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Anne Applebaum: Gulag - A History

Besprochen von John Andreas Fuchs

Anne Applebaum: Gulag – A History. New York, Doubleday 2003, illustriert, 677 S.

Am 11. Juni 2003 zitierte Michael McFaul in der New York Times den amerikanischen Präsidenten George W. Bush bei dessen Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz: "And this site is also a strong reminder that the civilized world must never forget what took place on this site. May God bless the victims and the families of the victims, and may we always remember." McFaul bemängelt, daß Bush bei seinem anschließenden Besuch in Sankt Petersburg nicht auch die Solowetzker Inseln besuchte, den Ort der ersten Lager in Sowjetrußland. Auch habe er die Welt nicht dazu aufgerufen, sich "immer an die Opfer des Kommunismus zu erinnern". Diese, so McFaul, würden allzu oft vergessen.

            Anne Applebaums 2003 bei Doubleday, New York, erschienenes Werk Gulag - A History[1] ist all jenen gewidmet, die nicht vergessen, sondern beschrieben haben, was in den russischen Lagern geschehen ist. Applebaum gliedert ihr Werk in drei große Themenbereiche: die Ursprünge des Gulags, das Leben in den Arbeitslagern sowie Aufstieg und Fall des Lagersystems. Sie kann ihr Werk nicht nur auf den zahlreichen detaillierten Berichten Betroffener und Zeitzeugen[2] gründen, sondern untermauert es mit intensiven Recherchen in den nun zugänglichen russischen Archiven.[3]

            Gerade hierin liegt die große Leistung Applebaums: Anders als Solženicyn ist Applebaum keine Zeitzeugin, und ihr Gulag ist das erste Projekt eines westlichen Historikers, das nach der Öffnung der sowjetischen Archive einen Überblick über die Geschichte des Gulags von seinen Anfängen bis zu seinem Ende ermöglicht. Applebaums Aufarbeitung des Gulags vermeidet dabei jedes Aufwiegen mit den nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Sie neigt in ihren Schilderungen nicht zu Übertreibungen und wortgewaltigen Inszenierungen des Schreckens. Ihre Sprache bleibt stets sachlich - Adjektive kommen fast überhaupt nicht zur Verwendung -, selbst die Schilderungen des Lagerlebens nebst den zum Alltag gewordenen Vergewaltigungen kommen ohne plakative Sprache aus, und sind durch die simple Wiedergabe der Fakten um so eindrücklicher (vgl. S. 308 ff).

            "This is a history of the Gulag. By that, I mean that this is a history of the Soviet concentration camps" (S. XXV) - diese Geschichte der russischen Konzentrationslager legt Anne Applebaum Schritt für Schritt frei, von den Vorgängern unter den Zaren, über den schrecklichen Terror des russischen Bürgerkrieges der Jahre 1918 bis 1921 und den Übergang von der Idee der Umerziehung zur menschlichen Versklavung. Hier läßt Applebaum einen Vergleich anklingen, der auf den ersten Blick gewagt scheint: Sie verwendet den Begriff Genozid im Zusammenhang mit dem Gulag, meint jedoch nicht genocide im Sinne von Vernichtung von Leben, wie sie von den Nationalsozialisten in den Vernichtungslagern betrieben wurde, sondern cultural genocide - die Transformation von Personen in Unpersonen im Orwell'schen Sinn. Namen wurden getilgt, Dokumente gefälscht, ganze Landstriche verschwanden von Karten - der Gulag war das Land der lebenden Toten.

