“.[88] Auch alle anderen Sowjetrepubliken verabschiedeten in den Jahren 1989–90 Souveränitätserklärungen.[89] Besonders folgenschwer für die Union war die Souveränitätserklärung Rußlands, die der russische Kongreß der Volksdeputierten am 12. Juni 1990 proklamierte. Mit besonderem Engagement setzte sich für die russische Souveränität Boris El’cin ein, der kurz zuvor zum Vorsitzenden des russischen Parlaments gewählt worden war. „Zum entscheidenden Faktor beim Zerfall der UdSSR war [...] nicht die Haltung des Baltikums, sondern die Rußlands geworden“, sagte später in diesem Zusammenhang Michail Gorbačev.[90]

Alle Souveränitätserklärungen hoben den Vorrang der Verfassung der jeweiligen Unionsrepublik gegenüber der Verfassung der Union und die Hoheitsgewalt über das eigene Territorium hervor. Die Union wurde nun in immer stärkerem Ausmaß ausgehöhlt. Einen der letzten verzweifelten Versuche Gorbačevs, die Union zu retten, stellte das Referendum über den Fortbestand der UdSSR als „erneuerter Föderation“ dar (17.3.1991). Obwohl 76% der Teilnehmer am Volksentscheid sich für den Erhalt der Union aussprachen, gingen die Auflösungsprozesse unaufhaltsam weiter.[91]

Die Tatsache, daß das ZK der KPdSU den Staatsstreich vom 19. August 1991 vorbehaltlos unterstützt hatte, führte nach der Zerschlagung des Putsches zu einer gänzlichen Diskreditierung der Partei, die nach dem geglückten Putsch vom 7. November 1917 das Land so selbstherrlich regiert hatte. Ihren letzten Vorsitzenden, Michail Gorbačev, entmachtete sie, ähnlich wie sie dies seinerzeit mit Nikita Chruščev getan hatte. Mit einem Unterschied: Nach dem

Sturz Chruščevs konnte sie ungestört weiterregieren, den Sturz Gorbačevs hingegen vermochte sie politisch nicht zu überleben. Am 22. August 1991 kehrte Gorbačev aus seiner Sommerresidenz auf der Krim (Foros), wo er zur Zeit des Putsches interniert worden war, nach Moskau zurück und erklärte: „Ich bin aus Foros in ein anderes Land zurückgekehrt, und ich selbst bin ein anderer Mensch geworden.“[92]

Am 24. August 1991 trat Gorbačev als Generalsekretär der KPdSU zurück. Bereits einen Tag zuvor hatte El’cin im russischen Parlament vor laufenden Fernsehkameras und in der Anwesenheit Gorbačevs ein Dekret über die Suspendierung der Tätigkeit der KPdSU auf dem Territorium der RSFSR unterschrieben. Am 29. August wurde dieses Dekret vom Obersten Sowjet der UdSSR auf das ganze Territorium der Union ausgedehnt. Am 6. November 1991 – am Vorabend des 74. Jahrestages der Revolution – verbot El’cin die Tätigkeit der KPdSU und der russischen KP auf dem Territorium der RSFSR und begründete dieses Verbot mit folgendem Argument: „Die KPdSU war niemals eine Partei. Sie stellte vielmehr einen eigenartigen Herrschaftsmechanismus dar, der sich mit den Staatsstrukturen verschmolz bzw. diese der Partei unterwarf.“[93] Die Ausschaltung der KPdSU wurde zum Todesurteil für die Sowjetunion, denn dadurch verschwand, wie bereits gesagt, die wichtigste organisatorische und weltanschauliche Klammer, die die Union geeinigt hatte. Während des August-Putsches und unmittelbar danach bestätigten beinahe alle Unionsrepubliken ihre bereits früher erfolgten Unabhängigkeitserklärungen bzw. erklärten sich für unabhängig. Nur Rußland und Kasachstan zögerten zunächst, ihre staatliche Unabhängigkeit zu proklamieren. Zugleich höhlte aber El’cin die Unionsstrukturen aus. Am 28. Oktober 1991 erklärte er, daß Rußland eine Reihe von „Unionsministerien und anderen Einrichtungen des Zentrums (etwa 70 an der Zahl) [...] nicht weiter finanzieren wird.“[94]

