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Manfred Spieker (Hrsg.): Katholische Kirche und Zivilgesellschaft in Osteuropa. Postkommunistische Transformationsprozesse in Polen, Tschechien, der Slowakei und Litauen

Nikolaus Lobkowicz

CK VKP(b) i regional’nye partijnye komitety. 1945–1953. Serija „Dokumenty sovetskoj istorii“ [Das ZK der KPdSU(B) und die reginalen Parteikomitees. 1945–1953. Serie „Dokumente der sowjetischen Geschichte“]. V.V. Denisov, A.V. Kvašonkin, L.N. Malašenko, A.I. Minjuk, M.Ju. Prozumenš?ikov, O.V. Chlevnjuk. ROSSPEN (Hrsg.). Moskau 2004, 496 S.

Der Herausgeber dieses Bandes, ein Schüler von Hans Maier, seit 1983 Ordinarius für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Osnabrück, legt mit dem anzuzeigenden Buch die Ergebnisse eines von der Volkswagen-Stiftung unterstützten dreijährigen Forschungsprojektes vor. Ziel des Forschungsprojektes war festzustellen, wie stark die katholische Kirche in postkommunistischen Ländern zur Entwicklung zivilgesellschaftlicher Strukturen beigetragen hat, und welche Bedeutung dabei der "Christlichen Gesellschaftslehre", also der Sozialphilosophie und -theologie der Päpste seit Leo XIII., zukam. Daß das Forschungsprojekt nur vier Länder des vormaligen Ostblocks berücksichtigt hat, ist wohl dadurch zu erklären, daß man sich auf Länder beschränken wollte, in denen die katholische Kirche seit Jahrhunderten eine maßgebliche Rolle gespielt hatte; schon Tschechien, das vormalige Königreich Böhmen und Mähren, ist aufgrund seiner höchst komplizierten Religionsgeschichte in dieser Hinsicht ein Grenzfall (nur rd. ein Viertel der Tschechen verstehen sich heute noch als Katholiken, von denen weniger als 6 % regelmäßige Gottesdienstbesucher sind), konnte aber nicht übergangen werden, da sonst die Entwicklung in der Slowakischen Republik (immer noch zu fast 70 % katholisch) kaum darzustellen war (die Teilung der Tschechoslowakei fand ja erst Anfang 1993 statt).

Was genau unter "zivilgesellschaftlichen Strukturen" zu verstehen ist, wird nicht definiert. Nur die ersten zwei Kapitel des Beitrages von Spiekers Assistent Dirk Lenschen über "Kirche und Zivilgesellschaft in Polen" gehen eingehender der Geschichte dieses Begriffes nach und erörtern - unter Berücksichtigung von Überlegungen von Ralf Dahrendorf und Jürgen Habermas - Themen wie das Demokratisierungspotential der Zivilgesellschaft, die Vermittlung von Grundwerten und die "kritische Funktion" der Religion. Gemeint ist wohl, was die katholische Kirche - neben der inneren Erneuerung - zum gesellschaftlichen und ökonomischen Transformationsprozeß des jeweiligen Landes beigetragen hat und inwiefern katholische Laien der Aufforderung des Zweiten Vatikanum folgen, ihre Berufung darin zu sehen (und sie auch engagiert wahrzunehmen), "das Reich Gottes in der Verwaltung und gottgemäßen Regelung der zeitlichen Dinge zu suchen" (Lumen gentium 31). Da dies nur darzustellen war, nachdem die Situation, das Selbstverständnis und die Tätigkeit der Kirche im jeweiligen Land insgesamt analysiert worden war, ist auf diese Weise ein Buch entstanden, das zahllose wichtige (und zuweilen auch weniger wichtige) Informationen enthält, etwa über die kirchlichen Traditionen des Landes, den ökumenischen Dialog, das Engagement der Kirche bei politischen Kontroversen, staatskirchliche Regelungen, Probleme der europäischen Integration und nicht zuletzt innerkirchliche und gesellschaftliche Hindernisse.

