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Lars Karl (Hrsg.): Leinwand zwischen Tauwetter und Frost. Der osteuropäische Spiel- und Dokumentarfilm im Kalten Krieg

Besprochen von Wiebke Bachmann

Lars Karl (Hrsg.): Leinwand zwischen Tauwetter und Frost. Der osteuropäische Spiel- und Dokumentarfilm im Kalten Krieg, Metropol Verlag, Berlin 2007, 320 S.

Aktuelle Forschungen zum Kalten Krieg widmen dem Aspekt Kultur vermehrt Aufmerksamkeit. Rana Mitter und Patrick Major (in: Saki Dockrill / Geraint Hughes, Hrsg.: Advances in Cold War History. Palgrave 2006) gehen sogar davon aus, daß der globalisierte Kulturkampf ein Hauptmerkmal des Kalten Krieges war, welches nicht weniger einflußreich gewesen sei als politische oder militärische Macht. Noch bleibt jedoch ein enormer Forschungsbedarf in diesem Bereich bestehen, obwohl Kultur wohl die Grundlage jeder Beeinflussung darstellt. Der Filmkunst kommt in diesem Kontext in Osteuropa eine besondere Rolle zu, da schon Lenin sie als "wichtigste aller Künste" zur Verbreitung von ideologischen Werten ansah. Dieser hervorgehobenen Stellung des Films widmet sich der Sammelband Leinwand zwischen Tauwetter und Frost. Der osteuropäische Spiel- und Dokumentarfilm im Kalten Krieg. Der Osteuropahistoriker Lars Karl vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam präsentiert eine Publikation zur Erforschung von Funktion und Bedeutung des Mediums Film in Osteuropa nach 1945 und bietet damit auch einen Beitrag zur Debatte um die Rolle der Kultur im Kalten Krieg.

Die Beiträge des Bandes gruppieren sich um vier Bereiche. Zunächst geht es um "Film als Herrschafts- und Repräsentationsmittel - Film und Ideologie", was die Rolle des Films als ideologisches Instrument untersucht. Im nächsten Teil "Film und Kinosaal. Filmöffentlichkeiten und Zensur" setzen sich einige Artikel mit Grenzen und Möglichkeiten der Filmverwirklichung innerhalb der ideologischen Vorgaben auseinander. Als Mittel der "Kulturaußenpolitik" wird der Film in vier Beiträgen des dritten Teils analysiert. Die Autoren widmen sich der Konfrontation und der Kooperation der sowjetischen Filmwirtschaft über den Eisernen Vorhang hinweg. Ebenfalls blockübergreifend nähern sich drei Beiträge des letzten Teils dem Aspekt "Sozialistische Filmfeste und der Westen im Kalten Krieg".

Über das einende Forschungsobjekt, den Film in Osteuropa und der DDR, vereint der Band eine Vielzahl an Themen. Nach Fragen ideologischer Grundlagen und Beeinflussungen werden die Darstellung des Warschauer Aufstands in polnischen Filmen (José M. Faraldo) ebenso untersucht wie die Art der Thematisierung von Lagern in osteuropäischen und westdeutschen Filmen (Günter Agde) oder die Instrumentalisierung des Dokumentarfilms in der DDR als ideologische Waffe (Roman Deckert, Ger­hard Wiechmann, und Cord Eberspächer).

Die meisten Artikel des Bandes nähern sich der Rolle der Kultur und den Kulturbeziehungen im Kalten Krieg induktiv, ausgehend von einem oder mehreren Filmbeispielen. Der an Osteuropa interessierte Leser gewinnt so gute Kenntnisse der dortigen filmgeschichtlichen Epochen und deren Spezifika. Weitenteils ziehen die Darstellungen Archivforschungen und Zeitungsanalysen heran und nutzen die jeweiligen osteuropäischen Forschungsbeiträge. Die zweite Hälfte des Buches, mit den Teilen 3 und 4 ist allerdings ungleich stärker und insbesondere diese Beiträge sind es, die interessante Analysen vorstellen und Ansätze zu einem breiteren Verständnis der Zeit des Kalten Krieges liefern.

