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Nikita Petrov: Pervyj predsedatel' KGB Ivan Serov [Der erste KGB-Vorsitzende Ivan Serov], Moskau, Verlag Materik

Besprochen von Aleksandr Vatlin

Das Genre des Buches, das hier rezensiert werden soll, geht über die Grenzen einer politischen Biographie hinaus. Vielmehr handelt es von der Geschichte des sowjetischen repressiven Systems ab Ende der dreißiger bis Anfang der sechziger Jahre, die aufgrund einzigartiger historischer Quellen dargelegt wird. Aber von diesen im Schlußteil der Rezension. Zuerst etwas über die Hauptfigur, einen Menschen, der für die Entwicklung der Staatssicherheitsorgane der UdSSR nicht wenig tat, doch im Schatten seiner ungeheuer prägnanten Vorgänger Nikolaj Ežov oder Lavrentij Berija blieb.

Der Beginn des Erwachsenenlebens von Ivan Aleksandrovi? Serov, einem Sohn einfacher Bauern, fiel in die NÖP-Zeit. Er empfand sich bereits als Berufsmilitär, als er auf Befehl der Partei die Abzeichen an seiner Uniform wechseln mußte: Im Juli 1939 wurde er zum stellvertretenden Chef der Hauptverwaltung Staatssicherheit im Volkskommissariat des Innern (NKVD) der UdSSR ernannt. Seine ?ekisten-Laufbahn zählte die Posten des Volkskommissars des Innern der Ukraine, eines Beraters des Ministeriums für öffentliche Sicherheit Polens und eines Bevollmächtigten des NKVD-MVD in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands. Serov beteiligte sich auf das engste an der Deportation der Wolgadeutschen in den ersten Kriegsmonaten, an der Aussiedlung der Tschetschenen und Inguschen 1944, an der Liquidation des nationalistischen Untergrunds in der Ukraine und im Baltikum nach 1945 und war eine der zentralen Gestalten bei der Niederschlagung des ungarischen Aufstandes im Herbst 1956. Die Sternstunde seiner Laufbahn erlebte er nach Stalins Tod: "Gerade Serov vertraute es die neue Führung an, die Reform und Säuberung der Staatssicherheit zu leiten und durchzuführen" (S. 5). Seine sechs Leninorden bestätigten zusätzlich, welch eine wichtige Rolle Serov im repressiven System unter Stalin und ChruÅ¡?ev spielte.

Dennoch birgt sein Lebenslauf bis heute noch viele Geheimnisse in sich. In erster Linie hängt das damit zusammen, daß die Archivalien, die die Geschichte der Staatssicherheitsorgane der UdSSR betreffen, beinahe völlig unzugänglich sind. Wir wollen Nikita Petrovs Mut hervorheben, der sich einer dermaßen schweren Aufgabe unterzogen hat, wohl wissend, daß es ihm nicht gelingen werde, Serovs Lebensweg voll wiederzugeben. Dennoch ist sein Versuch als erfolgreich anzuerkennen. Das Buch, das übrigens in einer lebhaften und klaren Sprache geschrieben ist, fesselt den Leser von der ersten bis zur letzten Seite, obwohl einige Sujets fragmentarisch sind.

Sehr karg sind zum Beispiel die Nachrichten über Serovs Tätigkeit im ersten Kriegsstadium, als er stellvertretender Volkskommissar des NKVD der UdSSR war und unter anderem auch an der Organisation der Verteidigung von Moskau teilnahm. Dagegen ist seine Rolle als "Sowjetisierer" von Polen und Ostdeutschland recht ausführlich dargestellt. Auf Materialien aus dem Staatlichen Archiv der Russischen Föderation gestützt, rekonstruiert der Autor die Struktur und die Tätigkeitsmethoden von NKVD-MVD-Vertretern in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, die in mehrere "operative Sektoren" geteilt war. Diese waren nicht nur für die Verfolgung aktiver Nazis und Kriegsverbrecher zuständig, sondern trugen auch die Verantwortung für die Bildung der deutschen Selbstverwaltungsorgane und arbeiteten mit der örtlichen Bevölkerung zusammen. Einige Sujets, die in dem Buch nur angedeutet sind, wirken wie echte Detektivgeschichten. So beteiligte sich Serov im Mai 1945 an der Beschlagnahmung der Werte in der Berliner Reichsbank; später wurde er der Aneignung von phantastischen Geldbeträgen und von Goldbarren beschuldigt.