Am 1. Dezember 1991 fand ein Referendum in der Ukraine statt – nach der Bevölkerungszahl die zweitgrößte Republik der Union, die neben Rußland, Weißrußland und der damaligen Transkaukasischen Republik zu den Unterzeichnern des Unionsvertrags vom 30. Dezember 1922 gezählt hatte, mit dem die UdSSR gegründet worden war. 90% der Wähler bestätigten die am 24. August 1991 erfolgte Unabhängigkeitserklärung der Ukraine.[95] Das ukrainische Referendum beschleunigte den Zerfall der UdSSR. Am 8. Dezember 1991 fand ein Treffen der Präsidenten Rußlands, der Ukraine (L. Krawtschuk) und des Vorsitzenden des Obersten Sowjets Weißrußlands (S. Schuschkewitsch) in Minsk statt, dessen Ergebnisse zu einer Zäsur für die Geschichte des russischen bzw. sowjetischen Reiches wurden, denn die Vertreter der Staaten, die den Unionsvertrag vom 30. Dezember 1922 unterzeichnet hatten, erklärten, „[...] daß die UdSSR als Subjekt des Völkerrechts und als geopolitische Realität aufhört zu bestehen.“ Anstelle der UdSSR beschlossen die Unterzeichner, einen viel lockereren Staatenbund – die Gemeinschaft der Unabhängigen Staaten (GUS) – zu gründen.[96] Am 21. Dezember 1991 schlossen sich im Vertrag von Alma Ata alle anderen Sowjetrepubliken der GUS an, abgesehen von den baltischen Staaten und von Georgien. Georgien trat erst 1993 der GUS bei. Der Artikel 1 der Satzung der GUS, die am 22. Januar 1993 unterschrieben wurde, betonte, daß die Gemeinschaft auf der Grundlage der souveränen Gleichheit ihrer Mitglieder beruhe: „Die Mitgliedsstaaten sind selbständige und gleichberechtigte Subjekte des Völkerrechts.“[97]

Am 25. Dezember 1991 trat Gorbačev als Präsident der UdSSR zurück. Die RSFSR wurde später in Russische Föderation umbenannt. Rußland übernahm den ständigen Sitz der UdSSR im Sicherheitsrat der UNO und wurde de facto zum Rechtsnachfolger der Sowjetunion. Eine Art Kontinuität wurde dadurch bewahrt.

