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Erkenntnisziele volkskundlicher Kulturanalysen

Mit diesen Fragen sollen Einsichten in die Vielfalt und Komplexität von Kulturen in Europa und ihrer Phänomene gewonnen werden. Diese gilt es in ihren historischen Tiefendimensionen, ihren sozialen Verhältnissen und ihren regionalen Ausprägungen zu verfolgen. Auf eine Formel gebracht geht es um das wechselseitige Verhältnis von: Kultur - Geschichte - Gesellschaft - Raum.

Volkskundliche Kulturanalysen basieren meist auf sog. Mikrostudien, die sowohl auf die Vergangenheit als auch auf die Gegenwart bezogen sein können. Sie sind historischen wie philologischen Methoden verpflichtet, besonders aber auch ethnologisch-sozialwissenschaftlichen Methoden und Zugängen, da sie zeitgenössische Phänomene in ihrem historisch-kulturellen Gewordensein erklären. Die mit dem "ethnologischen Paradigma" (Fremdverstehen) verbundenen qualitativ hermeneutischen Verfahren mit deutlich selbstreflexiven Impetus gehen in die historisch-kritische Analyse ein. Besonders enge Verbindungen ergeben sich daher mit den Nachbarfächern Geschichte, Soziologie, Sprach- und Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte, sowie der in Eichstätt nicht vertretenen Ethnologie und Religionswissenschaft.

Bei der Deutung kultureller Systeme am Beispiel des regional Verorteten, d.h. kleiner und konkreter Untersuchungs- und Beobachtungsfelder, dürfen aber auch die Orientierungen und der Kontext internationaler und interdisziplinärer Kulturforschung nicht fehlen. Zudem ist der überregionale Vergleich als methodisches Erkenntnisinstrument besonders wichtig angesichts zunehmender globaler Kulturkontakte und -konflikte. Nur so ist gezieltes kritisches Sehen und Erkennen von kulturellen Zusammenhängen und kulturellem Wandel im eigenen Kulturraum möglich.

Diachrone und synchrone Schnitte sind dabei zu kombinieren: Was wir heute als kulturell geprägt oder regional- nationalspezifische Mentalitäten wahrnehmen, ist für den europäischen Raum Produkt und Erbe frühneuzeitlicher Territorialität hinter späteren nationalen und nationalistisch orientierten Prägungen. Lokale Gesellschaften, Gruppen oder Individuen in ihren spezifisch kulturell sichtbaren Handlungsweisen entspringen nicht hermetisch abgeschlossenen, autonomen Traditionssystemen.

Der mitteleuropäische deutschsprachige Raum mit dem Schwerpunkt der näheren Regionen bleibt der zentrale Untersuchungsraum der in Eichstätt vertretenen Volkskunde, natürlich mit vergleichendem Blick auf europäische Länder in Abhängigkeit zu Forschungslage und Sprachkompetenz. Nicht zuletzt aufgrund des gemeinsamen historischen Diskursraumes "Europa" und des dort ausgebildeten "ethnologischen Paradigmas" wird Volkskunde in Eichstätt auch als Europäische Ethnologie aufgefasst.

Neben dieser Bezeichnung trägt das Fach an deutschen Universitäten auch Namen wie Empirische Kulturwissenschaft und Kulturanthropologie. Dies hat ideen- und wissenschaftsgeschichtliche Hintergründe. Die "Entdeckung" des "Volkes" während Aufklärung und Romantik und die seither vielfältig ausgebildeten Bedeutungsinhalte des Wortes Volk, besonders hinsichtlich nationalen Bewusstseins, stehen in engster Verbindung zur Entwicklung und Ausbildung des Faches Volkskunde. Die politische Instrumentalisierung des Begriffes "Volk" und seiner Komposita durch die nationalsozialistische Ideologie führte zu tragischen Irrwegen. Die in der Aufarbeitung der (Wissenschafts-)Geschichte zunehmende Beklommenheit von Wissenschaftler(inne)n beim Gebrauch des äußerst problematischen Begriffes führte in den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts an einigen Universitäten zu Umbenennungen oder Namensergänzung des Faches. Sie kündigten zugleich künftige theoretische Orientierung und Forschungsschwerpunkte an. Man orientierte sich an den traditionellen Namen ähnlicher Forschungs- und Studienrichtungen wie der Sozialanthropologie (Großbritannien), der Kulturanthropologie (USA), der Ethnologie (française) (Frankreich), der Ethnographie/ Ethnologie (Osteuropa) oder der Europäischen Ethnologie (Skandinavien). In Europa haben sich die volkskundliche, ethno-kulturanthropologisch arbeitenden Disziplinen in der "Société Internationale d'Ethnologie et de Folklore" (SIEF) mit der Zeitschrift "Ethnologia Europaea" zusammengeschlossen. 

Für eine Beibehaltung des Namens Volkskunde - trotz der entstandenen problematischen begrifflichen Implikationen - sprechen jedoch die geschilderten spezifischen Zugriffe und die Fachtradition. Bis heute haben sich alle Institute und Institutionen unter dem Dach der "Deutschen Gesellschaft für Volkskunde" (DGV, gegr. 1904) zusammengeschlossen. Auch wichtige deutschsprachige Zeitschriften tragen den Namen Volkskunde im Titel. Das kritische Hinterfragen des konfliktbeladenen Begriffes Volk, insbesondere im allgemeinen Sprachgebrauch sowie seiner synonym gebrauchten Ersatzbegriffe (z.B. populär) und der dahinterstehenden Vorstellungen, gehört heute zum grundlegenden Thema im theoretischen Diskurs des Faches.