Das Buch vermittelt eine Vorstellung vom Alltag der Offiziere der sowjetischen Militäradministration, wobei der Autor das Negative akzentuiert, das in die NKVD-Berichte aufgenommen wurde. Es handelt sich vor allem um die sogenannte Hamsterei: Die außerordentlich kriegsmüden Menschen, die zudem ständig hatten Entbehrungen leiden müssen, lernten in Deutschland den europäischen Lebensstandard kennen. Nur wenige konnten der Versuchung widerstehen und die sich bietende Chance versäumen, einen solchen Standard wenigstens in einer einzelnen sowjetischen Familie zu erreichen. SMAD-Offiziere ließen ihre Frauen nach Deutschland kommen, und diese benutzten die zahlreichen leerstehenden Wohnungen und horteten die billigen Waren, die für sie erst kurze Zeit zuvor Luxusgegenstände gewesen waren. Mit Zügen und Flugzeugen wurden in die UdSSR Klaviere und Wagen, Kunstwerke und Tafelgeschirr, ja selbst ausgebrochene Marmorrahmen von Zimmerkaminen transportiert.

Hierbei wurde die eigentliche "?ekistische" Arbeit unter der deutschen Bevölkerung in der gleichen Art wie auch im Stalinschen Rußland geleistet. Serovs Kollege Grigorij Bežanov, der später verhaftete Leiter des operativen NKVD-Sektors Thüringen, gab Fälle zu, "da meine Mitarbeiter Verfahren gegen Deutsche provozierten, die angeblich gegen die UdSSR auftraten" (S. 301). Bei einer Durchsuchung in der Moskauer Wohnung Sergej Klepovs, Chef des operativen Sektors Sachsen, wurde eine reiche Beute entdeckt: "414 Gegenstände aus Gold und Silber, teures Eß- und Teegeschirr, insgesamt 301 Gegenstände, 198 antiquarische Erzeugnisse: Statuetten, Vasen, 15 Gemälde von Kunstwert, mehrere Fotokameras und Akkordeons" (S. 277).

Im April 1947 wurde Serov zum Ersten Stellvertreter des Innenministers ernannt und kehrte von Deutschland nach Moskau zurück. Neben dem Gulag-System war er nun auch für GUPVI, d. h. die Hauptverwaltung der Lager für Kriegsgefangene und Internierte, zuständig. Gerade Serov "organisierte" eine neue Welle von Gerichtsprozessen gegen deutsche Kriegsgefangene, so daß sie für unbestimmt lange Zeit in der UdSSR bleiben mußten.

Schon in Deutschland begann eine Konfrontation zwischen Serov und dem MGB-Chef Viktor Abakumov, die der Autor zu Recht als ein typisches Beispiel des Clan-Kampfes in der sowjetischen Führung ansieht. "Stalin heizte die Rivalität und gegenseitige Kontrolle der Geheimdienste an, er glaubte, auf diese Weise das Land leichter regieren zu können. Doch zogen solche Gebräuche und Zustände in der Stalinschen Umgebung sehr häufig tragische Folgen nach sich" (S. 9). Auf jeden Angriff eines Rivalen wurde mit einer Denunziation reagiert; tödlich gefährlich waren Beschuldigungen, sich an Stalins Autorität vergriffen zu haben, auch "moralischer Verfall" wurde hoch notiert. Abakumov beschäftigte sich sogar mit Serovs Genealogie: Laut einigen Angaben war dessen Vater zur Zarenzeit ein Gendarm gewesen. Der Konflikt erreichte solche Ausmaße, daß sich Stalin persönlich einmischte und von Abakumov verlangte, die Beschattung Serovs, der sich in Deutschland befand, einzustellen (S. 248).

