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04.12.18

Praktische Weisheit für das Management: Interkulturelle Summer School in Marokko

Was können Firmen im 21. Jahrhundert aus den Lehren des Lao-Tse in Bezug auf Nachhaltigkeit lernen? Welche Impulse haben Ansätze des islamischen Bankenwesens für die Strukturierung zukünftiger Finanzmärkte zu bieten? Inwiefern kann das deutsche System der Industrie- und Handelskammer (IHK) als institutionalisierte Weisheit des Unternehmers begriffen werden? Diese und andere Fragen haben Studierende, Forscher und Praktiker aus sieben Ländern im Rahmen einer interkulturellen Summer School rund um das Thema „Rediscovering Practical Wisdom for Management“ vor kurzem in marokkanischen Marrakesch diskutiert.


Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Summer School kamen aus Asien, Europa, Afrika und Lateinamerika.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Summer School kamen aus Asien, Europa, Afrika und Lateinamerika.

Auch die Situation von Frauen auf dem marokkanischen Arbeitsmarkt war Thema der Summer School. Vor diesem Hintergrund stand auch der Besuch bei einer Frauenkooperative in einem Berber-Dorf auf dem Programm. (Foto: Vosen/upd)

Auch die Situation von Frauen auf dem marokkanischen Arbeitsmarkt war Thema der Summer School. Vor diesem Hintergrund stand auch der Besuch bei einer Frauenkooperative in einem Berber-Dorf auf dem Programm.

Fotos: Vosen/upd

Mit der Unterstützung der Practical Wisdom Society und der Hanns-Seidel-Stiftung hatte Prof. Dr. André Habisch (Professur für Christliche Sozialethik und Gesellschaftspolitik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt) eine internationale Ausschreibung für die Summer School auf den Weg gebracht, an der 35 Teilnehmer aus Asien, Europa, Afrika und Lateinamerika sowie eine Delegation der Universität Agadir mitwirkten. Fachvorträge, studentische Präsentationen, Gruppendiskussionen, Case Studies sowie Exkursionen und Firmenbesuche bestimmten das dichte Programm dieser Tage und luden dazu ein, „Praktische Weisheit“ aus religiösen, philosophischen und spirituellen Traditionen wiederzuentdecken – insbesondere in ihrer Rolle als zivilisierende Geschäftspraktiken.

„Kulturelle und normative Traditionen sollten nicht nur als Ballast einer rückständigen Vergangenheit wahrgenommen werden. Vielmehr können Weisheitstraditionen in Erzählungen, Sprüchen oder Sprichwörtern ein wichtiges ,Kulturgut‘ der Gesellschaft darstellen: Ein Gut, das zur zivilisatorischen Geschäftspraxis beiträgt und Orientierung im Alltag zukünftiger Geschäftseliten bietet“, erklärt Professor Habisch.Thematisch im Mittelpunkt stand zunächst die duale Berufsausbildung in Deutschland sowie die Funktion der Industrie- und Handelskammern als strukturierte Form der Zusammenarbeit zwischen öffentlichem und privatem Sektor („institutionalized Wisdom“) – ein Thema, das angesichts der dramatisch hohen Jugendarbeitslosigkeit in vielen afrikanischen Ländern auf großes Interesse stieß. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer machten dabei intensiv von der Möglichkeit Gebrauch, unmittelbar mit dem Präsidenten der IHK München zu diskutieren, der als Key-note-Speaker zur Veranstaltung angereist war. Zudem kam eine Diskussion mit dem Geschäftsführer der IHK aus der Machokos-Region (Kenia) zustande, was den Teilnehmern aus erster Hand Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen beiden Typen von Institutionen verdeutlichte. Im Mittelpunkt vieler Beiträge stand auch die Wirtschaftsethik des Islams – wie etwa das Leitbild der Gerechtigkeit („Zakat“) im Betrieb, zwischen Tauschpartnern am Markt, aber auch zwischen Wettbewerbern. „Die Wirtschaftsethik der monotheistischen Religionen – Christentum, Judentum und Islam – hat grundsätzlich einen identischen Inhalt“, erklärte der marokkanische Forscher und Berater von König Mohammed V.,  Dr. Abdallah Cherif Quazzani.  

Ein weiteres Thema war die Situation von Frauen im marokkanischen Arbeitsmarkt. Zwei Studentinnen aus dem Gastgeberland berichteten aus ihrer jeweiligen Perspektive („moderne Frau“ versus „traditionelle Frau“) über den Status quo – gefolgt von einem Mitarbeiter der Hanns-Seidel-Stiftung, der makroökonomische Kennzahlen zur prekären Situation von Frauen insbesondere im ländlichen Raum vermittelte (z. B. etwa 38 Prozent Analphabetentum), was lebhafte Diskussionen im Plenum auslöste. Im Anschluss daran konnte sich die Summer School beim Besuch einer Frauenkooperative im ländlichen Raum selbst ein Bild von den Arbeits- und Lebensbedingungen in den überwiegend von der Minderheit der Berber, einem lokalen indigenen Volksstamm, besiedelten Dörfern des marokkanischen Südens machen.

Trotz des dichten Programms gab es auch genügend Gelegenheit für persönliche interkulturelle Begegnungen. Außerhalb des Seminarraums lernten die Teilnehmer einander und die Kulturen der anderen näher kennen. So fungierten etwa die marokkanischen Studenten als Fremdenführer für ihre Kommilitonen und zeigten ihnen belebten Markt in Marrakesch. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wollen ihre Arbeit zum Beispiel durch Austauschprogramme und Gastvorträge fortsetzen sowie Folgeprojekte ins Leben rufen. Auch die Praxisvertreter signalisierten Zustimmung, Interesse und Kooperationsbereitschaft bei der Suche nach Case Studies und Praxisformen „weisen“ Unternehmertums. Die Hanns-Seidel-Stiftung in Magreb wiederum hat sich dazu bereiterklärt, auch im nächsten Jahr an der Ausrichtung einer Summer School mitzuwirken.