„Ingolstadt ist ein Brennglas globaler Krisen“ – KU lädt ein zu den 1. Ingolstädter Transformationsgesprächen
Wie werden die Menschen in und um Ingolstadt in Zukunft leben, arbeiten und wirtschaften? Kaum eine Region steht angesichts des tiefgreifenden Wandels in der Automobilindustrie und der globalen Umbrüche vor so weitreichenden Fragen. Die 1. Ingolstädter Transformationsgespräche am Mittwoch, 15. Juli, von 14 bis 17 Uhr im Georgianum Ingolstadt möchten dafür Impulse liefern und Wissenschaft, Wirtschaft sowie Stadtgesellschaft miteinander ins Gespräch bringen.
Im Vorfeld erklärt Initiator Prof. Dr. Harald Pechlaner, Founding Chair der School of Transformation and Sustainability der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU), warum Transformation weit mehr bedeutet als den Wandel einer Branche, und weshalb Ingolstadt das Potenzial hat, zu einem Zukunftslabor für neue Ideen zu werden.
Prof. Dr. Harald Pechlaner
Transformation ist als Schlagwort gefühlt in aller Munde. Was meint dieser Begriff?
Pechlaner: Transformation bedeutet grundsätzlich Veränderung. In den Transformationswissenschaften geht es um vielfältige Herausforderungen: Die Art und Weise, wie wir Transformation bewusst machen, wie Partizipation aussehen kann und welche Erzählung, welche Narrative genutzt werden. Transformation umfasst Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur. Die Sphären sind interdependent, sie hängen zusammen – eine Herausforderung lässt sich kaum von den anderen trennen. Das macht Transformation so komplex. Die Gefahr ist groß, dass durch Veränderungen Unsicherheiten und daraus auf gesellschaftlicher Ebene Angst entsteht. Viel nützlicher wäre es aber, Resilienz aufzubauen, die Menschen also risikobewusster, widerstandsfähiger und zukunftsbereiter zu machen. Ein konstruktiver Umgang mit Transformation bedeutet, die Zukunft in den Veränderungen zu sehen und weniger die negativen Konsequenzen, ohne diese allerdings einfach wegzureden.
Warum eignet sich Ingolstadt besonders gut, um über Transformation zu diskutieren? Was macht die Stadt oder die Region zu einem so spannenden Fall?
Pechlaner: Ich arbeite seit über 20 Jahren hier in der Regionalentwicklung und für mich war die ganze Region 10 immer eine spannende Fallstudie für die Entwicklungen unserer Zeit. Ingolstadt ist ein Brennglas globaler Krisen. Geopolitische Veränderungen und Veränderungen im Weltwirtschaftsgefüge beeinflussen den Stellenwert bestimmter Schlüsselindustrien. In Deutschland ist eine der Schlüsselindustrien der Automotive-Bereich, der mit vielschichtigen Herausforderungen befasst ist. Zum einen ist da die Transformation von den traditionellen Antrieben hin zur Elektromobilität, zum anderen der Aufstieg Chinas zu einer wirtschaftlichen Weltmacht mit anderen Geschäftsmodellen. Europa steht vor enormen Herausforderungen und muss konsequent Bestehendes in Frage stellen – dazu gehören auch traditionelle Geschäftsmodelle in der Automobilindustrie. Das bedeutet am Ende aber, und das ist mir wichtig zu betonen, dass es bei dieser Transformation nicht nur um die Automobilindustrie geht, sondern um die Standorte. In diesen Regionen leben Menschen, die manche mehr, manche weniger von dieser Industrie abhängig sind. Ich plädiere für eine umfassende Diskussion der Transformation, denn dann wird es auch weniger herausfordernd, diese Transformation gemeinsam zu bewältigen.
Es geht also im Kern um die Automobilindustrie, aber nicht nur. Welche Veränderungen sind in der Region noch spürbar?