Am 12. Juli 1951 wurde Abakumov verhaftet. Die damit zusammenhängenden Ereignisse sind in dem Buch in einen breiteren Kontext eingefügt: Es ging um eine abermalige Aktion der Unterordnung der Staatssicherheitsorgane unter Stalins persönliche Kontrolle. Diesmal hatten seine diesbezüglichen Weisungen eine unausgesprochene antijüdische Ausrichtung. Stalin erklärte: "Ein ?ekist hat nur zwei Wege: entweder zur Beförderung oder ins Gefängnis" (S. 106). Die Umbesetzungen dauerten das ganze Jahr 1952. Ihr Ergebnis war der Beschluß des Präsidiums des ZK der KPdSU vom 4. Dezember 1952 über eine Umstrukturierung der Staatssicherheitsorgane. Das ist ein wirklich einzigartiges Dokument. Es enthielt die Aufforderung zur Aktivierung der Geheimdienste, der Akzent wurde auf Diversionen und politische Morde außerhalb der UdSSR gesetzt. Der Stalinsche Stil dieses Beschlusses ist nicht zu verkennen. "Die Jammer?ekisten sind von den Positionen des revolutionären Marxismus-Leninismus auf die Positionen des bürgerlichen Liberalismus und Pazifismus hinabgeglitten, ... sie verstehen die einfache Wahrheit nicht, daß das MGB ohne Diversionen, die er im feindlichen Lager durchführt, unvorstellbar ist" (S. 124).

Die Beschuldigungen und Methoden, die Stalin für die Reorganisation der Staatssicherheitsorgane wählte, knüpfen offensichtlich an das Jahr 1937 an. Mit Recht schreibt Nikita Petrov: "Die Ereignisse von 1952 sind als Prolog zu einem neuen Terror zu betrachten, wenn auch in einer anderen, modifizierten Form (mit zielgerichteten Schlägen gegen bestimmte Schichten und nationale Gruppen)" (S. 131). Stalins Tod führte zu einer kurzen Erhöhung Berijas, wobei Serov dessen Stellvertreter blieb. Doch gelang es diesem, ChruÅ¡?ev und Malenkov von seiner Loyalität zu überzeugen, so daß er bald beträchtlich befördert wurde und sich im Ergebnis des ihn mehr als zehn Jahre lang verfolgenden Prädikats "stellvertretend" entledigte.

Am 13. März 1954 wurde Ivan Serov zum Vorsitzenden des Komitees für Staatssicherheit beim Ministerrat der UdSSR ernannt. Nachdem die Staatsicherheitsorgane ein Jahr lang im Ministerium für innere Angelegenheiten eingegliedert waren, wurden sie wieder selbständig. Die Kandidatur Serovs wurde bei der Erörterung im Präsidium des ZK der KPdSU vom 8. Februar 1954 von ChruÅ¡?ev vorgeschlagen; er motivierte das mit der Notwendigkeit, die Staatssicherheitsorgane wieder unter die Kontrolle der Partei zu stellen. Malenkov verlangte von Serov "mehr Parteigeist", ihm sekundierten die anderen Präsidiumsmitglieder (S. 306-311).

Serov säuberte den KGB-Apparat weiter von den ehemaligen Anhängern Berijas und nahm an der Durchsicht und Vernichtung der Dokumente aus dessen Archiv teil. Bald fiel ihm die Aufgabe zu, sich auch mit Stalins Hinterlassenschaft zu beschäftigen. Mehrere absolut geheime Materialien, darunter über das Schicksal Raul Wallenbergs, die Morde an Würdenträgern der Kirche, die Verwendung von Giften u. ä., wurden dem KGB zur Aufbewahrung übergeben; dort befinden sie sich bis heute (S. 158-159). Die Dokumente von unteren NKVD-MGB-Strukturen dagegen wurden in großen Mengen vernichtet. Das Buch enthält Zahlen, die keines Kommentars bedürfen: Bei der Gründung des KGB zählte sein operatives Archiv über 5 Millionen Akten, 1991 gab es im Zentralarchiv dieser Organisation aber nur 654.000 Akten. "Der erste KGB-Vorsitzende leitete diesen barbarischen Prozeß der Vernichtung der Geschichte des Landes ein" (S. 160-162). Serov kritisierte ChruÅ¡?ev wegen dessen Versuche, auf dem 20. Parteitag der KPdSU die realen Ausmaße der Repressalien aufzudecken, spielte jedoch keine geringe Rolle im Verlauf des Juni-Plenums des ZK der KPdSU von 1957, als das Schicksal des Ersten Sekretärs der herrschenden Partei an einem dünnen Faden hing.

