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Forschung und Projekte

Prof. Dr. Gernot Michael Müller

Brille und Etui des Augsburger Humanisten und Altphilologen Hieronymus Wolf (1516–1580), ab 1557 Rektor des städtischen Gymnasiums bei St. Anna (heute: Optisches Museum Oberkochen)

Aktuelle Forschungsfelder

1. Philosophie in Rom – Kultur, literatur- und philosophiegeschichtliche Aspekte:

Dieses Arbeitsfeld gilt den Bedingungen der Philosophie in Rom und der Frage, unter welchen Gesichtspunkten diese als eigenständige Seitenlinie der antiken Philosophie beschrieben werden kann. Ausgehend von dem inzwischen allgemein akzeptierten Befund, dass Philosophie in Rom nicht einfach nur rezipiert wurde, sondern dass diese dort in aktiver Auseinandersetzung mit den aus Griechenland importierten Lehren signifikante Veränderungen und Weiterentwicklungen erfahren hat, werden im Rahmen von Tagungen, Projekten und betreuten Qualifikationsarbeiten die zentralen Autoren und Trägergruppen der Philosophie in Rom in komparatistischer Perspektive erforscht und in diesem Zusammenhang danach gefragt, welche Konsequenzen die spezifischen kulturellen Verständnisbedingungen in Rom für deren Auseinandersetzung mit der Philosophie zeitigen. Ziel ist es dabei, jeweils diejenigen Bereiche herauszuarbeiten, in denen sich eine besondere römische Prägung greifen lässt, und daraufhin jene typischen Felder zu identifizieren, in denen sich diese vorrangig artikuliert. Ziel ist es somit, philosophie- und kulturgeschichtliche Kriterien zu erarbeiten, welche den philosophischen Bemühungen von Römern gemeinsam sind und diese als dezidiert römisch erkennbar werden lassen. Auf diese Weise soll ein Beitrag geleistet werden, die inzwischen zahlreichen autor- und werkbezogenen Ansätze auf diesem Forschungsgebiet vergleichend aufeinander zu beziehen und sukzessive ein Gesamtbild der Philosophie in Rom zu erarbeiten, zunächst bezogen auf die Zeit zwischen dem 2. Jh.v.Chr. und dem 1. Jh.n.Chr, später auch in Bezug auf die Spätantike.

Als Diskussionsplattform wurde im Jahr 2014 der Arbeitskreis „Philosophie in Rom“ bei der Gesellschaft für Antike Philosophie e. V. gegründet, dessen erstes Kolloquium von 17. bis 18. September 2014 in Eichstätt stattgefunden hat. Der zweite Workshop wird von 23. bis 24. Juli 2015 in Würzburg (Organisation zusammen mit Jörn Müller) stattfinden.

2. Der literarische Dialog in der Antike und in der Frühen Neuzeit:

Im weiteren Zusammenhang mit diesem Projekt steht mein Interesse an der Gattung des literarischen Dialogs insbesondere als Medium der intellektuellen Gemeinschaftsbildung sowie im Allgemeinen an den literarischen Formen der Philosophie und der damit zusammenhängenden Frage nach dem Verhältnis von Form und Gehalt bei deren Vermittlung. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt in Bezug auf die Antike aktuell auf Ciceros philosophischen Dialogen, im Bereich der Dialogliteratur der Frühen Neuzeit auf der Dialogtheorie des 16. Jh.s (insbesondere Carlo Sigonio). Im Rahmen dieses Forschungsgebiets entstehen an der Professur aktuell eine Dissertation und eine Habilitationsschrift. Neuerdings besteht in diesem Themenfeld ein wissenschaftlicher Austausch mit der Arbeitsgruppe „Dialogos“ der Universität Blaise Pascal in Clermont-Ferrand (Frankreich). Für Herbst 2016 ist zusammen mit Dr. Jean-Pierre De Giorgio (Maître de conférance für Klassische Philologie an der Universität Clermont-Ferrand) ein Kolloquium zur Figurengestaltung im literarischen Dialog, das in Eichstätt stattfinden soll. Des Weiteren laufen Planungen für eine deutsch-französische Graduiertenschule zum Thema Literarischer Dialog.

