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„Man spürt jetzt etwas völlig Neues“: General Graf Loris-Melikovs Bemühen um eine reformierte Autokratie (1879-81)

Matthias Stadelmann

„Man spürt jetzt etwas völlig Neues, obwohl Graf Loris-Melikov es gerade einmal geschafft hat, eine Proklamation an die Gesellschaft herauszugeben“, war am 24. Februar 1880 in der Petersburger „Woche“ (Nedelja) zu lesen. Von den Worten jener Proklamation wehte, so die „Stimme“ (Golos), etwas Neues, Beruhigendes, für uns Ungewöhnliches“ her. Die „Neue Zeit“ (Novoe vremja), schlug einen ähnlichen Ton an: „Etwas Neues, Beruhigendes und Aufmunterndes wehte in der Luft“. Beruhigend und aufmunternd zugleich – ein geradezu oxymoronischer Befund, der an die intendierten Doppelwirkungen mancher Antidepressiva erinnern mag. Tatsächlich schien es Anfang 1880 in St. Petersburg auch um schwere psychisch-mentale Verstimmungen zu gehen: „Gott sei Dank! Auf der Seele ward es leichter“, rief die „Stimme“ (Golos) befreit aus. Die seelische Erleichterung beruhte, wie das Blatt „Gerücht“ (Molva) im Ausdruck ruhiger Zuversichtlichkeit erklärte, darauf, daß man Staat und Gesellschaft zwar vor enormen Herausforderungen, nun aber in guten Händen sah. „Man konnte wohl kaum eine bessere Wahl treffen für jene schwere Aufgabe, die jetzt auf Graf Loris-Melikov lastet.“ Zusammenfassend stellte der Autor der „Woche“ im Februar 1880 fest: „Alle Zeitungen brachten der Ernennung von Graf Loris-Melikov nicht nur Zustimmung entgegen, sondern sogar einigen Jubel... Ja und wie sollen wir nicht jubeln, wenn wir alle plötzlich gespürt haben, daß wir gebraucht werden, daß wir nützlich sein und etwas bedeuten können!“[1]

Der Hintergrund: Alexandrinische Reformen und revolutionäre Visionen

Was war in St. Petersburg zu Beginn des Jahres 1880 geschehen? Wer war Graf Loris-Melikov, welche Aufgabe hatte er übernommen, und was hatte er in seiner Proklamation der Gesellschaft mitgeteilt, daß diese gleichzeitig beruhigt, ermuntert und die Presse zum Jubilieren gebracht hat? Um diese Fragen zu beantworten, ist es zunächst erforderlich, einen kurzen Blick auf den historischen Hintergrund des Jahres 1880 zu werfen: Die russische Autokratie befand sich in einer Krise. Die Aufbruchsstimmung der 1850er und 1860er Jahre, in denen kaiserliche Regierung und Petersburger Bürokratie beachtliche Reformgesetze initiiert hatten, war verflogen, die Konsequenzen der durchgeführten, partiell auch bereits nachjustierten Reformen wurden ambivalent beurteilt, zu allem Überfluß war noch der kriegspolitische Erfolg des russisch-türkischen Krieges von 1877/78 am Berliner Konferenztisch zerredet worden. In Regierung und Gesellschaft wuchsen Unsicherheit und Unzufriedenheit – nicht zuletzt eine Folge dessen, daß die alexandrinischen Reformen für das Rußland des 19. Jahrhunderts doch substantieller gewesen waren, als es dem heutigen Blick erscheinen mag. Ins-besondere auf den Gebieten des Rechts und der lokalen Selbstverwaltung schufen die Reformen von oben, zumindest im russischen Kernland, Konstellationen und Praktiken, die mit der weiterhin aufrechterhaltenen Vorstellung einer zentralisierten autokratisch-bürokratischen Herrschaft mitunter nur noch schwer in Einklang zu bringen waren: Sowohl die Unabhängigkeit der Justiz als auch die Stimulierung gesellschaftlicher Aktivität im Gemeinweisen der Zemstva, um nur zwei ganz zentrale Auswirkungen der Reformen zu nennen, sorgten für Erwartungshaltungen und Handlungsoptionen der Gesellschaft, die weitergehende Umgestaltungen geradezu einfordern mußten – bis hin zur Transzendierung autokratischer Grundfesten. Praktizierte Rechtsstaatlichkeit und lokale bzw. regionale Selbstverwaltung sorgten nicht nur für eine Verstaatsbürgerlichung der Gesellschaft, sondern warfen auch Fragen einer Konstitutionalisierung auf.[2]

Die Autokratie widersetzte sich in den 1860er und 70er Jahren konsequent dem Ansinnen einer politisch zu verstehenden Partizipation auf Gesamtstaatsebene, obgleich einige ihrer hervorragendsten Repräsentanten – Petr A. Valuev oder Großfürst Konstantin Nikolaevič – mit vorsichtigen Argumenten dafür warben. Die hinter der autokratischen Hartnäckigkeit stehende Überzeugung von der Möglichkeit, ja der Notwendigkeit, die traditionelle Staatsform gleichzeitig zu modernisieren und in gestärkter Form beizubehalten, führte unweigerlich zu enttäuschten Erwartungen, insbesondere in den Kreisen der Intelligencija und der städtischen Jugend. Während sich die professionelle Intelligenz in Berufen der Justiz, der Hochschulen, des Medizinalwesens etc. trotz gestiegener Unzufriedenheit über den autokratischen Beharrungswillen für eine weiterentwickelnde Ausgestaltung der soziopolitischen Verhältnisse im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten einsetze, suchten ungeduldigere Kreise Rußlands Heil in radikaleren Szenarien. Zirkulierten schon seit 1861/62 extreme (Einzel-) Vorstellungen einer „alles-oder-nichts“-Haltung gegenüber dem autokratischen System, so hatten die Ideen des „Populismus“ der 1870er Jahre bereits eine breitere Basis in der radikalisierten städtischen Intelligenz. „Hilfe zur Selbsthilfe“ könnte man den Impetus beschreiben, der Studenten und Intellektuelle bewog, „ins (bäuerliche) Volk zu gehen“, um dieses über das Übel des Kapitalismus aufzuklären und gegen die herrschende Ordnung aufzuwiegeln, damit es möglichst zügig einen Sozialismus verwirkliche, der in der traditionellen Gemeindeverfaßtheit des russischen Bauerntums ohnehin schon angelegt sei.

Die gleichgültigen bis ablehnenden Reaktionen der durch die städtischen Intellektuellen zu beglückenden Landbevölkerung trieb manche der selbsternannten Befreier des Volkes zur Verzweiflung – und damit zu extremer Gewaltbereitschaft. Während ein Teil der „Populisten“ weiter auf intensivierte Aufklärung und Bildung der Volksmassen setzte und so deren systemveränderndes Anliegen im Rahmen der bestehenden Strukturen vorbereiten wollte, zogen andere aus der bäuerlichen Trägheit und traditionellen Zarenfixiertheit radikale Konsequenzen: Wenn die Bauern ihre eigenen Interessen nicht erkannten und nicht zu entschlossenem Handeln fähig waren, dann mußten eben andere, nämlich die intellektuellen Revolutionäre, aktiv werden. Das bestehende autokratische System sollte nicht reformiert, sondern mit Gewalt so rasch als möglich gestürzt werden, damit Gesellschaft, Wirtschaft und Politik nach sozialistischen Prinzipien neu gestaltet werden konnten. Wie aber ließ sich das russische Kaisertum stürzen? Die Chancen standen nicht gut: Zwar gab es in unterschiedlichen Bevölkerungskreisen durchaus Unzufriedenheiten, doch – abgesehen von den Revolutionären – keinerlei Neigung zu einer gewaltbereiten Verweigerung bzw. Radikalopposition. Zudem war die Autokratie selbst keineswegs bereit, sich stürzen zu lassen, ging also mit Härte gegen feindselige Absichten vor. Die Hoffnung der Radikalen bestand darin, durch gezielte Donnerschläge gegen das System dieses so zu destabilisieren, daß es zusammenbrechen würde. So beschloß man, hohe Repräsentanten der Autokratie persönlich auszuschalten, in der Erwartung, dadurch Staat und Regierung ins Taumeln zu bringen. Am vielversprechendsten schien dabei natürlich die Liquidierung des Herrschers selbst, so daß die Führung der Gruppe „Narodnaja volja“ (übersetzt: Volkswille bzw. Volksfreiheit) im Sommer 1879 ein „Todesurteil“ gegen Kaiser Aleksandr II. verhängte und mittels von Attentaten auch versuchte, dieses zu „vollstrecken“.[3]

Zuvor hatte schon im April 1879 ein Attentäter auf den ohne Bewachung in der Umgebung des Winterpalastes spazierenden Kaiser geschossen, sich dabei aber so dilettantisch angestellt, daß er vier Schüsse aus wenigen Schritten Entfernung daneben setzte. Gleichwohl war der Schock geradezu unbeschreiblich. Nachdem im November 1879 ein Versuch gescheitert war, den Kaiser durch die Sprengung des Eisenbahnzuges, in dem man ihn vermutete, zu töten, sorgte schließlich am 5. Februar 1880 die Detonation einer Bombe im Herzen der Petersburger Autokratie, im kaiserlichen Winterpalast, für elf Todesopfer und allgemeines Entsetzen, nicht nur in der engeren Umgebung Aleksandrs II.[4] Zwar blieb der Kaiser – im Gegensatz zu etwa 50 anderen Personen – unverletzt, aber die Tatsache, daß der Herrscher selbst im Zentrum der Macht nicht mehr sicher war, machte unmißverständlich klar, daß gehandelt und die allgemeine Ratlosigkeit überwunden werden mußte. Das politische Establishment schien dabei sowohl personell wie konzeptionell an seine Grenzen gelangt. Symptomatisch hierfür war bereits eine Konstellation zu Beginn des Jahres 1880 gewesen. Aleksandr II. hatte einen Reformentwurf seines Bruders Konstantin, der an eine stärkere Inte-gration der Gesellschaft in den autokratischen Staat gedacht hatte, im wahrsten Sinne des Wortes aus der Schublade geholt, in welcher das Papier 13 Jahre lang gelegen hatte.

