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Simon S. Montefiore: Stalin. The Court of the Red Tsar

Besprochen von Jerzy Ma?ków

Simon Sebag Montefiore: Stalin. The Court of the Red Tsar. Phoenix, Orion Books Ltd., London 2004, 720 S., 25,- £

Montefiore hat ein furioses Werk vorgelegt, das im Jahre 2004 in Großbritannien zum "Geschichtsbuch des Jahres" gewählt wurde. In zahlreichen emphatischen Rezensionen wurde es zur besten Biographie Stalins erklärt, die je geschrieben worden ist. Gewiß trug dazu der Umstand bei, daß Montefiore in emsiger Arbeit die bisher nicht ausgewerteten Archivbe stände durchwühlt und Gespräche mit noch lebenden Zeugen der Stalin-Ära durchge führt hat. Eine nicht minder große Bedeutung für den Erfolg des Buches liegt aber auch in der Tatsache, daß der Autor als erfahrener Biograph großer Männer der russischen Geschichte durch gezielten Rückgriff auf die "leichte Kost" der Geschichtsschreibung - auf Anekdoten - eine alle Standards der Wissenschaft erfüllende Untersuchung zu einem spannenden Roman werden ließ. Gerade darin scheint der kommerzielle Erfolg des Buches begründet zu sein, vermeidet doch der Verfasser sensationelle Thesen, und sein Urteil bleibt stets nüchtern ausgewogen. Der Leser wird aber trotzdem garantiert von der Darstellung und Ana lyse der den Sowjetdiktator umge benden Welt ergriffen sein.

Dem Schein zum Trotz hat Montefiore keine Biographie Stalins vorgelegt. Nicht von unge­fähr lautet der Untertitel seines Werkes "Der Hof des roten Zaren", worunter die Stalin am nächsten stehenden Menschen verstanden werden. Die Erzählung über sie beginnt mit der literarisch anmutenden Darstellung der letzten Stunden von Nadežda Allilueva am Tag ihres vermeintlichen Selbstmordes am 8. November 1932. Nach Montefiore markiert dieser Tag den Wendepunkt im Leben jener höchsten Funktionäre der bolschewistischen Partei, die im Kreml und in dessen Nähe lebten. Das familiäre Scheitern Stalins wird somit zu einem Grund erklärt, wes halb der sozialistische Diktator auch seine nächsten Mitarbeiter und Angehörigen dem Terror unter stellte. Montefiore verfällt jedoch keineswegs in billiges Psychologisieren, sondern ist viel mehr bemüht, die Wirklichkeit außerhalb des "Hofes" nicht aus den Augen zu verlieren. Zugleich aber schreibt er keine Geschichte der Sowjetunion, obwohl der Hunger der Kollektivierungszeit, die Industrialisierung, der fürchterliche Krieg gegen die Deutschen und der Hunger nach dem Zweiten Weltkrieg in seinem Buch immer, wenn auch meistens nur andeu tungsweise, präsent sind. Er konzentriert sich jedoch klar vor allem auf den "Hof".

Dieser entwickelt sich im Laufe der dreißiger Jahre zunehmend zu einem Hort der mit Privi­legien versüßten Überlebensangst. Diese wird durch die Spirale des Terrors gesteigert, der als Reaktion auf die Ermordung von Kirov im Dezember 1934 beginnt und in den Jahren 1936-38 seinen Höhepunkt erreicht. Montefiore zeigt sowohl die Lenkung der Terror maschine durch Stalin als auch das unerträgliche Warten der höchsten Funktionäre samt ihrer Familien auf Verhaftung wie auch die Folgen der Drangsalierung. Das Auseinanderfallen der freundschaftlichen Gemeinschaft der Kreml-Größen im Laufe der Dreißiger spiegelt in gewisser Weise die Atomisierung der "normalen" sowjetischen Gesellschaft in der gleichen Zeit wider. Den höchsten Funk tionären werden Privilegien entzo gen, ihre Familien werden zerstört, Kinder verwaisen und werden in staatliche Einrich tungen abgeschoben - all dies dient der Beseitigung der tatsächlichen wie auch der potentiel len Widersacher Stalins, die sich während des 17. Parteikongresses im Januar 1934 gegen ihn zu verschwören begannen. Die unter Druck gesetzten Spitzenbolsche wiki bestehen diese schwierige Prüfung nicht. Sie lehnen sich gegen den Diktator nicht auf, wenngleich sie ein breites Spektrum an charakterologisch motivierten Überlebensstrategien an den Tag legen: von der grenzenlosen Naivität eines Nikolaj Bucharin über den kalkulierten Funktio nalismus eines Vja?eslav Molotov oder Lazar' Kaganovi? bis zur sadistischen und sexuellen Degeneration der Chefs der "Organe": Ežov, Jagoda und Berija.

