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Langfristige Linien in kurzfristigen Zeiten für Coaching und Supervision

Eichstätt, 18. September 2018Wie können Coaching und Supervision für Firmen und Privatpersonen gelingen, wenn eine Beratung immer schneller auf Unsicherheit und Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft reagieren muss? Dieser Frage ging in der vergangenen Woche unter dem Titel „Supervision and Coaching in a VUCA-World“ eine Fachtagung an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) nach.Die Abkürzung VUCA steht für die englischen Begriffe von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität. Veranstalter waren der Lehrstuhl für Sozialpädagogik der KU (Prof. Dr. Dr. Janusz Surzykiewicz), die European Association for Supervision and Coaching (EASC, Susanne Rieger), die Professur für Psychologische Diagnostik und Interventionspsychologie an der KU (Prof. Dr. Joachim Thomas) sowie die Warschauer Kardinal Stefan Wyszynski Universität (Präsident Prof. Dr. Stanisław Dziekoński). Die mehr als 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen aus Deutschland, Spanien,  Tschechien, Polen, England, Slowenien, Ungarn, Österreich und der Schweiz an die KU. (INTERVIEW in PDF; KEYNOTES in PDF; WORKSHOPS in PDF)

Beratung für Institutionen, Familien oder Einzelpersonen knüpft an Grundbedürfnisse der menschlichen Existenz nach Orientierung und Zufriedenheit an. Wir alle sind lernfähig und gleichzeitig lernbedürftig. Es ist daher wichtig, für den Bereich des Coachings und Supervision eine europäische Dimension in der Beratungsforschung und Praxis zu erreichen“, erklärte Professor Surzykiewicz, der unter anderem mit polnischen Partnern zur Entwicklung und Evaluation innovativer Lehr- und Lernverfahren in der Vermittlung von Beratungskompetenz, Beratungsforschung und Theorieentwicklung sowie Vernetzung mit Praxis und Persönlichkeitsbildung von Sozial- und Seelsorgeberufen forscht. Beratung sei ein hohes Gut, weil sie eine Teilhabe am Leben fördere. Insofern sei es Ziel der Konferenz gewesen, die zentralen Themen zur Wirksamkeit von Coaching zu reflektieren und in zahlreiche Workshops und Plenumsveranstaltungen nicht nur methodische Aspekte zu beleuchten, sondern auch die Ethik und Spiritualität von Beratungskonzepten. Damit wolle man Grundlagen schaffen für wissenschaftlich begründete und fachlich präzise ausgerichtete Modelle von Coaching und Supervision.

Die europäische Dimension des Themas betonte auch die EASC-Vorsitzende Susanne Rieger: „Wir brauchen Vernetzung in einer VUCA-World. Die europäische Ideenvielfallt und Diversität ermöglicht interessante Perspektiven und Gelegenheit zur Weiterentwicklung.“ Deshalb bot die Veranstaltung neben dem offiziellen Programm auch viel Gelegenheit zum informellen Austausch der Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

KU-Vizepräsident Prof. Dr. Klaus Stüwe betonte in seinem Grußwort, dass auch Universitäten mit Mehrdeutigkeit und Unbeständigkeit konfrontiert seien, die sich in Forschung und Lehre widerspiegeln müssten. „Aspekte von Führung und Strategie werden in immer kürzeren Abständen hinterfragt, Glaubenssätze und Paradigmen kommen auf den Prüfstand. Gleichzeitig stehen Institutionen, Firmen, aber auch Privatpersonen dennoch vor der Herausforderung, langfristige Linien zu entwickeln, die über den Tag hinaus Gültigkeit haben und Orientierung bieten“, so Stüwe. Deshalb sei es ein Anliegen der Universität, nicht nur Fachwissen, sondern auch interdisziplinäre, vernetzte und internationale Sichtweisen zu vermitteln.

