„Wir haben die Frontalattacke auf unsere Werte unterschätzt“- Interview mit Prof. Dr. Uwe Schneidewind

Prof. Dr. Uwe Schneidewind, eine der profiliertesten Stimmen der deutschen Transformations- und Nachhaltigkeitsforschung, ist seit Januar 2026 erster Fellow an der School of Transformation and Sustainability (STS) der KU. Der langjährige Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, der zuletzt Oberbürgermeister von Wuppertal war, begleitet die neu eingerichtete Fakultät bei ihrer strategischen Weiterentwicklung. Fellows seien „Wegbegleiter auf Zeit“, sagt Gründungsdekan Prof. Dr. Harald Pechlaner, der sich freut, dass es der STS gelungen ist, mit Uwe Schneidewind einen ausgewiesenen Experten auf dem Gebiet der Transformations- und Nachhaltigkeitsforschung gewonnen zu haben. Im Gespräch mit Dr. Thomas Metten (Stabsstelle Strategie und Hochschulentwicklung) blickt Schneidewind auf zehn Jahre transformative Wissenschaft zurück und erläutert, vor welchen Herausforderungen die Nachhaltigkeitstransformation heute steht.

Lieber Uwe, vor gut zehn Jahren habt ihr den Ansatz einer transformativen Wissenschaft entwickelt, 2018 ist dann das Buch „Die große Transformation“ erschienen. Inzwischen gibt es an der KU eine eigene Transformationsfakultät, andere Hochschulen ziehen nach und richten sich stärker auf Transformationsthemen aus. Euer Ansatz war enorm erfolgreich. Die Zeiten sind inzwischen aber andere. Würdest Du das Thema heute noch genauso angehen?

Nein. Rückblickend fällt am stärksten unser Idealismus auf. Unser Buch zur großen Transformation ist in einer Phase entstanden, die durch einen besonderen Optimismus geprägt war. Fridays for Future waren auf ihrem Höhepunkt. Ein Jahr später kam der Green Deal der EU. Damals hatten wir den Eindruck, jetzt kommt richtig Bewegung rein. Unser Ansatz ist daher aus dem Geist entstanden: Es gibt eine stabile Werteordnung, die uns alle trägt. Die einzige Herausforderung schien uns: Wie übersetzen wir das in Institutionen und Regelungen, nicht nur national, sondern auf multilateraler Ebene? Es ging um das „Wie“, nie aber darum, ob das überhaupt möglich ist.

Was hat sich heute verändert?

Heute steht das „Ob“ wieder radikal in Frage. Wir erleben America first, die Spaltung unserer Gesellschaften. Institutionen, die Werte wie Solidarität und Gerechtigkeit verkörpern – von unseren demokratischen Organisationen bis hin zu multilateralen Abkommen – werden niedergerissen und Technologien sind nicht mehr nur Ermöglicher, sondern werden zu Instrumenten, um Macht an wenigen Stellen zu konzentrieren. Plötzlich ist klar: Wir haben es mit einer völlig neuen Bedrohungslage zu tun, auf die wir komplett unvorbereitet waren. Dass es eine solche Frontalattacke auf unsere Werte noch einmal geben wird, damit haben wir nicht gerechnet. Was wir 2018 geschrieben haben, wirkt daher rückblickend an einigen Stellen beinahe naiv. 

Lange Zeit galt Technologie als der große Hebel der Transformation – auch in Deiner Zeit als Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie habt Ihr intensiv an technologischen Lösungen für die Nachhaltigkeitstransformation gearbeitet. Heute sprichst Du verstärkt über Werte und gesellschaftliche Orientierung. Ist das die eigentliche Baustelle?

Ja, absolut. Mit dem Buch zur großen Transformation hatten wir bereits versucht, genau das deutlich zu machen. Wir wollten zeigen, dass die Idee nachhaltiger Entwicklung zuallererst ein kulturelles Projekt ist. Es geht um einen Wertekompass, der den Korridor vorgibt – und erst dann stellt sich die Frage: Wie können wir das in technologische Projekte übersetzen? Die Bedeutung der kulturellen Ebene tritt jetzt natürlich viel deutlicher hervor. Brechen die kulturellen Grundlagen weg, steht die ganze Idee nachhaltiger Entwicklung auf dem Spiel. Aber auch am Wuppertal Institut mussten wir immer wieder auf das reagieren, wofür es Fördermittel gab. Und das waren im Wesentlichen technologische und ökonomische Themen. 