Schon Ende 1866 hatte nämlich Großfürst Konstantin Nikolaevič, der Präsident des Staatsrates, seinem regierenden Bruder einen Vorschlag unterbreitet, wie man „einer gewissen Unzufriedenheit“, die „in verschiedenen Schichten unserer Gesellschaft“ existiere und die in Reden, in der Presse, vor allem aber in persönlichen Gesprächen vorsichtig zum Ausdruck gebracht werde, im Interesse der Autokratie begegnen könne. Konstantin, dessen immens wichtige Rolle bei der Initiierung der mit der Bauernbefreiung begonnenen „Großen Reformen“ gar nicht überschätzt werden kann, trat schon 1866 dafür ein, „jene Wünsche der Gesellschaft, die sich als vernünftig und gerecht erweisen“, zu befriedigen. Dabei erteilte er gleich allen „sinnlosen Träumereien radikaler Menschen“ eine Absage: Von einem „völligen Umsturz unseres Staatsaufbaus“ könne nicht die Rede sein, ja, nicht einmal von einer Einschränkung der Selbstherrschaft. Worum es dem Großfürsten ging, war die beratende Heranziehung von Vertretern der Gesellschaft zu den Erörterungen des Staatsrates, der sich ja mit allen wesentlichen legislativen Vorhaben des Kaiserreiches auseinanderzusetzen hatte, auch wenn ihm nur hinweisende und empfehlende Kompetenzen zustanden. Pro Gouvernement und pro Großstadt sollte – für den Anfang – nur jeweils ein Abgeordneter der lokalen Selbstverwaltungsorgane zu den Staatsratssitzungen eingeladen werden können, wobei die zu besprechenden Fragen von oben vorzugeben gewesen wären.[5]

Mit seinem detailliert ausgearbeitetem Vorschlag für eine „Beratende Abgeordnetenversammlung beim Staatsrat“ versuchte Konstantin Niko­laevič Prinzipien in den allgemeinen Staatsgeschäften zu verankern, mit denen er auf verschiedenen Betätigungsfeldern, ob im Marineministerium, bei der Bauernbefreiung oder bei der Erarbeitung der Zemstvo-Gesetz­gebung, gute Erfahrungen gemacht hatte – die Hinzuziehung von Sachverstand und Expertenwissen sowie offene, multiperspektivische Erörterungen, beides selbstverständlich im Rahmen und zu den Bedingungen der Autokratie, die das Heft des Handelns, so seine Überzeugung, in der Hand behalten sollte. Daß man dem großfürstlichen Vorhaben offensichtlich dennoch eine zumindest mental-kulturelle Sprengkraft zuschrieb, machte die Reaktion von Aleksandr II. deutlich. Zwar hatte dieser seinem Bruder im April 1866 explizit seine Genehmigung erteilt, entsprechende Reformüberlegungen anzustellen, doch als Konstantin ein halbes Jahr später seine – in der Stille und Abgeschiedenheit der Schwarzmeerküste geschriebenen – Ergebnisse vorlegte, erinnerte sich der Kaiser scheinbar nicht an sein Einverständnis. Dennoch übergab Konstantin seinem Bruder den Entwurf, um dann nichts mehr davon zu hören. Offensichtlich hatten bei Aleksandr II. im Januar 1867 die Alarmglocken geklingelt, als Zemstvo-Vertreter des Petersburger Gouvernements genau jene Zugeständnisse einforderten, die Konstantin in seinem Entwurf vorgeschlagen hatte. Auf einer Sitzung des Ministerrates im Januar 1867 gab der Kaiser seine eindeutig zu verstehende Absage: „In der Stadt spricht man davon, daß mein Bruder Konstantin Nikolaevič angeblich mit Urusov ein Verfassungsprojekt ausgearbeitet habe. Das stimmt nicht!“[6]

13 Jahre später erinnerte sich der Kaiser dann wieder an den Vorschlag seines Bruders und stellte ihn auf einer Sonderberatung einiger führender Staatsmänner zur Diskussion.[7] Doch untereinander zerstritten, zum Teil auch hilf- und konzeptionslos, kamen diese nicht weiter. Die geladenen Personen waren nicht in der Lage, ihre eigenen Horizonte, vor allem ihre Ambitionen und Feindschaften zugunsten einer sachlichen Erörterung der Problematik zu überwinden. Zwei Momente waren für die Chancenlosigkeit des großfürstlichen Projektes ausschlaggebend: Die staatspolitische Beschränktheit des Thronfolgers Aleksandr Aleksandrovič und die Abneigung von Petr Valuev, dem Vorsitzenden des Ministerkomitees, gegen Konstantin Nikolaevič. Der Thronfolger hatte nie verstanden, warum man auf krisenhafte Momente der autokratischen Herrschaft mit Zugeständnissen an die Gesellschaft reagieren sollte. Gab es Artikulationen von Unzufriedenheit in Wort oder Tat, dann waren diese mit dem Gewaltmonopol des Staates abzustellen – weshalb man da noch irgendwelche „Schreihälse“ um ihre Meinung fragen sollte, erschloß sich dem Sohn des Kaisers nicht.[8] Dabei handelte es sich immerhin um die Ansicht des voraussichtlichen künftigen Herrschers, mit dem man es sich als karrierebewußter Staatsmann nicht verderben wollte, so daß Innenminister Lev S. Makov sowie Fürst Urusov und General Aleksandr R. Drentel’n, die beiden Leiter der zweiten bzw. dritten Abteilung der Kaiserlichen Kanzlei (Rechtswesen und Staatspolizei) der perspektivlosen Einfältigkeit des Thronfolgers beipflichteten; zumindest bei Urusov, der ja selbst mit Konstantin Nikolaevič das Projekt einst formuliert hatte, erfolgte dies wider besseres Wissen. Letzteres galt auch für Valuev, dessen Motive für die Ablehnung des Vorschlags noch niederträchtiger waren – persönliche Eitelkeit und Antipathie. Der ehemalige Innenminister wußte nur zu gut, daß ein Schritt wie der vom Großfürsten vorgeschlagene dringend an der Tagesordnung war, schließlich hatte auch er 17 Jahre zuvor bereits eine Ausarbeitung mit ganz ähnlichen Zielsetzungen vorgelegt. Genau hier aber lag wohl der springende Punkt: Valuev, ohne Zweifel einer der begabtesten Staatsmänner des russischen Kaiserreiches, ertrug es nicht, daß nicht sein eigener Vorschlag, sondern derjenige Konstantins nun zur Debatte stand – dies um so mehr, als er eingestandenermaßen den Großfürsten, obwohl er mit ihm inhaltlich oft auf einer Linie lag, nicht ausstehen konnte.[9]

Der Krisenmanager aus der Provinz: General Graf Loris-Melikov

Gefangen in diesem Konglomerat aus Beschränktheit und Selbst­beschäftigtheit kam man in der Petersburger Politik Anfang 1880 nicht weiter. Es bedurfte eines Neuanfangs und das bedeutete vor allem: einer neuen, „unverbrauchten“ Persönlichkeit. Gerade letzteres war ganz wichtig – beruhte doch Politik in der Autokratie des 19. Jahrhunderts mehr als alles andere auf dem persönlichen Faktor, auf Vertrauen zu und Einfluß von Individuen.[10] Im Februar 1880 schlug somit die Stunde jenes von der Petersburger Presse gepriesenen Michail Tariėlovič Loris-Melikov. Der Name sagt es bereits: Der 1824 geborene Kavalleriegeneral stammte aus altem armenischem Adel. In seiner erweiterten kaukasischen Heimat hatte er auch seine militärische Karriere gemacht, angefangen von den Kaukasus-Feldzügen über den Krimkrieg (1853-1856) bis hin zum russisch-türkischen Krieg von 1877/78. Als junger Offizier wirkte er in den 1840er Jahren an den erobernden Pazifizierungen in Čečenien und Dagestan mit, im Krimkrieg bewährte er sich, bereits als Oberst, an der russisch-türkischen Front im Südkaukasus bei zahlreichen militärischen Erfolgen, für die er mehrere Auszeichnungen und 1856 die Beförderung zum Generalmajor erhielt. Für seine Leistungen an der Kaukasusfront wurde er, längst im Range eines Kavalleriegenerals stehend, 1878 in den Grafenstand erhoben. Seit den 1860er Jahren demonstrierte Loris-Melikov, der bis dato vor allem als ebenso unerschrockener wie raffinierter militärischer Draufgänger galt, seine Fähigkeiten auch im (militär-) administrativen Bereich als Befehlshaber (načal’nik) des Terek-Gebietes im Nordkaukasus, wo er sich um die Etablierung einer imperialen Ordnung in dem mehrheitlich von staatsfremden Bergvölkern (Čečenen, Oseten, Ingušen etc.) bewohnten Territorium bemühte.[11] 