            Applebaum schreibt gegen diesen Zynismus an; sie macht es sich zur Aufgabe, gegen das Vergessen zu kämpfen, und dies gelingt ihr mit ihrer fachlichen, durch Anekdoten bereicherten Darstellung auf eindrückliche Weise. Vor diesem Hintergrund kann man auch die Schlaglichtartigkeit der drei Hauptteile des Buches erklären, denen es an einer gewissen Kontinuität und innerem Zusammenhang mangelt. Besonders der erste, chronologische Teil "The Origins of the Gulag, 1917-1939" hebt sich von den beiden folgenden Teilen, "Life and Work in the Camps" und dem ebenfalls chronologischen "The Rise and Fall", ab. Mit dem Solowetzker Sonderlager und dem Bau des Weißmeer-Kanals bringt Applebaum die beiden Wurzeln des Gulags in den Fokus und illustriert anhand von Solowki und Belomor die damals grundgelegten, immer wiederkehrenden Muster im System des Archipel Gulag. Leider bleiben die schrecklichen Ereignisse und Millionen Opfer des russischen Bürgerkrieges und des Terrors (1918-21) kaum berücksichtigt. Dieser zweite Teil mit seinen detaillierten Beschreibungen der in den Lagern begangenen Verbrechen und der Leiden der Opfer bildet den Brennpunkt von Applebaums Anliegen.

            Bereits in ihrem Vorwort ordnet Anne Applebaum ihr Werk in den Prozeß ein, in dem es darum geht, Licht ins Dunkel der russisch-sowjetischen Geschichte zu bringen. Sie möchte keine abschließende Geschichte des Gulags vorlegen, sondern ein vernachlässigtes Kapitel des 20. Jahrhunderts in den Fokus der Öffentlichkeit bringen. So ist auch zu verstehen, daß einige neuere Publikationen - wie z.?B. Meinhard Starks Studien über die Frauen im Gulag[4] und Ralf Stettners Analyse des Gulags als Wirtschaftsgiganten[5] - bei Applebaum keine Berücksichtigung finden. Ärgerlicher jedoch ist der Umgang mit den verwendeten Bildquellen: Die Bildunterschriften sind teilweise nichtssagend und versäumen es, die Bilder in den nötigen Kontext zu stellen. Außerdem ist auf Abbildung 5c nicht Jagoda, sondern Ežov neben Stalin zu sehen.

            Diese Pannen, so störend sie sind, schmälern jedoch keineswegs Applebaums Verdienst im Kampf gegen das Vergessen der "Hälfte der europäischen Geschichte" (S. 576), wie sie es selbst wiederholt nennt. Indem sie die Greuel der kommunistischen Terrorherrschaft ans Tageslicht bringt, hilft sie einer breiten Öffentlichkeit, die dunkle Seite der menschlichen Natur zu verstehen; um es mit ihren eigenen Worten zu sagen:

 

"The more we are able to understand how different societies have transformed their neighbors and fellow citizens from people into objects, the more we know of the specific circumstances which led to each episode of mass torture and mass murder, the better we will understand the darker side of our own human nature. This book was not written †˜so that it will not happen again' […] This book was written because it almost certainly will happen again† (S. 576).

 

            Ihre abschließende Warnung vor der Attraktivität totalitären Gedankengutes für Millionen von Menschen betont ihre anfängliche Warnung vor der Herunterspielung der stalinistischen Verbrechen - und ist leider sehr aktuell. Stimmen, die eine Wiedererrichtung der Statue Felix Dzier?y?skis, des Gründers der ?eka, auf dem Platz vor der Lubjanka fordern, wecken die brennende Hoffnung, daß Anne Applebaums Buch möglichst oft gelesen wird.

 

(J.A.G. Fuchs)



[1] Bei der deutschen Ausgabe, die 2004 im Siedler-Verlag, Berlin, erschienen ist, handelt es sich um eine gekürzte Fassung des Werkes.

 

[2] Wie z.B. die Bücher von Jewgenia Ginsburg Gratwanderung (München, Piper 1982) und Marschroute eines Lebens (München, Piper 1992) sowie Warlam Schalamow Kolyma (München, Langen-Müller 1975).

 

[3] Applebaum recherchierte u.a. im Moskauer Staatsarchiv, in den Baltischen Republiken, in Archangelsk, Petrozavodsk, Syktyvkar und Vorkuta.

 

[4] Stark, Meinhard: "Ich muß sagen, wie es war". Berlin, Metropol 1999.

 

[5] Stettner, Ralf: "Archipel GULag". Paderborn u.a., Schöningh 1996.