Das heißt, die Förderkulisse von Bundesministerien und Stiftungen müsste eine andere werden, um soziale und kulturelle Fragen der Klimakrise stärker adressieren zu können?

Ja, dringend. Die kulturelle Transformation von Gesellschaft muss in den Fokus rücken. Aktuell heißt es ja immer noch, wir benötigen zuerst eine Hightech-Agenda, um international wettbewerbsfähig zu sein. Sich alleine darauf zu konzentrieren, kann sich jedoch als sehr kurzsichtig erweisen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass mit den Erschütterungen und der zunehmenden Ratlosigkeit, die wir jetzt erleben, eine neue Sensibilisierung einsetzt. Dass man feststellt: Wir sind orientierungslos, wir benötigen dringend Programme, die gesellschaftliche Orientierung stiften. 

Prof. Dr. Uwe Schneidewind mit Präsidentin
Prof. Dr. Uwe Schneidewind mit Präsidentin Gabriele Gien, STS-Founding Chair Prof. Dr. Harald Pechlaner (rechts) sowie dem Vizepräsident für Forschung, Prof. Dr. Jens Hogreve (links).

Sind da nicht die Geistes- und Sozialwissenschaften besonders gefragt?

Ja, die KU setzt hier mit ihrer neuen Fakultät genau die richtigen Akzente. Es ist gut, wenn jetzt einzelne Hochschulen aus ihrer Autonomie heraus sagen: Wir erkennen, da sind die eigentlich entscheidenden Fragen. Darum richten wir uns in Forschung jetzt sehr viel konsequenter auf geistes- und sozialwissenschaftliche Fragen der Klimakrise aus. Das ist ja genau der Grund, warum ich hier als Fellow tätig bin, da ich das Gefühl habe, die KU hat die Zeitansage verstanden und ist einer der akademischen Orte, der da jetzt vorangeht.

Einer der programmatischen Begriffe in Eurem Buch zu großen Transformation lautet Zukunftskunst. Auf dem Cover ist ein Werk des Künstlers Tony Cragg zu sehen, der in Wuppertal auch sein Atelier hat. Wie sehr ist Eurer Impuls, stärker in die Kunst reinzugehen, von den Hochschulen aufgegriffen worden?

Wir haben am Wuppertal Institut nach dem Buch die Zusammenarbeit mit Kultur- und Kunstinstitutionen sehr stark institutionalisiert. Der Impuls ist interessanterweise aber auch in Förderprogrammen aufgenommen worden, dort aber oft in einer sehr verkürzten Form, nach dem Motto: Wie kann ich jetzt Kultureinrichtungen nachhaltiger machen? Wie können die mehr Energie sparen und Recycling betreiben. 

Das war aber nicht Eure Intention, oder?

Nein. Ich versuche immer wieder deutlich zu machen, dass uns künstlerische Beobachtungsformen und die Sprache der Kunst helfen können, komplexe Phänomene gesellschaftlicher Veränderung anders und besser zu verstehen, als wir dies rein kognitiv oder analytisch können. Das wird anhand der sozialen Medien besonders deutlich, wo die Kommunikation ganz stark bildgesteuert verläuft. Aus einer künstlerischen Perspektive kann ein viel tieferes Verständnis dafür entstehen, welche Energien und Resonanzen dies freisetzt, was Menschen bewegt. Genau hier müssen wir wirklich aufholen, weil mit den künstlerischen Erkenntnismethoden und den gesellschaftlichen Interventionsmöglichkeiten der Kunst ein ganz anderes Spektrum an Ansätzen entstehen kann, um mit den aktuellen Herausforderungen umzugehen.

Das heißt, wir sollten die Zusammenarbeit mit den Künsten intensivieren?