Viele Verfechter des imperialen Gedankens in Rußland – aber auch in den anderen Teilen der Sowjetunion – betrachteten das Minsker Treffen vom 8. Dezember 1991, das die Auflösung der UdSSR beschloß, als heimtückisches Komplott erklärter Feinde des russischen Reiches, die im Auftrage des Westens Rußland als Großmacht zerstören wollten. Diese Verschwörungstheorie weist verblüffende Ähnlichkeiten mit der „Dolchstoßlegende“ auf, die unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland entstand und die die politische Kultur der Weimarer Republik so stark vergiftete. Die Tatsache, daß das Minsker Abkommen den bereits vollzogenen Auflösungsprozeß, der seit der Erosion der Parteiherrschaft zwangsläufig war, lediglich bestätigte, wird von den Urhebern der russischen „Dolchstoßlegende“ kaum wahrgenommen. Man muß aber zugleich hervorheben, daß die Auflösung der Sowjetunion trotz all dieser gehässigen Angriffe auf die russische Führung einen erstaunlich glimpflichen und friedlichen Charakter hatte. Grundlegenden geopolitischen und sozialen Umwälzungen gingen bislang in der Regel verheerende Kriege und blutige Revolutionen voraus. Um so mehr verblüfft die Leichtigkeit, mit der sich die ostmitteleuropäischen Staaten 1989 der sowjetischen Kuratel und die Völker der Sowjetunion zwei Jahre später des bolschewistischen Systems und der Moskauer Hegemonie entledigen konnten. Dabei waren den Bolschewiki pazifistische Tendenzen bekanntlich fremd. Ihr 1917 errichtetes Regime basierte geradezu auf Gewalt, die sie bei jeder Gefahr für ihr Machtmonopol bedenkenlos anwandten. Bis zum Schluß stand ihnen ein gewaltiges Machtpotential zur Verfügung. So verschlang der militärisch-industrielle Komplex nach einigen Berechnungen etwa 25% des sowjetischen Bruttosozialprodukts – in Friedenszeiten eine unvorstellbare Summe. Trotz des wirtschaftlichen und ideologischen Versagens entwickelten die Kommunisten auf dem Gebiet der Machttechnik eine wahre Virtuosität. Indes fehlte ihnen zur Zeit der Gorba­čevschen Perestrojka bereits der „Wille zur Macht“. Anders als zur Zeit der früheren Krisen des Systems (1953, 1956, 1968) fühlten sie sich nicht mehr als „Sieger“, sondern als „Verlierer der Geschichte“. Nicht zuletzt deshalb gaben sie ihr Herrschaftsmonopol, das sie bis dahin so entschlossen und brutal verteidigt hatten, beinahe kampflos auf.

Die im Oktober 1917 bezwungenen Demokraten konnten 74 Jahre später einen für sie völlig unerwarteten Triumph feiern. Indes unterschied sich der Sieg vom August 1991 grundlegend von demjenigen im Oktober 1917. Die Bolschewiki waren nicht bereit, auf irgendwelche Kompromisse mit den von ihnen bezwungenen Kontrahenten einzugehen und errichteten auf den Trümmern der „ersten“ russischen Demokratie das erste totalitäre Regime der Moderne. Die Sieger vom August 1991 verzichteten hingegen auf eine Abrechnung mit den Verlieren nach bolschewistischer Manier. Die Tätigkeit der KPdSU auf russischem Territorium wurde zwar durch das Dekret vom 24. August 1991 suspendiert, dessenungeachtet erhielten die russischen Kommunisten bald danach eine Möglichkeit, auf die politische Bühne zurückzukehren.

Die später ermordete demokratische Politikerin Galina Starovojtova hielt es für einen unverzeihlichen Fehler der Demokraten, daß sie ihren Sieg vom August 1991 nicht ausreichend genutzt hätten: Gerade damals habe eine einmalige Gelegenheit bestanden, den geschockten Machtapparat abzulösen bzw. radikal zu erneuern. Das sei aber nicht geschehen, und so hätten die alten Strukturen eine Atempause erhalten, um sich erneut zu konsolidieren. Hätten die Kommunisten gesiegt, fährt die Politikerin fort, so wären sie gegenüber ihren demokratischen Opponenten wohl nicht so großzügig gewesen.

Starovojtova vertrat indes eine Minderheitenposition im demokratischen Lager. Die Mehrheit wollte die Ereignisse vom August 1991 nicht als eine Revolution verstehen, da sie mit diesem Begriff Erscheinungen wie Massenterror und Diktatur verbanden.