Pechlaner: Einmal die demografische Entwicklung, die wiederum Auswirkungen hat auf die industrielle Entwicklung, denn es geht unter anderem um die Frage, woher die Menschen kommen, die morgen in diesen Industrien arbeiten sollen. Zudem die veränderte wirtschaftliche Entwicklung, denn die Finanzierung des Lebensraums Ingolstadt hing in den vergangenen Jahrzehnten stark am Gewerbesteueraufkommen. Wichtig ist hier zu realisieren, dass eine rein technologische Transformation am Ende nicht reicht. E-Mobilität, Digitalisierung und Automatisierung sind natürlich wichtig, lösen aber nicht automatisch Fragen sozialer, ökologischer oder räumlicher Natur. An dieser Stelle möchte ich einmal mehr den ganzheitlichen Ansatz betonen, den es braucht. Wir sind nun mal eingebettet in globale und regionale Lieferketten und abhängig von verschiedenen Regulierungen sowie dem wirtschaftlichen Dualismus zwischen China und den USA. Umso wichtiger ist es, dass wir uns auf eine lokale Gestaltungsmacht besinnen und ein Stück weit unser Schicksal selbst in die Hand nehmen. Das kann gelingen. Wie, das wollen wir bei den Transformationsgesprächen mit Blick auf andere Automobil-Standorte näher fassen.
Studierende des Masterstudiengangs „Transformation und nachhaltige Lebensraumentwicklung“ haben sich im Vorfeld intensiv mit internationalen Automotive-Standorten beschäftigt. Was kann Ingolstadt aus diesen Beispielen lernen?
Pechlaner: Es gibt einige Aspekte, die auch für die hiesige Region wichtig sind. Ein wichtiger Aspekt ist, wie es gelingt, industrielles Wissen in neue Zukunftsfelder zu übersetzen. Und das sollte sich auch in der Wertschöpfungsstruktur der Stadt widerspiegeln. Der zweite Aspekt ist, sich nicht auf die Resilienz eines einzelnen starken Akteurs zu fokussieren, sondern auf die Resilienz eines Ökosystems. All die Mittelständler und kleineren Unternehmen in der Region Ingolstadt als Ökosystem zu verstehen, wäre enorm hilfreich, um Vielfalt statt Monostruktur zu zelebrieren. Der dritte Aspekt, den man lernen kann, ist dass sich auch die Zukunft einer Autostadt nicht allein im Werk entscheidet, sondern im Zusammenspiel zwischen Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Wissenschaft. Dahingehend gilt es noch viel konsequenter zu handeln und strategischer zu agieren. Dafür wäre es zudem hilfreich, eine neue Erzählung zu entwickeln. Allein darauf zu hoffen, dass es dem Automobilunternehmen vor Ort bzw. dem Mutterkonzern bald wieder gut geht, ist da viel zu wenig. Ein Zurück wird es nicht mehr geben. Es braucht einen Blick nach vorn, eine echte Zukunftsorientierung, die nicht nur am Bestehenden festhält. Die müssen wir uns gemeinsam erarbeiten – wir Wissenschaftler, aber ebenso die Stadtbevölkerung und die Politik.
Sie sprechen von Ingolstadt in einem positiven Sinn als potentielles „Zukunftslabor“. Was muss passieren, damit das funktioniert?
Pechlaner: Ich bin mir sicher, dass Ingolstadt ein Zukunftslabor sein kann, wenn die Akteurinnen und Akteure in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Wissenschaft mitziehen. Das betrifft nicht nur die kreisfreie Stadt, sondern auch das Umland: Ingolstadt ist keine Stadt, sondern eine Region. Es geht darum, die Mobilitätswende und diese technologische Herausforderung einzubetten in Stadtraumqualität, in Diversifizierung, in Beteiligung, auch in regionale Verantwortung und die kulturelle wie auch touristische Entwicklung. In der Analyse ähnlicher Standorte ist uns aufgefallen, dass viele ihr Heil im Tourismus suchen. Es muss aber klar sein: Tourismus kann nie ein Ersatz für die industrielle Kompetenz einer Region sein. Tourismus kann nur eine Ergänzung sein, eine Hilfe, Stadtraumqualität zu schaffen. Das große Ziel muss vielmehr sein, die Industriekompetenz der Region einzubetten in ein größeres unternehmerisches Ökosystem.