Mit Orden reichlich bestückt und mit dem prestigeträchtigen Rang eines kaiserlichen General-Adjutanten ausgestattet, begann Loris-Melikov 1879 eine Karriere als politischer Krisenmanager, zuerst als General-Gouverneur der unteren Volga-Gebiete, dann in gleicher Funktion in Char’kov. Dabei hatte der 54jährige nach dem russisch-türkischen Krieg andere Pläne entworfen. Gesundheitlich angegriffen wollte er sich nach einem Kuraufenthalt in Deutschland in St. Petersburg niederlassen, um dort in aller Ruhe fern ab kriegerischer Fronten eine seinem inzwischen erworbenen Prestige entsprechende administrative Position auszuüben – dabei hoffte er auf den Einfluß des ihm freundschaftlich verbundenen Kriegsministers Dmitrij A. Miljutin, um eine entsprechende Stelle in der Hauptstadt zu bekommen. In der Tat sollte Loris, nachdem er im Herbst 1878 aus Bad Ems nach St. Petersburg gereist war, bald eine Aufgabe zugeteilt bekommen, freilich nicht im Zentrum des Reiches, sondern abermals an der südlichen Peripherie. Ende 1878 hatten sich Nachrichten einer bedrohlichen Seuche im Gebiet von Astrachan’ verbreitet, im Januar 1879 entschied man sich in Petersburg, eine fähige Person mit außerordentlichen Vollmachten in den Südosten zu senden, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Kriegsminister Miljutin, Innenminister Makov und Staatspolizeichef Drentel’n machten sich hierbei für Loris-Melikov stark, so daß dieser am 24. Januar 1879 zum „Zeitweiligen [Vremennyj] General-Gouverneur des Gouvernements Astrachan’ und der umliegenden Gouvernements“ ernannt wurde, mit der Aufgabe, alle Maßnahmen zu treffen, um die ausgebrochene Pest einzudämmen. Durch die Ermächtigung, Erlasse „im Namen Seiner Kaiserlichen Majestät“ auszugeben, waren seine Kompetenzen schier unumschränkt: Alle örtlichen Offiziellen, die Gouverneure eingeschlossen, hatten sich den Anweisungen Loris-Melikovs widerspruchslos zu fügen, alle Institutionen des Reiches hatten ihm Unterstützung zu gewähren.[12]

Der Autokrat Aleksandr II. hatte sich entschieden, der gefährlichen Krise mit dem autokratischen Prinzip zu begegnen – keine Kommission, kein Krisenstab, kein runder Tisch, sondern eine Art Diktator sollte es richten. Angesichts der immer wieder zu beobachtenden Trägheit kollektiver Entscheidungsmechanismen in der Petersburger Spitzenpolitik war dieses Setzen auf den einzelpersönlichen Faktor nachvollziehbar, zudem entsprach es schließlich dem Selbstverständnis eines autokratischen Herrschers. Loris-Melikovs eindrucksvolle Erfolge in den Gebieten der unteren Volga – nach gut zwei Monaten hatte sich durch entschlossenes antiepidemisches Handeln die Lage normalisiert – bekräftigten beim Kaiser nur die Vorstellung, daß existentielle Probleme am besten von einer starken, unhinterfragten, einheitlichen Kommandostruktur zu lösen seien. Umgekehrt machte Loris vor Ort die Erfahrung, daß ihm die Unterstützung erfahrener und engagierter Praktiker – Ärzte, Veterinäre, aber auch Gutsbesitzer, Bauern und Händler – aus der Gesellschaft von unabdingbarem Nutzen war. Und die Gesellschaft vor Ort lernte, daß es unter den Statthaltern und Bürokraten des Zaren durchaus unterschiedliche Persönlichkeiten gab – Loris-Melikov gehörte sicherlich zu den fordernden, aber auch leistenden unter ihnen: Er verwaltete nicht die vorhandenen Verhältnisse, in diesem Fall das akute Elend, sondern er drängte auf zielgerichtete Aktion.[13]

Als Loris-Melikov in den ersten Apriltagen 1879 nach erfolgreicher Erledigung der ihm übertragenen Aufgabe nach Petersburg zurückkehrte, herrschte in der hauptstädtischen Politik Aufregung und Entsetzen. Wie angedeutet hatte am 2. April ein verkrachter Lehrer, der zum Revolutionär mutiert war, auf Aleksandr II. mehrmals aus nächster Nähe geschossen. Zwar blieb der Kaiser unverletzt, doch die Tat rief sogleich hektische politische Betriebsamkeit hervor – und der erfolgreiche Pestbezwinger der unteren Volga befand sich mitten drin. Als der Kaiser sich dafür entschied, in bedeutenden Städten des Reiches – St. Petersburg, Odessa, Kiev, Char’kov – zeitweilige General-Gouverneure zu etablieren (in Moskau gab es diesen Posten ohnehin schon), die in einem weiträumigen, ihrer Stadt zugeordneten Gebiet für Ruhe, Ordnung und „Normalität“ sorgen sollten, zählte Loris zu den selbstverständlichen Kandidaten für einen der neuen Posten. Wieder mußte er als Krisenmanager auf Reisen gehen, diesmal in das „kleinrussische“ Zentrum Char’kov, das schon aufgrund seiner Universität als besonders anfällig für revolutionäre Umtriebe galt. Zudem war dort etwa zwei Wochen zuvor der Gouverneur Fürst Dmitrij N. Kropotkin auf offener Straße angeschossen und tödlich verwundet worden. Ohne Zweifel stellte Char’kov also eine nächste große Herausforderung für Loris dar, der er in den Augen des Kaisers durchaus gerecht werden sollte.

Abermals mit breitesten Vollmachten ausgestattet, versuchte der neue Char’kover General-Gouverneur in steter Abstimmung mit den zuständigen Petersburger Ministern, sein Ziel der Normalisierung der Zustände auf mehreren Geleisen zu erreichen: Intensivierte Kontrolle, Reform der Polizeikräfte, Verbesserung des Verhältnisses zwischen den Kräften des Staates und der Gesellschaft, aber auch Reformen im universitären Bildungswesen, wobei der disziplingewohnte General den richtigen Weg für die Universitäten keineswegs in einer umfassenden Liberalisierung, sondern eher in einer verantwortungsvollen Disziplinierung erblickte. Allerdings war Loris-Melikov eben Pragmatiker genug, um sich konkreten Problemen mit individuellem Augenmaß zu nähern. So stellte er sich etwa in manchen Fragen gegen den allseits verhaßten Bildungsminister Tolstoj – und erwarb sich damit vor Ort, an der Universität in Char’kov, durchaus Kredit. Wie schon sein Wirken in Astrachan’ brachte auch die Char’kover Zeit für Loris-Melikov zahlreiche Erkenntnisse. Bei aller entschiedenen Verurteilung der gegen Kaiser und Staat gerichteten Aktivitäten merkte der General, daß für die steigende Unzufriedenheit in der Gesellschaft, die mitunter bis zur mehr oder weniger heimlichen Sympathie für die Terroristen reichen konnte, auch reale Defizite in der Ausgestaltung der Beziehungen von Staat und Bevölkerung verantwortlich gemacht werden mußten. Dies bedeutete, daß die entstandene Krisensituation nicht nur durch das Aufspüren und Zerschlagen terroristischer Zirkel zu beheben war, sondern daß mehrschichtig operiert werden mußte. Nicht nur im Bildungswesen, sondern auch in der lokalen Verwaltung, ob auf dem Land oder in der Stadt, im Polizeiwesen, aber auch auf dem weiten Feld der Landwirtschaft gab es Handlungs-, Reform- und Verbesserungsbedarf: Damit bei den Menschen das Gefühl entstehen konnte, daß ihre Lebensqualität besser wurde, mußten die Interessen und Wünsche der Gesellschaft gegenüber der bürokratischen Administration stärker berücksichtigt werden. Hier, in der Erkenntnis, daß nicht nur Verbrecher zu verhaften waren, sondern die Bevölkerung auf neue, produktive und nachhaltige Weise in den Staat eingebunden werden mußte, lag die gedankliche Leistung des Praktikers Loris-Melikov.[14]

Zwar war er im Rußland des 19. Jahrhunderts keineswegs der erste und einzige Staatsmann mit dem Bewußtsein für die Notwendigkeit des Entgegenkommens – wie erwähnt hatten andere schon Jahre vorher versucht, ihren Einfluß beim Kaiser dahingehend geltend zu machen. In jenen unruhigen Tagen jedoch gelang es Loris-Melikov – vielleicht gerade, weil er vor Ort, in der Provinz, konkret handeln konnte –, sich mit seiner projektierten Strategie, die Autokratie durch die Einbeziehung der Gesellschaft stärker zu machen, als neuartiger Typ von Staatsmann zu positionieren. Daß er dabei durchaus im autokratischen Prinzip das richtige politische Gestaltungsmittel sah, machte sein Eintreten für eine Kompetenzausweitung und institutionelle Verstetigung der zeitweiligen General-Gouverneure deutlich. Was einerseits im Interesse der eigenen Position und Karriere interpretiert werden muß – schließlich stellte sich Loris-Melikov auf ein längeres Wirken in Char’kov ein –, verweist anderseits auf die grundlegende Verankerung des Generals im politischen Rahmen der Selbstherrschaft. Loris-Melikov war kein im europäischen Sinne Liberaler – und ein verkappter „Demokrat“ schon gar nicht. Sein Willen, nicht nur die Störenfriede zu bestrafen, sondern auch der „vernünftigen“ Gesellschaft entgegenzukommen, ruhte auf der Vorstellung einer benevolenten Autokratie, die es dementsprechend zu stärken galt.

