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17.06.19

Integrale Ökologie als wissenschaftliches Programm

In der Enzyklika Laudato Si‘ skizziert Papst Franziskus das Konzept einer „Integralen Ökologie“. Er bezeichnet damit eine ganzheitliche Betrachtungsweise, die „eine Offenheit gegenüber Kategorien verlangt, die über die Sprache der Mathematik oder der Biologie hinausgehen und uns mit dem Eigentlichen des Menschen verbinden“. Der interdisziplinäre Ansatz stand im Zentrum eines Workshops, der im Rahmen des Projekts zu Laudato Si‘ von der KU und der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler veranstaltet wurde. Dabei wurden das Konzepts einer „Integralen Ökologie“ diskutiert und mögliche Perspektiven für Lehre und Forschung an der KU eruiert.


Der „Club of Rome“ hat jüngst in seinem Bericht „Wir sind dran“ an die Gedanken von Laudato Si‘ angeknüpft. Er erkennt in Papst Franziskus einen prominenten Verbündeten im Geiste der neuen Aufklärung, der „die übliche kurzfristige Wirtschaftslogik“ attackiere. „Es könnte klug sein, den spirituellen und religiösen Dimensionen aller Zivilisationen zuzuhören“, die eine Einhegung der utilitaristischen Handlungsmuster vorsehen, resümiert der „Club of Rome“. Dieser Bericht erweise sich als Dokument eines postsäkularen Zeitalters, das die Stärken religiöser, spiritueller Weltwahrnehmung auf der Basis eines aufgeklärten, wissenschaftlichen Weltbildes für selbstkritische Reflexion fruchtbar mache“, so Prof. Dr. Ulrich Bartosch, der Leiter des Eichstätter Laudato Si‘-Projekts.

Ausgehend von der Enzyklika und verbunden über ein wachsendes Netzwerk, das vom vatikanischen „Dikasterium für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen“ verbunden wird, entstehen an verschiedenen wissenschaftlichen Orten der Welt Zentren für Integrale Ökologie. Weil sich Laudato Si‘ stark auf die katholische Soziallehre stütze, erwachse aus kirchlicher Sicht die Verpflichtung, die Themen der Enzyklika ernsthaft zu reflektieren, betonte bei einem Workshop im Marquardus-Saal des Bischöflichen Ordinariat der Theologe und Biologe Dr. Dr. Oliver Putz, Affiliate Scholar am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam. Das Welt- und Menschenbild der Enzyklika und ihre Integrale Ökologie sollten nach den Worten von Putz „das ethische Engagement und universitäre Selbstverständnis prägen“. Eine katholische Universität sollte nach Ansicht von Putz „Vorbild sein für eine radikale ökologische Umkehr“, wie sie Laudato Si‘ nahelege. Diese ökologische Umkehr müsse sowohl in der Lehre als auch in der Forschung und im alltäglichen universitären Handeln gelebt werden, so Putz.

Die Präsidentin der KU, Prof. Dr. Gabriele Gien, begrüßte diesen Vorstoß, um „Impulse zu geben und zu überlegen, wie wir uns als KU an der Fragestellung vielleicht sogar federführend beteiligen können“. Gien führte aus, dass das Thema „Integrale Ökologie“ mit einem interdisziplinären Zugang und mit dem starken Bezug zur Bewahrung der Schöpfung für die KU wichtig sei, da Nachhaltigkeit schon seit langem das Profil der KU präge.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops zu Integraler ÖkologieAusgangspunkt für den Workshop war eine Bestandsaufnahme, wie anderorts katholische Institutionen das Konzept der Integralen Ökologie bereits aufgreifen. Oliver Putz illustrierte dies anhand der Entwicklung von Universitäten in den USA und England: Die St. Clara University, eine private jesuitische Hochschule in Kalifornien, hat sich durch ihr Markkula Center for Applied Ethics stark für die Impulse der Enzyklika eingesetzt. Zunächst wurde Laudato Si‘ dort zu einem „Charter Document“, also zu einem nachträglichen Gründungsdokument der St. Clara University, welche seit 1851 besteht. Damit charakterisiert Laudato Si‘ das Selbstverständnis dieser Universität. Ganze Module und Kurse, die auf Laudato Si‘ basieren, wurden in das Lehrangebot aufgenommen.