Im Dezember 1958 wurde Serov unerwartet vom Posten des KGB-Vorsitzenden abgesetzt. Unter anderem wirkten sich dabei auch seine engen Beziehungen zu Marschall Žukov aus, der in Ungnade gefallen war. Gegen Serov intrigierte ChruÅ¡?evs neuer Protegé Aleksej Kiri?enko, der aus der Ukraine gekommen war und den Auftrag erhielt, die Staatssicherheitsorgane zu überwachen (S. 183). Hinzu kam ferner der Umstand, daß Serov gegen den Abbau des Kaders und des Haushalts der Staatssicherheitsorgane im Rahmen der recht radikalen Reformen aus der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre auftrat. Doch am wichtigsten war, daß Serov "für ChruÅ¡?ev die Vergangenheit verkörperte. Alle wußten, daß er an den furchtbarsten Stalinschen Verbrechen mit beteiligt war" (S. 187).

Die letzte Etappe von Ivan Serovs Berufslaufbahn gestaltete sich äußerst unglücklich. Er wurde zum Chef der Hauptverwaltung Aufklärung (GRU) beim Generalstab ernannt und geriet so faktisch unter den Beschuß seiner ehemaligen Konkurrenten. Bei den Militärs war er unbeliebt, sie hielten ihn für einen Dilettanten in der Aufklärung. Es folgte eine Serie von Mißerfolgen; das größte Fiasko war die Geschichte um den GRU-Mitarbeiter Oberst Pen'kovskij. Der Spion, der für den amerikanischen und den britischen Nachrichtendienst arbeitete, war ein Protegé von Serov und hatte ihn oft besucht. Dem ersten KGB-Vorsitzenden wurden die Auszeichnungen aberkannt, er wurde degradiert und verlebte seinen Lebensabend unter der wachsamen Aufsicht der Organisation, die er selbst fünf Jahre lang geleitet hatte.

Unsere Rezension wäre unvollständig ohne den Hinweis auf den dokumentarischen Anhang des Buches, der umfangmäßig beinahe die Hälfte davon ausmacht. Der Gehalt des Anhangs geht über den Rahmen von Serovs politischer Biographie hinaus, die darin neu publizierten Dokumente enthalten nicht wenig Sensationen. Dazu nur ein Beispiel: der im Gefängnis verübte Mord an Karl Radek und Grigorij Sokol'nikov, die beim zweiten Schauprozeß von 1937 verurteilt worden waren. Gemäß einer Auskunft, die Serov am 29. Juni 1956 dem ZK der KPdSU vorlegte, sei dieser Mord von Berija und Kobulov mit Stalins Wissen vorbereitet worden. Dazu trafen in den Gefängnissen, in denen Radek beziehungsweise Sokol'nikov untergebracht waren, Häftlinge aus den Reihen ehemaliger NKVD-Mitarbeiter ein. Die Morde erfolgten im Beisein der Gefängnisdirektoren, seine Organisatoren wurden befördert, die Vollstrecker aber vernichtet (S. 313-315).

Der Anhang enthält ein Verzeichnis von Serovs Besuchen bei Stalin, den Personalbogen des ersten KGB-Vorsitzenden und kurze biographische Auskünfte über die in dem Buch erwähnten Personen. Die letzteren sind vor allem für diejenigen von Interesse, die sich mit der Nachkriegsgeschichte Deutschlands beschäftigen, weil sie über den Kaderbestand der operativen Sektoren des NKVD-MVD-MGB in der sowjetischen Besatzungszone Aufschluß geben. Neue Namen wären eine solide Grundlage für ein neues Buch, welches das bekannte, aufgrund der von Nikita Petrov gesammelten biographischen Materialien zusammengestellte Nachschlagewerk Kto rukovodil NKVD (Wer den NKVD leitete, Moskau 1999) sicherlich ergänzen würde.

Dem Autor des Buches wäre vielleicht vorzuwerfen, daß seine Untersuchung den kolossalen Umfang der gesammelten und veröffentlichten Dokumente nicht hat richtig "verdauen" können: Die in der Einführung deklarierte analytische Komponente tritt im Text nur von Fall zu Fall auf. Bisweilen verliert sich Serovs Figur in den zahlreichen Ereignissen, die eher zu anderen Leitern oder zentralen Behörden des Sowjetstaates in Beziehung standen. Dennoch sollten sich künftige Historiker und Publizisten das Portrait des "zuverlässigen Vollstreckers" des Stalinschen repressiven Systems, das Bild, das in dem hier besprochenen Buch entworfen worden ist, nicht entgehen lassen.

(Übersetzung: Nina Letneva)