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27.11.19

Geographie-Studierende erkunden Praxisbeispiele für Nachhaltigkeit am Bodensee

Triebkräfte, Lösungsansätze und Konflikte einer nachhaltigen Entwicklung in der Vierländer-Region am Bodensee haben Geographie-Studierende der KU bei einer Exkursion unter Leitung von Prof. Dr. Hans-Martin Zademach untersucht. Über neun Tage hinweg waren sie dabei mit Fahrrad und Bahn unterwegs.


Auf ihrem Weg durch die Bodensee-Region besuchte die Exkursionsgruppe unter anderem auch das Grüne Zentrum in Immenstadt für ein Gespräch mit der Geschäftsführung der Regionalentwicklung Oberallgäu. (Foto: Brenner)

Auf ihrem Weg durch die Bodensee-Region besuchte die Exkursionsgruppe unter anderem auch das Grüne Zentrum in Immenstadt für ein Gespräch mit der Geschäftsführung der Regionalentwicklung Oberallgäu. (Foto: Brenner)

Unterwegs zwischen Kempten und Oberstaufen (Foto: Zademach)

Unterwegs zwischen Kempten und Oberstaufen (Foto: Zademach)

Agrophotovoltaikanlage Heggelbach (Foto: Zademach)

Agrophotovoltaikanlage Heggelbach (Foto: Zademach)

„Die Bodenseeregion besitzt in ökologischer Hinsicht ebenso wie als Lebens‐ und Wirtschaftsraum einen besonderen Stellenwert in Europa. Ziel der Exkursion war es, besondere Errungenschaften und Herausforderungen dieser Region an ausgewählten Standorten – vom Oberallgäu und dem Rheintal über Oberschwaben bis nach Baden hinein  – vor dem Hintergrund des Leitgedankens der nachhaltigen Entwicklung aufzuzeigen und zu bewerten“, erklärt Zademach. Die besonderen Schwerpunkte lagen dabei auf innovativen Lösungsansätzen der regionalen Entwicklung, gerade im grenzübergreifenden Kontext, sowie dem Themenkreis Energieversorgung/Energiewende.

So informierten sie sich etwa über ein innovatives technisches Verfahren, mittels dem es dem Projektkonsortium CoAct unter Beteiligung der Bodenseestiftung gelingt, aus bislang ungenutzten (Rest-)Biomassen wie etwa Trester oder dem Rasenabschnitt, der bei der Pflege von Grünstreifen am Straßenrand anfällt, einen wertvollen speicherfähigen Energieträger und Aktivkohle herzustellen; die Aktivkohle kann dann für die Abwasseraufbereitung in Kläranlagen eingesetzt werden – ein wichtiges Thema in der Region, handelt es sich beim Bodensee doch um eines der größten Trinkwasserreservate Europas.

Ein anderes Beispiel stellte eine Photovoltaikanlage dar, die auf Stahlstelzen in ca. acht Metern Höhe angebracht ist. Zwar werden durch sie die darunterliegenden Ackerflächen etwas beschattet, jedoch erreicht noch genügend Niederschlag den Boden. Die Anlage lässt Platz für große Landmaschinen und ist befestigt mit Hilfe von Fundamenten, die nach Vorbild des Wurzelwerks von Bäumen ganz ohne Beton auskommen und recht einfach und vor allem rückstandslos zurückgebaut werden können. Bei der Anlage handelt es sich weltweit um die erste ihrer Art, mit ihren 192 KWp Leistung können ca. 65 Haushalte mit Strom versorgt werden. Jetzt, nach drei sehr genau beobachteten Testjahren kann sie recht präzise evaluiert werden. Fazit: Der Mehrerwerb der Stromernte gleicht die Ertragseinbußen beim Getreide- und Gemüseanbau darunter mehr als aus.

Generell konnte die Gruppe bei ihrem Austausch mit Ansprechpartnern vor Ort herausarbeiten, dass alle im Sinne der Nachhaltigkeit vielversprechenden Lösungen regelmäßig mit komplexen Konstellationen verschiedener Akteure einhergehen: Private-Public-Partnerships, in denen kleinere und größere regionale und überregionale Unternehmen mit kommunalen oder anderen öffentlichen Organisationen eng zusammenarbeiten, meist auch im Verbund mit Forschungseinrichtungen und Universitäten und zu einem gewissen Grad auch unterstützt mit öffentlichen Mitteln (z.B. BMBF Programm FONA, Interreg).

„Besonders augenfällig ist: Als die ganz entscheidenden Triebkräfte lassen sich immer wieder Einzelpersonen identifizieren, die ihre Projekte mit Tatkraft, Überzeugung, Geduld und Empathie vorantreiben“, so Zademach. Diese Personen hätten eine gewisse Risikobereitschaft und verfügten über eine hohe Frustrationstoleranz, um größere und kleinere Rückschläge wegzustecken. Vielfach fehle es schlicht noch an der kritischen Masse: „Die Frage der Skalierung und Skalierbarkeit der einzelnen beobachteten Ansätze bleibt eine zentrale Herausforderung.“ Ein während der Reise interviewter Ökolandwirt brachte dies mit einem fröhlichen „Wenn's sonst keiner macht, dann mach's halt ich“ sehr anschaulich auf dem Punkt. Nur mit der hier anklingenden Trägheit unserer Gesellschaft, einer (noch) zu häufigen Skepsis gegenüber Neuen und vielfachem Zögern, könne sich die Gruppe erklären, warum nicht etwa Agrophotovoltaikanlagen bereits viel weiter verbreitet seien.  Die Weiterentwicklung und Verbreitung der neuen, als wertvoll eingeordneten Ansätze will die Gruppe jedenfalls mit Interesse weiter verfolgen.