Vor diesem Hintergrund erscheint Stalin als ein geradezu begnadeter Zyniker, der als Draht­zieher des Terrors seine Rolle nicht zuletzt durch die Morde an Ežov und Jagoda zu ver­stecken weiß, was dazu führte, daß nicht nur die gewöhnlichen Sowjetuntertanen immer wieder seufzten: "Wenn Stalin es nur wüßte, was nun mit den Menschen geschieht!" Stalin wird somit als der gewiefteste Killer in einer Clique von nicht zuletzt ideologisch motivierten Verbrechern gezeigt. Die Spit zenfunktionäre waren einander insofern alle gleich, als sie sich zum Teil rührend um das Schicksal ihrer Familien und insbesondere ihrer Kinder kümmern, während sie allesamt ohne Widerrede Befehle, die Hunderttausende und Millionen Menschen das Leben kosten, signie rten. Montefiore läßt keinen Zweifel daran entstehen, daß nicht nur die berüchtigten Chefs der "Organe" samt Stalin, sondern auch ChruÅ¡?ev, Kaganovi?, Molotov, Malenkov u. a. - wie ChruÅ¡?ev es ausdrückte - "Hände bis zum Ellenbogen in Blut" hatten. Stalin ragte insofern heraus, als er seine Intelligenz, politische Erfahrung und Autorität, die von niemandem angezweifelt wurde, im fürchterlichen Spiel des Terrors am besten einzusetzen wußte.

Als der einzige Gegner, der ihm fast gewachsen war, wird Hitler dargestellt. Stalin, daran gewöhnt, daß die ausländischen Politiker bestimmten Prinzipien folgen, hat seinen deutschen Partner völlig falsch eingeschätzt. Dieser hat sich nämlich als ein ebenso rücksichtsloser Mörder erwiesen, dem weder die Ehre noch das Menschenleben etwas bedeuteten. In­tellektuell war er aber Stalin unterlegen, was nicht zuletzt in seinen "Kriegskünsten" zum Ausdruck kam. Im Gegensatz zum sowjetischen Diktator, der nach vernichtenden Niederla­gen gegen die Deutschen im Jahre 1941 gelernt hatte, daß er sich auf die Kompetenz jener wenigen Hochoffiziere stützen muß, die er vor 1939 nicht hatte umbringen lassen, verstand sich der militärische Dilettant Hitler bis zum Ende als ein Feldherr. Stalin gelang es dagegen, seine fähigsten Generäle (vor allem Žukov) sowohl gegen die deutschen Angreifer zu nut zen als auch nach dem Krieg zu entmachten. Seine Autorität als "Bezwinger des Faschis mus" ist dadurch so groß geworden, daß er nach dem Krieg eigentlich keinen Widersacher mehr zu fürchten brauchte. Trotzdem ging er erneut gegen seine vermeintlichen Gegner vor. Daß keine neue Spirale des großen Terrors aufgedreht werden konnte und die große Verfolgung von Juden und Ärzten letztlich ausblieb, geht ausschließlich auf den Tod des Autokraten Anfang März 1953 zurück. Er lag einige Tage lang im Sterben, davon einen halben Tag auf seinem mit Urin befleckten Sofa ohne ärztliche Fürsorge allein gelassen, während die Mitglieder des Politbüros die Weichen für den Kampf um die Nachfolge stellten.