Die Milde der russischen Demokraten gegenüber den Besiegten vom August 1991 erinnert an die Einstellung der Weimarer Demokraten zu den Vertretern des 1918 bezwungenen alten Regimes. Die letzteren haben sich sehr schnell vom Schock der Novemberniederlage erholt und kehrten auf die politische Bühne zurück. So waren die Voraussetzungen für die Demontage des 1918/19 errichteten demokratischen Systems gegeben. Auch in Rußland findet zur Zeit eine Art Revanche der im August 1991 partiell entmachteten Gruppierungen statt. Die „gelenkte Demokratie“ Putins versinnbildlicht den Übergang des Landes von einer offenen zu einer autoritären Gesellschaft. Da aber Rußland, trotz dieser autoritären Wende, immer noch durch unzählige Kanäle mit dem Westen verbunden bleibt, ist es nicht ausgeschlossen, daß es früher oder später den in der Putin-Periode unterbrochenen Prozeß seiner „Rückkehr nach Europa“ erneut aufnehmen wird.



 

[1] Rozanov, Vasilij: Apokalipsis našego vremeni. Moskau 1990.

[2] Zit. nach Moskovskie novosti 27.9.1992, S. 21.

[3] Zu den Dekabristen siehe u.a. Ključevskij, Vasilij: Kurs russkoj istorii. Čast’ 5, in: Ders.: Sočinenija Bd. 5. Moskau 1958, S. 241–265; Nečkina, Milica: Dviženie dekabristov. Moskau 1955; Lemberg, Hans: Die nationale Gedankenwelt der Dekabristen. Köln-Graz 1963; Ėjdel’man, Natan: Verschwörung gegen den Zaren. Porträts der Dekabristen. Moskau 1984; Kijanskaja, O.I. (Hrsg.): Dekabristy. Aktul’nye problemy i novye podchody. Moskau 2008.

[4] Custine, Astolphe de: Russische Schatten. Prophetische Briefe aus dem Jahre 1839. Nördlingen 1985, S. 44f.

[5] Schieder, Theodor: Das Problem der Revolution im 19. Jahrhundert, in: Ders.: Staat und Gesellschaft im Wandel unserer Zeit. Studien zur Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. München 1970, S. 11–57, hier S. 42ff.

[6] Auf diese Weise, so der Historiker Viktor Leontovitsch, habe sich die Intelligenzija selbst von der praktischen Arbeit ausgeschlossen, die allein die Schule des politischen Denkens und Handelns für sie hätte sein können (Leontovitsch, Viktor: Geschichte des Liberalismus in Rußland. Frankfurt am Main 1957, S. 140).

[7] Zit. nach Marx, Karl/Engels, Friedrich: Werke, Bde. 1–39. Berlin 1959ff., hier Bd. 18, S. 427–431.

[8] Vgl. dazu u.a. Byrnes, Robert, F.: Pobedonoscev. His Life and Thought. Bloomington 1968; Zajončkovskij, Petr: Rossijskoe samoderžavie v konce XIX stoletija (političeskaja reakcija 80-ch i načala 90-ch godov). Moskau 1970; Florovskij, Georgij: Puti russkogo bogoslovija. Paris 1983, S. 410–424; Rogger, Hans: Russia in the Age of Modernisation and Revolution 1881–1917. London-New York 1983; Luks, Leonid: Intelligencija und Revolution. Geschichte eines siegreichen Scheiterns, in: Historische Zeitschrift Bd. 249, 1989, S. 265–294.

[9] Vitte, Sergej: Vospominanija. Carstvovanie Nikolaja II. Berlin 1922, Bd. 1, S. 296f., Bd. 2, S. 313; Miljukov, Pavel: Vospominanija (1859–1917), Bd. 1. New York 1955, S. 363–438; Maklakov, Vasilij: Iz vospominanij. New York 1954, S. 338–362; Tyrkova-Williams, Ariadna: Na putjach k svobode. London 1990, S. 233–337.

[10] Vitte, Vospominanija. Carstvovanie Nikolaja II, Bd. 1, S. 316, Bd. 2, S. 36, 75f.

[11] Lenin, Vladimir: Werke, Bde. 1–40. Berlin 1961ff., hier Bd. 24, S. 4.

[12] Die Kerenski-Memoiren. Rußland und der Wendepunkt der Geschichte. Wien-Hamburg 1966, S. 540.

