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14.08.18

Studie zum Einfluss des Engagements für Geflüchtete auf das Gerechtigkeitsempfinden

Immer dann, wenn soziale Konflikte bestehen, rücken Gerechtigkeitsfragen in den Mittelpunkt. Dies gilt auch für den Umgang mit Geflüchteten und den damit verbundenen Herausforderungen in den aufnehmenden Ländern. Welche Gerechtigkeitsmaßstäbe kommen zum Tragen, wenn es etwa um die Verteilung von Ressourcen und die Bereit-schaft zum persönlichen Engagement geht? Dies untersuchte die Professur für Sozial- und Organisationspsychologie der KU über eine nicht-repräsentative Online-Umfrage bei rund 300 Personen – darunter sowohl Menschen, die in der Flüchtlingshilfe engagiert sind, als auch solche, die sich bislang nicht engagiert haben.


Sprachkurs an der KU bei einer Sommerschule für Geflüchtete. (Foto: Klenk/upd)

Für ihre Studie zogen die Forscherinnen Prof. Dr. Elisabeth Kals und Isabel T. Strubel das Konzept des sogenannten „Scope of Justice“ aus der Sozialpsychologie heran. „Dieses beschreibt ein imaginäres Band, das wir beispielsweise um die eigene Familie, die eigene Nation oder auch alle Lebewesen (Tiere und Pflan­zen) ziehen. Für alle innerhalb dieses Bandes gelten dieselben Gerechtigkeitserwägungen, was umgekehrt andere ausschließt. Außerdem ist man bereit, für den inneren Kreis Ressourcen zu teilen oder persönliche Opfer zu bringen“, erklärt Kals.

Konkret wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie unter anderem dazu befragt, ob Flüchtlinge den gleichen Anspruch auf eine gerechte Behandlung wie alle anderen Mitbürger haben und für sie gleichen Gerechtigkeitsmaßstäbe gelten sollten. Dabei zeigte sich, dass zwar auch Nichtengagierte weitgehend für die Anwendung gleicher Maßstäbe für alle plädieren; der Vergleich zu Personen der Stichprobe, die sich für Flüchtlinge engagieren, zeigte bei diesen jedoch eine noch stärkere Ausprägung des „Scope of Justice“. Gleiches gilt für die Bereitschaft zu persönlichen Opfern bzw. die Verteilung staatlicher Ressourcen.

„Bei der Studie handelte es sich um eine Befragung auf freiwilliger Basis, so dass gerade Personen, die Geflüchteten ablehnend oder auch gleichgültig gegenüberste­hen, nur schwer zu motivieren sind, an einer solchen Befragung mit Fokus auf Flüchtlingshilfe teilzunehmen“, erläutert Strubel die Datenbasis der Erhebung. Dennoch sei der Scope of Jus­tice für die aktuelle Flüchtlingsthema­tik von großer Bedeutung. Denn Gerechtigkeitswahrneh­mungen seien im Kontext der Flücht­lingshilfe ernst zu nehmen, um Kon­flikte zu entschärfen. Das Konzept biete Ansatzpunkte für eine Verständigung zwischen Geflüchteten und aufnehmender Gesellschaft, aber auch zwischen Gruppen innerhalb der Gesellschaft, die sich im politischen und privaten Kontext in ihrer Meinung gegenüber der Aufnahme und Integration von Geflüchteten diametral gegenüberzustehen scheinen.

Daher stellt sich die Frage, wie sich das subjektive Gerechtigkeitsempfinden auf die Geflüchteten erweitern lässt? Als Schlüssel hierfür sieht Kals unter anderem die gezielte Entwicklung von Empathie in Anlehnung an die Bildungs- und Moralpädagogik. Dies könne etwa geschehen, indem ein persönlicher Kontakt hergestellt, persönliche Schicksale miteinander geteilt werden oder indem man sich für gemeinsame Ziele und Projekte mit jenen Personen engagiert, die aus dem eigenen Scope of Justice ausge­schlossen sind. So habe sich in einer Feldstudie anderer Forscher gezeigt, dass viele Anwohner zunächst gegen den Bau eines Flüchtlingsheims in der eigenen Nachbarschaft opponierten, aber jegliche Form des Kontakts, ein­schließlich zufälliger Begegnungen, half, um negative Einstellungen ge­genüber Geflüchteten zu verringern. „Damit sind es letzt­lich Erfahrung und Methoden des Dis­kurses, die kognitive, emotionale und motivationale Strukturen auf individu­eller Ebene verändern und so zu einem weiteren Scope of Justice führen“, so Strubel.

Auf politischer Ebene seien Gerech­tigkeitswahrnehmungen hinsichtlich des Umgangs mit Geflüchteten ernst zu nehmen, um die Akzeptanz möglicher Maßnahmen zu deren Integration zu erhöhen. Es gelte, nicht nur darüber zu verhan­deln, wie finanzielle Ressourcen ver­teilt werden, sondern beispielsweise auch, wie sich die Geflüchteten in den Arbeits­markt integrieren lassen. Damit wür­den sie einen Gewinn für den Arbeits­markt und damit für Deutschland bedeuten. „Eine solche Sicht würde von der Perspektive des ,Wegnehmens‘ oder gar des Sich-bedroht-Fühlens wegführen“, sagt Professorin Kals.