Das Konzept für die Gesamtstaatsebene war untrennbar verbunden mit dem Vorgehen in der Provinz: Als General-Gouverneur demonstrierte sich Loris mit seinen offensichtlichen Erfolgen in Astrachan’ und Char’kov selbst, daß der mit straffer Hand geführte Kurs von Härte und Integration erfolgversprechend war. Bezeichnenderweise empfand Loris-Melikov es als einen ganz wesentlichen Erfolg seiner Tätigkeit in Char’kov, daß „allmählich die Anerkenntnis und die Überzeugung von der Kraft der Regierungsmacht in die Gesellschaft einzudringen beginnen“. Auswege aus den Krisensituationen erblickte er in der „unzertrennlichen Verbindung [...] zwischen General-Gouverneur [als dem Vertreter der Staatsmacht] und der Gesellschaft“. Die Autokratie sollte also in ihrer Rezeption bei der Bevölkerung erneuert und belebt werden, dazu bedurfte es mächtiger, aber – mindestens genauso wichtig – auch charakterlich qualifizierter Statthalter des Kaisers in der Provinz, die ihre Aufgabe ernst nahmen, rasch und entschieden Stärke zeigten und dann übergingen zu einer überzeugenden, fruchtbringenden Transmission autokratischer Herrschaft in ihr jeweiliges Gubernium. Daß dazu mehr gehörte als nur die notwendige Bevollmächtigung, nämlich die Fähigkeit des jeweils verantwortlichen Spitzenbeamten, mit seiner Performanz die Bevölkerung zu überzeugen, versuchte Loris dem Kaiser klar zu machen: Die Autorität der Macht wird nicht nur von den Rechten getragen, die ihr zu eigen sind, sondern auch von der Handlungsweise ihrer Vertreter und dem von diesen in der Gesellschaft erworbenen Einfluß; deswegen gehört zur Frage der Rechte der Gouverneure auch in gleichem Maße ihre personelle Besetzung. Loris-Melikov war Anfang 1880 selbstbewußt genug, um Aleksandr II. gegenüber zu betonen, daß viele [der vom Kaiser ernannten Gouverneure – M.S.], wie [...] wahrscheinlich auch der Innenminister bestätigen wird, nicht völlig ihrer Ernennung gerecht werden, und es keine Grundlage für die Annahme gibt, daß sich bei einer Ausweitung der [Gouverneurs-] Rechte das Kontingent, aus dem heraus derzeit die Gouverneure ernannt werden, verbessern würde. Die von Loris vorgeschlagene Lösung dieses Problems erscheint erstaunlich beschränkt und setzt linear und ausschließlich am persönlichen Faktor an: Da es kaum gelingen werde, für mehr als 50 Gouverneursposten die passende, den Herausforderungen der Zeit entsprechende Besetzung zu finden, gelte es, die Institution von General-Gouverneuren, die mehreren Gouvernements zusammengefaßt vorstanden, zu verstetigen. Diese General-Gouverneure, wenige an der Zahl, könnten dann – befreit von alltäglichen administrativen Details, um die sich ja weiterhin die Gouverneure zu kümmern hatten – ihre ganze Kraft aus überhöhter Position der „Wiederherstellung der normalen Ordnung“ im Land und der „Rückkehr [...] zum Weg weiteren fortschrittlichen Erfolges [put’ dal’nejšego progressivnogo pereu­spejanija]“ widmen.[15]Die „Unterstützung der Gesellschaft“ als „hauptsächliche Kraft“: Loris-Melikovs Plan zur Reform der Autokratie

Loris-Melikovs Ausführungen vom Februar müssen bei Aleksandr II. gut angekommen sein. In jedem Fall teilte man im Winterpalast die Einschätzung, daß die Kombination von Festigkeit gegenüber jenen Elementen, die gegen die gegebene Rechtsordnung verstießen, und erweitertem Wohlwollen gegenüber der im Grundsätzlichen loyalen Mehrheit, bei der eine neue Begeisterung für die Autokratie entfacht werden sollte, ein gangbarer Weg war. Dies um so mehr, als man Anfang 1880 mit Loris-Melikov über eine unverbrauchte Persönlichkeit verfügte, die mit Erfolgen in der Praxis, auf breiter Basis erworbenem Respekt, einer beeindruckenden, militärisch gefestigten Aura und einer auf die Stimmung der Zeit reagierenden Eloquenz für diese Zweigleisigkeit warb. Im übrigen wollte es das Schicksal abermals, daß General Loris-Melikov, wie schon im April 1879, plötzlich in St. Petersburg auftauchte, als die Dinge eine neuerliche, unerhörte Zuspitzung erfuhren. Ende Januar 1880 war der General-Gouverneur aus Char’kov nämlich in die Hauptstadt gereist, um seine Vorstellungen, zu denen er wohl unterschiedliche Reaktionen erwartete, gegebenenfalls durch persönliche Anwesenheit zu stützen. Kaum angekommen, wurde Loris durch die erwähnte Explosion im Winterpalast die bekannte Problematik in bislang nicht gekannter Drastik vorgeführt. Damit schlagen wir den Bogen zur eingangs geschilderten Konstellation – der Begeisterung und Hoffnung, die die Petersburger Presse General Loris-Melikov entgegenbrachte. Nach der Explosion „im eigenen Haus“ am 5. Februar reagierte Aleksandr II. nämlich schnell und befahl, daß der viel gerühmte Krisenmanager von nun an sein erfolgreiches Wirken auf Hauptstadt- und damit Reichsebene entfalten sollte.

Warum die Presse leicht für den neuen Stern am Petersburger Himmel zu entflammen war, dürfte nach der geschilderten Vorgeschichte Loris-Melikovs verständlich sein. Es bleibt zu klären, wie er seine Ideen von einer belebten autokratischen Herrschaft nun in St. Petersburg umzusetzen gedachte. Der Kaiser tat alles, um seinen persönlichen Hoffnungsträger institutionell zum Retter zu befähigen. So willigte er nach anfänglicher Ablehnung in den Vorschlag seines Sohnes und Thronfolgers Aleksandr Aleksandrovič ein, eine Sonderkommission mit beträchtlichen innenpolitischen Vollmachten einzusetzen. Die konservative Entourage des Thronfolgers hatte ihre eigenen Vorstellungen und verband mit der neuen Kommission die Hoffnung, daß ein kompromißloser Kopf – man hatte den früheren Petersburger Stadthauptmann General Fedor F. Trepov im Auge – als eine Art „Diktator“ mit dem ganzen Aufruhr schnell und straff fertigwerden würde, wogegen sich die bisher amtierenden, zuständigen Spitzenbeamten – Innenminister Makov, Staatspolizeichef Drentel’n, General-Gouverneur Iosif V. Gurko und Stadthauptmann Aleksandr E. Zurov –  nicht nur durch un­­­über­sichtliche Kompetenzüberschneidungen, sondern vor allem auch durch persönliche Feindschaften gegenseitig lähmten. Der Kaiser griff schließlich am 9. Februar mangels alternativer Visionen doch den Vorschlag einer Sonderkommission auf – und ernannte zur Überraschung aller und zur Freude vieler Loris-Melikov als ihren Vorsitzenden. Zwar hatte sich der General längst einen Namen gemacht, doch bislang nicht in der Petersburger Politik, weshalb seine Beförderung durchaus für überraschtes Aufsehen sorgte, das er von Beginn an mit seinem unkonventionellen Auftreten noch stimulierte. Die schon bald einsetzende Benennung seines Wirkens als „Diktatur von Herz und Verstand“ hatte ihren Ursprung in jener erwähnten, die Petersburger Publizistik begeisternden Proklamation, in der Loris-Melikov getreu seinen in Astrachan’ und Char’kov angestellten Überlegungen einerseits „strenge Maßnahmen zur Bestrafung der verbrecherischen Handlungen“ ankündigte, anderseits – und hier lag das für die Öffentlichkeit des Russischen Reiches Aufsehenerregende – deutlich machte, daß er „in der Unterstützung der Gesellschaft“ die „hauptsächliche Kraft“ erblickte, mit der die Staatskrise zu überwinden sei. Für die Autokratie – und auch für die von Aleksandr II. auf mehreren Gebieten gegenüber der Vorgängerherrschaft veränderte Autokratie – war dies ein unerhörtes Postulat: Zum ersten Mal wurde der russischen Gesellschaft von einem ranghohen Staatsmann ganz offiziell eine politische Relevanz zugebilligt, die über die Erwartung selbstverständlicher Loyalität und Dankbarkeit gegenüber dem Herrscher hinausging.[16]