[13] Frank, Semen: Krušenie kumirov. Berlin 1924, S. 16. Die Angst vor einer vermeintlichen „rechten“ Gefahr war nach der Februarrevolution in Rußland derart stark ausgeprägt, daß solch eine liberale und gemäßigte Partei wie die der Konstitutionellen Demokraten, wie der Vorsitzende der Partei der Sozial-Revolutionäre, Viktor Černov, mit Recht sagt, in die äußer­ste rechte Ecke des Spektrums der legalen russischen Parteien abgedrängt wurde (Černov, Viktor: Pered burej. New York 1953, S. 336f.).

[14] Kappeler, Andreas: Rußland als Vielvölkerreich. Entstehung, Geschichte, Zerfall. München 1992, S. 233.

[15] Vgl. dazu u.a. Golczewski Frank/Pickhan, Gertrud: Russischer Nationalismus. Die russische Idee im 19. und 20. Jahrhundert. Darstellung und Texte. Göttingen 1998 , S. 50–53.

[16] Siehe dazu u.a. Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1866–1918. Zweiter Bd.. Machtstaat vor der Demokratie. München 1992, S. 266–281.

[17] Beyrau, Dietrich: Der deutsche Komplex: Rußland zur Zeit der Reichsgründung, in: Kolb, Eberhard (Hrsg.): Europa und die Reichsgründung, Historische Zeitschrift, Beiheft 6. München 1980, S. 63–107, hier S. 94.

[18] Hellmann, Manfred (Hrsg.): Die russische Revolution 1917. Von der Abdankung des Zaren bis zum Staatsstreich der Bolschewiki. München 1964, S. 184; Altrichter, Helmut: Rußland 1917. Ein Staat auf der Suche nach sich selbst. Paderborn u.a. 1997, S. 458f.

[19] Altrichter, Rußland 1917, S. 432; zur Nationalitätenfrage während der Revolution von 1917 siehe auch Kappeler, Rußland als Vielvölkerreich, S. 288–299.

[20] Dehio, Ludwig: Deutschland und die Weltpolitik im 20. Jahrhundert. München 1955, S. 100.

[21] Hellman, Die russische Revolution, S. 184; Altrichter, Rußland 1917, S. 432, 458f.

[22] Hellmann, Die russische Revolution, S. 237–245; Altrichter, Rußland 1917, S. 471ff.

[23] Lenin, Werke, Bd. 24, S. 295.

[24] Altrichter, Rußland 1917, S. 474.

[25] Lenin, Werke, Bd. 22, S. 148.

[26] Ebd., Bd. 24, S. 295f.

[27] Ebd., Bd. 27, S. 372.

[28] Siehe dazu u.a. Šul’gin, Vasilij: Dni. 1920. Moskau 1989, S. 526–529.

[29] Ustrjalov, Nikolaj: Pod znakom revoljucii. Charbin 1927, S. 5f.; siehe dazu auch Smena Vech. Sbornik statej. Prag 1921; Šul’gin, Vasilij: Dni.1920. Vgl. dazu auch Gajdar, Egor: Gibel’ imperii. Uroki dlja Sovremennoj Rossii. Moskau 2006, S. 46.

[30] Evrazijstvo. Opyt sistematičeskogo izloženija. Paris 1926, S. 6.

[31] Solženicyn, Aleksandr: Sobranie sočinenij. Paris 1981, Bd. 9, S. 204.

[32] Amal’rik, Andrej: Kann die Sowjetunion das Jahr 1984 erleben? , in: Ders.: UdSSR und kein Ende. Essays. München 1981, S. 13-65.

[33] Meier, Reinhard /Meier, Katrin: Sowjetrealität in der Ära Breschnew. Stuttgart 1981, S. 9.

[34] Trzy čwiartki wieku. Z Jerzym Turowiczem rozmawia Jacek Żakowski, in: Powściągliwość i Praca, Dezember 1987.