3. „Korrespondenz und Identität – Lateinische Epistolographie zwischen Spätantike und Frühmittelalter“:

Dieses Arbeitsgebiet bezieht sich auf die lateinische Epistolographie der Spätantike und des Frühmittelalters und damit auf eine der produktivsten literarischen Gattungen dieses Zeitraumes, die gleichzeitig auch eines der wichtigsten Quellenkorpora für den sich seit dem 4. Jh. auf dem Boden des weströmischen Reichs vollzogenen historischen Wandel dartellt. Das Hauptaugenmerk in diesem Forschungsschwerpunkt der Professur gilt vor allen Dingen den verschiedenen Strategien der Identitätsstiftung, die sich im traditionsreichen Medium des Briefs greifen lassen oder mit diesem vollzogen werden – etwa auch im Austausch mit oder in Abgrenzung von Barbaren –, bzw. in diachronischer Perspektive, wie sich diese angesichts des kulturellen Wandels zwischen dem 4. und dem 7. Jh. verändern. Die spätantike Epistolographie wird hier somit als Medium der Selbstbeschreibung und Selbstvergewisserung innerhalb der sich wandelnden politisch-gesellschaftlichen Bedingungen gelesen, welche zudem aussagekräftige Schlaglichter auf das Leben der spätantiken weströmischen Aristokratie wirft, für die die traditionelle Bildung zu einem wesentlichen Standesmerkmal avanciert. In der Tat wird die Briefkorrespondenz als bewusste Kontinuierung einer bis auf Cicero zurückgehenden kommunikativen Tradition inszeniert. Das Abfassen von Briefen sowie deren anschließende Veröffentlichung dient somit immer auch der Porträtierung eines Kreises von Gebildeten, die sich auf diese Weise als Garanten des Fortlebens römischer Kultur begreifen. Indem sich die Trägergruppe dieser Praxis im Laufe der Spätantike zahlenmäßig immer mehr verringert, reflektiert die Epistolographie der Epoche auch auf diese Weise den in dieser stattfindenden kulturellen Wandel. Zudem bezeugt die zunehmende Einschränkung der räumlichen Reichweite die politische Desintegration auf dem Gebiet des weströmischen Reichs. Schließlich erscheint die Briefliteratur der Spätantike auch als Medium, in dem das Verhältnis von heidnisch-antiker Bildungstradition und christlicher Identität diskutiert wird. Neben der kulturellen Herausforderung, Einfall und Ansiedlung barbarischer Populationen zu verarbeiten und den eigenen Platz innerhalb der sich wandelnden politischen und ethnischen Rahmenbedingungen zu finden, erweist sich das Spannungsfeld von heidnisch-antiker Bildungstradition und christlichen Vorstellungen als ein weiterer Bereich spätantiker Identitätsbildung, für den die Epistolographie eine hervorragende Quelle darstellt. Im Rahmen dieses Arbeitsfeldes hat im Juni 2013 eine internationale Tagung zur lateinischen Epistolographie der Spätantike mit Ausblicken auf die Briefliteratur des Frühmittelalters stattgefunden. Austausch besteht mit dem DFG-ANR-Projekt „Epistola. Der Brief auf der Iberischen Halbinsel und im lateinischen Westen. Tradition und Wandel einer literarischen Gattung (4. bis 11. Jahrhundert)“, das in Erlangen, Poitiers und Madrid angesiedelt ist.

Weitere Forschungsschwerpunkte

  • Poetik und Theorie der Lateinischen Literatur in Antike und Früher Neuzeit
  • Literatur und Kultur der Spätantike und des Frühmittelalters
  • Frühchristliche Literatur
  • Lateinische Dichtung der Frühen Neuzeit
  • Humanistische Konzepte von Nation
  • Antikerezeption