Daß Loris-Melikovs Wendung an die Bevölkerung nicht nur – wenn­gleich sicherlich auch – popularitätssuchender Appell war, demonstrierte er in den nächsten, im Bewußtsein der Zeitgenossen durchaus erfolgreichen Monaten in der Petersburger Politik: Die Autokratie signalisierte der Gesellschaft unter Vermittlung von Graf Loris-Melikov, daß sie zu Entgegenkommen bereit war. Eine liberalere Presse- und Zensurpolitik, die viel gerühmte Abschaffung der Salzsteuer, ein bewußtes Zugehen auf die lokalen Selbstverwaltungsorgane, denen man mehr Relevanz zubilligen wollte, eine neue Wertschätzung für die unabhängige Justiz, erhöhte Revisionen, um Dysfunktionalitäten in der staatlichen Administration aufzudecken, die Milderung der Strafpraxis – nur einige Punkte aus dem bewegten Jahr 1880 seien genannt.[17] Für Loris-Melikovs sagenhaften Ruf zeichneten noch zwei andere, gleichermaßen reale wie – noch wichtiger – symbolische Aktionen verantwortlich: Zum einen gelang es Loris im April nach, wie er selbst sagte, „zweimonatigen Anstrengungen“,[18] den bei der gebildeten und zu bildenden Gesellschaft mehrheitlich verhaßten, sich jedoch bei Hofe großer Beliebtheit erfreuenden retrograden Bildungsminister Graf Tolstoj los zu werden. Es war dies weit mehr als eine Personalie, stand Tolstoj doch sowohl für die Aufhebung der universitären Autonomien und für erhöhte Exklusivität des Hochschulzugangs als auch für die Durchsetzung des „klassischen“ Lehrplans im Gymnasium mit der Schwerpunktsetzung auf alten Sprachen und der Mathematik zur Verhinderung von aktualitätsbezogener Bildung. Gerade unter der Jugend im Russischen Reich war Tolstoj damit zur Personifizierung der Reaktion geworden, zum Symbol für Exklusion und Kuratel.[19] Wollte man die unzufriedenen, bildungs- und selbständigkeitshungrigen jungen Generationen wieder in die Autokratie einbinden, mußte, so fand Loris, ein Kurswechsel in der Bildungspolitik her, der mit Tolstoj nicht zu machen war. Daß der General den bis zuletzt widerstrebenden Kaiser schließlich überzeugen konnte, Tolstoj, den letzterer für einen Garanten der Stabilität gehalten hatte, von seiner Aufgabe zu entbinden, sollte ihm noch mehr Sympathien in der Gesellschaft verschaffen, wie Kriegsminister Miljutin richtigerweise voraussagte: „Diese Maßnahme wird ohne jeden Zweifel einen guten Eindruck in ganz Rußland hervorrufen, und alle werden Loris-Melikov aufrichtig Dank sagen.“ Tatsächlich machte, da Tolstoj in der Osterzeit seinen Hut nehmen mußte, in St. Petersburg ein geflügeltes Wort die Runde, das den orthodoxen Ostergruß „Christus ist auferstanden, wahrlich, er ist auferstanden“ abwandelte in: „Tolstoj ist abgelöst, wahrlich, er ist abgelöst!“[20]

Nicht weniger sensationell für das Jahr 1880 war die Auflösung der berüchtigten „Dritten Abteilung“ der Kaiserlichen Kanzlei im August und die Eingliederung der Staatspolizei in das Innenministerium, dessen Chefsessel Loris gleichzeitig übernahm. Die Lage im Land schien sich erst einmal beruhigt zu haben, so daß der „Diktator“ Loris gegenüber dem Kaiser die Auflösung der Kommission und damit die Liquidierung seines Postens als Kommissionsvorsitzender vorschlug. Loris hielt es für möglich, die Staatsangelegenheiten wieder in „normales“ Fahrwasser zu bringen, das im Februar eingeführte Sonderorgan aufzulösen und die Politik den regulären Organen, sprich: vor allem dem Innenministerium, zu übertragen. Da aber die Vorstellung einer „starken“ zentralen Macht zu seinem Konzept einer tragfähigen Autokratie gehörte, schlug er vor, auch die Polizeikräfte im Innenministerium zusammenzulegen, was für die Dritte Abteilung der Kaiserlichen Kanzlei, die immer mehr als Symbol intransparenter, nicht nachvollziehbarer Willkür außerhalb der staatsrechtlichen Ordnung gegolten hatte, einen völligen Funktionsverlust bedeutete. Das einerseits gestärkte, anderseits, durch die Ausgliederung der Post- und Telegraphenabteilungen in ein eigenes Ministerium auch verschlankte Innenressort hatte der „Diktator“ ohnehin für sich selbst als künftiges Betätigungsfeld ausersehen, angesichts seiner guten Bilanz bedurfte es da wohl keiner großen Überzeugungsarbeit beim Kaiser. Für Loris-Melikov bedeutete die Übernahme des Innenmini­steriums, traditionell eines der wichtigsten und einflußreichsten Ressorts, daß er sich in der regulären Regierungsstruktur an vorderster Stelle etablierte und gleichzeitig potentielle Konkurrenten in der politischen Gestaltung wie den bisherigen Amtsinhaber Lev S. Makov, der mit dem neuen Postministerium „entschädigt“ wurde, oder den Vorsitzenden des Ministerkomitees, P. A. Valuev, der selbst mehrere Jahre das Innenressort geleitet hatte, auf Abstand halten konnte.

Kein Zweifel, Loris-Melikov war zum maßgeblichen Staatsmann in St. Petersburg geworden, man blickte auf ihn, man hoffte auf ihn, man rechnete mit ihm – kaum jemand, der Kaiser eingeschlossen, konnte sich seiner Ausstrahlung entziehen.[21] Der General nahm damit jene Rolle eines vom Kaiser tolerierten inoffiziellen Richtlinienkompetenzinhabers in der russischen Politik ein, die vor ihm bereits Großfürst Konstantin Nikolaevič (um 1860), Petr A. Valuev (Mitte der1860er) oder Petr A. Šuvalov (um 1870) ausgeübt hatten. So konnte Loris auch seinen größer angelegten Entwurf zur Neugestaltung der Beziehungen von Staat und Gesellschaft auf die Tagesordnung setzen: seine Vorschlagsvariante zur Beteiligung von Deputierten aus der Provinz am Gesetzgebungsprozeß. Diese Vorstellung der eingeschränkten Heranziehung von Teilen der Bevölkerung zur legislativen Gestaltung des Reiches war, wie angedeutet, keine Erfindung von „Michel I.“, wie ihn der eifersüchtige Valuev hinter seinem Rücken gerne nannte:[22] Von den vergleichbaren Projekten des damaligen Innenministers Valuev (1863) und des Großfürsten Konstantin (1866) sowie ihrer Ablehnung war bereits die Rede. Mit Loris-Melikov und seiner messianischen Aura änderte sich Anfang 1881 aber plötzlich alles. Sein Vorschlag zur Beteiligung der Gesellschaft an den Staatsgeschäften basierte in der Substanz auf den Vorgängern, simplifizierte deren Ausarbeitungen – und wurde vom Kaiser angenommen.[23]

Loris-Melikov betonte, übrigens wie seine beiden in diesem Anliegen erfolglosen Vorgänger, daß es nicht um die Einrichtung „einer Volksvertretung nach westlichem Muster“ ging, sondern um eine mehrstufige indirekte Realisierung gesellschaftlicher Mitwirkung. Am Anfang sollte die Einberufung „zeitweiliger Vorbereitungskommissionen“ in St. Petersburg stehen, deren Mitglieder vom Kaiser ausgewählt werden sollten. Gedacht wurde dabei an Vertreter von Regierungsinstitutionen und andere im weitesten Sinne kompetente Leute. In letzterem Punkt lag das Entscheidende: Die Formulierung, wer diese in Frage kommenden anderen Leute sein konnten, ist lang und umständlich, „lullt“ geradezu mit vertrauten Termini aus dem autokratisch-bürokratischen Diskurs ein, und öffnet am Ende, nahezu unbemerkt das Tor: Mit allerhöchster Genehmigung eingeladene bewanderte und zuverlässige Personen im Staatsdienst und außerhalb des Staatsdienstes, die sich durch besondere Leistungen in der Wissenschaft oder durch Erfahrung auf diesem oder jenem Zweig der Staatsverwaltung oder im Volksleben auszeichnen.Personen, die sich durch Erfahrung „im Volksleben“ [narodnaja žizn’] auszeichnen – damit war der Kreis berufungsfähiger Kommissionsmitglieder grundsätzlich sehr weit gezogen, die enge Verknüpfung mit dem Staatsdienst, die im traditionellen Sinne exkludierende Wirkung gehabt hätte, wurde bewußt transzendiert.[24]

Die Ergebnisse der Beschäftigung jener Vorbereitungskommissionen mit Finanz- und Verwaltungsfragen sollten in einem zweiten Schritt in einer „Allgemeinen Kommission“ erörtert werden. Diese „Allgemeine Kommission“ sollte aus Mitgliedern der Vorbereitungskommissionen und – wichtig – Abgeordneten aus den Provinzen bestehen. Und abermals zeigt sich das Bemühen, in aller Vorsicht die Tore für eine breitere Beteiligung an der legislativen Erörterung zu öffnen. Jene Abgeordneten aus den Provinzen und Städten des Reiches waren zwar von den Selbstverwaltungsorganen zu bestimmen, konnten aber auch – wie schon in den Vorbereitungskommissionen – Personen sein, die selbst kein Amt und keine Funktion in der Administration ausübten: Es mußten nur „nützliche und kundige“ Leute sein, die von den regionalen und städtischen Gremien ausgewählt werden konnten. Auch hieran läßt sich das Loris-Melikovsche Credo ablesen, daß die grundsätzlich wohlwollenden und kooperationsbereiten Teile der Bevölkerung – ohne Zweifel die überwältigende Mehrheit in jenen Tagen – in den Staat und seine Prozesse wohlabgewogen integriert werden sollten.