[35] Hildermeier, Manfred: Geschichte der Sowjetunion. 1917–1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates. München 1998, S. 886; Gajdar, Gibel’ imperii, S. 145, 259.  

[36] Verfassung (Grundgesetz) der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, Moskau 1977, S. 4f.

[37] Ebd., S. 8.

[38] Zit. nach Altrichter, Helmut (Hrsg.): Der Sowjetstaat. Von der Oktoberrevolution bis zu Stalins Tod. Band 1: Staat und Partei. München 1986, S. 288f.

[39] Burlackij, Fedor: Brežnev: krušenie ottepeli. Razmyšlenija o prirode političeskogo liderstva, in: Literaturnaja gazeta, 14.9.1988.

[40] Moskovskie Novosti l.11.1987, S. 8.

[41] Siehe dazu insbesondere Afanas’ev, Jurij (Hrsg.): Es gibt keine Alternative zu Perestrojka. Nördlingen 1988.

[42] Batkin, Leonid: Erneuerung der Geschichte, in: Ebd., S. 202–247.

[43] Gefter, Michail: Stalin ist erst gestern gestorben, in: Ebd., S. 379–412.

[44] Siehe Luks, Leonid: Russische Intellektuelle aus Ost und West diskutieren über Perestrojka, in: Osteuropa, 6/1988, S. 500–503.

[45] Karpinskij, Len: Weshalb bleibt der Stalinismus auf der Bühne? in: Afanas’ev, Es gibt keine Alternative, a.a.O., S. 724–756, hier S. 732.

[46] Vinogradov, Igor’: Kann die Wahrheit etappenweise ans Licht kommen?, in: Ebd., S. 355–378, hier S. 358.

[47] Radkey, O.H.: The Elections to the Russian Constituent Assembly in 1917. Cambridge, Mass. 1950; Černov, Viktor: Pered burej. Vospominanija. New York 1953, S. 356–366; Višnjak, Mark: Dan’ prošlomu. New York 1954, S. 353–381.

[48] Lenin, V.I.: , Polnoe sobranie sočinenij , Bde. 1–55, 5. Aufl. Moskau 1958–1965, hier Bd. 35, S. 238–242.

[49] Rosenberg, Arthur: Geschichte des Bolschewismus. Frankfurt a.M. 1987, S. 151. Rosenberg knüpft an die berühmte Bol­schewismuskritik Rosa Luxemburgs aus ihrer Schrift über die Russische Revolution vom Herbst 1918 an. Hier lesen wir u.a.: „Lenin und Trotzki haben an die Stelle der aus allge­meinen Volkswahlen hervorgegangenen Vertretungskörperschaften die Sowjets als die einzige wahre Vertretung der arbeitenden Massen hingestellt. Aber mit dem Erdrücken des poli­tischen Lebens im ganzen Lande muß auch das Leben in den Sowjets immer mehr erlahmen. Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Presse- und Versammlungsfreiheit erstirbt das Leben in jeder der öffentlichen Institutionen, wird zum Scheinleben, in dem die Bürokratie allein das tätige Element bleibt“ (Luxemburg, Rosa: Politische Schriften, hrsg. u. eingel. v. O. Flecht­heim, Bde. 1–3. Frankfurt a.M. 1967, hier Bd. 3, S. 127ff.).

[50] Nur durch Kritik und Selbstkritik können wir uns kontrollieren, in: Frankfurter Rundschau 18.9.1986.

[51] Gorbačev, Michail: Perestroika. Die zweite russische Revolution. Eine neue Politik für Europa und die Welt. München 1987, S. 155.

[52] V politbjuro CK KPSS … Po zapisjam Anatolija Černjaeva, Vadima Medvedeva, Georgija Šachnazarova (1985–1991). Moskau 2006, S. 114, 120, 422; Horvath, Robert: The Legacy of Soviet Dissent. Dissidents, Democratisation and Radical Nationalism in Russia. London-New York 2005, S. 69ff.; Hildermeier, Geschichte, S. 1026.