Die Enzyklika Laudato Si‘ definiert laut Putz auch das Selbstverständnis des kürzlich gegründeten „Laudato Si‘ Research Institute“ der Jesuiten an der Oxford University. International aufgestellt möchte es eine Plattform bieten für interdisziplinäre Projekte mit Relevanz zur Agenda, die in Laudato Si‘ skizziert ist. Ziel ist es, mit der Nachhaltigkeitsforschung auch die Studierenden der Oxford University zu erreichen. „Es gibt keinen Zweifel, dass Universitäten sich selbstverpflichten müssten, den Text von Laudato Si‘ anzunehmen und in ihre Arbeit aufzunehmen“, so Putz.

Christian Meier, Referent für das Projekt Laudato Si‘ an der KU, stellte ein Beispiel für ein Studienprogramm vor, das auf Basis der „Integralen Ökologie“ konzipiert wurde: das „Joint Diploma in Ecologia Integrale a partire dalla Laudato Si‘“. Das Zertifikatsstudium wird von den sieben päpstlichen römischen Universitäten gemeinsam angeboten. Ziel ist es, durch eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Inhalten der Enzyklika ein größeres Verständnis für Ursachen und Lösung von Nachhaltigkeitsproblematiken zu schaffen.

Das Projekt einer „Laudato Si‘-Alliance“ der Europäischen Bischofskonferenz COMECE stellte Michael Kuhn vor. Der Theologe ist Referent für Ökologie und Nachhaltigkeit, Bildung, Kultur und Jugendpolitik bei der COMECE. Derzeit wäge man ab, wer Partner sein könnten. Hierbei seien explizit auch Universitäten eingeladen, sich mit ihrer Expertise einzubringen.

Prof. Dr. Stefan Bauberger SJ von der Hochschule für Philosophie München skizzierte in seinem Beitrag Überlegungen zum Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie. Aufgrund der Dringlichkeit des Klimaproblems müsse man interdisziplinär arbeiten. In der Enzyklika heißt es hierzu, dass „die Lösungen nicht über einen einzigen Weg, die Wirklichkeit zu interpretieren und zu verwandeln, erreicht werden können“. Bauberger konstatierte, die Enzyklika gehe hinsichtlich des Dialogs der Disziplinen weit über bisherige Standards hinaus.

Prof. Dr. Hartmut Graßl, langjähriger Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg und Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler, gestand, dass ihn die Enzyklika bereits beim ersten Lesen gefangen hätte: weil sie in einer fantastischen Sprache geschrieben sei, und weil Wahrheiten in einer Weise präsentiert würden, die nicht relativiert. Der Klimaforscher zeigte anschließend aus naturwissenschaftlicher Sicht die wichtigsten Entwicklungen hinsichtlich des Klimawandels und Artenschwunds der vergangenen Jahrzehnte auf.

Auf dieser Basis diskutierte der Workshop, der in Kooperation mit dem Referat Weltkirche des Bistums Eichstätt veranstaltet wurde, mögliche Handlungsoptionen für die KU. Die Teilnehmer eruierten, wie die Integrale Ökologie in die Kernfelder der KU integriert werden könnte und loteten die Potentiale der vorgestellten Netzwerke aus. Dabei wurde auch der bisherige institutionelle Prozess der KU auf dem Weg hin zu mehr Nachhaltigkeit reflektiert.

Weitere Informationen unter www.laudato-si-transformation.de.

 

Bilder:

Foto 1: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops zu Integraler Ökologie
Foto 2: Dr. Dr. Oliver Putz, Affiliate Scholar am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam
Foto 3: Michael Kuhn, Senior Advisor bei der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäische Union