Die Filmproduktion der UdSSR hatte in den 1930er Jahren stetig abgenommen und immer weniger Filme schafften es aufgrund der ideologisch eng gefaßten Kriterien durch die Zensur. Stalin selbst galt als scharfer Kritiker von Drehbüchern und auch herausragende Regisseure wie der im In- und Ausland gefeierte Sergej Eisenstein gerieten unter den Vorwurf des ideologischen Verrats. Nach dem Tode Stalins nahm die Filmproduktion in den 1950er Jahren schnell zu und die mit dem "Tauwetter" verbundenen Lockerungen wurden sichtbar. Daß auch diese Zeit weiter Beschränkungen unterlag, zeigt Carola Tischler in ihrer umfassenden Analyse zum Film "Zakon", Das Gesetz, der die Repressionen der 1930er Jahre thematisierte. 1964 in der Atmosphäre des Tauwetters von Vladimir Naumov und Aleksandr Alov produziert, wurde der Film von den zuständigen Behörden nicht zugelassen. Erst zur Zeit der Gorba?evschen Perestrojka konnte er gezeigt werden, gewann aber auch dann nicht die Aufmerksamkeit des Publikums. Tischler zeigt, daß Vergangenheitsbewältigung auch in der Tauwetterperiode nur begrenzt stattgefunden hat. Sie verdeutlicht außerdem, daß eine Aufarbeitung z.B. des stalinistischen Terrors bis heute unvollständig blieb, da während der Perestrojkajahre, die eine solche Auseinandersetzung endlich erlaubten, die individuelle Verarbeitung durch eine verallgemeinernde Stigmatisierung des totalitären Regimes überdeckt wurde.

Daß die Angst vor einem negativen Image zur Zeit des Kalten Krieges ebenso wesentlich Gesellschaften bestimmte, ist Fazit der Auseinandersetzung von Lars Jockheck mit einem frühen Versuch einer gemeinsamen Filmproduktion zwischen Polen und der Bundesrepublik. Die Tauwetterperiode hatte das Projekt "Der 8. Wochentag" von 1957 ermöglicht, dennoch scheiterte die Koproduktion aufgrund von bürokratischen Vorgaben beider Seiten und gesellschaftlichen Erwartungen: Beim Publikum fand der Film mit seinen offenen Darstellungen keine Akzeptanz. Das Merkmal einer solchen Koproduktion war daher in erster Linie der Austausch der Beteiligten über den Eisernen Vorhang hinweg.

Eine andere Möglichkeit des Austauschs waren die Filmfestivals, mit denen sich die Beiträge von Caroline Moine und Lars Karl beschäftigen. Moine vertritt den Standpunkt, daß sich die Interpretation von Kulturbeziehungen auf mehreren Ebenen gleichzeitig abspielt und so z. B. auf den Filmfestivals einerseits der offiziellen Politik, andererseits aber den kulturellen, auch inoffiziellen Beziehungsgeflechten Bedeutung zukommt. Auf zeitlichen und räumlichen Verschränkungen aufbauend, zeichnet sie Möglichkeiten und Grenzen des Austauschs nach und fragt nach Gemeinsamkeiten für eine Pointierung des Jahres 1968. Karl analysiert die Entwicklung der Moskauer Internationalen Filmfestspiele und weist anhand dieser nach, daß die Tauwetterperiode zwar eine ungeheure Produktionssteigerung in der Filmindustrie bewirkte, aber gewisse Themen eben dennoch ausgespart blieben. Die ideologische Grundlage der Filme wurde weiter betont, so in der Darstellung des Kampfes der Sowjetunion gegen Imperialismus und für den Frieden sowie der Entwicklung einer besseren Gesellschaft im Sozialismus. Der Austausch zwischen Filmschaffenden blieb weiterhin Restriktionen unterworfen, die westliche Avantgarde war ebenso wenig zugelassen wie gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen.

Der osteuropäische Film wurde nach außen wie nach innen als Instrument der Beeinflussung, Träger einer Aussage und nicht zuletzt auch als Ersatzbefriedigung eingesetzt. Damit unterlag die Produktion den dafür vorgegebenen Kriterien und grenzte die Möglichkeiten der Filmschaffenden deutlich ein. Die verschiedenen Filmbeispiele und Epochendarstellungen des Sammelbandes beweisen, daß diese Funktion "als Waffe" auch nach Stalins Tod bestehen blieb. Der Schwerpunkt des Sammelbandes liegt insbesondere auf der Filmproduktion der Tauwetterphase. Die Zusammen­stellung von Beispielen aus verschiedenen Ländern wie der UdSSR, Polen und der DDR, weist dabei auf Entwicklungsparallelen aber auch auf interessante Konkurrenzsituationen innerhalb des sozialistischen Lagers hin.

Viele Beiträge sind solide Forschungen, die basierend auf Dokumenten vielschichtige Analysen und Ansätze zu einem breiteren Verständnis der Zeit des Kalten Krieges anbieten. Daß dies nicht allen gelingt, ist sicherlich die größte Schwäche des Sammelbandes. Doch dem Leser bleibt eine breite Auswahl, um sich mit osteuropäischer Filmgeschichte, mit den Vorgaben für Kulturschaffende und mit länderübergreifenden Vergleichen auseinanderzusetzen. Damit wird die osteuropäische Kulturgeschichte ebenso bereichert wie die Forschung zum Kalten Krieg - ein Forschungsfeld, das an Bedeutung noch gewinnen wird und in Deutschland endlich mehr Aufmerksamkeit verdient.