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23.10.19

Verdienste um Wissenschaft und Kirche, Fakultät und Universität

Dreißig Jahre hat Manfred Gerwing als Theologieprofessor gewirkt, mehr als die Hälfte der Zeit als Lehrstuhlinhaber für das Fach Dogmatik und Dogmengeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU). Mit einer Abschiedsvorlesung vor Kolleginnen und Kollegen, Weggefährten, Freunden und seiner Familie trat Gerwing nun den Weg in den Ruhestand an. Die Strecke dorthin wird er in Etappen gehen und vorübergehend seinen Lehrstuhl in Eichstätt weiter vertreten, bis über die Nachfolge entschieden ist.


Prof. Dr. Manfred Gerwing (Mitte) erhielt bei seiner Abschiedsvorlesung in der Aula der KU eine ihm gewidmete Festschrift, herausgegeben von seiner ehemaligen Mitarbeiterin Daniela Riel und seinem wissenschaftlichen Weggefährten Prof. Dr. Klaus Hedwig. Foto: upd/Klenk

Zu einer Abschiedsvorlesungen gehört, dass die Verdienste des langjährigen Kollegen gewürdigt werden. Die wissenschaftlichen sowieso, was häufig in Form einer Festschrift geschieht. Mehr als 420 Seiten hat die Publikation, herausgegeben von dem Philosophen Klaus Hedwig – ein wissenschaftlicher Weggefährte seit Gerwings Wirken als Hochschullehrer ab den 1990er Jahren in den Niederlanden – und seiner ehemaligen Eichstätter Lehrstuhlmitarbeiterin Daniela Riel. 22 Fachkollegen haben darin „Themen der Eschatologie, Transformation und Innovation“, so der Untertitel des im Aschendorff-Verlag erschienenen Sammelbandes, zusammengetragen.

Doch beim Festakt in der Aula der KU sollten nicht nur die Verdienste Gerwings in der Forschung und Lehre der Dogmatik Würdigung erfahren. KU-Präsidentin Prof. Dr. Gabriele Gien verwies auf den großen Einsatz Manfred Gerwings für seine Fakultät und die Universität. Er hatte seit seiner Berufung nach Eichstätt durchgängig dem Fakultätsrat angehört und wirkte mehrere Jahre als Prodekan und als Dekan der Theologischen Fakultät. Deren Neuausrichtung und -strukturierung in den vergangenen Jahren sei zu großen Teilen Manfred Gerwing zu verdanken, sagte Gabriele Gien. Allen Diskursen, die dabei geführt wurden, sei er als Dekan mit großer Ruhe und Gelassenheit begegnet. „Wir haben gestritten, waren aber nie zerstritten“, kommentierte Gerwing das Ringen innerhalb der Fakultät um eine Profilierung des Faches.

Gerwing habe durch seine Mitarbeit in kirchlichen Kommissionen, Gremien und Verbänden außerdem dazu beigetragen, seine Expertise und jene der Universität nach außen zu tragen, betonte Gien. So übernahm er den Vorsitz der Ökumene-Kommission im Bistum Eichstätt, wirkte als Berater der Deutschen Bischofskonferenz – etwa in der Schulbuchkommission – und ist aktuell in die Vorbereitung des bevorstehenden Synodalen Wegs involviert. Für seine Verdienste als wissenschaftlicher Leiter des Essener Instituts für Lehrerfortbildung wurde Gerwing vor wenigen Monaten mit dem Gregoriusorden ausgezeichnet – gleichsam „der Ritterschlag durch den Papst“, wie der amtierende Dekan der Theologischen Fakultät, Prof. Dr. Bernward Schmidt, schmunzelnd bemerkte.

Manfred Gerwing, der 1954 in Havixbeck bei Münster in Westfalen geboren wurde und im Ruhrgebiet aufwuchs, hatte zunächst in Bochum studiert, geforscht und gelehrt. Einige Jahre war er im Schuldienst. 1990 übernahm er eine Professur für Geschichte der Theologie von Ehe und Familie am Internationalen Akademischen Institut für Ehe und Familie im niederländischen Kerkrade – mit 36 Jahren damals einer der jüngsten Theologieprofessoren im deutschen Sprachraum. Im Jahr 2002 erfolgte der Ruf an die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, den er 2003 annahm.

Gerwings Habilitationsschrift, das große wissenschaftliche Werk, das zugleich Ausweis der Fähigkeit ist, ein Fach als Universitätsprofessor zu vertreten, trägt den Titel „Vom Ende der Zeit“. Und so spannte Gerwing bei seinem offiziellen Abschied als Hochschullehrer quasi den Bogen zum Anfang seines Wirkens als Professor, indem er seine Ansprache ebenfalls der Eschatologie widmete. „Media morte in vita“ hatte er den Vortrag überschrieben – eine Umkehrung des um 750 entstandenen und seither oft zitierten und vertonten Textes „Media vita in morte“. „Mitten im Leben sind wir im Tod“ – mit diesen Sätzen werde die Ungeheuerlichkeit und Radikalität des Todes dem Menschen vor Augen gestellt, eine Realität, die er nicht zu fassen vermag, solange sie nicht doch früher oder später in sein Leben bricht und damit alles in Frage stellt, was Sinn und Leben für den Menschen bis dahin ausgemacht hat. Ist der Tod also eine Strafe Gottes, aufgrund der Sündenhaftigkeit des Menschen? Der Tod sei ein Faktum, doch habe er auch das letzte Wort? Diesen Fragen ging Manfred Gerwing nach, indem er aufzeigte, dass bereits die Denker in vorchristlicher Zeit Antworten darauf suchten und sie somit zu den Fragen der Menschen schlechthin gehören.

Die Suche nach einer Antwort führe in der christlichen Glaubenstradition – im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit – auf ihn, der das erste und das letzte Wort hat. Dieses göttliche Wort, das in Jesus Christus Mensch geworden ist, offenbare die Communio mit Gott, die frei geschenkt ist und sich in der trinitarischen Liebesgemeinschaft erfüllt. Und diese Liebesgemeinschaft schließe Lebende und Verstorbene ein „in die communio sanctorum, in die Gemeinschaft der Heiligen“. So konnte auch die Frage nach dem Gebet für die Verstorbenen beantwortet werden, das die bleibende Verbindung zwischen Verstorbenen und Lebenden zum Ausdruck bringt und sowohl Dank als auch Vergebung zur Sprache bringt. Wahrheit, Wort Gottes, Erbsünde, ewiges Leben – Gerwing begab sich gleichsam auf einen Parforceritt durch die Dogmatik, und immer deutlicher wurde während des Vortrags die Notwendigkeit der Umkehrung des Verses „Media vita in morte“, der aus christlicher Perspektive das Leben im Tod bejaht: „Media morte in vita“.