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27.06.19

30. Eichstätter Tourismusgespräche diskutieren über die Zukunft des Reisens


1. Reihe v.l.: Prof. Dr. Hasso Spode (Technische Universität Berlin), Prof. Harald Pechlaner (Lehrstuhl Tourismus / Zentrum für Entrepreneurship, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt), Marco d‘Eramo (Journalist), Dirk Rogl (Rogl Consult; Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes) 2. Reihe v.l.: Anton Knapp (Landrat des Landkreises Eichstätt), Andreas Steppberger (Oberbürgermeister der Stadt Eichstätt), Duccio Canestrini (Trentino School of Management & Universität Pisa), Dr. Dirk Glaesser (AIEST – International Association of Scientific Experts in Tourism, Vorstandsmitglied) 3. Reihe: Christoph Würflein (Naturpark Altmühltal) (Foto: Schulte Strathaus/upd)

Unter dem Titel „Die Zukunft des Reisens: Geht das touristische Zeitalter zu Ende?“ fanden am 25.06.2019 die 30. Eichstätter Tourismusgespräche statt, welche der Lehrstuhl Tourismus der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt in Kooperation mit dem Naturpark Altmühltal organisierte. Ausgangspunkt der Veranstaltung war die Beobachtung, dass übergeordnete Trends und Herausforderungen den Tourismus nicht nur tangieren, sondern dessen weitere Entwicklung im Spannungsfeld von globalen, nationalen und regionalen Prozessen maßgeblich zu beeinflussen scheinen. Vor dem Hintergrund voranschreitender Strukturveränderungen rückte die Veranstaltung die zentralen Fragen in den Mittelpunkt, ob wir morgen noch so reisen werden, wie wir es heute tun, in welcher Form das Reisen und die gesamte Tourismusentwicklung sich ändern werden (müssen), und ob sich der Tourismus möglicherweise gar an einem Scheideweg befindet.

Zu Beginn der Tagung blickte Christoph Würflein vom Naturpark Altmühltal auf 30 Jahre Eichstätter Tourismusgespräche zurück. Als vier zentrale, immer wiederkehrende Themenkreise machte er dabei Umwelt & Nachhaltigkeit, Regionalität, Destinationsmanagement und aktuelle Trends auf regionaler und nationaler Ebene aus. Daran anschließend stellt der italienische Erfolgsautor Marco d’Eramo („Die Welt im Selfie - Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters“) seine Überlegungen zur aktuellen Situation des Tourismus dar. Dabei ist für d’Eramo auf der einen Seite der Tourismus eine Errungenschaft der modernen Gesellschaft und des demokratischen Zeitalters. Auf der anderen Seite kommt d’Eramo zu dem Schluss, dass durch eine Zunahme der touristischen Bewegungen gerade in Städten viele Bereiche primär nicht mehr als funktionierende Einheiten für die lokale Bevölkerung dienen, sondern als inszenierte Entertainment-Bereiche, in denen Touristen für ihn gewissermaßen Einwohner auf Zeit sind. Sehr provokativ meinte d’Eramo, dass eine Stadt stirbt, wenn sie allzu sehr dem Tourismus überlassen wird. Überdies bieten sich für Dr. Dirk Glaesser in Zeiten einer verstärkten Diskussion rund um nachhaltigen Tourismus durch die Digitalisierung und Big Data neue Möglichkeiten der Messbarkeit des Tourismus: So erlaubt dies, im Gegensatz zu traditionellen Tourismusstatistiken, nun eine neue, analytische Beschreibung des Tourismus und der Reisenden sowie der dahinterstehenden Verhaltensmuster. Glaesser meinte denn auch, dass das Thema Nachhaltigkeit in Zukunft so wichtig wird, dass man vielleicht auch nicht mehr den Begriff Tourismus verwenden wird, sondern der Tourismus eine zentrale Rolle in der lokalen und regionalen Governance haben wird. In diesem Zusammenhang betonte der Linzer Tourismusdirektor Georg Steiner, dass in Zeiten, in denen verstärkt über Overtourism diskutiert wird, gleichwohl ein Ungleichgewicht zwischen Destinationen mit hoher Konzentration auf der einen, und Destinationen mit ungenutzten Kapazitäten und Potenzialen auf der anderen Seite besteht. Duccio Canestrini von der Trentino School of Management hob dabei hervor, dass ein qualitativ hochwertiger Tourismus am Ende immer von der Lebensqualität der lokalen Bevölkerung abhängig ist. Aus einer deutlich kritischeren Perspektive betrachtete schließlich Jürgen Kaube, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, den Tourismus: Für ihn ist Tourismus letzten Endes eine Art „Schichtungskarneval und Rollenkaraoke“ sowie ein soziales Spiel, das ein Großteil der Gesellschaft zwar fast verpflichtend mitspielt, die wirklichen Beweggründe hinter dessen Sinn aber im Unklaren liegen: „Warum zum Teufel reisen wir?“, meinte er ganz provokativ.

Die wesentlichen Erkenntnisse der 30. Eichstätter Tourismusgespräche sind, dass der Tourismus sich in der Tat in einer Transformation befindet, welche die Art und Weise, wie künftig verreist werden wird, erheblich zu verändern scheint. Dies beginnt bei zunehmend wichtiger werdenden Fragen der Nachhaltigkeit und den negativen Konsequenzen verstärkter nationaler wie internationaler Reiseströme, und erstreckt sich über Auswirkungen im Zusammenhang mit der Digitalisierung bis hin zu einem Streben nach immer neuen Erfahrungen und Erlebnissen, die möglichst einzigartig sein sollte. Gleichzeitig lässt sich auf Kundenseite auch ein einsetzendes, neues Bewusstsein für die Folgen des eigenen Tun & Handelns erkennen. Die Urlaube werden vermehrt individuell gestaltet und dabei wird in der Zukunft offenkundig weniger auf pauschalisierte Angebote großer Reiseveranstalter zurückgegriffen. Mit Spannung wird in diesem Zusammenhang sicherlich auch das Reiseverhalten der jungen Generationen zu beobachten sein.