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Exposé

 

 Erzherzog Johann von Österreich als Reichverweser der Provisorischen Zentralgewalt

 

Erzherzog Johann von Österreich ist keine Person der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts, die im kollektiven Gedächtnis der Deutschen sonderlich präsent blieb. Auch im Kontext der Erinnerung an die Revolutionen von 1848/1849 ist seine Bedeutung nur als marginal einzuschätzen. Nur in der österreichischen Steiermark ist eine kontinuierliche Erinnerungskultur an den als liberal und volksnah geltenden Habsburger festzustellen.

 

Hinsichtlich der wissenschaftlichen Aufarbeitung wurden einerseits Schwerpunkte auf seine militärischen Funktionen während der Napoleonischen Kriege gesetzt. Andererseits standen regionale Gesichtspunkte, insbesondere seine Tätigkeit in der Steiermark als Förderer der Wissenschaften und des Fortschritts, im Zentrum einer umfänglichen Erzherzog-Johann-Forschung. So war vor allem das Bild des in den Bergen lebenden liberalen „Wohltäters“ der Steiermark erhalten.

Es ist daher in Anbetracht der umfänglichen Literatur zu seiner Person umso erstaunlicher, dass gerade jene Zeit in der Lebensspanne des Erzherzogs ein Desiderat darstellt, in der er ins Zentrum des politischen Geschehens der deutschen Nation rücke. Im Jahre 1848 setzte die infolge der Revolutionen entstandene Frankfurter Nationalversammlung zunächst die „Provisorische“ Zentralgewalt für ganz Deutschland ein. An deren Spitze wähle die Nationalversammlung Erzherzog Johann zum ersten und einziger so genannter „Reichsverweser“. Damit war er das formale Oberhaupt einer Übergangsregierung bis zur Erarbeitung einer Verfassung für ein beabsichtigtes Deutsches Reich.

 

Auch in den Darstellungen zur Revolution tritt der Erzherzog mit seiner Amtsgewalt lediglich peripher in Erscheinung. Eine Betrachtung seiner Funktion und Bedeutung als Reichsverweser während der Jahre 1848/1849 wurde immer wieder als Forschungslücke angesprochen, ist jedoch bis heute durch keine modernen wissenschaftlichen Ansprüche genügende Darstellung aufgearbeitet worden. Ziel des Dissertationsprojektes ist es, diese Desiderat in der Forschung zu schleißen.

Es sollen zunächst versucht werden, die Wahrnehmung von Erzherzog Johann im Vormärz in Deutschland zu erschließen. Danach wird der komplexe Prozess zu klären sein, warum sich die Männer der Nationalversammlung ausgerechnet auf Ihn einigen konnten. Als zentrale Fragen des Projektes gilt die Erforschung und Charakterisierung des Amtsverständnisses und der Amtsführung des Reichsverwesers. Hierbei werden vor allem seine Rolle im Reichsministerium sowie die Beziehungen zu den jeweiligen Reichsministern, der Nationalversammlung, den Regierungen der Bundesstaaten, wenn noch möglich auch den europäischen Staaten und letztlich sein Verhältnis zum Kaiserhof in Wien herauszustellen sein. Auch sind seine Agitationen auf revolutionäre Ereignisse in den Bundesstaaten und sein Umgang mit der in der Auflösung begriffen Nationalversammlung zu berücksichtigen sein. Schließlich war die Zentralgewalt die einzige Institution der Revolution gewesen ist, die bis zu deren Ende bestanden hat und der Erzherzog der längste Amtsträger, der durch die Ereignisse des Jahre 1848/1849 zu seiner Funktion gekommen war.

 

Als Quellengrundlage dienen zunächst zentral die Bestände zu Erzherzog Johann im Archiv Meran des Steiermärkischen Landesarchivs sowie die Bestände zur Provisorischen Zentralgewalt im Bundesarchiv. Daneben werden die Nachlässen der Mitglieder der Reichsministerien und der Mitarbeiter in der Ministerialbürokratie ausgewertet. Auch sollen exemplarisch Bestände aus den Archiven der heutigen Bundesländer zu den Regierungstätigkeiten der damaligen der Bundesstaaten herangezogen werden. 

Letztlich soll es somit gelingen, einen entscheidenden Beitrag zur Anfangsphase des Parlamentarismus in Deutschland, zur deutschen Verfassungsgeschichte, zur Funktionsweise der Provisorischen Zentralgewalt und zum Gesamtablauf der Revolution zu schließen.