[53] Izvestija 2.7.1988, S. 9ff.; siehe dazu auch El’cin, Boris: Ispoved’ na zadannuju temu. Leningrad 1990, S. 150–167; Pichoja, Rudolf: Sovetskij Sojuz. Istorija vlasti 1945–1991. Moskau 1998, S. 534–541; Altrichter, Helmut: Rußland 1989. Der Untergang des sowjetischen Imperiums. München 2009, S. 39–54; V politbjuro, S. 361-373, 375-387; Gorbačev, Michail: Erinnerungen. Berlin 1995, S. 376–385.

[54] Pichoja, Sovetskij Sojuz, S. 505-521; Gorbačev, Erinnerungen, S. 359–365; V politbjuro, S. 260ff.; Jakovlev, Aleksandr: Die Abgründe meines Jahrhunderts. Eine Autobiographie. Leipzig 2002, S. 486f; Colton, Tymothy J.: Yeltsin: A life. New York 2008, S. 133–146.

[55] El’cin, Ispoved’, S. 168; Pichoja, Sovetskij Sojuz, S. 560; Colton, Yeltsin, S. 166.

[56] Altrichter, Rußland 1989, S. 138f.; Simon, Gerhard und Simon, Nadja: Verfall und Untergang des sowjetischen Imperiums. München 1993, S. 73–77.

[57] Pichoja, Sovetskij Sojuz, S. 564.

[58] Perestrojka – volja, mužestvo, otvetstvennost’, in: Literaturnaja Rossija, 27.3.1988.

[59] Pichoja, Sovetskij Sojuz, S. 561; Simon, Gerhard und Simon, Nadja, Verfall und Untergang, S. 38; V politbjuro, S. 407.

[60] V politbjuro, S. 460–464; Altrichter, Rußland 1989, S. 151ff.; Pichoja, Sovetskij Sojuz, S. 560.

[61] V politbjuro, S. 463; Gorbačev, Erinnerungen, S. 416.

[62] V politbjuro, S. 464; Gorbačev, Erinnerungen, S. 417.

[63] Seljunin, Vasilij: Istoki, in: Novyj mir, 5/1988, S. 162–189, hier S. 167, 169.

[64] Cypko, Aleksandr: Istoki stalinizma, in: Nauka i žizn’, 11,12/1988, 1,2/1989.

[65] Sovetskaja Rossija l. Februar 1990.

[66] Ebd.; siehe dazu auch Černjaev, Anatolij: Šest’ let s Gorbačevym. Po dnevnikovym zapisjam. Moskau 1993, S. 342f.

[67] BPA/Ostinformationen vom 15. Januar 1990 (Anhang), S. 38.

[68] Ioffe, Genrich: Ugroza voennoj diktatury in: Moskovskie Novosti 5. November 1989, S. 8.

[69] Pravda 28. Februar 1990.

[70] Izvestija 14. März 1990.

[71] V politbjuro, S. 566, 576f.; Simon, Gerhard und Simon, Nadja, Verfall und Untergang, S. 79; Pichoja, Sovetskij Sojuz, S. 578ff.

[72] Hildermeier, Geschichte der Sowjetunion, S. 1040.

[73] Simon, Gerhard und Simon, Nadja, Verfall und Untergang, S. 87; Pichoja, Sovetskij Sojuz, S. 589; Jakovlev, Die Abgründe, S. 515–542; Černjaev, Šest’ let, S. 355ff.

[74] Simon, Gerhard und Simon, Nadja, Verfall und Untergang, S. 86; Pichoja, Sovetskij Sojuz, S. 589.

[75] Ševardnadze, Eduard: Moj vybor. Moskau 1991, S. 327ff.; Pichoja, Sovetskij Sojuz, S. 609.