Montefiore liefert neben dem Porträt Stalins, der nicht nur als Politiker, sondern auch als Vater, Intellektueller und "Freund" gezeigt wird, zahlreiche Persönlichkeitsskizzen der wichtigsten Parteifunktionäre. Ferner erhellt er Hintergründe, die zahlreiche Erscheinungen der da maligen Zeit besser verstehen lassen. Trotzdem bleibt Stalin die zentrale Figur des Werkes. Er erscheint als ein Mensch aus Fleisch und Blut, etwa in Ausführungen über seine in tellek tuellen Qualitäten - er hat unermüdlich gelesen, nach seinen eigenen Angaben ca. 500 Seiten am Tag. Solche Informationen bewirken zwar eine gewisse "Normalisierung" dieser oft mythologisierten Gestalt, aber sie lassen leider die Bedeutung Stalins als die Schlüsselperson des der sozialistischen Idee verpflichteten gesellschaftli chen und politischen Systems etwas außer acht.

Zugleich wird die Redewendung vom "roten Zaren" (es war - nebenbei bemerkt - der hervorragende polnische Rußland kenner Jan Kucharzewski, der im Jahre 1922 als erster über das "rote Zarentum" schrieb) von Montefiore durchaus ernstgenommen. Er achtet dabei nicht darauf, "Rußland" von der "Sowjetunion" abzugrenzen und benutzt beide Begriffe auf auswechselbare Weise. Damit fügt er sich in die im heutigen Rußland typische "Russifizie­rung" der Sowjetunion ein, und dies ist eine der größten Schwächen des Werkes. Stalin mag sich Ivan den Schrecklichen zum Vorbild genommen haben und über seine eigene Rolle als (eine Art) "Zar" ab und zu nachgedacht haben. Er war aber letzten Endes vor allem ein Führer jenes Sowjetstaates, der entstanden ist, um den Sozia lismus und Kommunismus aufzubauen. Er war zudem der Chef einer Partei, die sich zu diesem Zweck dieses Staates bediente. Seine Mitarbeiter waren insofern keine - wie Montefiore sie immer wieder nennt - "Magnaten", "Bojaren" und "Prokonsule", sondern in erster Linie die höchsten Apparatschiks des ideologischen Parteistaates.

Auf das Verhältnis Stalins zu Rußland geht Montefiore mehrfach ein. An einer Stelle schreibt er darüber, daß Rußland für den Georgier ein "Schicksal" geworden sei. Auch die Proble­matik der Einstellungen Stalins zu verschiedenen Nationen wird sehr gut beleuchtet. Er erscheint insofern als moderner Mensch, als er in schlichten, zuweilen primitiven Vorurteilen über ganze Nationen denkt: die Juden seien immer verdächtig und könnten nicht trinken, die Polen würden stets eine Bedrohung für Rußland und die Sowjetunion darstellen, die Russen bräuchten den Zaren u. a. Montefiore zeigt zudem, daß diese Einstellungen sich auf eine fürchterliche Weise auf die Behandlung der betroffenen Völker und Nationen durch die Sowjetmacht auswirkte. Der Leser wird aber das Gefühl nicht los, daß in diesem vom Verfasser skiz zierten Weltbild eines "russifizierten Georgiers" die ideologische Hingabe zum sozialistischen Imperium zu kurz kommt. Ähnliches läßt sich leider über das Verhältnis des ehemaligen Priester-Aspiranten zur Religion und insbesondere zur russisch-orthodoxen Kirche sagen. Es ist in diesem Zusammenhang nicht nachvollziehbar, weshalb das Treffen Stalins mit dem Metropoliten Sergij im September 1943, das diese Kirche endgültig zum Teil des Sowjetstaa tes umwandelte, im Buch nicht erwähnt wird.

Der größte Wert des Werkes besteht nicht darin, daß Montefiore etwa Fakten entdeckt hätte, die beispielsweise Robert Conquest (Stalin. Breaker of Nations) unbekannt gewesen wären. Es gelingt ihm aber ohne Zweifel, jene auch in der Wissenschaft populäre Sicht zu revidieren, die ein anderer bolschewistischer Verbrecher, Lev Trockij, und ein fanatischer Trotzkist, Isaac Deutscher, maßgeblich geprägt hatten: Stalin sei ein Bürokrat, eine Art Verkörperung der Herr schaft des gefühllosen Apparates gewesen. Vielmehr skizziert Montefiore ein plastisches und packendes Bild des Menschen Stalin, der im mer dann charmant und witzig sein konnte, wenn die Intelligenz, kühnes Machtkalkül und die ihm zur Verfügung stehende staatliche Mordmaschine nicht ausreichten, um zum Teil wahnwitzige politische Ziele zu erreichen oder schlicht Mordgelüste zu stillen.