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Exposé

Grenzen

Offenbar ist das Wort „Grenze“ so vielfältig konzeptionalisierbar und so reflexionsbedürftig, dass sich eine interdisziplinäre Annäherung geradezu anbietet. Wenn die Neuzeit bis heute auch als Streben des Menschen nach seiner Befreiung – aus sozialer Ungerechtigkeit, aus religiöser Unterdrückung, aus ästhetischen Normen, aus Geschlechterrollen oder auch den Zwängen des biologischen Geschlechts – beschreibbar ist, umfasst diese Selbstbefreiung notwendig den Akt der Grenzüberwindung. Das Bewusstsein von solchen nicht immer positiv konnotierten, sondern durchaus auch ambivalent erscheinenden Überwindungen schlägt sich mannigfaltig in Literatur und Kunst wie in allen anderen gesellschaftlichen Diskursen nieder. Hinzu kommt, dass es Grenzen, wie auch immer sie erlebt oder definiert werden, zwar von jeher gegeben zu haben scheint, dass sie in der modernen Realität aber zunehmend bedeutsamer werden, obwohl oder gerade weil sie allenthalben fallen. Bedenkt man etwa, dass die Welt, wie wir sie heute kennen, zu einem Großteil entstanden ist, weil Europäer zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert Grenzen überwunden haben, die ihnen geographisch und geistig (religiös, ideologisch,  technisch, psychologisch) gesetzt waren, kann man behaupten, dass eine europäische Identität weniger durch die auf dem Kontinent teils doch sehr verschiedenen Kulturen, Religionen oder Grundsätze der Menschenwürde geprägt ist als vielmehr durch die jahrhundertelang ständig und mit unterschiedlichen Zielen in die Praxis übertragene Vorstellung, potentiell an jedem Ort der Erde sein zu dürfen. Eine Fülle von Beispielen aus der Medizin, von der Sterbehilfe bis zum Self-Tracking mit Fitness-App, zeigt ihrerseits, wie – den neu oder wieder errichteten Grenzzäunen zum Trotz – andere Grenztypen überwunden oder aufgegeben werden und wie eng „Grenzprobleme“ mit der ethischphilosophischen Frage nach der Definition des Menschen überhaupt verwoben sein können.

Nicht zuletzt aufgrund dieser Komplexität nimmt sich die diesjährige Eichstätter Wintervortragsreihe vor, mit Vorträgen u.a. aus Philosophie, Theologie, Literaturwissenschaft, Geschichte, Geographie, Musik- und Kunstwissenschaft unterschiedlichste Grenzen über Fächergrenzen hinaus zu erkunden.