Die einzelnen Beiträge von jeweils etwa 80 bis 100 Seiten (Polen: Stanis?aw Jopek; Tschechische Republik: Petr K?í­Å¾ek, Slowakei: Luba Žaloudkoví¡, Litauen: Andrius Navickas, jeweils zusammen mit mehreren Mitarbeitern) folgen so weit wie möglich demselben Schema. Zunächst wird die Geschichte, Lage und Rolle der Kirche im jeweiligen Land skizziert, dann werden die Transformationsprozesse innerhalb der Kirche dargestellt, dann die Aktivitäten nach 1989 (darunter u. a. in Schulen und Medien sowie der Dialog mit den politischen Eliten), danach die Beziehung der Kirche zum demokratischen Staat und ihr Verständnis der europäischen Integration, und schließlich gehen die Autoren auf Probleme und Hindernisse in den Transformationsprozessen ein und versuchen, Zukunftsperspektiven aufzuzeigen. Dieses Vorgehen erlaubt Vergleiche zu ziehen, Parallelen zu entdecken, Unterschiede hervorzuheben.

Was die Rezeption und Auswirkungen der Katholischen Soziallehre betrifft, scheinen sie in allen vier Ländern nicht weit über ein kursorisches Studium der Sozialenzykliken hinausgekommen zu sein. Einführungen in der Landessprache und Analysen sozialer und politischer Entwicklungen anhand der Kriterien der Katholischen Soziallehre sind selten. Kein Wunder, da sie ja sozialwissenschaftliche Kompetenzen voraussetzen würden, die nach der Wende verständlicherweise nur selten zu finden waren (eine Übersetzung von Bernhard Sutors Politischer Ethik, 2. Aufl l992, ist m. W. nur in Polen erschienen). Kompetente katholische Sozialwissenschaftler sind auch in katholischen postkommunistischen Ländern immer noch eine Seltenheit (es gibt sie freilich: in Polen an der Warschauer Wyszy?ski-Universität, in der Tschechischen Republik Politikwissenschaftler an der Universität Brünn, die freilich nicht immer mit der "Politik" der Bischofskonferenz einverstanden sind). Bei Spiekers Darstellung des Forschungsprojekts wird freilich nebenbei deutlich, daß dies oft auch im Westen nicht viel anders aussieht. In einer amerikanischen Veröffentlichung aus dem Jahre 1998 heißt es selbstkritisch (die Autoren waren drei Jesuiten), ihre Soziallehre sei the best kept secret in the Roman Catholic Church.

Das Buch erschien zwei Jahre vor der Aufnahme der vier Länder in die EU; es wäre lohnend, es durch regelmäßig erscheinende Folgeprojekte fortzusetzen. Denn es gab Überraschungen. So waren in Polen die artikuliertesten Gegner des Eintritts in die EU die Bauern, da sie von ihm erhebliche wirtschaftliche Nachteile erwarteten; heute sind sie diejenigen, die in Polen am deutlichsten an den wirtschaftlichen Vorteilen dieser Entwicklung teilnehmen, da der Westen sich um ihre Produkte reißt - sie sind billiger und oft auch in ihrer Qualität erheblich besser als westliche Agrarprodukte. Der tschechische Staatspräsident Ví¡clav Klaus galt, als er noch Ministerpräsident war, als einer der führenden Euroskeptiker, mit dem Argument, man könne doch nicht gut Teile der nationalen Souveränität abgeben, nachdem man sie vor kurzem überhaupt erst wiedergewonnen habe. Heute hört man aus seinem Munde keine solche Aussagen mehr; im Gegenteil hat die Tsche chische Republik energisch die Chance aufgegriffen, an gesamteuropäischen Projekten mitzuwirken. Dergleichen Entwicklungen sind sicher nicht ohne Auswirkung auf die sozialpolitischen Entscheidungen der jeweiligen Kirchen geblieben.

Ein für die Demokratisierung und den wirtschaftlichen Erfolg postkommunistischer Länder wichtiges Thema kommt in dem Band leider ein wenig zu kurz: Bemühungen um die Überwindung der allgegenwärtigen Korruption. Gerne hätte man etwas mehr darüber erfahren, inwiefern die Kirche  energisch und wirksam genug gegen dieses Grundübel postkommunistischer Länder protestiert.