Die Beschlüsse der Allgemeinen Kommission sollten dann in den Staatsrat gelangen, der wie bisher die Gesetzesprojekte einer Erörterung und einer für den Autokraten nicht bindenden Abstimmung zu unterziehen hatte.[25] Was uns heute aus dem Blickwinkel reicher demokratischer und parlamentarischer Erfahrungen als mageres Zugeständnis von des Kaisers Gnaden erscheinen mag, war für das autokratische Rußland des 19. Jahrhunderts ein aufsehenerregendes Vorhaben. Zwar wäre auch weiterhin nichts gegen den kaiserlichen Willen durchsetzbar und die gesellschaftliche Mitwirkung an der Politik nur als beratend zu klassifizieren gewesen. Der wichtige qualitative (Fort-) Schritt bestand aber in dem Eingeständnis, daß die Probleme des Landes auch auf der zentralen Regierungsebene nicht mehr ohne die Einbeziehung der Bevölkerung zu lösen waren. Mochte es Kaiser, Hof und Politik auch im Innersten widerstreben – man war auf gesellschaftliche Unterstützung angewiesen und hatte dies auch erkannt. Wie hoch man die Bedeutung jenes Vorhabens einstufte, wird schon daran deutlich, daß sich bald die – deplazierte – Benennung als „Konstitution“ breit machte – zunächst im Sinne eines Schreckgespenstes von Seiten der retrograden Gegner, dann von der liberal gesinnten Publizistik im Sinne einer verpaßten Chance. Damit ist schon gesagt, was der bekannte Fortgang der Geschichte des Russischen Reiches ohnehin längst offenbart hat: Aus dem Loris-Melikovschen Vorschlag wurde, wie aus den Vorgängerprojekten, auch nichts. Ausgerechnet an jenem Tag, als Aleksandr II., der nach einigen Erörterungen im Kreis seiner bedeutendsten Staatsmänner im Februar 1881 schon seine Zustimmung gegeben hatte, dem Vorsitzenden des Ministerkomitees, Petr Valuev, den Text zur letzten, mehr formalen Prüfung zuleitete, zerfetzte eine Bombe den Körper des Kaisers, und damit auch die Vorstellung einer reformierten Autokratie.[26]

Die Umstände des Scheiterns des Beteiligungsprojektes können hier nicht näher ausgeführt werden; unter dem Einfluß reaktionärer Vertrauter und Berater distanzierte sich der Thronfolger Aleksandr Aleksandrovič von dem ganzen Anliegen. Der persönliche Faktor war – wieder einmal – ausschlaggebend: Wenigen Männern gelang es, im Angesicht eines ängstlichen und überforderten neuen Kaisers Aleksandr III., das ganze de facto schon beschlossene, von weiten Kreisen in Politik und Gesellschaft begrüßte Vorhaben schlecht und kaputt zu reden.[27] Mit des Kaisers öffentlichem Bekenntnis zur uneingeschränkten Autokratie im April 1881 war Loris-Melikovs Zeit und Chance beendet. Er und seine Mitstreiter im Sinne einer autokratischen Reformregierung – Finanzminister Abaza, Kriegsminister Miljutin, Justizminister Nabokov, Bildungsminister Saburov u. a. – hatten für ihre Reformpläne der Autokratie Realisierungschancen nur mit dem Willen des Kaisers, nicht aber gegen ihn. Aleksandr III. war ein visionsloser Mann, seine politischen Vertrauten suchten ihr Heil in ängstlicher Bewahrung des Bestehenden, die überwältigende öffentliche Sympathie für die politischen Belebungsversuche war in ihren Augen allenfalls Anlaß zu erhöhter Besorgnis. Obwohl der Vorschlag Loris-Melikovs nie offiziell abgelehnt wurde, war er spätestens seit dem Ausscheiden des Innenministers und anderer progressiver Staatsmänner aus der Regierung im Mai 1881 vom Tisch.[28]

Rußlands politische Führung verschenkte damit, das sollten nicht die 1880er und nicht die 1890er Jahre, wohl aber das erste Viertel des 20. Jahrhunderts zeigen, eine vielversprechende Möglichkeit, das Verhältnis von Staat und Gesellschaft rechtzeitig auf eine neue, tragfähige Grundlage zu stellen. Sicher, die vorsichtigen Vorschläge des pragmatischen Quereinsteigers in die Politik, die im übrigen seit langem im Umlauf befindliche Überlegungen wieder aufgriffen, hätten wohl nur ein Anfang sein können, ein Anfang freilich, der weitergehende Anpassungen an die sich ändernden sozialen Realitäten und Erwartungen in der rußländischen Gesellschaft möglich gemacht hätte. Der Versuch, die Autokratie allmählich auf eine breitere Grundlage zu stellen, indem man zivilgesellschaftliches Potential anerkennen und nutzen wollte, hätte, so steht zu erwarten, Gesellschaft und Staat nicht in jene nur scheinbar unvermeidlichen Frontstellungen des frühen 20. Jahrhunderts gebracht, an deren Ende nicht nur der Sturz der Autokratie, sondern auch der hilflose Untergang demokratisch-parlamenta­rischer, aber auch zivilgesellschaftlicher Visionen in Rußland stand.

Der Anfang von diesem Ende liegt bereits im Jahr 1881 verborgen: Die nach dem Attentat vom 1. März im kaiserlichen Umfeld dominierende Einstellung, die Reformen Aleksandrs II. seien für das russische Volk schon mehr als genug gewesen, ja, hätten gar – so wie auch Loris-Melikovs „Geschwätz“ über Reformen und Zugeständnisse – ihre Untauglichkeit demonstriert, diese Einstellung führte das Kaisertum auf einen Holzweg, dessen Unpassierbarkeit sich erst in der Erschütterung von 1905, vor allem aber in der inneren Katastrophe während des Ersten Weltkriegs in aller Drastik zeigte. Daß zu jener Zeit mit Nikolaj II. ein in politischen Dingen hilf-, ahnungs-, vor allem aber völlig gespürloser Mann den Thron einnahm, wurde nicht zuletzt deswegen so fatal für Rußland, weil man schon vorher versäumt hatte, das Erbe der Zeit Aleksandrs II. weiterzuentwickeln und damit den seit Peter dem Großen immer wieder so impulsgebenden Europäisierungsgedanken auf eine Weise fortzuführen, die dem gesellschaftlichen Wandel des Industrialisierungs- und Mobilisierungszeitalters gerecht geworden wäre.[29]

Das soll nicht heißen, daß von einer stromlinienförmigen Entwicklung, von einem gemeineuropäischen Musterweg auszugehen ist, ganz im Gegenteil: Die russische Bevölkerung unterschied sich noch im 19. Jahrhundert in ihren sozialen Strukturen gewaltig von den europäischen Gesellschaften; doch gerade weil die Lebenswelten der bäuerlichen Mehrheit unaufgeklärt, traditionalistisch und eigengesetzlich waren, gerade weil in der rußländischen Gesamtschau Werte mittel- und westeuropäischer (Staats-) Bürgerlichkeit gering ausgeprägt waren, wirkt der vorsichtige, angepaßte Pragmatismus Loris-Melikovs perspektivenreich. Dabei muß das staatsmännische Wirken des armenischen Generals keineswegs idealisiert werden. Schon im 19. Jahrhundert verschwand die anfängliche Begeisterung für den seltsamen Reformer schnell. Zwar klang in der Petersburger Presse beim Ausscheiden Loris-Melikovs aus der Politik im Mai 1881 noch einiges vom anfänglichen Jubel nach, indem man sein Wirken sehr positiv würdigte, auch hielt sich in verschiedenen Gesellschaftsschichten durchaus eine gewisse Popularität.[30] In anderen Diskursgemeinschaften dagegen konstruierte man das Bild eines hochstapelnden Versagers: Daß er im konservativen Lager nach dem Attentat, das seine Bemühungen nicht verhindert hatten, „unten durch“ war, bedarf keiner besonderen Erklärung. Und auch das hochnäsige Herabblicken arrivierter Petersburger auf den angeblich naiven Wichtigtuer – nach seinem Scheitern, wohlgemerkt – ist so verwunderlich nicht.[31]