Zum Auftakt des Kongresses thematisierte der Bielefelder Soziologie-Professor und Berater Prof. Dr. Stefan Kühl die wiederkehrenden Diskussionen um ideale Organisationsformen von Firmen und Institutionen. „Letztlich sind diese nur Variationen von Diskussionen um Enthierarchisierung und Entformalisierung, die seit 100 Jahren geführt werden. Ein Minimum an historischen Kenntnissen hilft also, um nicht jeder vermeintlichen Neuigkeit folgen zu müssen“, so Kühl. Jedoch könnten solche Management-Moden Gelegenheit dazu bieten, um die Trägheit einer Organisation zu überwinden. Organisationsformen seien vergleichbar mit Sprichwörtern, von denen oft mehrere Variationen ihre Gültigkeit hätten – wie etwa „Gegensätze ziehen sich an“ und „Gleich und Gleich gesellt sich gern“. Für die jeweilige Organisation gelte es, die gewünschten Prämissen und deren Konsequenzen herauszuarbeiten: „Eine flache Hierarchie beispielsweise schränkt gleichzeitig die Erreichbarkeit eines Managers ein, da viele erwarten, mit ihm unmittelbar auf gleicher Ebene kommunizieren zu können“, erläuterte Kühl. Nicht immer solle man einem antihierarchischen und antibürokratischen Reflex nachgeben. Soziale Beziehungen seien geprägt von Machtkämpfen. Durch eine gewisse Hierarchie, die für Organisationen ab einer bestimmten Größe erforderlich sei, könnten solche Phänomene gelindert werden.

Dr. Christoph Schmidt-Lellek, Psychotherapeut und Supervisor aus Frankfurt, betonte in seinem Beitrag die Gefahr der Entfremdung, Verdinglichung und Instrumentalisierung des Menschen, die in einer VUCA Welt bestehe. Um dem entgegen treten zu können bedürfe es eines umfassenderen Blickes auf das Lebensganze und könne auch mittels Life-Coaching erfasst und angegangen, eine Wirkung nicht nur nach außen (Arbeit und Effizienz), sondern auch eine Wirkung nach innen erzielt werden (Verarbeitung des Erlebens von Arbeit). Auf diese Weise erhielten die eingebrachten Themen eine existenzielle Dimension.

Prof. Dr. Carsten C. Schermuly, Professor für Wirtschaftspsychologie und Studiengangsleiter an der SRH Hochschule Berlin stellte in seinem Beitrag eine zentrale Frage des Kongresses in den Mittelpunkt, die Wirksamkeitsforschung von Coaching. Er gab einen Einblick in den aktuellen Forschungsstand. Darüber hinaus zeigte er verschiedene Zukunftstrends auf, die Coachingsformate zukünftig entfalten müssten, damit Klienten und Organisationen von ihnen profitieren könnten.

Prof. Dr. Augustyn Bańka, Profesor für Lebensqualität und berufliche Beratung der Universität für Sozial- und Humanwissenschaften in Warschau, bezog sich auf Analysen zur beruflichen Adaptabilität und gegenwärtige Anforderungen der Arbeitswelt. Die Postulate und Lösungsvorschläge zur Notwendigkeit, innovative Berstungsformate zu entwickeln und ein menschenfreundliches Arbeitsklima zu fördern dominierten seine Erläuterungen.

Die Keyspeakerbeiträge schloss Prof. Dr. Eric Lippmann, Professor für Angewandte Psychologie und Studienleiter an der Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. In seinem Beitrag nahm er Bezug auf die spezifischen Anforderungen an Coaching und Supervision in der VUCA- Welt. Neben der Verzahnung von Person und Organisation stellte er vor allem die Betroffenheit des Individuums heraus; dabei setzte er neue, aus didaktischer Sicht interessante Vortragsformate.

In zahlreichen Workshops konnten die Kongressteilnehmer darüber hinaus Einblick in die Coachingpraxis und ausgewählte Methoden gewinnen, dabei wurden u.a. die Themen Interkulturalität, Identität, Intersubjektivität, Leadership, Experience Samplings, Feedbackprozesse, virtuelles Coaching, Mentoring und der Umgang mit Scheitern vertieft.
In einer Postersession wurde das gemeinsame EU-Projekt der KUEI und UKSW Warschau zu Coaching bei Übergabe von Familienfirmen vorgestellt und diskutiert. Vor allem wurde auch über Beratungskompetenz als ein innovatives Seminarkonzept zur Erweiterung der sozialpädagogisch-beraterischen Grundausbildung an unseren Hochschulen gesprochen. Diese Veranstaltung wird eng wissenschaftlich begleitetet und kontinuierlich weiterentwickelt.
Die anwesenden Forscher planten abschließend ein gemeinsames neues internationales Projektvorhaben und die Weiterentwicklung der Zusammenarbeit zur Neukonzeptionalisierung und Qualitätssicherung von Supervision und Coaching sowie die Entwicklung von relevanten Bildungsformaten.  

Bildinformation: (v.r.) KU-Vizepräsident Prof. Dr. Klaus Stüwe, Susanne Rieger (Präsidentin der European Association for Supervision and Coaching) und Gastgeber Prof. Dr. Dr. Janusz Surzykiewicz (Lehrstuhl für Sozialpädagogik) begrüßten die über 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus acht Nationen an der KU. (Foto: Schulte Strathaus/upd).