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26.03.19

Sterben & Töten für Gott? Das Martyrium in Spätantike und frühem Mittelalter

Ausführlicher Tagungsbericht


Quelle: http://www.zeno.org - Contumax GmbH & Co. KG

Sind Attentäter, die im Namen Gottes töten, Märtyrer? Darf die Bereitschaft, für Gott zu sterben, mit Gewalttätigkeit einhergehen? Wem kommt im strengen Sinne der Ehrentitel „Märtyrer“ zu, wer ist bloßer Fanatiker? Vom 20. bis 23. Februar 2019 fand am Campo Santo Teutonico im Römischen Institut der Görres-Gesellschaft (RIGG) eine internationale und interdisziplinäre Fachtagung zum Thema „Sterben & Töten für Gott? Das Martyrium in Spätantike und frühem Mittelalter“ statt. Die Tagung wurde ausgerichtet von der Forschungsstelle Christlicher Orient an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (Prof. Dr. Peter Bruns) in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Alte Kirchengeschichte und Patrologie (Prof. Dr. Dr. Andreas Weckwerth) sowie der Stiftungsprofessur Prinz Max von Sachsen des Bistums Eichstätt für Theologie des Christlichen Ostens (Prof. Dr. Thomas Kremer) und dem RIGG (Prof. Dr. Stefan Heid). Ihr Focus lag auf der historischen Herausarbeitung eines heuristisch fruchtbaren Märtyrer-Begriffs in Spätantike und frühem Mittelalter. Die Tagung wurde unterstützt aus Mitteln der Görres-Gesellschaft und der proFOR+ Forschungsförderung der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Im Eröffnungsvortrag „Neque enim veneramur nomine martirum eos qui sibi collum ligaverunt (Aug. c. litt. Pet. II 49). Opfertod und Todessuche als Exempel in Antike und Christentum“ verwies INGO SCHAAF (Konstanz) auf vor- und außerchristliche pagane Ideen und Gestalten als Anknüpfungspunkte und Kontrastfolien für die christliche Deutung des Martyriums. Nachdem die terminologisch definitorische Rahmenbedingung von einer wohl schon vorgriechischen Sprachwurzel abgeleitet wurde, zählte der Referent vielfältige Textstellen, unter anderem aus Aristoteles und Sokrates, Cicero und Tacitus auf.

Das Referat von HANS REINHARD SEELIGER (Tübingen) „Ad illam vitam non ducit tortura sed causa (Acta Sebastiani 28). Das Bild des Märtyrers in den römischen Märtyrerlegenden“ besaß für das Tagungsthema ebenso grundlegenden Charakter, indem der ausgewiesene Kenner der frühchristlichen Märtyrerliteratur auf die äußerst komplex verlaufene Entwicklung der Märtyrerverehrung in der Stadt Rom und deren Reflexion in den Märtyrerakten einging. Dabei wurde deutlich, wie sehr der Sitz im Leben für die Interpretation der hagiographischen Texte berücksichtigt werden muss.

Als Jurist wählte FELIX GROLLMANN (München) in seinem Beitrag „Rechtsvorstellungen und Kirchenhass. Zum Verhältnis der frühmittelalterlichen Martyrien zu den römerzeitlichen Christenverfolgungen“ die Leitfrage: Ist es für die Theologie des Martyriums interessant, sich mit der Rechtsvorstellung der Verfolger auseinanderzusetzen? Diese Fragestellung wurde in der Beschäftigung mit einem Briefwechsel zwischen Kaiser Trajan und dem Statthalter Plinius sowie mit dem Martyrium des Bischofs Emmeram bearbeitet.

FELIX ROHR (Bamberg) ließ in einer Art altphilologischem Werkstattbericht an seinen Gedanken zum Thema „Meriti clausula pax. Zur Martyriumsidee bei Prudentius“ teilhaben. In den Hymnen des christlichen Dichters (Peristephanon, Cathemerinon liber) käme die Märtyrerdevotion des 4. Jahrhunderts zum Ausdruck. Besonders innovativ war aber ein intertextueller Vergleich zwischen der Rede der Concordia in der Psychomachia (775–778) mit dem Ersten Korintherbrief.

Den zweiten Konferenztag eröffnete GEORG RÖWEKAMP (Jerusalem) mit seinem Vortrag „Der christliche Märtyrer als Kämpfer. Einige Beobachtungen aus der Kirchengeschichte des Heiligen Landes“. Der ab dem 6. Jahrhundert als Drachentöter dargestellte Georg, dessen Grab in Lydda, in der Nähe des heutigen Tel Aviver Flughafens, verehrt wird, diente nur als ein Beispiel der in Palästina verehrten Soldatenheiligen und -märtyrer. Zudem wurde der temporale Horizont auf die Kreuzfahrerzeit ausgeweitet, als sich mit der Theorie eines Heiligen Krieges für das Martyrium der innere Kampf gegen das Böse zum äußeren Kampf gegen die Bösen transformierte.