Doch selbst von den russischen Liberalen wurde er, auch hier im nachhinein, mitunter heftig kritisiert: Es habe ihm bei aller Klugheit, an „staatspolitischem Sinn“ (gosudarstvennyj smysl) gefehlt, Rußland habe er „überhaupt nicht gekannt“, von den staatsbürgerlichen Ordnungen habe er nur ein „völlig wirres Verständnis“ gezeigt und er sei – angestachelt von „maßlosem Ehrgeiz“ – zu „jedweden krummen Wegen“ bereit gewesen, um seine eigene Popularität zu befördern. Der eminente liberale Jurist Boris N. Čičerin mag mit seinem wenig schmeichelhaften Urteil über Graf Loris-Melikov in vielem richtig liegen.[32] Doch abgesehen davon, daß seine Charakterisierung auf fast jeden wichtigen Staatsmann des russischen Kaiserreiches im 19. Jahrhundert – und in manchem auch auf die Mehrheit der liberalen Intelligenz – passen würde, übersah Čičerin, daß der General nicht nur die Notwendigkeit politischer Reformen in der Zeit einer Staatskrise erkannt, sondern auch sein staatsmännisches Wirken mit ihrer Implementierung verknüpft hatte. Für einen Rechtswissenschaftler mochte der armenische General tatsächlich keine adäquate Vorstellung vom Staatsrecht haben, er verfügte jedoch über eine schnelle und erdennahe Auffassungsgabe, die ihn zu zügigem und zielgerichtetem Handeln drängte. Überhaupt konstatierten die meisten Zeitgenossen, die in irgendeiner Form mit Loris-Melikov zu tun hatten, daß er sehr schnell begriff und sich gut auf die jeweiligen Umstände einstellen konnte. Freilich, was uns als geistige Beweglichkeit erscheinen mag, war für manche Zeitgenossen schlicht „asiatische Schlauheit“, eine Klassifizierung, die in St. Petersburg nicht als Kompliment verstanden werden wollte.[33] Doch auch wenn es sowohl für die liberale Intelligenz wie auch die arrivierte hauptstädtische Haute Volée mental schwer zu verarbeiten war: Beinahe wäre es ausgerechnet dem ahnungslosen „Kommißkopf“ aus der Provinz geglückt, die Autokratie mit einem protokonstitutionellen Reformprojekt zu beleben. Einen Versuch wäre es in jedem Falle wert gewesen.



[1] Nedelja, 24.2.1880; Golos, 16.2.1880; Novoe vremja, Datum nicht identifizierbar; Golos, 15.2.1880; Molva, Datum nicht identifizierbar; Nedelja, 24.2.1880 [Hervorhebungen im Original] – alle zitiert nach einer großangelegten, wertvollen Quellensammlung zu Loris-Melikov, inkludiert in: Itenberg, Boris / Tvardovskaja, Valentina: Graf M.T. Loris-Melikov i ego sovremenniki. Moskau 2004, S. 243-677, hier S. 403 ff. 

[2] Die Literatur zur Zeit der „Großen Reformen“ ist umfangreich. Für den Überblick zum Thema siehe beispielsweise Lincoln, Bruce W.: The Great Reforms. Autocracy, Bureau­cracy, and the Politics of Change in Imperial Russia. DeKalb 1990; Eklof, Ben (Hrsg.): Russia’s Great Reforms, 1855-1881. Bloomington 1994; Beyrau, Dietrich / Hildermeier, Manfred: Von der Leibeigenschaft zur frühindustriellen Gesellschaft (1856 bis 1890), in: Hellmann, Manfred u.a. (Hrsg.): Handbuch der Geschichte Russlands, Bd. 3. Stuttgart 1983 ff., S. 5-201; Saunders, David: Russia in the Age of Reaction and Reform 1801-1881. London / New York 1992, S. 204-277; Emmons, Terence / Vucinich Wayne (Hrsg.): The Zemstvo in Russia. An Experiment in Local Self-government. Cambridge 1982; Babe­rowski, Jörg: Autokratie und Justiz. Zum Verhältnis von Rechtsstaatlichkeit und Rückständigkeit im ausgehenden Zarenreich 1864-1914. Frankfurt am Main 1996; Černucha, Valentina: Vnutrennjaja politika carizma s serediny 50-ch do načala 80-ch gg. XIX v. Leningrad 1978; Zajončkovskij, Petr: Krizis samoderžavija na rubeže 1870 – 1880 godov. Moskau 1964.

[3] Zur Geschichte der revolutionären Bewegung in Rußland siehe im Überblick Offord, Derek: Nineteenth-Century Russia. Opposition to Autocracy. Harlow 1999; Venturi, Franco: Roots of Revolution. A History of the Populist and Socialist Movements in Nineteenth-Century Russia. London 2001; auch Bogučarskij: Iz istorii političeskoj bor’by v 70-ch i 80-ch gg. XIX veka. Partija “Narodnoj Voli”, eja proischoždenie, sud’by i gibel’. Moskau 1912 sowie das Kapitel „Kramola” in: Tatiščev, Sergej: Imperator Aleksandr II. Ego žizn’ i carstvovanie. Moskau 2006 [Original 1903], S. 884-916.

[4] Zu den Attentaten auf Aleksandr II. siehe im biographischen Rahmen Tatiščev, Sergej, Imperator Aleksandr II., S. 903 ff.; Ljašenko, Leonid: Aleksandr II., ili istorija trech odinočestv. Moskau 2010, S. 285 ff.; Nikolaev, Vsevolod: Aleksandr II. Biografija. Moskau 2005 [Original 1986], S. 410 ff.; Carrère d’Encausse, Hélène: Alexandre II. Le printemps de la Russie. Paris 2008, S. 390 ff.

[5] Der Wortlaut des Textes „Zapiska Velikago Knjazja Konstantina Nikolaeviča“ in: Bermanskij: „Konstitucionnye“ proekty carstvovanija Aleksandra II, in: Vestnik prava 1905, № 9, S. 223-291, konkret 270-284, die Zitate 270-271. Zu Hintergrund, Umfeld und Entstehungsgeschichte des Projektes siehe Voronin, Vsevolod: Russkie pravitel’stvennye liberaly v bor’be protiv „aristokratičeskoj partii“ (seredina 60-x – seredina 70-ch gg. XIX v.). Moskau 2009, S. 74-163.

[6] Fürst Sergej N. Urusov war ein hochrangiger Staatsrechtler der alexandrinischen Ära; er wirkte u.a. als Sekretär des Staatsrates [und damit in jener Zeit de facto als Geschäftsführer des Staatsratspräsidenten Konstantin Nikolaevič], später als Chef der zweiten, für das Rechtswesen zuständigen Abteilung der Kaiserlichen Kanzlei, schließlich als Vorsitzender der Rechtsabteilung des Staatsrates. Izvlečenija iz vospominanij stats-sekretarja Peretca, otnosjaščichsja k 1880-1881 gg., in: Gosudarstvennyj Archiv Rossijskoj Federacii [GARF], fond 677, opis’ 1, delo 134, list 1ob., zitiert nach Voronin, Vsevolod, Russkie pravitel’stvennye liberaly, S. 137 f.

[7] Tagebucheintrag des Großfürsten Konstantin vom 13. Januar 1880 in: GARF, f. 722, o. 1, d. 1164, l. 11ob.; Graf P.A. Valuev, Dnevnik 1877-1884. Petrograd 1919, S. 50 ff.

[8] Zu Aleksandr Aleksandrovič siehe Velikij Knjaz’ Aleksandr Aleksandrovič: Sbornik dokumentov. Moskau 2002; Barkovec, Ol’ga: Neizvestnyj Imperator Aleksandr III. Očerki o žizni, ljubvi i smerti. Moskau 2002; Černucha, Valentina (Hrsg.): Aleksandr Tretij. Vospominanija, Dnevniki, Pis’ma. St. Petersburg 2001.

[9] Vgl. hierzu Valuev, Dnevnik 1877-1884, S. 50 ff. sowie demnächst Stadelmann, Mat­thias: Großfürst Konstantin Nikolaevič. Der persönliche Faktor und die Kultur des Wandels in der russischen Autokratie. In Vorbereitung zur Publikation, Wiesbaden 2012.

[10] Vgl. dazu demnächst Stadelmann, Großfürst Konstantin Nikolaevič.

[11] Zu Dienst- und Lebensweg von Loris-Melikov siehe Itenberg / Tvardovskaja, Graf M.T. Loris-Melikov; Kostanjan, Jurij: Graf Michail Tarielovič Loris-Melikov (1824-1888). St. Petersburg 2005; Danieljan, Garegin: General Graf Loris-Melikov. Erevan 1997.

[12] Eine Kopie des „Allerhöchsten Erlasses“ [Vysočajšij ukaz] befindet sich in Loris-Melikovs persönlichem Fond im Russischen Historischen Staatsarchiv zu St. Petersburg (RGIA, f. 866, d. 5, l. 2-5). Siehe Itenberg / Tvardovskaja, Graf M.T. Loris-Melikov, S. 344 ff., aber auch 48 ff.; zur Entscheidung für Loris-Melikov: Dnevnik D.A. Miljutina, Bd. 3, 1878-1880. Moskau 1905, S. 112 ff.

[13] Zu seiner Tätigkeit im Gebiet von Astrachan’ im Detail siehe Itenberg / Tvardovskaja, Graf M.T. Loris-Melikov, S. 57 ff.; Danieljan, General Graf Loris-Melikov, S. 64 ff.; Kostanjan, Graf Michail Tariėlovič Loris-Melikov, S. 56 ff.; auch: Mittheilungen über die Pest Epidemie im Winter 1878 - 1879 im russischen Gouvernement Astrachan: Nach dem seitens der dorthin entsandten Kommission an die deutsche Reichsregierung erstatteten Berichte, bearbeitet von August Hirsch und M. Sommerbrodt. Berlin 1880.

