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29.11.18

Humboldt-Stipendiatin untersucht Landeskunde für politische Entscheider der Antike

Bis Anfang 2020 wird die italienische Althistorikerin Dr. Mariachiara Angelucci gemeinsam mit Prof. Dr. Michael Rathmann, Inhaber des Lehrstuhls für Alte Geschichte an der KU, die Charakterisierung antiker Städte im Werk des Geographen Strabon (64 v.Chr – ca. 20 n.Chr.) untersuchen. Gefördert wird die Wissenschaftlerin der Universität Pavia dabei durch ein Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung. Mit einem solchen Stipendium, von dem bundesweit und fächerübergreifend jährlich nur rund 500 vergeben werden, haben internationale Forscherinnen und Forscher die Möglichkeit, ein langfristiges Projekt in Kooperation mit einem selbst gewählten wissenschaftlichen Gastgeber an einer Forschungseinrichtung in Deutschland durchzuführen.


Foto: Schulte Strathaus/upd

Da Rathmann zu den Experten auf dem Gebiet der antiken Geographie zählt, war Eichstätt die naheliegende Wahl für Angeluccis Auslandsaufenthalt. Zudem hatten beide bereits im Rahmen verschiedener Fachkonferenzen über das Thema diskutiert und somit die Grundlage für ein wissenschaftliches Zusammenarbeiten gelegt. Die Fragen, die hierbei im Vordergrund stehen, befassen sich mit der Raumwahrnehmung in verschiedenen Zeiten: Welches Wissen über die damalige Welt wurde dokumentiert und verbreitet? Welches Bild ergibt sich dabei aus den zeitgenössischen Darstellungen?

Aufschluss darüber geben unter anderem Texte von sogenannten Periegeten (in etwa zu übersetzen als ‚Herumführer‘). Diese beschrieben im antiken Griechenland, ungefähr ab dem zweiten Jahrhundert vor Christus, (fremde) Städte und Landschaften für ein gebildetes Publikum. Diese „antiken Reiseführer“ gingen dabei auch auf die jeweiligen kulturellen und historischen Hintergründe der Orte und Ortschaften ein, wobei sie auch geographische Aspekte berücksichtigten. „Man geht davon aus, dass die Periegeten in der Regel die Orte selbst besucht haben, von denen sie schrieben, und zusätzlich mündliche und schriftliche Quellen nutzten“, erklärt Dr. Mariachiara Angelucci.

Während die Schriften vieler dieser Periegeten heute größtenteils verloren sind, ist das Werk des griechischen Autors Strabon, dem Dr. Angelucci ihre Forschung widmet, weitgehend erhalten geblieben. Seine „Geographika“ in 17 Bänden vermittelt einen Eindruck von seinen zahlreichen Studienreisen, die ihn nach Armenien, Syrien, Ägypten, ans Rote Meer und bis in den heutigen Sudan führten. Dabei ermöglicht diese Darstellung einen besonderen Einblick in die zeitgenössische Weltsicht der Antike und war daher über lange Zeit die Grundlage jeglicher Auseinandersetzung im Rahmen der antiken Geographie. Im Gegensatz zu den ersten Periegeten, richtete sich Strabon mit seinen Texten zudem explizit an politische Entscheidungsträger, die durch seine „Geographika“ Orientierung im Sinne einer Landeskunde erhalten sollten – so beschreibt er unter anderem, wie die natürliche Umgebung den Charakter einer Gemeinschaft beeinflussen konnte.

Strabons Werk wurde zwar bereits hinsichtlich verschiedener Einzelaspekte untersucht, bislang fehlt jedoch eine umfassende Studie, die sich dem Werk auf einer übergeordneten Ebene nähert. Der Autor erwähnt rund 1000 Städte namentlich, beschreibt jedoch nur knapp die Hälfte genauer. Nach welchen Kriterien geht er aber dabei vor und welche Charakteristika ordnet er diesen Städten zu? Nicht nur Entstehung und Entwicklung, sondern auch der Niedergang einzelner Städte – etwa in Folge von Naturkatastrophen oder durch menschliche Zerstörung – schienen das Interesse des antiken Geographen geweckt zu haben. Zum Teil bietet er sogar einen Vergleich zwischen zeitgenössischen Städten und solchen, die bereits in der Antike Vergangenheit waren. An diesen Punkt möchte Dr. Mariachiara Angelucci mit ihrem Projekt anknüpfen: „Mich interessiert, was diese Städte insgesamt für den Autor so interessant machten, dass er sie für seine Leser näher beschrieb, welche Kriterien er anlegte und mit welcher Terminologie er die Entwicklung interpretierte“.