PETER BRUNS (Bamberg) richtete in seinem Beitrag „Erlösung im Kampf oder durch Tod? Beobachtungen zu den syrischen Akten der persischen Märtyrer“ den Blick über die Grenzen des Römischen Reiches hinaus und beschäftigte sich mit der Christenverfolgung im Sassanidenreich unter Schapur II. In der ausführlichen Analyse der syro-persischen Märtyrerakten, besonders derer zu Bischof Simeon dem Färbersohn, und im Vergleich mit armenischen und ostsyrischen Texten wurde deren Märtyrervorstellung herausgearbeitet.

„Die christliche Deutung der ,makkabäischen‘ Märtyrer im frühen Mittelalter“ stellte NOTKER BAUMANN (Fulda/Marburg) vor. Der in seiner biblischen Kanonizität umstrittene Bericht von den Widerstandskämpfern, die unter Antiochus IV. Epiphanes für das mosaische Gesetz den Tod erlitten, wurde in der frühkirchlichen Interpretation zu einem Vorbild der Glaubensstärke. Neben ikonographischen und kultisch-liturgischen Quellen würden dies unter anderem Texte von Origenes, Cyprian, Isidor von Sevilla, Beda Venerabilis, Aelfric von Eynsham und Hrabanus Maurus belegen.

Zur jüdisch-rabbinischen Position gegenüber der Martyriumsidee sprach WENZEL MAXIMILIAN WIDENKA (Eichstätt) unter dem Titel „Seinen Nahmen heiligen, um das Volks zu retten. Das Konzept des Qiddush haShem und das Martyrium im Judentum“. Aus den Quellen erhob er dabei einen ambivalenten und spannungsreichen Befund, der auch eine gewisse Skepsis gegenüber dem Martyrium erkennen ließ.

THOMAS KREMER (Eichstätt) wertete in seinem Vortrag „Zum Verständnis von Martyrium in mittelbyzantinischer Zeit in der Auseinandersetzung mit dem Islam“ die Chronik des Johannes Skylitzes zur Rückeroberung des Emirates von Kreta durch Kaiser Nikephoros II. Phokas aus. Trotz der kaiserlichen Idee von Soldatenmärtyrern, der Patriarch Polyeuktos vehement widersprach, und einer gewissen Sakralisierung des Krieges könne nicht unreflektiert von einem „christlichen Jihad“ gesprochen werden. Der Einfluss einer islamischen Jihad-Theologie auf das Martyriumsverständnis in Byzanz sei traditionsgeschichtlich nicht nachzuweisen.

Die islamwissenschaftlichen Überlegungen wurden durch MIRA SIEVERS (Frankfurt a. M.) weiter vertieft. Unter dem Titel „Sie sind lebendig bei ihrem Herrn (Q 3:169). Koranische Grundlagen und theologische Deutungen des Märtyrertums im Islam“ konnte sie durch einen historisch-kritischen Zugang zum Korantext aufweisen, dass dieser keine eigenständige Lehre vom Martyrium entwickele und in den einschlägigen Suren dem Märtyrer kein eschatologischer Sonderstatus zugebilligt werde. Gerade deswegen müssten klassisch islamisch-theologische Ansätze neu überdacht werden.

Letztere nachkoranische Entwicklungen wurden von SERDAR KURNAZ (Hamburg) in seinem Beitrag „Die Entstehung und Entwicklung der Begriffe jihâd und shahid in koranexegetischer und juristischer Literatur von den Anfängen des Islams bis zum 11. Jahrhundert“ ausführlich vorgestellt. Er zeichnete dafür die Entwicklungslinien der systematischen Herausarbeitung einer islamischen Märtyrer- und Jihad-Theologie nach.

Schließlich konnte HUREYRE KAM (Frankfurt a. M.) mit seinem Vortrag „Asketische Kriegsführung. Ibn al-Mubaraks Vorstellungen vom Jihad“ die islamischen Konzepte an der Biographie eines beispielhaften Asketen aus dem 2. Jahrhundert nach der Hidschra konkret beleuchten.

Der dritte Tag der Konferenz begann mit vier Vorträgen zu einzelnen Märtyrergestalten. JOACHIM BRAUN (Eichstätt) sprach zum Thema „Vorösterliches Martyrium? Eine florilegische Sammlung zur Verehrung der ,Unschuldigen Kinder‘ als Märtyrer bei westlichen wie östlichen Vätern“. Der Blick auf diese Sondergruppe von Märtyrern, den von König Herodes im Kindermord zu Bethlehem getöteten Innocentes, erwies sich für die von der Tagung angezielte hermeneutische Schärfung des Märtyrerbegriffs als besonders hilfreich.

