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22.11.19

Großes Geländeseminar zur nachhaltigen Entwicklung im Bodenseeraum

Von Holzdalben, Straßenbegleitgrün und Spinnanker-Fundamenten: Studierende der Geographie erkunden per Rad Konflikte, Triebkräfte und Lösungsansätze einer nachhaltigen Entwicklung in der Vierländerregion Bodensee


Unterwegs zwischen Kempten und Oberstaufen (Foto: Hans-Martin Zademach)

Agrophotovoltaikanlage Heggelbach (Foto: Hans-Martin Zademach)

Exkursionsverlauf

Der Leitgedanke der nachhaltigen Entwicklung ist in der Bodenseeregion augenfällig – im wahrsten Sinne des Wortes – sehr präsent: Ein innovatives technisches Verfahren, mittels dem es dem Projektkonsortium CoAct unter Beteiligung der Bodenseestiftung gelingt, aus bislang ungenutzten (Rest-)Biomassen wie etwa Trester oder dem Rasenabschnitt, der bei der Pflege von Grünstreifen am Straßenrand anfällt, einen wertvollen speicherfähigen Energieträger und Aktivkohle herzustellen; die Aktivkohle kann dann für die Abwasseraufbereitung in Kläranlagen eingesetzt werden – ein wichtiges Thema in der Region, handelt es sich beim Bodensee doch um eines der größten Trinkwasserreservate Europas. Dazu eine Photovoltaikanlage auf Stahlstelzen in ca. acht Metern Höhe, mit der die darunterliegenden Ackerflächen etwas beschattet werden, die aber noch genügend Niederschlag sicherstellt und auch Platz für große Landmaschinen lässt, befestigt mit Hilfe von Fundamenten, die nach Vorbild des Wurzelwerks von Bäumen ganz ohne Beton auskommen und recht einfach und vor allem rückstandslos zurückgebaut werden können. Oder die sog. „Dalben“ (dieser Ausdruck steht in der Fachsprache von Seeleuten für die Pfähle zwischen den Liegeplätzen einzelner Boote in Hafenanlagen) aus Holz statt wie sonst üblich aus Stahl, allerdings doch mit einem Lack versehen (mit einem entsprechenden Schwermetalleintrag in den See); diese Dalben müssen jedoch bereits alle 12 bis 15 Jahre ausgetauscht werden.

Auf diese und zahlreiche weitere Innovationen bzw. Lösungen (z.B. die multimedial gestützte Besucherlenkung im Naturpark Nagelfluhkette, der Solarturm im Hafen Moos bei Radolfzell zum Betrieb der Solarboote im Untersee oder auch ein vor allem am Gedenken der Kreislaufwirtschaft orientiertes Blockheizkraftwerk zur Wärmeversorgung einer größeren Hofgemeinschaft) stieß eine Gruppe von angehenden Geographinnen und Geographen während ihres Großen Geländeseminars in der Bodenseeregion im September 2019 unter der Leitung von H-M. Zademach. Welche dieser Lösungen können wirklich als wichtige Entwicklungen im Sinne des Gedankens der Nachhaltigkeit, möglichst sogar einer „starken“ Nachhaltigkeit, eingeordnet werden? Welche sind eher Lippenbekenntnisse, wo der Gedanke der Nachhaltigkeit z.B. schlicht als Marketing-Instrument missbraucht wird? Die Dalben – oder auch die Wegbeläge aus Kies statt Asphalt – im Yachthafen Langenargen wurden von der Gruppe dabei mit dem größten Fragezeichen versehen, gerade auch in Anbetracht der vielen SUVs und sonstigen hochmotorisierten Fahrzeuge in der Anlage; auch die Vertreterin des Instituts für Seenforschung in direkter Nachbarschaft ließ wissen, dass ihr eine möglichst natürliche Uferzone der liebere Nachbar wäre. Ganz anders hingegen bei der Agrophotovoltaik-, kurz APV-Anlage im Demeter-Landwirtschaftsbetrieb Heggelbach. Bei der Anlage handelt es sich weltweit um die erste ihrer Art, mit ihren 192 KWp Leistung können ca. 65 Haushalte mit Strom versorgt werden. Jetzt, nach drei sehr genau beobachteten Testjahren kann sie recht präzise evaluiert werden. Fazit: Der Mehrerwerb der Stromernte gleicht die Ertragseinbußen beim Getreide- und Gemüseanbau darunter mehr als aus – offensichtlich eine wirklich sinnvoll, auch gut praktikable Lösung in der gut bekannten, durchaus hitzig geführten Debatte „Tank versus Teller“. Ähnlich bei CoAct: Auch hier konnten aus Perspektive des Nachhaltigkeitsgedankens keine Fallstricke oder echten Nacheile erkannt werden.

Auf allgemein-konzeptioneller Ebene konnte die Gruppe herausarbeiten, dass alle im Sinne der Nachhaltigkeit wirklich vielversprechenden Lösungen regelmäßig mit komplexen Akteurskonstellationen einhergingen: Private-Public-Partnerships, in denen kleinere und größere regionale und überregionale Unternehmen mit kommunalen oder anderen öffentlichen Organisationen, eng zusammenarbeiten, meist auch im Verbund mit bestimmten Forschungseinrichtungen / Universitäten und zu einem gewissen Grad auch unterstützt mit öffentlichen Mitteln (z.B. BMBF Programm FONA, Interreg). Besonders augenfällig jedoch: Als die ganz entscheidenden Triebkräfte lassen sich immer wieder Einzelpersonen identifizieren, die ihre Projekte mit Tatkraft, Überzeugung, Geduld und Empathie vorantreiben, die eine gewisse Risikobereitschaft haben, vor allem aber auch über eine hohe Frustrationstoleranz verfügen, also immer wieder größere und kleinere Rückschläge wegstecken und weiter „tüfteln“. Vielfach fehlt es schlicht noch an der kritischen Masse, oder anders gesagt: der Frage der Skalierung und Skalierbarkeit der einzelnen beobachteten Ansätze bleibt eine zentrale Herausforderung. Ein während der Reise interviewter Ökolandwirt brachte dies mit einem fröhlichen „Wenn's sonst keiner macht, dann mach's halt ich“ sehr anschaulich auf dem Punkt. Nur mit der hier anklingenden Trägheit unserer Gesellschaft, einer (noch) zu häufigen Skepsis gegenüber Neuen und vielfachem Zögern, kann sich die Gruppe erklären, warum die so schlichte und doch in allen Belangen des Nachhaltigkeitsgedankens voll überzeugende Lösung der APV nicht bereits viel weiter verbreitet ist – zumindest vorerst. Die Weiterentwicklung und Verbreitung der neuen, von uns als wertvoll eingeordneten Ansätze wird die Gruppe jedenfalls mit Interesse weiter verfolgen. 

Hans-Martin Zademach und Jessica Niehoff