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10.09.19

Noten und Neuronen: Wie Musik kognitive Prozesse beeinflusst

Denk- und Gedächtnisprozesse rund um das Musizieren und Musikhören haben im Mittelpunkt einer bundesweiten Fachtagung der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie (DGM) gestanden, die sich am vergangenen Wochenende erstmals an der KU zu ihrer 35. Jahrestagung getroffen hat. Mit rund 280 Mitgliedern ist die DGM die größte Fachgesellschaft für Musikpsychologie. Gastgeberin Prof. Dr. Kathrin Schlemmer (Inhaberin der Professur für Musikwissenschaft an der KU) erklärt: „Musikpsychologie ist ein interdisziplinäres Fach an der Schnittstelle zwischen Musikwissenschaft und Psychologie. Dabei untersuchen die Forschenden sämtliche psychologischen Prozesse, die mit dem Musizieren und Musikhören in Verbindung stehen.“


(v.l.) KU-Vizepräsident Prof. Dr. Markus Eham, Gastgeberin Prof. Dr. Kathrin Schlemmer (Professur für Musikwissenschaft) sowie Prof. Dr. Michael Oehler (Präsident der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie; Universität Osnabrück) und Prof. Dr. Clemens Wöllner (Vizepräsident der DGM; Universität Hamburg). (Foto: Schulte Strathaus/upd)

Zum Beispiel geht die Disziplin der Frage nach, durch welche Mechanismen Musik bei Hörenden (und Musizierenden) Emotionen auslöst und ob diese Mechanismen den aus der Emotionspsychologie bekannten Modellen folgen? Welche sozialen Prozesse spielen beim Zusammenspiel beispielsweise in einer Band oder in einem Orchester eine Rolle? Und wie lässt sich musikalische Begabung beschreiben bezogen auf das Verhältnis zwischen angeborenen und erworbenen Einflussfaktoren? „Aufgrund des flüchtigen Mediums Musik ist bei der Datenerhebung eine besondere Kreativität gefragt. So wurden zum Beispiel Apps entwickelt, mit denen im Rahmen von Feldstudien das nebenbei stattfindende Musikhören im Alltag oder auch in Laborstudien die beim Hören von Musik auftretenden Gefühle kontinuierlich erhoben werden können“, erläutert Schlemmer.

Den thematischen Schwerpunkt, zu dem die über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer anhand von 17 Vorträgen und 45 Posterpräsentationen diskutierten, bildeten mögliche Verbindungen zwischen musikalischen und kognitiven Fähigkeiten. Diese Forschungstradition hatte in der Vergangenheit eine bildungspolitische Komponente, da es Versuche gab, Musik- oder Instrumentalunterricht aus einer damit verbundenen Intelligenzsteigerung zu legitimieren – bis hin zur steilen These, dass zehn Minuten Mozart am Tag die Intelligenz steigern sollen. „Gegenwärtig liegen Forschungsschwerpunkte auf einer genaueren Untersuchung der Frage, welche kognitiven Prozesse mit welcher Begründung durch welche Form des Musizierens beeinflusst werden könnten“, so Schlemmer. Sie selbst untersuchte mit weiteren Kolleginnen, ob Instrumentaltraining zu einer erhöhten kognitiven Flexibilität führt, was bei musikspezifischen Aufgaben (z.B. Wechsel zwischen verschiedenen Notenschlüsseln), nicht aber unspezifischen Aufgaben (z.B. Beurteilung von Schriftarten oder -farben) der Fall war.

Dennoch haben die von der Forschung bereits identifizierten Zusammenhänge zwischen musikalischen und kognitiven (Teil-)Fähigkeiten auch zu therapeutischen oder pädagogischen Anwendungen geführt, die bei der Tagung vorgestellt wurden – wie etwa durch Musiktherapie bei Sprach- und Kommunikationsstörungen oder Musik als Teil der Behandlung von Parkinson-Patienten. Methodisch interessant war auch eine von Forschenden aus England vorgestellte Studie, in der Konzertpublikum mithilfe von automatischer Gesichtsanalyse dazu untersucht wurde, welche Emotionen sie in der Musik wahrgenommen haben.