[76] Pichoja, Sovetskij Sojuz, S. 636; Jakovlev, Die Abgründe, S. 793–802; Ders.: Predislovie. Obval. Posleslovie. Moskau 1992, S. 161–167.

[77] Pichoja, Sovetskij Sojuz, S. 589–605; V politbjuro, S. 609–617, 621–625, 627; Gajdar, Gibel’ imperii, S. 317f.

[78] V politbjuro, S. 684; siehe dazu auch: Gajdar, Gibel’ imperii, S. 327ff.

[79] Pichoja, Sovetskij Sojuz, S. 624; Altrichter, Rußland 1989, S. 264–272.

[80] Karl Kautsky – einer der führenden sozialdemokratischen Theoretiker – schrieb 1919 in diesem Zusammenhang: „Die Bolschewiki sind bereit, um sich an der Macht zu halten, alle möglichen Konzessionen der Bürokratie, dem Militarismus, dem Kapitalismus zu machen. Aber eine Konzession an die Demokratie erscheint ihnen als Selbstmord“ (Kautsky, Karl: Terrorismus und Kommunismus. Ein Beitrag zur Naturgeschichte der Revolution. Berlin 1919, S. 146).

[81] Moscow News, deutsche Ausgabe, Nr. 3, März 1991, S. 9; siehe dazu auch Gajdar, Gibel’ imperii, S. 374 ff.

[82] Pichoja, Sovetskij Sojuz, S. 644; Colton, Yeltsin, S. 192.

[83] Trockij, Lev: Geschichte der russischen Revolution. Berlin 1960, S. 717.

[84] Pichoja, Sovetskij Sojuz, S. 654–682; Černjaev, Šest’ let, S. 478–487.

[85] Pichoja, Sovetskij Sojuz, S. 674f.

[86] Pichoja, Rudolf: Sovetskij Sojuz. Moskau 1998, S. 668 f.; El’cin, Boris: Zapiski prezidenta. Moskau 1994, S. 72–133; Colton, Yeltsin, S. 198–202. Vgl. dazu auch Gajdar, Gibel’ imperii, S. 376–380.

[87] Vgl. dazu u.a. Simon, Gerhard: Nationalismus und Nationalitätenpolitik der Sowjetunion. Von der totalitären Diktatur zur nachstalinschen Gesellschaft. Baden-Baden 1986.

[88] Meissner, Boris: Vom Russischen Reich über die Sowjetunion zur Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Teil II, in: Zeitschrift für Politik, Bd. 41, 1994, H. 3, S. 280–295, hier S. 282..

[89] Siehe dazu u.a. Simon, Gerhard und Simon, Nadja, Verfall und Untergang, S. 126–187; Pichoja, Sovetskij Sojuz, S. 581–605, 610–653; Altrichter, Rußland 1989, S. 226–250, 272–296; Gorbačev, Erinnerungen, S. 475–506; Černjaev, Šest’ let, S. 324ff., 337f.; Gajdar, Gibel’ imperii, S. 300–303, 372–376.

[90] Gorbačev, Erinnerungen, S. 503.

[91] Pichoja, Sovetskij Sojuz, S. 613, 628; Kappeler, Rußland als Vielvölkerreich, S. 314–318.

[92] Pichoja, Sovetskij Sojuz, S. 686.

[93] Ebenda, S. 686.

[94] Simon, Gerhard und Simon, Nadja, Verfall und Untergang, S. 183, 309.

[95] Pichoja, Sovetskij Sojuz, S. 706f.; Simon, Gerhard und Simon, Nadja, Verfall und Untergang, S. 183.

[96] Pichoja, Sovetskij Sojuz, S. 709; Simon, Gerhard und Simon, Nadja, Verfall und Untergang, S. 183f.; El’cin, Zapiski, S. 150–155.

[97] Meissner, Vom Russischen Reich über die Sowjetunion, S. 288f.; Pichoja, Sovetskij Sojuz, S. 710.