Nicht erst seit dem entsetzlichen Massaker vom 7. Oktober 2023 ist „Gaza“ für viele Menschen zum Synonym für islamistischen Terror und Krieg geworden. Röwekamp setzte diesem verkürzten Bild eine differenzierte historische Perspektive entgegen: Gaza und sein Umland seien über Jahrhunderte hinweg ein vielfältiger Kulturraum gewesen, in dem das Christentum nachhaltige Spuren hinterlassen habe. Zeitweise habe die Region als bedeutendes Zentrum des Mönchtums, der Theologie und der Gelehrsamkeit gegolten. Auf der Basis zahlreicher Quellentexte aus unterschiedlichen Epochen der Kirchengeschichte rekonstruierte der Referent die christliche Geschichte Gazas von der Spätantike bis in die Gegenwart. Besonders eindrücklich schilderte er die archäologischen Zeugnisse, die bis vor dem 7. Oktober 2023 noch sichtbar waren – Kirchen, Klosterreste und Kulturlandschaften, die von einer rund 2000-jährigen christlichen Präsenz künden. Diese Darstellungen verband Röwekamp mit der Hoffnung, dass nicht nur die heute unter extrem widrigen humanitären Bedingungen lebenden Christinnen und Christen in Gaza den aktuellen Krieg überleben mögen, sondern auch die materiellen Zeugnisse ihrer Geschichte.
Der Vortrag stieß auf großes Interesse: Zahlreiche Zuhörerinnen und Zuhörer füllten den Holzersaal, während viele weitere Teilnehmende die Möglichkeit der Online-Zuschaltung nutzten. In der lebhaften Diskussion im Anschluss wurden sowohl historische Detailfragen als auch aktuelle politische und humanitäre Aspekte vertieft. Auch beim anschließenden Stehempfang setzten sich die Gespräche intensiv fort.
Georg Röwekamp (*1959 in Duisburg) studierte katholische Theologie mit Schwerpunkt Alte Kirchengeschichte in Bonn, Jerusalem (Dormitio-Abtei) und Bochum. Nach Stationen im kirchlichen Dienst war er unter anderem als Reiseleiter, Schriftsteller und wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. 2004 wurde er an der Universität Paderborn mit einer Arbeit zum Origenes-Streit promoviert. Von 1998 bis 2016 leitete er den Ökumenischen Arbeitskreis für Biblische Reisen, später war er Geschäftsführer der Biblische Reisen GmbH in Stuttgart, bevor er von 2016 bis 2020 als Repräsentant des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande in Jerusalem wirkte. Zuletzt leitete er von 2020 bis 2025 das Pilgerhaus des DVHL in Tabgha am See Genezareth. Seine zahlreichen Publikationen machen ihn zu einem ausgewiesenen Experten für das Christentum im Heiligen Land.
Die Veranstaltung wurde großzügig von der Gertrud-und-Alexander-Böhlig-Stiftung gefördert und setzte ein starkes Zeichen dafür, wie notwendig historisch fundierte Perspektiven gerade bei hochaktuellen und emotional aufgeladenen Themen sind.
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Text: Joachim Braun
Fotos: Yuliia Kolodchyn