Absolut. Das Spannende an der neuen KU-Fakultät – die ja aus der Religionspädagogik hervorgegangen ist – ist doch, dass die Theologie für diese Ebene immer schon eine hohe Sensibilität hatte. In Religionen ist immer schon klar, dass Erkenntnis nicht nur über das Verlesen der Schrift passiert, sondern auch über die in der Gemeinschaft realisierten Rituale und Inszenierungen, die ganz andere Zugänge zum Glauben und zu theologischer Erkenntnis eröffnen. Wenn wir solche Ansätze durch eine engere Kooperation mit den Künsten stärken und Künstlerinnen und Künstlern aktiv einbeziehen, ist das sicher ein guter Weg.

Eröffnung des KU-Büro für die Bürgerschaft im Juni 2023
Eröffnung des KU-Büro für die Bürgerschaft im Juni 2023

Nach Deiner Zeit als Wissenschaftler warst Du zuletzt fünf Jahre Oberbürgermeister in Wuppertal. Kommunen sind zentrale Plattformen für die Nachhaltigkeitstransformation. Was sind aus Deiner Erfahrung Voraussetzungen dafür, um in der Zusammenarbeit eine spürbare Hebelwirkung zu entfalten?

Wichtig sind konkrete Experimentierräume, wie sie an der KU mit dem Citizen Science Lab und dem Büro für die Bürgerschaft entstanden sind. Durch die enge Zusammenarbeit an solchen Erprobungsorten entsteht ein Gespür für Mechanismen, die sich in einer Kommune entfalten. Das ist auf Hochschulseite sicher auch eine Haltungsfrage, letztlich geht es aber um soziale und kommunikative Kompetenzen und eine hohe Empathiefähigkeit, um im gemeinsamen Gestalten auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden. Und da hilft es sehr, Menschen zu haben, die authentische kulturelle Kompetenzen mitbringen – das ist ja das Potenzial von Hochschulen, wenn Studierende aus der Region kommen. Das reicht vom Sich-Eindecken-Können in Mentalitäten bis zur Art des Dialektes. Das als Kompetenz anzuerkennen, um ganz anders in diesen Experimentierräumen agieren zu können, ist enorm wichtig, weil eine Hochschule schnell als Fremdkörper wahrgenommen wird. Und natürlich sollten die Fragen, mit denen man sich auseinandersetzt, nicht alleine aus der Wissenschaft kommen, sondern aus der Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort. Nur so kann das Gefühl entstehen: Die arbeiten an Themen, die mich interessieren, die ich genauso formulieren würde, und deswegen wirke ich daran mit, gemeinsam bessere Antworten zu entwickeln.

Du hast jetzt einige Themen benannt: gesellschaftliche Orientierung, Kommunen als Plattformen für die Nachhaltigkeitstransformation und die Notwendigkeit konkreter Experimentierräume. Sind das die Themen, die Dich auch in Deiner Zeit als Fellow an der KU beschäftigen werden?

Genau. Das werden die Themen für die nächste Zeit sein. Im Rahmen des Fellowships wird es aber auch darum gehen, Plattformen sowohl für den Austausch innerhalb der KU als auch mit externen Partnern und Vordenkerinnen dafür zu organisieren.

Transformation Fellows an der KU

Die School of Transformation and Sustainability (STS) der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt vergibt erstmals Fellowships für herausragende Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Praxis, die Transformation und Nachhaltigkeit inter- und transdisziplinär denken und gestalten möchten. Wir suchen engagierte Denkerinnen und Denker, Forscherinnen und Forscher, Praktikerinnen und Praktiker sowie fortgeschrittene Postdocs aus allen Disziplinen, die mit innovativen Projekten neue Impulse für nachhaltige Zukünfte setzen, sich aktiv in die STS-Forschungsagenda einbringen und den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft stärken. Denkbar sind beispielsweise Junior-, Senior- oder Digital-Fellowships.

Was wir bieten:

  • Fellowships von 3 bis 10 Monaten
  • Ein inspirierendes, interdisziplinäres Umfeld
  • Arbeitsplatz & Zugang zur Forschungsinfrastruktur
  • Aktive Einbindung in Forschung, Lehre und Transferformate der STS

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