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Endkampf oder Endzustand? Chiliastische Elemente der stalinistischen und der nationalsozialistischen Ideologie im Spiegel der sowjetischen und der deutschen Literatur

Alexei Rybakov, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

Als ein gemeinsamer Nenner totalitärer Regime kann ihr Verhältnis zur Geschichte betrachtet werden. Sie sind als eschatologische Erlösungslehren zu bezeichnen, in denen der Menschheit (oder einem Teil davon: einer Klasse oder einer Rasse) das Erreichen eines "Paradieses" auf immanenten Wegen der Geschichte versprochen wird. Dieses Paradies (der "Kommunismus" oder das "Dritte Reich") ist "naturgemäß" eine Sache der Zukunft; der Weg zu ihm ist vorgezeichnet; das individuelle Bemühen zu seinem Erreichen ist sinnstiftend. Demgegenüber steht der besonders im Stalinismus stark ausgeprägte Zug der angeblichen Verwirklichung des Paradieses in der Gegenwart. Der stalinistische Fiktionalismus, den man als das wesentliche Element der stalinistischen Kultur überhaupt ansehen kann, simuliert einen "paradiesischen" Zustand im Lande des "schon aufgebauten Sozialismus", im "glücklichsten Land auf Erden", im "Paradies der Werktätigen" usw. In unzähligen Gedichten, Filmen, Bildern, Plakaten usw. wird dieser Zustand des schon erreichten "Gottesreichs" gestaltet und überall zur Schau gestellt. Nicht zuletzt dieser Fiktionalismus unterscheidet die stalinistische "Kultur" von der früheren, im wesentlich avantgardistischen und allein schon dadurch radikal zukunftsorientierten Kultur der 1920er Jahre. Auch im Nationalsozialismus ist dieses fiktionalistische Element zwar bei weitem nicht so stark ausgeprägt, aber durchaus vorhanden - schließlich heißt ja der nationalsozialistische Staat von Anfang an "Drittes Reich", obwohl andererseits das "Dritte Reich" selbstverständlich erst aufgebaut werden muß. Der historischen Dynamik steht somit eine Art "posthistorische" Statik gegenüber. Dieser offensichtliche Widerspruch wird in der Arbeit als ein für die "totalitäre Kultur" konstitutiver Gegensatz betrachtet. Die für die totalitäre Mythologie (den totalitären Fiktionalismus) grundlegende Opposition kann mit Hilfe folgender Gegensatzpaare beschrieben werden: Gegenwart - Zukunft, Zeit - Zeitlosigkeit, Dynamik - Statik, Wirklichkeit - Ideal, Geschichte - Natur. Oder anders: die "hegelsche" Welt geschichtlicher Entwicklung und historischer Dialektik einerseits, die "platonische" Welt ideeller Formen andererseits. Nach dem einführenden Kapitel, in dem das Zusammenspiel "dynamischer" und "statischer" Momente in der politischen Entwicklung beider Typen des Totalitarismus untersucht wird, beschäftigt sich die Arbeit mit jener "Zeitmythologie", die den ideologischen und auch den literarischen Diskurs beider Regime entscheidend prägt und in welchem deren Verhältnis zur Geschichte sich widerspiegelt. Der nächste Schritt der Arbeit gilt hingegen der "statischen" Seite des Gegensatzes, wobei solche Themen im Mittelpunkt stehen wie die Funktion des sogenannten "positiven Helden" in der Kunst des "sozialistischen Realismus" und der damit verbundene "Personenkult" um Stoßarbeiter, Polarflieger usw.; die Bedeutung der "Vorbilder" und "Modelle" (auch der architektonischen) in den beiden "Systemen"; sowie die Frage nach der (mythologisierten) "Natur" im Totalitarismus in ihren verschiedenen Aspekten, nach den Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen dem stalinistischen und dem nationalsozialistischen Naturbegriff. Im Zentrum beider Spielarten des Totalitarismus stehen bekanntlich ihre "Führer"; deshalb bildet die Analyse der "großen" Personenkulte um Hitler und Stalin im Lichte der grundlegende Dichotomie Natur / Geschichte den abschließenden Teil der Arbeit.

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