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Katholikos Johannes III. von Odzun und sein Werk "Gegen die Doketisten" (Histoirsch-theologische Untersuchung)

Exposé zum Promotionsvorhaben von Hayk (Andreas) Yezekyan bei Prof. Dr. Bruns

Katholikos Johannes III. von Odzun (+ 728) ist ein sehr bedeutender armenischer Theologe und Schriftsteller des 8. Jahrhunderts. Er nimmt eine besondere Stellung nicht nur in der Armenischen Kirche, sondern auch in der Geschichte des armenischen Volkes ein. Er bestieg den Patriarchenthron in einer besonders herausfordernden Zeit für seine Kirche und sein Land. Armenien stand unter der Herrschaft des arabischen Kalifats und die christliche Bevölkerung litt häufig unter der islamischen Unterdrückung. Hinzu kommt, dass in der Zeit nach dem Konzil von Chalzedon, das von der Armenischen Kirche nicht rezipiert wurde, über die christologischen Positionen gestritten wurde. Johannes von Odzun nahm sowohl in der Auseinandersetzung mit den islamischen Herrschern, als auch in der christologischen Diskussion eine herausragende Rolle ein. Für beide Problemfelder versuchte er einerseits durch Verhandlungen mit dem Kalifen in Damaskus und andererseits auf der Synode von Manazkert (726) Lösungen für die Armenische Kirche zu finden. Johannes erhielt vom Kalifat die Bestätigung der rechtlichen Stellung seiner Kirche, fixierte die dogmatische Lehre und erneuerte durch liturgische und kanonistische Reformen das kirchliche Leben. Katholikos Johannes ist ein herausragender Theologe, der mit seiner Tätigkeit die Armenische Kirche wesentlich prägte. Die Rolle, die Johannes von Damaskus für die Lehrentwicklung der Byzantinischen Reichskirche zugesprochen wird, kommt seinem Namensvetter für Armenien zu.

Trotzt der großen Bedeutung, die Katholikos Johannes von Odzun für die Armenische Kirche besitzt, bleiben jedoch bis heute manche Umstände seines Lebens und seiner Tätigkeit sowie einige Aspekte seiner christologischen Lehre unsicher, die nicht selten sehr widersprüchliche Interpretationen zulassen. Diese Deutungen hängen grundsätzlich von den konfessionellen Positionen der Autoren und Forscher ab. Folglich sollen diese Fragen, die sich insbesondere auf die Christologie des Johannes beziehen, der Ausgangspunkt einer objektiven und kritischen Forschung werden.

Das literarische Erbes des Johanens von Odzun ist umfangreich, da er schriftstellerisch sehr fruchtbar war. Er verfasste zahlreiche liturgische, kanonistische, hymnographische und dogmatisch-polemische Werke. Eine besondere Stellung nimmt die Streitschrift "Gegen die Doketistien" ein, in der er sich gegen den Aphthartodoketismus wendet. In seiner Argumentation stellt Johannes seine christologsichen Ansichten ausführlich dar.

Trotz der großen Bedeutung dieser Streitschrift für die Erforschung des Aphthartodoketismus und der Entwicklung der nachchalzedonischen Christologie in Armenien liegt bis heute weder eine kritische Edition noch eine wissenschaftlich eingehende Untersuchung dazu vor. Zum ersten Mal wurde dieses Werk vom Mechitaristen B. Aucher (M. Avgeryan) 18047 in Venedig veröffentlicht, wobei seine Edition bis heute die maßgebliche Textausgabe bleibt. Als Grundlage für seine Publikation dienten ihm die armenischen Codices 1325 und 2359 aus der mechitaristischen Bibliothek von San Lazarro, die Kopien des armenischen Codex 131 aus der Nationalbibliothek Frankreichs sind. Der armenische Text wurde vom gleichen Forscher 1816 in Venedig mit lateinischer Übersetzung und einem ausführlichen Kommentar erneut publiziert. Aufgrund dieser Ausgangslage liegt ein erster Schwerpunkt des Promotionsprojekts auf der Erstellung einer mondernen wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden kritischen Edition. Für diese neue Ausgabe des armenischen Textes sollen alle acht Handschriften, die nach heutigem Kentnisstand das Werk des Johannes erhalten, kollationiert werden. Dies ist im Einzelnen zunächst der armenische Codex Nr. 131 aus Paris, auf dem die Codices Nr. 1325 und 2359 aus Venedig, wie auch der Codex Nr. 303 aus Wien basieren. Hinzu kommen eine Handschrift aus Jerewan (Nr. 2607) und drei aus Jerusalem (Nr. 1009, 1024 und 2301). So soll ein möglichst authentischer Text entstehen, dessen Varianten und abweichende Lesarten in einem kritischen Apparat verzeichnet sind.

Zusätzlich sollen im Rahmen der Edition die biblischen und patristischen Quellen des Textes besprochen werden. Sie werden in einem gesonderten Apparat aufgelistet und ihre eingehende Analyse ermöglicht eine dogmenhistorische Einordnung der Argumentation des Johannes von Odzun. Anhand der Auswahl seiner Quellen kann die christologsiche Position des Katholikos näher charakterisiert werden.

Schließlich soll dem armenischen Text eine deutsche Übersetzung zur Seite gestellt werden.

Eine ausführliche theologische Analyse zu "Gegen die Doketisten" von Johannes von Odzun, die auch Parallelen zu Werken anderer armenischer Autoren aufzeigt, schließt die Beschäftigung mit dem Text ab. Darüber hinaus sollen auch Bezüge zu weiteren Schriften des Katholikos hergestellt werden. So ist es möglich, seine antidoketische Abfassung in sein Gesamtwerk einzuordnen.

Es erschien unabdingbar, der Beschäftigung mit dem Text eine ausführliche Einleitung voranzustellen, die ein objektives Verständnis der Schrift des Johannes von Odzun gewährleisten soll. Zunächst wird dabei die dogmatische Position der Armenischen Kirche nach dem Konzilo von Chalzedon vorgestellt und die Entwicklung der Christologie bis ins 8. Jahrhundert in einer Zusammenfassung beschrieben. Dabei wird auch der Frage nachgegangen, wie die Armenische Kirche die Positionen des Severus von Antiochien, des Julian von Halikarnassos und des Philoxenos von Mabbug bewertete. Eine ausführliche Untersuchung der Verbreitung der aphthartodoketistischen Häresie in Armenien bildet den zweiten Schwerpunkt der Promotionsarbeit. Zum ersten Mal beschäftigte sich Erwand Ter-Minassiantz in seiner 1904 erschienenen Forschungsarbeit "Die armenische Kirche in ihren Beziehungen zu den syrischen Kirche bis zum Ende des 13. Jahrhunderts" mit dieser Frage. Auch wenn seine Ausführungen bis heute vielfach rezipiert werden, muss doch auf Grundlage neuer Quellen und vertiefter Forschungsarbeiten eine Revision seiner Beurteilung vorgenommen werden. Schließlich runden die Beschreibung der politischen gesellschaftlichen Situation Armeniens im 7. und 8. Jahrhundert, vor allem der Beziehungen der Armenischen Kirche zum Kalifat, und eine Einleitung in das Leben, Wirken und Werk des Johannes von Odzun die einführenden Gedanken ab.