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05.12.19

„Soziale Herkunft wird erst nach der Grundschule entscheidend für Bildungserfolg"

Die gerade erschienene PISA-Studie bescheinigt den Schülerinnen und Schülern hierzulande zwar überdurchschnittliche Leistungen. Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass gerade in Deutschland der Schulerfolg im internationalen Vergleich stärker von der sozialen Herkunft abhängt als in anderen Ländern. „Dabei wird selten ein empirischer Befund wahrgenommen: Die Spreizung der Leistungen abhängig von der Herkunft nimmt erst nach der Grundschule richtig Fahrt auf“, erklärt Prof. Dr. Krassimir Stojanov, Inhaber des Lehrstuhls für Bildungsphilosophie und Systematische Pädagogik an der KU.


Prof. Dr. Krassimir Stojanov (Foto: Schulte Strathaus/upd)

Dies sei erstaunlich, weil eine gängige Erklärung für die Unterschiede darin bestehe, dass vor allem Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen weniger Erfolg in der Schule hätten. „Demnach müssten die Leistungen aber bereits in der Grundschule stärker differieren. Die Schere geht aber erst nach dem Übertritt auf die weiterführenden Schulen richtig auseinander, danach wird die Herkunft immer wichtiger“. Stojanov ist Mitglied einer Expertengruppe des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, die derzeit ein Förderprogramm für Forschungsprojekte auf dem Themengebiet Bildungsgerechtigkeit konzipiert.

Die Unterschiede im Bildungserfolg führt der Wissenschaftler insbesondere auf das dreigliedrige Schulsystem mit Haupt- bzw. Mittelschule, Realschule und Gymnasium zurück. „Aus empirischen Untersuchungen wissen wir, dass insbesondere Gymnasien die elterliche Unterstützung voraussetzen. Zudem wird bei Übertrittsempfehlungen unbewusst auch nach Herkunft selektiert, nicht nur nach Leistungen“, so Stojanov. Dies erfolge nicht aufgrund bestimmter Vorurteile, sondern weil man wohl davon ausgehe, dass ein Kind mit guten Leistungen in der Grundschule nicht erfolgreich in der weiterführenden Schule sein werde, wenn geringe elterliche Unterstützung vermeintlich absehbar scheine. „Einige Bildungsforscher sprechen in diesem Zusammenhang mittlerweile von einer ,Parentokratie‘ im deutschen Bildungssystem, in dem die Rolle der Eltern in vielerlei Hinsicht immer stärker wird.“

Zwar erhielten Schülerinnen und Schüler etwa in skandinavischen Ländern oder Kanada mehr Unterstützung in einem Ganztagessystem. Ganztagesschulen allein seien jedoch noch nicht hilfreich, wenn sie nicht mit einem kompetenten pädagogischen Konzept arbeiten würden. „Immer wieder dienen Ganztagesschulen der reinen ,Aufbewahrung‘ von Kindern am Nachmittag – das ist nicht der Sinn der Sache.“

Die jüngste PISA-Studie stellt fest, dass hierzulande jeder Fünfte Schwierigkeiten damit habe, selbst grundlegende Anforderungen an das Leseverständnis zu bewältigen. Dies etwa an einem gestiegenen Anteil von Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund fest zu machen, greift für Stojanov zu kurz: „Statistisch betonen muss man, dass zwar der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund steigt, dieser ist jedoch nicht höher als etwa in Kanada. In diesem Land schneiden solche Schülerinnen und Schüler häufig sogar besser als die einheimischen ab. Das Problem sind nicht die Kinder, sondern das Schulsystem. Gerade das Bildungssystem neigt dazu, seine eigenen Defizite nach außen zu delegieren.“

Das deutsche Schulsystem sei nach wie vor sehr darauf ausgerichtet, mit homogenen Klassen umzugehen, Heterogenität hingegen werde als Problem angesehen. Um Heterogenität begegnen zu können, bräuchte man laut Stojanov jedoch mehr Personal und eine Lehramtsausbildung, die auf die Arbeit mit heterogenen Gruppen vorbereitet.

Die grundlegende Kritik am Konzept der PISA-Studie teilt der Forscher nicht: „Man kann zwar über Detailfragen der Methodik diskutieren, aber die PISA-Studie verfolgt von Beginn an eine Abkopplung von nationalen Lehrplänen und orientiert sich an grundlegenden Kompetenzstufen, die unabhängig von Schulprogrammen definiert sind. Die Studie arbeitet mit sehr grundlegenden bildungstheoretischen Konzepten – etwa zu Lesekompetenzen oder Sinnkonstruktion; ähnlich ist es bei mathematischen und naturwissenschaftlichen Kompetenzen.“