[14] Zu Loris-Melikovs Wirken in Char’kov siehe Itenberg / Tvardovskaja, Graf M.T. Loris-Melikov, S. 71 ff.; Danieljan, General Graf Loris-Melikov, S. 67 ff.; Kostanjan, Graf Michail Tariėlovič Loris-Melikov, S. 60 ff.

[15] Vsepoddannejšij otčet General-Ad’’jutanta Grafa Loris-Melikova po vremennomu Char’kovskomu general-guberanatorstvu, predstavlennyj Ego Imperatorskomu Veličestvu 2-go fevralja 1880 goda, RGIA, f. 908, d. 402, auszugsweise publiziert in Itenberg /  Tvardovskaja, Graf M.T. Loris-Melikov, S. 390-400, die Zitate hier S. 397-400. Generell ist dieser „Alleruntertänigste Bericht“ des Char’kover General-Gouverneurs vom 2. Februar 1880 aufschlußreich für Loris-Melikovs während seiner Zeit in Char’kov entwickelten politischen Vorstellungen, aber auch für konkrete durchgeführte Maßnahmen. Verschiedene Beispiele dafür, wie der neue zeitweilige General-Gouverneur bei verschiedenen Gesellschaftsgruppen „ankam“, siehe Itenberg / Tvardovskaja, Graf M.T. Loris-Melikov, insb. S. 95 ff.

[16] Loris-Melikovs Proklamation „K žiteljam stolicy“ wurde abgedruckt im Pravi­tel’stvennyj vestnik vom 14.2.1880. Siehe auch Itenberg / Tvardovskaja, Graf M.T. Loris-Melikov, S. 403.

[17] Seit August 1880 agierte Loris-Melikov, wie gleich anschließend noch ausgeführt wird, nicht mehr als außerordentlicher „Diktator“, sondern als Innenminister. Ausführlicher zur Politik Loris-Melikovs Itenberg / Tvardovskaja, Graf M.T. Loris-Melikov, S. 102-174.

[18] Ispoved’ grafa Loris-Melikova, in: Katorga i ssylka. Istoriko-revoljucionnyj vestnik. 1925, № 1 (14), S. 118-125, hier S. 122.

[19] Zu Graf D. A. Tolstoj und der russischen Bildungspolitik siehe etwa Stepanov: Dmitrij Andreevič Tolstoj, in: Bochanov (Hrsg.): Rossijskie konservatory. Moskau 1997, S. 233-286; Sinel, Allen: The Classroom and the Chancellery: State Educational Reform in Russia under Count Dmitry Tolstoi. Cambridge 1974; Brower, Daniel: Training the Nihilists: Education and Radicalims in Tsarist Russia. Ithaca 1975.

[20] Miljutina, Dnevnik: Bd. 3, S. 243; Ispoved’ grafa Loris-Melikova, S. 122.

[21] Vgl. etwa die recht spitzen, aber anschaulichen Bemerkungen der Gräfin Kleinmichel: Klejnmichel’, Marija Ė.: Iz potonuvšego mira, in: Za kulisami politiki 1848-1914. Moskau 2001 [original 1923], S. 447-192, hier S. 467 ff.

[22] Valuev, Dnevnik 1877-1884, S. 142, 155, 160.

[23] Die Texte aller drei Projekte nachzulesen bei Bermanskij: „Konstitucionnye“ proekty carstvovanija Aleksandra II.

[24] Vsepoddanejšij doklad gr. M.T. Loris-Melikova, in: Bermanskij: „Konstitucionnye“ proekty carstvovanija Aleksandra II, S. 284-291, die Zitate auf S. 287 f.

[25] Vsepoddanejšij doklad gr. M.T. Loris-Melikova, S. 288. Auch zu den Sitzungen des Staatsrates sollte es dem Kaiser möglich sein, sofern es ihm „wohlgefällig“ sei, nach seinem Gutdünken externe, aber stimmberechtigte Teilnehmer von Fall zu Fall hinzuzuziehen.

[26] Für Details zum Attentat vom 1. März 1881 siehe die Schilderungen der Fürstin Jur’evskaja (Dolgorukova), die unter dem Pseudonym Viktor Laferté erschienen: Jur’evskaja, Ekaterina: Knjaginja Jur’evskaja (pod psevdonymom Viktor Laferté). Aleksandr II. Moskau 2004, S. 102 ff. oder auch die in Anm. 4 genannten Biographien Aleksandrs.

[27] Siehe dazu Stadelmann, Matthias: „Die Einladung der Gesellschaft“ und ihre Ausladung. 1881 als Schicksalsjahr in Rußlands politischer Geschichte, in: Stadelmann, Mat­thias / Antipow, Lilia (Hrsg.): Schlüsseljahre. Zentrale Konstellationen der mittel- und osteuropäischen Geschichte. Festschrift für Helmut Altrichter zum 65. Geburtstag. Stuttgart 2011, S. 185-201.

[28] Dem Rücktritt der beiden führenden Reformminister Loris-Melikov und Aleksandr A. Abaza war der nochmalige Versuch vorausgegangen, einerseits das Reformprojekt wieder zu beleben, anderseits auch die Position der Ministerregierung gegenüber dem Kaiser auf eine neue, kabinettartige Grundlage zu stellen. Es schien, als ob es den Ministern im April 1881 beinahe gelungen wäre, den ahnungslosen Aleksandr III. zu überrumpeln, unter dem Einfluß seines Vertrauten Konstantin Pobedonoscev jedoch ließ der Kaiser seiner hilflosen Zustimmung zu einer neuen Art ministerlicher Politikausübung das erwähnte Manifest folgen, in welchem er sich zur uneingeschränkten Selbstherrschaft bekannte. Damit war alles zuvor mit den Ministern Vereinbarte de facto widerrufen und der Einsatz von Loris-Melikov und Kollegen konterkariert. Vgl. Stadelmann, „Die Einladung der Gesellschaft“, S. 196 ff.; das Manifest Aleksandrs III. vom 29. April 1881: Polnoe Sobranie Zakonov Rossijskoj Imperii, Sobr. III, Tom 1, S. 53-54 [Nr. 118].

[29] Zur Geschichte Rußland im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts siehe etwa Ascher, Abraham: The Revolution of 1905, 2 Bde. Stanford 1988 ff.; Lieven, Dominic: Nicholas II. Emperor of All the Russias. London 1993; Warth, Robert: Nicholas II. The Life and Reign of Russia’s Last Autocrat. Westport 1997; Rogger, Hans: Russia in the Age of Modernisation und Revolution, 1881-1917. London 1983; Hutchinson, John: Late Imperial Russia 1890-1917. London 1991; Hildermeier, Manfred: Die Russische Revolution 1905-1921. Frankfurt / Main 1989.

[30] Vgl. dazu etwa die Reaktionen der Zeitungen Sankt-Peterburgskie vedomosti, Porjadok, Strana, Rus’, Nedelja, Zemstvo, Novoe vremja u. a., gesammelt bei Itenberg / Tvardovskaja, Graf M.T. Loris-Melikov, S. 603 ff. sowie die Beobachtung der Zeitzeugin Bogdanovič, Aleksandra: Tri poslednich samoderžca. Moskau 1990, S. 74.

[31] Nur einige Beispiele seien hier genannt: Klejnmichel’, Iz potonuvšego mira, S. 467 ff.; Knjaz’ Meščerskij: Moi vospominanija. Moskau 2001 [Original 1897-1912], S. 443 ff.; Valuev, Dnevnik 1877-1884, S. 146 ff.; Tolstaja, Aleksandra: Zapiski frejliny. Pečal’nyj ėpizod iz moej žizni pri dvore. Moskau 1996, S. 184 ff.

[32] Čičerin, Boris: Vospominanija. Zemstvo i Moskovskaja duma. Moskau 1934, S. 99, zitiert nach Itenberg / Tvardovskaja, Graf M.T. Loris-Melikov, S. 668. Vgl. auch die in manchem ähnliche Einschätzung von Koni, Anatolij zu Loris-Melikov, nachzulesen in seinen Gesammelten Werken: Koni, Anatolij: Graf M.T. Loris-Melikov, in: Sobranie sočinenij, tom 5. Moskau 1968, S. 188-195. Gegensätzliche Qualitäten wurden Loris-Melikov u. a. von Michail Saltykov-Ščedrin bescheinigt, freilich nicht ex post, sondern noch 1880, in einem Brief an N. D. Chvoščinskaja sprach der Schriftsteller von einem „klugen Menschen“, der auch über „Kenntnisse vom Volk“ verfüge. Der Brief ist abgedruckt bei Saltykov-Ščedrin, Michail: Sobranie sočinenij, Tom XIX, Kniga I. Moskau 1976, S. 150 f.

[33] Čičerin, Vospominanija, S. 98, zitiert nach Itenberg / Tvardovskaja, Graf M.T. Loris-Melikov, S. 668. Vgl. auch die Ausführungen des Revolutionärs Rusanov, Nikolaj: Na rodine, 1859-1882. Moskau 1931, S. 259.