JOSEF RIST (Bochum) präsentierte in seinem Vortrag „Der jugendliche Tarzisius. Märtyrer und spätantikes Idealbild eucharistischer Frömmigkeit“ frühchristliche Quellen (z. B. Grabgedicht von Papst Damasus) und rezeptionsgeschichtliche Adaptionen (z. B. „Katakombenromane“) zu diesem angeblich unter Kaiser Valerian mit Steinen und Faustschlägen zu Tode gebrachten Akolythen.

Ihre „Überlegungen zum unblutigen Martyrium am Beispiel der Protomärtyrerin Thekla“ stellte KATHARINA REIHL (Eichstätt) vor. Thekla habe die Blutzeugenschaft nicht durch einen gewaltsam erlittenen Tod erfüllt, sondern in der Christusnachfolge durch ein gottgefälliges Leben. Die Quellen würden somit den Martyriumsbegriffs auf die streng asketische Lebensführung, das „unblutige Martyrium“ ausweiten.

„Hagiographische Notizen zur Theologie des Martyriums aus der Legende des frühchristlichen Blutzeugen Pantaleon“ hielt WINFRIED BÜTTNER (Bamberg) fest. Die griechische Quelle analysierte er in einem literarkritischen Zugang, um die Entstehung des Textes aus älterem, an apokryphe Erzählungen erinnernden Material aufweisen zu können.

Als Spezialist für Gregorianischen Choral stellte ROMAN HANKELN (Trondheim) in seinem Vortrag „Gewalt, Glorie, Gregorianik. Aspekte liturgisch-musikalischer Artikulation des Massenmartyriums im Sittener Mauritiusoffizium“ die Interdependenz zwischen dem Inhalt des gesungenen Textes und seiner Vertonung am Beispiel der Gebetsformulare für die Märtyrer der Thebäischen Legion vor. Die musikalische Umsetzung als Basis der gemeinsamen liturgischen Feier interpretiere die Sinnaussagen der zugrundeliegenden Texte.

Auf „Grundlinien einer Theologie des Martyriums im sogenannten Sacramentarium Veronense“ wies ANDREAS WECKWERTH (Eichstätt) hin. Anhand dieser in der Mitte des 6. Jahrhunderts entstandenen Kompilation euchologischer Quellen aus römischen Archiven würden sich drei zentrale Aspekte für die liturgische Märtyrerverehrung herausarbeiten lassen: Das Martyrium werde als Triumph über die Qualen der Folter verstanden, der Märtyrer sei archetypisches Exemplum und Vorbild, das zur Nachahmung anrege, und zugleich sei er Fürsprecher vor Gott um Gnade und Schutz.

Einen archäologischen Zugang wählte FRANCESCA PAOLA MASSARA (Palermo) für ihre bilderreiche Präsentation „Ego enim iam delibor et tempus resolutionis meae instat… Martirio, testimonianza e non-violenza nell’iconografia paleocristiana“. Sie stellte das Bildprogramm zahlreicher frühchristlicher Sarkophage und Katakombenbemalungen vor.

Unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten der sich in der Gedächtniskultur entwickelnden Beisetzungen in der Nähe von Märtyrergräbern zählte DOMINIK BAUMGARTNER (München) in seinem Beitrag „Märtyrer als Schlüssel zum Jenseits. Bestattungen ad sanctos und ihre eschatologischen und frömmigkeitsgeschichtlichen Implikationen“ auf. Der Campo Santo Teutonico selbst in der Nähe der Memoria Apostolica konnte dabei als ein Beispiel herangezogen werden.

Das Tagungsprogramm wurde schließlich durch eine gemeinsame Exkursion der Referenten abgerundet. JOHANNES GROHE (Rom) gab eine Einführung in den barocken Freskenzyklus zur Christianisierung Britanniens im Päpstlichen Englischen Kolleg.

Vor seinem Denkmal auf dem Campo de’ Fiori referierte ANDREA HINDRICHS (Rom) zu „Giordano Bruno als Märtyrer der säkularen Gesellschaft, insbesondere als Symbol der Freimaurer“.

Bei einem öffentlichen Abendvortrag mit dem Titel „Terror, Flucht, Vertreibung. Christenverfolgung als globale Herausforderung“ stellte schließlich BERTHOLD PELSTER (München) von „Kirche in Not“ die Arbeit des Päpstlichen Hilfswerkes vor.

Die Ergebnisse der Tagung sollen in der Römischen Quartalschrift für Christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte sowie in einem eigenen Tagungsband zeitnah veröffentlicht werden.

(Fotos: Stefan Heid)